{"id":413,"date":"2019-07-08T13:08:25","date_gmt":"2019-07-08T11:08:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=413"},"modified":"2020-09-12T16:09:46","modified_gmt":"2020-09-12T14:09:46","slug":"sauberes-gas-und-seine-quellen-in-europa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/sauberes-gas-und-seine-quellen-in-europa\/","title":{"rendered":"\u201eSauberes\u201c Gas in Europa"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Jahre 2050 soll mindestens die Energieversorgung in der EU \u201cklimaneutral\u201d geworden sein. Das dann produzierte und in Leitungssystemen verteilte Gas muss dann vollst\u00e4ndig entweder aus anderen als fossilen Quellen stammen beziehungsweise, sofern doch, dann vollst\u00e4ndig decarbonisiert sein. Die Zukunft des Endenergietr\u00e4gers \u201cGas\u201d liegt also im Wandel seiner Herkunft; das steht in den n\u00e4chsten zwei Jahren zur Entscheidung an.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2019\/07\/JuergenZubillerVoelklingen0113.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-313\" title=\"Foto: J\u00fcrgen Zubiller, Kaiserslautern.\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>In einem fr\u00fcheren Blog-Beitrag hatte ich auf <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"\u201eDie Zukunft des Gases im klimaneutralen Europa\u201c (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-zukunft-des-gases-im-klimaneutralen-europa\/\" target=\"_blank\">\u201eDie Zukunft des Gases im klimaneutralen Europa\u201c<\/a> hingewiesen. Begriffliche Voraussetzung war, \u201eGas\u201c nicht l\u00e4nger mit \u201eErdgas\u201c gleichzusetzen, die Pointe war: Die Zukunft des Endenergietr\u00e4gers \u201eGas\u201c liegt im Wandel seiner Herkunft \u2013 sonst wird es diesen Endenergietr\u00e4ger \u201ein einem klimaneutralen Europa\u201c nicht mehr geben, sonst wird darin Elektrizit\u00e4t das alleinige Sagen haben und es es eine \u201e<em>all electric<\/em>\u201c-Industriegesellschaft in Europa geben. Das steht in den n\u00e4chsten zwei Jahren zur Entscheidung an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGas\u201c ist heute im wesentlichen \u201eErdgas\u201c, also Methan (CH<sub>4<\/sub>)\naus fossilen Quellen, welches durch Bohrungen aus der \u201eErde\u201c gef\u00f6rdert wird \u2013\nim Angels\u00e4chsischen ist die Bezeichnung \u201enatural gas\u201c, was mit \u201egr\u00fcn\u201c aber\noffenkundig nichts zu tun hat. Es gibt aber keinen Grund f\u00fcr die Gleichsetzung,\nGas muss weder Methan noch fossilen Ursprungs sein. Das ist schlie\u00dflich beides\nnicht immer so gewesen. Gas als leitungsgebundener Energietr\u00e4ger hat als \u201eStadtgas\u201c\nbegonnen, und das bestand \u00fcberwiegend aus Wasserstoff (H<sub>2<\/sub>) \u2013\ndeswegen auch dessen Bezeichnung \u201eWassergas\u201c. Und Gas muss auch nicht auf ewig\naus der Erdkruste gef\u00f6rdert sein. Die sogenannten Boden-\u201eSch\u00e4tze\u201c dieses Typs\nhaben mit der Entscheidung f\u00fcr ein \u201eklimaneutrales Europa\u201c ihren Wert, den\nCharakter eines \u201eSchatzes\u201c, bereits verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 2050 soll mindestens die Energieversorgung in der EU \u201eklimaneutral\u201c\ngeworden sein. Das dann produzierte und in Leitungssystemen verteilte Gas muss\ndann <em>vollst\u00e4ndig<\/em> entweder aus