{"id":322,"date":"2018-12-11T14:43:23","date_gmt":"2018-12-11T13:43:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=322"},"modified":"2020-09-12T16:16:36","modified_gmt":"2020-09-12T14:16:36","slug":"die-mechanismen-der-medialen-und-politischen-reaktionen-auf-den-clash-im-schwarzen-meer-kertsch-strasse","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-mechanismen-der-medialen-und-politischen-reaktionen-auf-den-clash-im-schwarzen-meer-kertsch-strasse\/","title":{"rendered":"Die Mechanismen der medialen und politischen Reaktionen auf den Clash im Schwarzen Meer (Kertsch-Stra\u00dfe)"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n<p>Am Sonntag den 25. November 2018 hat es im Schwarzen Meer eine fast 20-st\u00fcndige Verfolgungsjagd gegeben. Schauplatz war der s\u00fcdliche Teil der Stra\u00dfe von Kertsch, das ist die Zufahrt zur engsten Stelle, hin zur neuerrichteten Br\u00fccke \u00fcber diese (dort kanalisierte) Wasserstra\u00dfe. Beteiligt waren zun\u00e4chst, am Morgen und am Vormittag, zwei Artillerie-Schiffe der ukrainischen Marine (und ein begleitender Schlepper) einerseits. Ziel dieser ukrainischen Kriegsschiffe war offenkundig die Querung der Stra\u00dfe von Kertsch ohne Clearance der russischen Seite, die dort die Kontrolle aus\u00fcbt und entsprechende \u201erules of engagement\u201c erlassen hat. Der Versto\u00df gegen die russischerseits aufgestellten Regeln zur \u201efreien Passage\u201c war ukrainischerseits intendiert. Auf der anderen Seite beteiligt waren, anfangs, lediglich zwei Boote des russischen K\u00fcstenschutzes (mit einem gepanzerten Schiff der russischen Marine im Hintergrund). Die Schiffe der ukrainischen Marine waren somit bei der Er\u00f6ffnung der Konfrontation \u00fcberlegen bewaffnet.<\/p>\n<p>Bei dem Versuch der Durchsetzung der Regeln am Morgen ist es zu mehreren Ramm- beziehungsweise Touchier-Vorkommnissen gekommen, auch zwischen russischen Schiffen untereinander. Von einem Touchier-Vorfall zwischen einem russischen K\u00fcstenschutzboot und dem ukrainischen Schlepper existiert ein vielbeachtetes Video, von Bord des beteiligten russischen Schiffes aus aufgenommen. Ver\u00f6ffentlicht wurde es vom ukrainischen Staat, interessanterweise nicht vom Verteidigungsministerium sondern vom Ministerium des Innern(!). Die ukrainischen Schiffe waren schlie\u00dflich in die s\u00fcd\u00f6stliche \u201eBucht\u201c in der Stra\u00dfe von Kertsch \u201eentkommen\u201c beziehungseise dort \u201egefangen\u201c. Die Verfolgungsjagd wurde dort am Abend neu aufgenommen \u2013 und zu Ende gebracht.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich hatte die russische Seite ihre Kr\u00e4fte deutlich verst\u00e4rkt, hatte ihre Marine ins Spiel gebracht. Die ukrainische Marine hatte anfangs denselben Entschluss gefasst und einige ihrer (neu-erhaltenen) Schiffe von Mariupol aus in Marsch gesetzt \u2013 also vom Asowschen Meer aus, in Richtung des n\u00f6rdlichen Ausgangs der Stra\u00dfe von Kertsch. Diese Eskalations-Entscheidung der ukrainischen Marine-F\u00fchrung wurde dann aber alsbald wieder zur\u00fcckgenommen. Die drei eingekreisten ukrainischen Marine-Schiffe auf der S\u00fcdostseite der Stra\u00dfe von Kertsch gaben auch dann, ohne Verst\u00e4rkung, nicht von sich aus auf; die russische Seite, inzwischen \u00fcberlegen bewaffnet, setzte schlie\u00dflich Warnsch\u00fcsse ab und, als das nicht zur Aufgabe f\u00fchrte, auch Sch\u00fcsse gegen eines der Schiffe, gegen Rumpf und auch Aufbauten \u2013 es war anscheinend reines Gl\u00fcck, dass es keine Toten gab. Daraufhin erst, es war 22 Uhr geworden, leistete die F\u00fchrung der Schiffe der ukrainischen Marine den Anweisungen der russischen Seite Folge \u2013 die drei ukrainischen Schiffe wurden in den Hafen von Kertsch eskortiert.