{"id":34,"date":"2018-06-08T17:52:57","date_gmt":"2018-06-08T15:52:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=34"},"modified":"2020-09-12T16:20:17","modified_gmt":"2020-09-12T14:20:17","slug":"das-zerbrechen-des-amerikanischen-traums-und-der-unwahrscheinliche-erfolg-des-donald-trump","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-zerbrechen-des-amerikanischen-traums-und-der-unwahrscheinliche-erfolg-des-donald-trump\/","title":{"rendered":"Das Zerbrechen des \u201eamerikanischen Traums\u201c und der unwahrscheinliche Erfolg des Donald Trump"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n<p>In den USA ist eine erschreckende Spaltung eingetreten. Drei\u00dfig Jahre nach Ende des Kalten Krieges, nach dem Erfolg im Kampf um die Hegemonie auf Erden, ist die amerikanische Gesellschaft tief gespalten. Und in der Konservativen Partei, der Grand Old Party, existiert ein starker radikalisierter Fl\u00fcgel, die sogenannte \u201eTea Party\u201c. Diese Mitglieder sabotieren den bisher \u00fcblichen Washingtoner Eliten-Konsens, in Form von Kompromissen miteinander zu leben. Folge davon wiederum ist, dass die Partner der USA nicht mehr wissen, woran sie l\u00e4ngerfristig sind, welchen Zusicherungen aus Washington noch zu vertrauen ist.<\/p>\n<p>Der Abschied der USA sowohl vom Klima- wie vom Iran-Abkommen, die Zerst\u00f6rung der Funktionsf\u00e4higkeit des Rechtswesens der Welthandelsorganisation, die Kaperung der NATO f\u00fcr andere, \u00fcberwiegend r\u00fcstungswirtschaftliche Zwecke und die eigenn\u00fctzige Intervention in Europas Energiepolitik sind Indizien, die von Europa aus dem jetzigen Pr\u00e4sidenten zugerechnet werden. Doch ob es je an der Spitze der USA wieder anders werden wird; und wenn, ob die andere Spitze wieder zur\u00fcckkehren kann zu einer Au\u00dfenpolitik, welche den Partnern der USA Verl\u00e4sslichkeit verspricht, das ist angesichts der internen Zerkl\u00fcftungen doch eher so gut wie ausgeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eamerikanische Traum\u201c ist zerbrochen<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Spaltung, ihren Gr\u00fcnden und deren Entwicklung ist der US-Autor George Packer nachgegangen: Die Gr\u00fcnde sieht er in einem Zulassen der De-Industrialisierung, im Prozess der Globalisierung, in einer au\u00dferordentlich unbarmherzigen, gegen\u00fcber den Bewohnern der entsprechenden US-Standortregionen maximal treulosen Weise. In den USA gibt es Autoren, die sich nicht nach der Schnittstelle fiction \/ non-fiction zuordnen lassen. Wenn Packer seinen \u201eJournalisten-Hut\u201c aufhat, schrteibt er f\u00fcr den \u201eNew Yorker\u201c. F\u00fcr sein Buch <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2014\/31\/george-packer-abwicklung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eThe Unwinding\u201c<\/a> (2013) (deutsch: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/george-packers-bestseller-die-abwicklung-kitzel-des-realen-1.2069517\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eDie Abwicklung\u201c<\/a> (2014)) hat er sich die Schreibtechnik des US-Romanciers John Dos Passos zum Vorbild genommen.