anderen\nals fossilen Quellen stammen beziehungsweise, sofern doch, dann vollst\u00e4ndig\ndecarbonisiert sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alternative dazu: dann ohne Gas auskommen. Elektrizit\u00e4t,\nwelche bereits weit voran gekommen ist mit dem Prozess der Transformation hin\nzu erneuerbaren Quellen, st\u00fcnde dann alleine da \u2013 auf ein Komplement, einen\nzweiten Endenergietr\u00e4ger neben ihr, w\u00e4re dann verzichtet. Das ist prinzipiell\nm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Transformationsprozess bei Gas g\u00e4be es auch dann. Die Gasinfrastrukturen,\ndie sich gegenw\u00e4rtig sogar noch in einem Prozess des Zubaus, der Ausweitung der\nKapazit\u00e4ten, befinden, w\u00e4ren dann auf Abriss gestellt. Die Transformation w\u00e4re\nein \u201e<em>decommisioning<\/em>\u201c. F\u00fcr Deutschland\nwird der Wert allein der bestehenden Anlagen der Gaswirtschaft heute mit etwa\n600 Milliarden Euro veranschlagt. In 30 Jahren s\u00e4he es dann so aus: keine\nVerbrennungsprozesse mehr in Geb\u00e4uden; \u201egeheizt\u201c wird dann nur noch entweder\ndirekt-elektrisch oder, wenn denn gespeicherte Energie genutzt wird, durch\nZugriff auf in Wasser Jahreszeiten \u00fcbergreifende gespeicherte W\u00e4rmemengen\nniederer Temperatur, die durch (elektrisch betriebene) \u201eW\u00e4rmepumpen\u201c auf dasjenige\nTemperaturniveau angehoben beziehungsweise verdichtet werden, dass ein\nAbstrahlungseffekt Behaglichkeit zu produzieren vermag. Verbrennungsprozesse in\nStra\u00dfenfahrzeugen oder in der Binnenschifffahrt gibt es auch keine mehr. Und\nnoch mehr: Es wird dann in Europa auch keine Elektro-Kfz derart geben, die mit\nGas, ohne Verbrennung, mit Kraft aus Brennstoffzellen angetrieben werden.\nToyoto hat seine Strategie f\u00fcr e-Kfz von Batterie auf Brennstoffzelle umgestellt,\nToyoto w\u00e4re dann aus dem Markt in Europa ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n\n\n<p>Diese implizite Entscheidung f\u00fcr lediglich einen einzigen\nEndenergietr\u00e4ger, Elektrizit\u00e4t, war \u00fcber etwa eine Dekade die faktisch leitende\nMaxime der Energiewende-Politik in Deutschland. Sie befindet sich gegenw\u00e4rtig in\neinem rapiden Prozess der Korrektur: In Br\u00fcssel wird mit Hochdruck an der Vorbereitung\neiner Revision der Gas-Richtlinie gearbeitet, das wird eines der ersten\nProjekte der neugebildeten Europ\u00e4ischen Kommission sein. Hintergrund ist die\nEinsicht, dass die erheblichen Speicherkapazit\u00e4ten eines Gassystems\nkomplement\u00e4r zur Elektrizit\u00e4t mit ihrer ausgepr\u00e4gten systemischen Labilit\u00e4t ben\u00f6tigt\nwerden. Damit ist die Perspektive f\u00fcr Verbrennungsprozesse oder\nBrennstoffzellen-Prozesse aus Kleinquellen (Verkehr; Geb\u00e4ude) eine ganz andere\nals w\u00e4hrend des letzten Jahrzehnts und bis vor kurzem noch. Die\nLuftreinhaltepolitik wird auf der Tagesordnung bleiben, wird nicht qua\nKlimapolitik miterledigt und also obsolet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der \u201call electricity\u201d-Regulierungsansatz der Juncker-Kommission <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept einer alleinigen Abst\u00fctzung auf Elektrizit\u00e4t im\nEndverbrauch im Rahmen der Wende hin zu einem klimagerechten Energiesystem war keine\ndeutsche Besonderheit, sondern war auch in der EU so angelegt. Diese \u201e<em>all electric<\/em>\u201c-Vision wurde auch rund zehn\nJahre lang verfolgt. Und sie pr\u00e4gt das in Medien repr\u00e4sentierte \u00f6ffentliche\nDenken weiterhin. Das hat man ins historische Ged\u00e4chtnis zu nehmen \u2013 wir widmen\nuns mit dem hier gew\u00e4hlten Thema der Aufgabe einer nachtr\u00e4glichen Pr\u00e4gung eines\nNarrativs.