<\/p>\n<p>Stattgefunden hat somit dort eine willentliche und langanhaltende Auseinandersetzung zun\u00e4chst zwischen \u00fcberlegen bewaffneter ukrainischer Marine und russischem K\u00fcstenschutz, dann am Nachmittag, zwischen unterlegen bewaffneter ukrainischer Marine gegen weit \u00fcberlegene russische Streitkr\u00e4fte \u2013 Russland hatte auch Luftkr\u00e4fte aktiviert. Erst da erhielten die Schiffe der Ukraine von ihrer Einsatzzentrale die Erlaubnis aufzugeben.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/05\/Luhmann-g11-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p>Gibt Russland die Schiffe der ukrainischen Marine, mit denen dieser langanhaltende Versto\u00df gegen die von Russalnd gesetzten <em>rules of engagement<\/em> in der Stra\u00dfe von Kertsch betrieben wurde, nicht wieder heraus, dann hat die eh kleine aber gerade neuaufger\u00fcstete ukrainische Marine einen Gutteil ihrer Schiffe schon wieder verloren. Die Entscheidung der ukrainischen Regierung f\u00fcr diese Konfrontation k\u00f6nnte marinepolitisch einen hohen Preis mit sich gebracht haben. Ob die gener\u00f6sen Lieferanten dieser modernen Kriegsschiffe bereit sind, sie zu ersetzen, wenn sie nachvollziehhen, zu welchen Zwecken die ukrainische Staatsf\u00fchrung sie eingesetzt hat, ist fraglich. Dass die russische Seite sie alsbald herausgibt, ist angesichts der ukrainischen Nutzungsart schwerlich zu erwarten. Die Bedingung des UN-Seerechts\u00fcbereinkommens UNCLOS f\u00fcr die Passage von Kriegsschiffen, Stichwort \u201e<em>innocent passage<\/em>\u201c, ist offenkundig pr\u00fcfenswert \u2013 insbesondere angesichts des anderweitigen Bestrebens der Ukraine, die Krim von der Versorgung mit elementaren (leitungsgebundenen) G\u00fctern (Elektrizit\u00e4t; Wasser) abzuschneiden.<\/p>\n<p>Soweit das faktische Geschehen an diesem Sonntag. Wichtiger noch scheint&nbsp; mir, was w\u00e4hrend dieser milit\u00e4risch h\u00f6chst angespannten Stunden imaginiert, f\u00fcr m\u00f6glich gehalten wurde. Da unklar war, welche Einsatzbefehle die Schiffe der ukrainischen Marine hatten und welche Kr\u00e4fte die ukrainische Seite noch hinzuzuholen geplant hatte, hatte Russland von ganz anderen milit\u00e4rischen Eskalationsoptionen auszugehen, als sie dann faktisch \u201anur\u2019 stattfanden. Die Durchfahrt durch den Kanal in der Stra\u00dfe von Kertsch wurde gesperrt, die verletztliche Br\u00fccke mit ihrer hohen strategischen Bedeutung muss schlie\u00dflich als priorit\u00e4res Ziel im Rahmen einer unabgestimmten Ann\u00e4herung durch Kriegsschiffe gelten \u2013 die Stra\u00dfe von Kertsch hat aber, f\u00fcr kleinere Schiffe, weiter \u00f6stlich weitere Durchfahrtoptionen.