<\/p>\n<p>Die Idee ist, diesen Prozess der die Opfer v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigenden \u201eAbwicklung\u201c \u00fcber drei\u00dfig Jahre anhand von 14 Protagonisten und ihren Lebensschicksalen zu erz\u00e4hlen. Protagonisten gibt es in den Kategorien T\u00e4ter (Top-Politiker) und Mitt\u00e4ter (Beamter in Washington), Gewinner (und in gewissem Sinne Betreiber) des Prozesses (Finanzindustrie, Silicon Valley (Peter Thiel), der Wal-Mart-Gr\u00fcnder Sam Walton) und schlie\u00dflich eben Opfer. Diese Protagonisten werden in den ersten beiden Kategorien weitgehend durch prominente Real-Personen vertreten (Newt Gingrich; Robert Rubin; Colin Powell \u2013 der mit seinen heutigen Albtr\u00e4umen portr\u00e4tiert wird, nach seiner sch\u00e4ndlichen Rolle beim Ausl\u00f6sen des Irak-Kriegs II). Die Protagonisten in der reinen Opfer-Rolle beziehungsweise in der Durchwurstel-Rolle hingegen sind weitgehend fiktional.<\/p>\n<p>Das ist ein hochpolitisches Buch, so gut zu lesen wie ein Roman. Und das sei nochmals gesagt und damit betont: Der Haupttitel ist zwar \u201eDie Abwicklung\u201c \u2013 der Untertitel aber ist, zumindest urspr\u00fcnglich, \u201eAn Inner History of the New America\u201c. (Die Taschenbuch-Ausgabe, die ich gelesen habe, hat als Untertitel \u201eThirty Years of American Decline\u201c; die deutsche \u00dcbersetzung tr\u00e4gt den urspr\u00fcnglichen Untertitel.) Das zeigt den eigentlichen analytischen Anspruch des Buches. Seine Botschaft ist, in dieser Hinsicht: Mit der Finanzkrise 2007ff ist der \u201eamerikanische Traum\u201c zerbrochen. Man glaubt, weit \u00fcberwiegend, nicht mehr, dass man die Chance habe, sich durch eigene individuelle Anstrengung aus dem Sumpf zu ziehen, dass es zumindest der n\u00e4chsten Generation gelingt. Der Bruch dieses Traums in den USA ist ein politisches Gr\u00f6\u00dftereignis. Das kann nicht anders, als revolution\u00e4re Folgen im Bewusstsein, individuell wie kollektiv, haben.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-table\">\n<table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2018\/05\/Luhmann-g11-270x300.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td>\n<td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"http:\/\/wupperinst.org\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<\/figure>\n<p><strong>Donald Trumps Wahl zum Pr\u00e4sidenten<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem die urbanen Zentren des Rust Belt, in den Staaten Pennsylvania, Ohio, Michigan und Wisconsin, galten der durch Industriearbeiter gepr\u00e4gten Bev\u00f6lkerungsstruktur wegen als Hochburg der Demokratischen Partei \u2013 und damit als Teil des Gebiets jenseits der sogenannten \u201eblauen Wand\u201c. Blau ist die Farbe, welche die Fernsehanstalten der Demokratischen Partei verpasst hatten. Vor diesem Hintergrund <a href=\"http:\/\/cadmus.eui.eu\/bitstream\/handle\/1814\/44978\/RSCAS_2017_02.pdf?sequence=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">galt in der Branche, die Wahlkampf-Management-Leistungen anbietet, als ausgemacht<\/a>:<\/p>\n<p>\u201e&#8230;<em> it was<strong> impossible for a Republican to breach the Democratic \u201cblue wall\u201d in the Rust Belt<\/strong>. Democrats had swept Michigan, Pennsylvania, and Wisconsin in each of the last six presidential elections, and thus <strong>it was inconceivable that Trump might take those states.<\/strong>\u201c(p. <\/em><em>14)<\/em><\/p>\n<p>Zu schaffen war das nur, wenn \u00fcberhaupt, mit einer Agenda des Protektionismus, gegen \u201e<em>free trade<\/em>\u201c. Das aber war, wenn \u00fcberhaupt, eher eine Demokraten-Agenda denn eine Grand Old Party-Agenda. Spezifikum des US-Politik-Systems ist zudem die Notwendigkeit, die Wahlk\u00e4mpfe mit extrem hohen Betr\u00e4gen aus den Schatullen Dritter zu finanzieren. Das gilt bereits f\u00fcr die Grand Old Party-interne Auseinandersetzung um die Kandidaten-K\u00fcr, nicht erst f\u00fcr den eigentlichen Wahlkampf um das Pr\u00e4sidenten-Amt. Trumps Ansatz war wider die \u00fcblichen Usancen als auch gegen den <em>common sense <\/em>der Experten und Geldgeber.