<\/p>\n\n\n\n<p>Wesentliche Anregungen verdanke ich <a href=\"https:\/\/www.cogitatiopress.com\/politicsandgovernance\/article\/view\/1747\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"einem Beitrag, deren Autoren Maria Olczak und Andris Piebalgs (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">einem Beitrag, deren Autoren Maria Olczak und Andris Piebalgs<\/a> sind. Die beiden Autoren haben un\u00fcbliche berufliche Laufbahnen im Hintergrund. Piebalgs war Kommissar f\u00fcr Energie in der ersten Barroso-Kommission \u2013 und hat sich entschieden, fachlich weiterzumachen. Heute hat er akademisch eine Teilzeit-Professur an der Florence School of Regulation inne \u2013 f\u00fcr seinen andauernden Praxisbezug steht das Amt eines Vorsitzenden des Board of Appeal bei ACER, der Agentur f\u00fcr die Zusammenarbeit der nationalen beziehungsweise EU-mitgliedstaatlichen Energieregulierungsbeh\u00f6rden. Die regulieren die monopolgeneigten Branchen leitungsgebundener Energietr\u00e4ger. Der Board of Appeal ist die zust\u00e4ndige Einspruchs-Instanz, gegen deren Entscheidungen wiederum ein Einspruch zul\u00e4ssig ist, dann vor dem EuGH.<\/p>\n\n\n\n<p>Piebalgs Mitautorin, die Erst-Autorin, Maria Olczak, zeichnet\neine vergleichbare Zweigleisigkeit aus. Akademisch ist sie gegenw\u00e4rtig Research\nAssociate an der Florence School of Regulation, dort zum Bereich Gas. Politisch\nhat sie unter anderem Erfahrungen gesammelt als Mitglied des Presidency Team an\nder COP19\/CMP9 der UN Klima-Konferenz in Warschau (2018). <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Autorenpaar verf\u00fcgt \u00fcber ein historisches Ged\u00e4chtnis zu\nSchl\u00fcsselentscheidungen in Br\u00fcssel \u2013 das bringt es wie nebenl\u00e4ufig ein.\nGeschildert wird die heutige Entscheidungssituation vor dem Hintergrund, wie es\nmit dem Gas und seiner Marktregulierung in Br\u00fcssel in der gro\u00dfen Linie gelaufen\nist. Das Clean Energy Package (CEP), das energie-regulatorische Gro\u00dfprojekts\nder gerade im Abtreten begriffenen EU-Kommission, der Juncker-Kommission, ist\nim Dezember 2018 abgeschlossen worden. Es weist, im historischen Vergleich,\nzwei Besonderheiten auf:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>\u201e<strong><em>The CEP<\/em><\/strong><em> &#8230; aims to provide a set of principles which <strong>enable the electricity market to respond to the challenges stemming\nfrom the increase of variable renewable energy (VRE)<\/strong>. This increase is\nunavoidable if the European Union (EU) is to achieve at least 40% CO<sub>2<\/sub>\nreductions by 2030.<\/em>\u201c<br>\nMit dem CEP erst ist zugestanden worden, dass die Klimaschutz- und\nErneuerbaren-Aufwuchs-Ziele der EU auch eine strommarkt-regulatorische\nHerausforderung darstellen. Dieser \u00c4nderungsbedarf ist die unausweichliche\nImplikation der Beschlusslage, dessen, was weit fr\u00fcher entschieden worden ist.