<\/p>\n<p><strong>Spiegelung des Geschehens<\/strong><\/p>\n<p>Die mediale Darstellung des Vorfalls in Deutschland \/ im Westen entspricht \u00fcberwiegend dem zu erwartenden Muster. Mangels aktuell verf\u00fcgbaren Kenntnissen in der Region und der Vorgeschichte wird ein solches Geschehen so dargestellt, als ob es am 25. November gleichsam vom Himmel gefallen sei. Mangels aktuell verf\u00fcgbaren ernstlichen rechtlichen Kenntnissen wird einem offizi\u00f6sen Hinweis auf ein willk\u00fcrlich gegriffenes Rechtsdokument gefolgt, und daraus wird dann, schwarz-wei\u00df, die Schuldfrage entschieden. In diesem Fall musste das Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und Russland aus dem Jahre 2003, \u201ezur Nutzung des Asowschen Meeres und der Stra\u00dfe von Kertsch\u201c daf\u00fcr herhalten, die UNCLOS-Regelungen hingegen schafften es kaum in die Berichterstattung. Die Regelm\u00e4\u00dfigkeit, mit der Russland Unrecht und unser Verb\u00fcndeter Recht haben soll, irritiert die Medien-Vertreter nur qua Au\u00dfenseiter-Stimmen.<\/p>\n<p>Medien k\u00f6nnen auch anders \u2013 mit erfahrenen Korrespondenten in der Region. <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/russland-ukraine-am-asowschen-meer-entsteht-eine-neue-frontlinie-ld.1439835\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das zeigt die NZZ<\/a> und demonstriert, welch profundes Hintergrundwissen in einer solchen Situation kurzzeitig zu aktivieren erforderlich ist. Man vermag nach meiner Beobachtung auch zu erkennen, dass mit einigen Tagen Abstand zum Ereignis die Berichterstattung realistischer wird; Lernen braucht eben Zeit, auch bei Journalisten. Mediennutzer sind klug beraten, die prek\u00e4ren Bedingungen der heutigen Medienproduktion in Rechnung zu stellen und nicht illusion\u00e4re Erwartungen an ihre Medien zu hegen.<\/p>\n<p>In einer anderen Liga spielen die Sprecher ressourcenreicher Instanzen. Sie leiden nicht an einem Mangel an Hintergrundkenntnissen, sie wissen es also besser, mindestens pr\u00e4ziser und differenzierter, als sie es in ihren Statements kundtun. Sie haben die Medien deswegen zum Teil in ihrer Hand \u2013 zumindest kurzfristig. Sie haben die Chance, die Ahnungslosigkeit der aktuell, das hei\u00dft auf die Schnelle, noch wenig informierten Medienvertreter f\u00fcr ihre Intentionen zu nutzen. Ich vermag drei methodisch unterschiedliche Vorgehensweisen zu unterscheiden.<\/p>\n<ol>\n<li>Zun\u00e4chst die legitime: Die Politik sieht, dass der aktuelle Vorfall in der Stra\u00dfe von Kertsch ein Anlass ist, den Konflikt im Asowschen Meer, die dort von Russland provozierten langen Warteschlangen der Schiffspassage, endlich hochzustufen und aufzunehmen. Ihre Statements sind deshalb, qua ambivalenten Formulierungen, darauf gerichtet, beides, den mutwilligen Clash vom 25. November und den nachhaltigen Konflikt, zugleich anzusprechen. Dieser Ma\u00dfgabe folgten <a href=\"https:\/\/www.coe.int\/de\/web\/portal\/-\/statement-by-timo-soini-chairman-of-the-committee-of-ministers-minister-for-foreign-affairs-of-finland-on-the-situation-in-the-azov-sea-and-kerch-stra\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">der Vorsitzende des Ministerkomitees des Europarates<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/en\/press\/press-releases\/2018\/11\/28\/declaration-by-the-high-representative-on-behalf-of-the-eu-on-the-escalating-tensions-in-the-azov-sea\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die Au\u00dfenbeauftragte der EU<\/a>.<\/li>\n<li>Dann gibt es zwei Narrative, die den Vorfall vom 25. November isoliert zum Thema machen \u2013 und Recht in seiner ausgleichenden Funktion ansprechen. Form 1 davon ist die weise, ohne Schuldzuweisung, in \u00c4quidistanz-Manier, die dann zum Beispiel lediglich besagt \u201e<em>Das Abkommen zwischen der Russischen F\u00f6deration und der Ukraine zur Zusammenarbeit bei der Nutzung des Asowschen Meers und der Stra\u00dfe von Kertsch garantiert die freie Passage dieser Meerenge. Das Abkommen, dem zufolge das Asowsche Meer und die Stra\u00dfe von Kertsch gemeinsame Hoheitsgew\u00e4sser sind, muss eingehalten werden.