<\/p>\n<p>Politisch-inhaltlich war die Schlacht \u201eProtektionismus\u201c vs. \u201e<em>free trade<\/em>\u201c l\u00e4ngst geschlagen. Zun\u00e4chst die \u00f6konomischen und nachfolgend auch die politischen Eliten in den USA hatten mit der Globalisierung l\u00e4ngst ihr Auskommen gefunden und ihren Frieden gemacht. Die Demokraten versuchten lediglich, ihr diesbez\u00fcgliches Image aufrechtzuerhalten. Faktisch zettelten sie zu diesem Zweck Konflikte nur um Details in handelspolitischen Fragen an \u2013 Protektion, insbesondere gegen\u00fcber China, war nicht ihre Politik. Den Rust Belt und seine deprivilegierten Bewohner hatten auch sie nicht als potentielle W\u00e4hlerschicht auf dem Schirm. Die ihrerseits waren so desillusioniert oder deprimiert, dass aus ihren Reihen kaum jemand zu Wahlen ging.<\/p>\n<p>Trump gelang es, in den Staaten des Rust Belt die von beiden gro\u00dfen Parteien \u201eaufgegebenen\u201c Schichten potentieller W\u00e4hler zu aktivieren und mit deren Hilfe den Wechsel in den drei Staaten Michigan, Pennsylvania, and Wisconsin herbeizuf\u00fchren. Das bedeutete in der Gesamtbilanz, in Worten der meisterhaften <a href=\"http:\/\/cadmus.eui.eu\/bitstream\/handle\/1814\/44978\/RSCAS_2017_02.pdf?sequence=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Untersuchung von Craig VanGrasstek<\/a>, auf die ich mich hier abst\u00fctze:<\/p>\n<p><em>\u201e<strong>This novice candidate<\/strong> did not know that the underclass does not vote, that protectionism was a loser of an issue, [&#8230;] He paid no attention to that conventional wisdom, reiterated his trade message, and <strong>ultimately took all three<\/strong>. Combined with his winnings in 27 other states, a victory in any one of them would have put him over the necessary 270-vote threshold. By capturing all three states\u2019 46 electoral votes, he had 36 to spare in the Electoral College.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Donald Trumps Sieg mittels dieser Zugangsweise war ein Erdrutsch-Sieg. Zu dieser Zugangsweise \u201eStrategie\u201c zu sagen, str\u00e4ubt es einen jedoch.<\/p>\n<p>Ihres Konzepts wegen war Trumps Kampagne eigentlich unfinanzierbar, denn ihre Erfolgsaussichten wurden professionellerseits kaum gesehen. Genauer muss man sagen: Das trifft f\u00fcr seine beiden Kampagnen zu (also schon auf seine Nominierung zum Pr\u00e4sidentschaftskandidaten seiner Partei). Doch:<\/p>\n<ul>\n<li>Trump war hinreichend verm\u00f6gend, sodass er seine Kampagne um die Kandidatur innerhalb der Grand Old Party selbst finanzieren konnte. \u201eSparsamkeit\u201c war zwar schon angesagt, und dass Trump sich mit anderen Milliard\u00e4ren umgab, hatte auch den Grund, dass er die nicht aus der knappen Wahlkampfkasse bezahlen musste. Es geh\u00f6rte zum Comment der F\u00fchrungspersonen in seiner Kampagne, die s\u00e4mtlich reich waren (oder sich so gaben (Manafort)), dass sie unentgeltlich arbeiteten \u2013 was vermutlich eine Erwartungshaltung f\u00fcr \u201edanach\u201c, f\u00fcr den \u201eErfolgsfall\u201c, zeitigte. Es ist eben Sitte in Wirtschaftskreisen, dass man f\u00fcr die Akquisition aus eigener Tasche in Vorleistung geht &#8230;; was mit dem \u201eBeifang\u201c aus den Mueller-Ermittlungen ans Licht kommt, die Refinanzierungs-Sitten von Manafort und Cohen, weist in diese Richtung.