\nMit dem CEP ist auch angenommen worden. Zugleich muss man eingestehen: Die\nUmsetzung, die Erm\u00f6glichung via Marktreregulierung, ist mehr als eine Dekade\nverz\u00f6gert. <\/li><li>Die zweite Besonderheit ist die Differenz zwischen den\ndrei Regulierungsprojekten der drei EU-Kommissionen zuvor einerseits und der\nj\u00fcngsten mit dem CEP andererseits:<br>\n<em>The <strong>previous\npackages<\/strong> set the principles of the <strong>functioning\nof the internal electricity and gas markets<\/strong>, &#8230;. The <strong>CEP<\/strong> &#8230; is <strong>focused on the\npower sector<\/strong>, and is not comprised of a single piece of legislation\naddressing the organisation of the gas market.<\/em><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft mit dem CEP erstmals ist von der EU-Kommission eine\nMarktregulierung vorbereitet worden, welche die beiden leitungsgebundenen\nEnergietr\u00e4ger Elektrizit\u00e4t und Gas nicht parallel f\u00fchrte. Was mag in der Phase\nder Konzipierung des Arbeitsprogramms in 2015\/16 das Motiv gewesen sein, Gas aus\nder Reregulierung des Energiesektors mit dem Anspruch, ihn zu \u201eClean Energy\u201c zu\nf\u00fchren, auszuschlie\u00dfsen? Die Antwort: Man hatte sich begrifflich \u201everrannt\u201c.\nJa, Begriffe sind wie Lotsen, die Kollektive leiten \u2013 deswegen von hohem\nEinfluss in der Politik. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Begrifflichkeit ist entscheidend<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Anpassung der Marktregulierung f\u00fcr Gas unter dem Mandat der Klimaschutz- und Erneuerbaren Aufwuchs-Ziele der EU ist als nachholend, wenn nicht deutlich versp\u00e4tet, charakterisiert. Worum es dabei zu gehen hat, ist in der \u00f6ffentlichen Diskussion nach meinem Urteil nicht wirklich klar. Und diese Unklarheit d\u00fcrfte auch der Grund f\u00fcr die Versp\u00e4tung sein. \u00dcblich ist eine Thematisierung unter dem Stichwort \u201eSektor-Kopplung\u201c. &nbsp;Die ist definiert als \u201e<em>co-production, combined use, conversion and substitution of different energy supply and demand forms \u2013 electricity, heat and fuels.<\/em>\u201c<a href=\"https:\/\/www.irena.org\/-\/media\/Files\/IRENA\/Agency\/Publication\/2018\/Apr\/IRENA_IEA_REN21_Policies_2018.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"(p. 93) (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">(p. 93)<\/a> Eine Politik zur F\u00f6rderung der Sektor-Kopplung gilt als erforderlich, weil im Hintergrund ein Prozess der Elektrifizierung stattfinde, mit dem Effekt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201ethe <strong>costs of<\/strong> variable renewable energy <strong>(VRE) fall<\/strong> and <strong>VRE<\/strong> comes\nto occupy a <strong>larger share of power\ngeneration<\/strong> around the world.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Doch das laufe in eine Falle, in die einer Abwertung im Prozess\ndes Erfolgs \u2013 und das wiederum brauche eine Korrektur der bestehenden\nRegulierung, die in den Liberalisierungs-Regulierungen der letzten zwei Dekaden\neingef\u00fchrt worden ist. Dem diene die \u201eSektor-Kopplung\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Abundance, or even <strong>surplus, of VRE generation might become\nrecurrent in power systems<\/strong> with high shares of VRE. In the absence of other\nefforts to mitigate them, <strong>these\nsurpluses<\/strong> <strong>might<\/strong> prompt\nlarge-scale curtailment of VRE output, and thus <strong>lower the value of VRE<\/strong>, reducing investment attractiveness. <strong>To maintain its value, VRE electricity\nshould be expanded into more end uses<\/strong> <strong>and\nsupply sectors<\/strong>.