\u201c<\/em> <a href=\"https:\/\/www.coe.int\/de\/web\/portal\/-\/statement-by-the-secretary-general-of-the-council-of-europe-on-the-situation-around-the-azov-sea-and-kerch-strait\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dieser Ma\u00dfgabe folgte der Generalsekret\u00e4r des Europarates<\/a>.<\/li>\n<li>Schlie\u00dflich gibt es davon noch die Form 2, die ideologischen und scharfmacherischen Statements. Sie unterstellen, dass das Abkommen von 1993, oder welches V\u00f6lkerrecht auch immer, von Russland gebrochen worden sei, weil die doch die \u201eFreiheit der Passage\u201c garantieren. Klare Schuldzuweisung ist die Maxime, \u201edem Verb\u00fcndeten zur Seite treten\u201c ist die Rechtfertigung. In die Reihe dieserart von Ideologen eingereiht hat sich diesmal (wieder) der NATO-Generalsekret\u00e4r.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auf einer ganz anderen H\u00f6he von Pr\u00e4zision und Umfassendheit ist <a href=\"https:\/\/eeas.europa.eu\/delegations\/ukraine\/53008\/european-parliament-resolution-situation-sea-azov_en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die Resolution des Europ\u00e4ischen Parlaments<\/a> angesiedelt, die ich zur Lekt\u00fcre empfehle. Doch auch dort findet sich, im Kontext des Verweises auf den Konflikt um das Frische Haff im polnisch-russischen Grenzgebiet, die Spiegelung des infamen Stoltenberg-Narrativs: Russland ist Wiederholungst\u00e4ter, es geh\u00f6rt zu seinem Wesen, internationales Recht nicht zu achten sondern zu brechen.<\/p>\n<p>Dieses Narrativ, dass Russland schuld und also zu bestrafen sei, scheint sich auch durchzusetzen. Die Forderung der Ukraine, dass die NATO nun mit ihren Schiffen im Schwarzen Meer dasselbe unternehme wie sie, wurde zwar kopfsch\u00fcttelnd abgelehnt. Doch uafgrund des Rufs, Nord Stream 2 nicht bauen zu lassen, meint die Bundesregierung anscheinend, zur Druckabfuhr gaspolitische Sanktionen zusagen zu sollen. Mittel der Wahl scheint eine Minderung der nutzbaren Kapazit\u00e4t von Nord Stream 2 zu sein \u2013 eine Pressionsm\u00f6glichkeit, die anscheinend in den laufenden trilateralen Verhandlungen f\u00fcr den Ende 2019 auslaufenden Vertrag zur Durchleitung und Nutzung des Ukrainischen Gassystems bereits ventiliert worden ist. Stichwort ist \u201eEinschr\u00e4nkung der EUGAL-Nutzung\u201c, nach dem Vorbild des OPAL-Falls. Das Interessante ist, dass die Bundesregierung damit nicht wirklich Neues zusagt, sie also nur den Anschein erweckt, dem Ruf nach Bestrafung Russlands nachzukommen.<\/p>\n<p><strong>Der Konflikt-Thematisierungs-Schematismus: Kenntnis zum Selbstschutz des Medienkonsumenten<\/strong><\/p>\n<p>Konsequenz der heutigen medialen Mangel-Situation ist: Will der Leser sich nicht treiben lassen in die Spaltung des \u201eWir gegen die\u201c, so muss er sich st\u00e4rker selbst behelfen. Und er kann es auch. Er hat n\u00e4mlich einen entscheidenden Vorteil: Der Konflikt-Thematisierungs-Schematismus ist immer gleich; das kaum variierte Narrativ dazu ist ihm strukturell bekannt. Aufgrund dessen wei\u00df er, was er erg\u00e4nzend suchen muss \u2013 und meist auch zu finden vermag. Es geht um Dreierlei:<\/p>\n<ul>\n<li>St\u00e4rkung der eigenen Kritikf\u00e4higkeit im Sinne der Abwehr gegen\u00fcber der Beeinflussung des pers\u00f6nlichen Bewusstseins durch Propaganda-Methoden der eigenen Seite.