<\/li>\n<li>Die sozialen Medien, auch einige Privatsender, unterst\u00fctzten Trump, weil er deren Klientel mit seiner \u201eRobin Hood\u201c-Botschaft \u201ezog\u201c. Er war bereits redaktionell sein Geld wert, des Echokammer-Effekts seiner originellen Botschaft wegen. Trump ersparte es sich so einiges an Sendezeit, die er sonst zu Werbezwecken h\u00e4tte einkaufen m\u00fcssen \u2013 daf\u00fcr geht bei traditionell konzipierten Kampagnen ein Gutteil des eingesammelten Geldes drauf.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Trump verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Nach allem, was wir aus den m\u00fcndlichen Berichten von Top-Politikern wissen, die Trump besucht haben, ist er rationalem, komplexen strategischen Denken im \u00fcblichen Sinne nicht zug\u00e4nglich \u2013 man denke an die Schaubilder, die Frau Merkel f\u00fcr ihren Antrittsbesuch vorbereitet hatte, um Trump die arbeitsteilige Kompetenzstruktur in Europa zu veranschaulichen. K\u00fcrzlich wurde bekannt, welch enormen Aufwand sie bereits in 2016 getrieben hatte, um Trump als Menschen zu verstehen, zu begreifen, wie er tickt: Sie hatte sich Videos der Folgen der Apprentice Show s\u00e4mtlich angesehen. Und trotz dieses pers\u00f6nlichen Unverstands gilt: Trump ist offenkundig mit seiner Art erfolgreich; es macht auch den Eindruck, als wenn er einer Strategie gefolgt sei und folge. Der Essay, dem ich hier folge, bringt dieses seltsam ambivalente Ph\u00e4nomen wie folgt auf den Begriff:<\/p>\n<p>\u201e<em>The simplest explanation is that <strong>Trump won<\/strong> precisely <strong>because<\/strong> he was so new to electoral politics that <strong>he did not know what could not be done<\/strong> \u2014 and so he did it anyway. Here one is put in mind of the 2014 film \u201cBirdman,\u201d the subtitle of which was \u201c<strong>The Unexpected Virtue of Ignorance<\/strong>.\u201d <strong>This novice candidate did not know<\/strong> that the underclass does not vote, that protectionism was a loser of an issue, [&#8230;] He paid no attention to that conventional wisdom, reiterated his trade message, <strong>and ultimately &lt;won&gt;.<\/strong><\/em><strong>\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Eine solche \u201eStrategie\u201c verliert zwangsl\u00e4ufig ihren \u00dcberraschungscharakter und hat zudem auf Sicht keine demographische Basis, sie ist nicht beliebig lange prolongierbar in die Zukunft, im Gegenteil. Trump als Person eh nicht, aber auch der Trumpismus kann nur ein sehr kurzfristiges \u00dcbergangsph\u00e4nomen sein.<\/p>\n<p>Wenn man Trump die F\u00e4higkeit zur k\u00fchl kalkulierten Strategie \u2013 mit guten Gr\u00fcnden \u2013 abspricht, dann entf\u00e4llt der Ausweg, ihm dieses Element seiner \u201eStrategie\u201c des \u00fcberraschenden Erfolgs als gute Tat aus Zynismus zu unterstellen. Bleibt nur anzuerkennen: Er hat das potentiell entscheidende W\u00e4hlerpotential in den Staaten mit den schmerzreich abgewickelten traditionellen Industrien, deren Wertsch\u00f6pfung faktisch nach China verlagert wurde, qua \u201eEmpathie\u201c angesprochen \u2013 und daraufhin ist es im Raum des Politischen, als W\u00e4hlerschaft, aus den Katakomben herausgekommen. So war es mit diesem Erfolg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann In den USA ist eine erschreckende Spaltung eingetreten. Drei\u00dfig Jahre nach Ende des Kalten Krieges, nach dem Erfolg im Kampf um die Hegemonie auf Erden, ist die amerikanische Gesellschaft tief gespalten. Und in der Konservativen Partei, der Grand Old Party, existiert ein starker radikalisierter Fl\u00fcgel, die sogenannte \u201eTea Party\u201c. 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