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit die Darstellung im gemeinsamen Papier von IRENA, IEA und\nREN21. Das Autorenpaar Olczak und Piebalgs n\u00e4hert sich dieser Notwendigkeit im\nEU-Kontext, doch im Konkreten mit etwas spitzen Fingern, mit einer \u00fcbernommenen\nungef\u00e4hren Formulierung nur:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eTo achieve the Paris\nAgreement targets, the EU needs to reduce its greenhouse gas (GHG) emissions by\n80\u201395% by 2050. With the gradual phase-out of coal power plants, the emissions\nreductions resulting from coal-to-gas switching in power generation will diminish.\nAs a result, the <strong>additional GHG\nreductions<\/strong> will need <strong>to \u201ccome from\nwithin the gas sector\u201d<\/strong> (Spijker, 2018), <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gemeint ist damit, was hier eingangs eingef\u00fchrt wurde: Das Gas muss\nin seinem Inhalt, dem fossilen CH<sub>4<\/sub>, sowie in seiner Vorleistung, der\nEmission von fossilem CO<sub>2<\/sub> beziehungsweise dem Entweichen-lassen von\nfossilem CH<sub>4<\/sub>, zunehmend \u201esauber\u201c beziehungsweise klimaneutral\nwerden. Das hei\u00dft \u201eGas\u201c hat sich von seiner Gleichsetzung mit \u201eErdgas\u201c zu\nbefreien.<\/p>\n\n\n\n<p>In handelspolitisch etablierter Begrifflichkeit ausgedr\u00fcckt,\ngeht es darum: Die \u201eProzessqualit\u00e4t\u201c von Gas hat sich zu wandeln. Die wird von\nder \u201eProduktqualit\u00e4t\u201c unterschieden. Musterkonflikt, anhand dessen das auch in\nder WTO h\u00f6chstrichetrlich entschieden worden ist, war der Thunfisch-Fall.\nInhaltlich, lebensmittelchemisch, sind die Inhalte in den Thunfisch-Dosen in den\nSuperm\u00e4rkten alle in etwa gleich. Sie unterscheiden sich in den Fangmethoden \u2013\nlange Zeit waren Netze \u00fcblich, die Delphinen als Beifang den (nutzlosen) Garaus\nmachten. Es wurde als Alternative die Fangmethode mit dem Namen \u201e<em>dolphin-safe<\/em>\u201c entwickelt und angewendet\n\u2013 und einige Staaten erlaubten nur noch die Einf\u00fchr von Thunfisch, der mit\ndieser modernen Methode gefangen worden war. Es tauchte dann die Frage auf, ob\nes legitim sei, gem\u00e4\u00df \u201eProzesseigenschaften die Einfuhr zu diskriminieren. Die\nAntwort unter der WTO war \u201eJa\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In der EU-Energie- und Klimapolitik ist das damit Gemeinte auch\nbereits modellhaft eingef\u00fchrt worden. In dem Politik-Paket, welches 2009 in\nKraft trat, findet sich in der Fuel Quality Directive (FQD) ein Art. 7 a, der\nmit \u201e<em>Klimaqualit\u00e4t<\/em>\u201c \u00fcberschrieben ist\n\u2013 er gilt aber nur f\u00fcr fl\u00fcssige Treibstoffe, nicht f\u00fcr Gas. Mit \u201eKlimaqualit\u00e4t\u201c\nsind die spezifischen Treibhausgasemissionen gemeint, die beim Verbrennen von\nTreibstoffen direkt (100 Prozent) und indirekt (bei \u00d6lprodukten rund 9\nProzentpunkte obendrauf) entstehen \u2013 \u201eindirekt\u201c meint in der Vorleistung, also\nbeim Herstellen und