<\/li>\n<li>Rechtliche Einsch\u00e4tzungen auf Basis echter Expertise, um der Verf\u00fchrung zur Freund-Feind-Einteilung mittels des Schuld-Narrativs etwas entgegen zu setzen.<\/li>\n<li>Aufblenden in Kontext und Geschichte, um den (wahrscheinlichen) Charakter wechselseitiger Eskalation auch im speziellen Fall wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Es kann zwar auch mal anders sein \u2013 der Vorfall vom 31. August 1939 (Gleiwitz) zeigt es. In aller Regel aber ist, was in den Medien als Konflikt aufpoppt, nur ein schmaler Ausschnitt aus einer schon l\u00e4nger w\u00e4hrenden Spiralbewegung, an der beide Konfliktpartner immer erneut schrauben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zum Abschluss gebe ich dieser Struktur gem\u00e4\u00df geeignete Lesetipps \u2013 und erl\u00e4utere sie ein wenig.<\/p>\n<p><strong>Medienkompetenz: St\u00e4rkung der eigenen Propaganda-Abwehr-F\u00e4higkeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Ukraine-Krise hat zur Konsequenz gehabt, dass die EU Propaganda-Abwehr-Zentren eingerichtet hat. Auf EU-Ebene ist dies beim EEAS, also beim \u201eAu\u00dfenministerium\u201c der EU, angesiedelt und tr\u00e4gt nicht diesen Namen sondern heisst \u201eEast StratCom Task Force\u201c. Die gibt den regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden \u201eDisinformation Review\u201c heraus \u2013 die Lekt\u00fcre kann ich empfehlen.<\/p>\n<p>Das Augenmerk ist zugegebenerma\u00dfen allein gegen Russland gerichtet. Die methodische Maxime ist die Dekonstruktion und Desavouierung von Desinformationen und Desinformations-Strategien von russischer Seite. Die Verfasser sind Rhetorik-Profis. Bei der Lekt\u00fcre kann man viel lernen. Das gilt aber nat\u00fcrlich quellen-invariant. Mit der regelm\u00e4\u00dfigen Lekt\u00fcre schult man die Bef\u00e4higung, Propaganda zu durchschauen, unvermeidlich auch die von westlicher Seite. Und nat\u00fcrlich, wie k\u00f6nnte es anders sein: Die Anti-Propaganda-Spezialisten nutzen bei ihrem job auch dieselben Propaganda-Techniken, die zu desauvouieren sie angetreten sind. Der \u201eDisinformation Review\u201c hat den Vorfall in der Stra\u00dfe von Kertsch aufgegriffen. Die entscheidende Passage lautet:<\/p>\n<p><em>\u201eThe stories published by Russia Today have clear signs of <strong>distorting the facts<\/strong> as they state that &#8222;Ukrainian ships entered Russian waters in the Black Sea illegally&#8220; while <strong>in reality<\/strong> the bilateral treaty between Russia and Ukraine governs the use of the Kerch strait and the Sea of Azov, which is considered to be the \u201cinternal waters\u201d of both Russia and Ukraine.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hinter \u201e<em>bilateral treaty<\/em>\u201c ist der Vertrag verlinkt, gem\u00e4\u00df dem korrekten Grundsatz: Da ist die Quelle, Leser, mache Dir selbst ein Bild! Nur: der angezogene Vertrag ist dort nur auf russisch zu lesen&#8230; Ein wirklicher Gegensatz von \u201edistorted facts\u201c und \u201ereality\u201c wird nicht explizit formuliert. Die Technik ist das Ant\u00f6nen einer Botschaft. Und die lautet: Berufung auf eine falsche Rechtsgrundlage. Das wird dann auch weiter substantiiert, weil die Russia Today Meldung sich ja auf das UN-Seerechts\u00fcbereinkommen UNCLOS beziehen k\u00f6nnte. Das wird als zur\u00fcckgewiesen mit dem Satz:<\/p>\n<p><em>\u201ethe UN Convention on the Law of the Sea (UNCLOS) states that &#8222;All ships, including foreign warships, enjoy the right of &#8222;innocent passage&#8220; within another state&#8217;s territorial sea under international law.