Liefern von Treibstoffen. Das ist quantifizierbar. Die so\ndefinierte Klimaqualit\u00e4t ist einer graduellen Verbesserung zug\u00e4nglich \u2013 so ist\ndiese Eigenschaft auch zur Regulierung verwendet worden. Sie ist \u00fcberdies\nperspektivisch auf das Ziel, die Klimaneutralit\u00e4t, hin angelegt. <\/p>\n\n\n\n<p>Den diesbez\u00fcglichen Ausgangspunkt f\u00fcr Gas, welches gegenw\u00e4rtig noch\nbeinahe ausschlie\u00dflich Erdgas ist, f\u00fchrt das Autorenpaar an:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e&lt;Gas&gt; currently\ngenerates 66 gCO<sub>2-eq.<\/sub>\/MJ, that is 9.7 gCO<sub>2-eq.<\/sub>\/MJ for gas\nsupply and 56.2 gCO<sub>2-eq.<\/sub>\/MJ for gas combustion (Joint Research\nCentre [JRC], 2017).\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Summe, 66 g CO<sub>2-eq.<\/sub>\/MJ, ist die gegenw\u00e4rtige\n\u201eKlimaqualit\u00e4t\u201c von Gas, aus fossilen Quellen, pr\u00e4zise in den beiden konstituierenden\nElementen dargestellt,<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>den Emissionen, die bei der Verbrennung von Erdgas im Endverbrauch\nanfallen, und<\/li><li>den durchschnittlichen Emissionen aus der\n\u201eVorleistung\u201c, das ist f\u00fcr all das an Leistungen, welches erforderlich ist, damit\ndas Gas beim Endverbraucher ankommen kann. Da handelt es sich insbesondere um\ndie Entweichungs-Emissionen bei der F\u00f6rderung und beim Transport \u00fcber Tausende\nvon Kilometern in maroden Transportinfrastrukturen \u2013 unverbranntes CH<sub>4<\/sub>\nhat einen um etwa den Faktor 30 h\u00f6heren Treibhauseffekt (GWP) als sein\nVerbrennungsprodukt CO<sub>2<\/sub>.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der Vorleistungsemissionen zu den Emissionen bei\nder Nutzung, der Umwandlung von CH<sub>4<\/sub> in CO<sub>2<\/sub> (und harmloses\nH<sub>2<\/sub>O) qua Verbrennung, liegt bei 17 Prozent \u2013 das ist relativ hoch,\nes liegt bei \u00d6lprodukten, also bei Benzin und Diesel etc., unter zehn Prozent. Dass\nErdgas in der Vorleistung doppelt so \u201eschmutzig\u201c ist wie \u00d6l, liegt an diesen direkten\nCH<sub>4<\/sub>-Verlusten, die des hohen GWP wegen so stark zu Buche schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es k\u00f6nnte sein, dass sich das Problem von alleine l\u00f6st, indem\nder Bedarf an Gas in Europa zur\u00fcckgeht. Das aber ist nicht zu erwarten. Die\nAutoren haben das gecheckt, anhand der Szenarien, welche die\n\u00dcbertragungsnetzbetreiber auf EU-Ebene, die auch f\u00fcr die Feststellung eines\nInfrastruktur-Ausbaubedarfs verantwortlich sind, erstellen. Das gemeinsame Ergebnis\nder Betreiber der Stromnetze (ENTSO-E) und der der Gasnetze (ENTSOG) ist:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e<strong>EU gas demand will not change dramatically<\/strong> (ENTSO-E &amp; ENTSOG,\n2018a). The ENTSOs expect the annual gas demand to stay in line with or be\nlower than the historic demand average (5,000 TWh) and account for around 3,900\u20135,000\nTWh in the 2040 perspective.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt somit nur die Option, den Charakter des Gases (wieder)\nzu \u00e4ndern.<br><br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahre 2050 soll mindestens die Energieversorgung in der EU \u201cklimaneutral\u201d geworden sein. 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