&#8220;\u201c<\/em><\/p>\n<p>Korrekt zitiert. Nur: Es wird ausgeblendet, dass man ein grunds\u00e4tzliches Recht auch in illegaler Weise versuchen kann in Anspruch zu nehmen. Unsubstantiierte rechtliche Urteile werden hier als Gesch\u00fctze zur Beeinflussing des Bewusstseins von Laien verwendet \u2013 gem\u00e4\u00df der \u201eHaltet den Dieb\u201c-Methode.<\/p>\n<p><strong>Quellen f\u00fcr professionelle rechtliche Einsch\u00e4tzungen<\/strong><\/p>\n<p>Man wird sich in der Regel damit zufrieden geben, die rhetorische Methode zu durchschauen und die transportierte Botschaft zur Schuldfrage \u2013 beziehungsweise bereits die Perspektive auf die Schuld als solche \u2013 durchzuwinken im eigenen Bewusstsein. Man kann aber auch das Interesse entwickeln, n\u00e4her zu pr\u00fcfen, wie die Rechtslage in diesem Fall wirklich aussieht.<\/p>\n<p>Als erstes muss man festhalten: Aus dem Urteil, dass die Annexion der Krim sehr wahrscheinlich v\u00f6lkerrechtswidrig war, folgt nicht, dass da nun ein rechtsfreier Raum existiere, dass Russland mit der Annexion nicht auch pr\u00e4zise rechtliche Verpflichtungen \u00fcbernommen habe. Es gilt nicht \u201eAlles Tun eines Rechtsbrechers zum Schutz des unrechtm\u00e4\u00dfig Erlangten ist Unrecht\u201c \u2013 im Gegenteil: Das UN-Seerechts\u00fcbereinkommen UNCLOS ist das hier einschl\u00e4gige Regelwerk. Die dort relevanten Stichworte sind:<\/p>\n<p>&#8211; \u201esovereignty of a coastal State over the territorial sea \u2026<\/p>\n<p>&#8211; right of the coastal State to adopt laws and regulations \u2026<\/p>\n<p>&#8211; right of innocent passage of ships of all States through the territorial sea \u2026<\/p>\n<p>&#8211; right to take the necessary steps in its territorial sea to prevent passage which is not innocent \u2026\u201c<\/p>\n<p>Das hei\u00dft wie immer gilt, dass ein Freiheits-Recht konditioniert ist, dass es eingebunden ist in andere, beschr\u00e4nkende Ma\u00dfgaben. Alles gilt \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob die Krim-Annektion v\u00f6lkerrechtswidrig ist \u2013 auch f\u00fcr die Krim. Gem\u00e4\u00df Haager Landkriegsordnung n\u00e4mlich ist bei Besetzung \/ Annektierung die Besatzungsmacht f\u00fcr die Funktionsf\u00e4higkeit der staatlichen Institutionen, Sicherheit und die Einhaltung der Rechtsordnung nach innen wie nach au\u00dfen verantwortlich. Also hat sie auch das Recht beziehungsweise die Pflicht zur Ordnung und \u00dcberwachung dieser annektierten Territorialgew\u00e4sser. Daraus folgt auch, dass das Abkommen von 2003 nicht mehr im Wortlaut gilt sondern im Lichte der neuen Situation (Krim-Annexion) zu lesen ist.<\/p>\n<p>Die V\u00f6lkerrechts-Community ist soweit, dass sie Blogs betreibt, so den <a href=\"https:\/\/voelkerrechtsblog.org\/ukraine-v-russia-passage-through-kerch-strait-and-the-sea-of-azov\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eV\u00f6lkerrechtsblog\u201c. Der Zufall will es, dass dort zu Beginn des Jahres 2018 die rechtliche Situation zum Konflikt im Asowschen Meer ausf\u00fchrlich dargestellt und gepr\u00fcft wurde<\/a>. Die russischen Beschr\u00e4nkungen der Handelsschifffahrt waren der Anlass. Dort wird auch mitgeteilt, <a href=\"https:\/\/www.ejiltalk.org\/insights-from-the-bifurcation-order-in-the-ukraine-vs-russia-arbitration-under-annex-vii-of-unclos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dass die Ukraine den Rechtsweg vor UNCLOS bereits gegangen ist, das hei\u00dft den Weg zur Kl\u00e4rung bereits eingeschlagen hat \u2013 zugleich ein Hinweis auf einen zweiten v\u00f6lkerrechtlichen Blog<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Kontextualisierung tut not: Die Quellen daf\u00fcr<\/strong><\/p>\n<p>Ein Eskalationsschritt f\u00e4llt in aller Regel nicht vom Himmel. Meist ist er seinerseits eine Reaktion auf einen Schritt der anderen Seite zuvor. Daraus folgt: Alle Darstellungen, die durch Ausblendung der Schritte zuvor Eindruck machen wollen, sind methodisch daran leicht erkennbar und in ihrer Absicht durchschaubar. F\u00fcr Darstellungen, die die Botschaft transportieren \u201eDer andere aber hat angefangen\u201c, gilt das ebenso. Jede Mutter mit Spielplatz-Erfahrungen kennt das Spiel. Manchmal denke ich, wenn ich politische Nachrichten h\u00f6re: Es&nbsp; m\u00fcssten mehr M\u00fctter in die Redaktionen.<\/p>\n<p>Beim hier adressierten Anlass d\u00fcrfte ein entscheidender Hintergrund sein, dass die russische Seite seit einiger Zeit die Kontrollen zur Durchfahrt durch die Stra\u00dfe von Kertsch sehr zeitaufwendig gestaltet, was zu Wartezeiten f\u00fcr Handelschiffe von h\u00e4ufig \u00fcber 100 Stunden f\u00fchrt. Das ist f\u00fcr die Betroffenen, Reedereien und H\u00e4fen, sehr teuer, und w\u00e4re nat\u00fcrlich durch Allokation von mehr Kapazit\u00e4ten verringerbar \u2013 es stellt also einen wohlkalkulierten Eskationsschritt der russischen Seite dar. Wer das nachlesen will, greife zu den zwei-w\u00f6chtentlich erscheinenden Ukraine-Analysen, die ihrer Solidit\u00e4t wegen auch von der Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung \u00fcbernommen werden. Dort ist in der Ausgabe vom 26. Oktober 2018, also vor dem Clash vom 25. November, <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=5&amp;ved=2ahUKEwjL0s-Mq4PfAhVhl4sKHTGoBdYQFjAEegQIBhAC&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.bpb.de%2Fsystem%2Ffiles%2Fdokument_pdf%2FUkraineAnalysen207.pdf&amp;usg=AOvVaw2ex7Rdr1Ep_4ox4q65vI7-\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">eine ausf\u00fchrliche Darstellung unter dem Titel \u201eDie russisch-ukrainischen Spannungen im Asowschen Meer\u201c<\/a> erschienen. Dieser Konflikt ist anhaltend und auch bestens bekannt. Nur hat sich der Westen bislang nicht dazu bequemt, seine Hand f\u00fcr eine Vermittlung auszustrecken \u2013 das hat erst die ukrainische Provokation vom 25. November 2018 erreicht. Immerhin.<\/p>\n<p>Diese russische Provokation qua Blockade d\u00fcrfte ihrerseits Entgelt beziehungsweise Vergeltung sein f\u00fcr eine Blockade-Politik der ukrainischen Seite sein \u2013 und die gilt es breiter eingebettet zu verstehen. Eine Aufl\u00f6sung der Spannungen d\u00fcrfte n\u00e4mlich nur zu erreichen sein, wenn die Kriegstaktik der Nadelstiche qua Blockaden insgesamt, beidseitig, aufgel\u00f6st wird. Hier bietet sich die Chance einer Ankn\u00fcpfung, weil nicht wirklich zu verstehen ist, wieso die ukrainische Seite meint, diese ihre Politik sei in ihrem Interesse. Die Kinkerlitzchen, dass die Ukraine russische Schiffe beschlagnahmt, welche die Krim einmal angelaufen haben, seien hier \u00fcbergangen.<\/p>\n<p>Die Krim ist naturr\u00e4umlich ein arides Gebiet. Zu Ende des 19. Jahrhunderts im Zarenreich und dann fortgesetzt in den 1920er Jahren seitens der Sowjetunion wurde auf dem Festland der Donbass als schwerindustrielle Region, basierend auf Kohlebergbau, und das Dnjeper-Tal als Quelle der Wasserkraft ausgebaut. Mit Bew\u00e4sserung aus dem Dnjeper wurde die Krim erst eine \u201ebl\u00fchende Landschaft\u201c, landwirtschaftlich nutzbar. Diese vielf\u00e4ltig gewachsenen Verbindungen und beidseitigen Angewiesenheiten wurden durch Blockaden in den letzten beiden Jahren erst Schritt f\u00fcr Schritt mutwillig unterbrochen \u2013 zum Schaden beider Seiten. Dabei macht die ukrainische Seite h\u00e4ufig den Eindruck, dass sie das Heft des Handelns nicht in der Hand hat, dass sie lediglich nicht unterbindet, dass irregul\u00e4re Gruppen Kohleimporte aus dem Donbass sttoppen, Stromleitungen zur Krim sprengen und durch Zusch\u00fctten von Transportkan\u00e4len die Krim von der Versorgung mit Wasser f\u00fcr landwirtschaftliche Zwecke abschneiden. Wer da wirklich hintersteht, auf ukrainischer Seite, ist kaum durchschaubar.<\/p>\n<p>Dieses Verhalten der ukrainischen Seite ist nicht allein selbstsch\u00e4digend. Es ist zudem v\u00f6lkerrechtlich mehr als fragw\u00fcrdig. Es ist schlie\u00dflich auch in Hinblick auf den aufrecht erhaltenen Souver\u00e4nit\u00e4tsanspruch der Ukraine \u00fcber die Krim kontraproduktiv: Das Kalk\u00fcl ist zwiesp\u00e4ltig, n\u00e4mlich \u201eseine B\u00fcrger\u201c im Besatzungs-\/Annektionsgebiet so massiv zu sch\u00e4digen\/erpressen\/terrorisieren, dass sie eines Tages gegen die Besatzungsmacht aufstehen. Dass das so gelingt, ist eher unwahrscheinlich. Das deutsch-deutsche Beispiel, welches erfolgreich zum Intendierten f\u00fchrte, zur Destabilisierung der DDR-F\u00fchrung, h\u00e4lt andere Lehren beziehungsweise Konzepte bereit.<\/p>\n<p>Es bietet sich also an, dass der Westen mit der Ukraine offen dar\u00fcber spricht, welche Politik ihrerseits konsistent mit ihren Zielen und zudem aussichtsreich ist und welche eher nicht \u2013 und also auch, weil aussichtslos, keine Unterst\u00fctzung seitens des Westens, auch keine finanzielle, findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann Am Sonntag den 25. November 2018 hat es im Schwarzen Meer eine fast 20-st\u00fcndige Verfolgungsjagd gegeben. Schauplatz war der s\u00fcdliche Teil der Stra\u00dfe von Kertsch, das ist die Zufahrt zur engsten Stelle, hin zur neuerrichteten Br\u00fccke \u00fcber diese (dort kanalisierte) Wasserstra\u00dfe. Beteiligt waren zun\u00e4chst, am Morgen und am Vormittag, zwei &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-mechanismen-der-medialen-und-politischen-reaktionen-auf-den-clash-im-schwarzen-meer-kertsch-strasse\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Mechanismen der medialen und politischen Reaktionen auf den Clash im Schwarzen Meer (Kertsch-Stra\u00dfe)\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":82,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-322","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=322"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":701,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322\/revisions\/701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}