{"id":593,"date":"2020-05-20T16:07:49","date_gmt":"2020-05-20T14:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=593"},"modified":"2020-09-12T16:05:13","modified_gmt":"2020-09-12T14:05:13","slug":"die-us-intervention-in-syrien-geht-zu-ende-teil-3-die-fatale-fehlkalkulation-der-tuerkei-und-ihre-tragische-rolle","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/die-us-intervention-in-syrien-geht-zu-ende-teil-3-die-fatale-fehlkalkulation-der-tuerkei-und-ihre-tragische-rolle\/","title":{"rendered":"Die US-Intervention in Syrien geht zu Ende. Teil 3: Die fatale Fehlkalkulation der T\u00fcrkei und ihre tragische Rolle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die T\u00fcrkei unter Erdog\u0306an lie\u00df sich in Syrien auf eine Politik des Regime Change ein, und das mit einem viel h\u00f6heren Risiko als die USA: Syrien liegt an der S\u00fcdgrenze der T\u00fcrkei, wenn der Versuch schiefgeht, liegt ein massives Problem mindestens direkt vor der Haust\u00fcr, wahrscheinlich auch auf eigenem Boden. Zwar versteht sich die T\u00fcrkei als Erbin des fr\u00fcheren Osmanischen Reiches, das die Levante \u00fcber Jahrhunderte beherrschte, dennoch verf\u00fcgt der Ausw\u00e4rtige Dienst der T\u00fcrkei heute kaum \u00fcber Arabisch sprechende Diplomaten. Bereits der Blick der T\u00fcrkei auf die Arabische Welt ist nach Fachleuten von Arroganz statt von Kenntnis gepr\u00e4gt; unter solchen Bedingungen Au\u00dfenpolitik zu betreiben, ist riskant.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2020\/05\/NU-200518-USA-Syrien-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Um die Rolle der T\u00fcrkei im Syrien-Konflikt zu skizzieren, greife ich zur\u00fcck auf einen wunderbaren Beitrag, aus der Feder von Bitte Hammargren. Die ist eine Journalistin, die f\u00fcr Svenska Dagbladet in Ankara war. Nun schreibt sie f\u00fcr einen sicherheitspolitischen Think Tank, der der schwedischen R\u00fcstungsindustrie nahesteht. Dieser Weg des pers\u00f6nlichen Kompetenzaufbaus ist nicht-un\u00fcblich, da wurde der Weg in die analysierende Wissenschaft aus einer nicht-akademischen T\u00e4tigkeit heraus genommen, die einen reichen Erfahrungsschatz generierte. Auch so gelingt es, vor dem absto\u00dfenden sprichw\u00f6rtlichen Akademismus von lauter allgemeinen weil nur begrifflichen Richtigkeiten zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst weist auch Frau Hammargren auf die Bedingungen einer erfolgreichen Politik des Regime Change hin. Dazu zitiert sie eine anonym bleibende, aber offenbar bestens informierte und mit strategischem Blick versehene Quelle in der T\u00fcrkei:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong><em>For a regime change<\/em><\/strong><em> policy to succeed by external military intervention (apart from the international law aspects of the issue), <strong>two conditions are required<\/strong>: <strong>Firstly<\/strong>, a <strong>strong opposition <\/strong>is needed <strong>which could take over when the ancient regime falls<\/strong>. If that condition is not met, even if the existing regime falls in some way, it is almost obvious that a new power struggle between various opposition groups, maybe an even more bloody one, would follow. A <strong>second<\/strong> condition for a regime change policy to succeed is, there should <strong>be a minimum amount of consensus among the relevant international powers<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das entspricht recht exakt dem, was die USA sich im <em>Stabilization Assistance Review<\/em> (SAR) als Bedingung f\u00fcr den Erfolg einer Intervention vorgegeben hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle Syriens war keine der beiden Bedingungen gegeben, es gab weder eine (starke) Opposition noch waren die externen Akteure einig. Dennoch lie\u00df die T\u00fcrkei unter Erdo\u011fan sich auf eine Politik des Regime Change in Syrien ein, und das mit einem viel h\u00f6heren Risiko als die USA. Syrien liegt an der S\u00fcdgrenze der T\u00fcrkei \u2013 wenn der Versuch schiefgeht, dann w\u00fcrde die T\u00fcrkei ein massives Problem haben, mindestens direkt vor ihrer Haust\u00fcr, wahrscheinlich auch auf eigenem Boden. F\u00fcr die USA hingegen ist es nur eine Intervention <a href=\"http:\/\/www.djung.de\/rundbrief\/rb_01\/0112\/gedichte\/eingespraech.html\" target=\"_blank\" aria-label=\"\u201e... hinten, weit in der T\u00fcrkei, die V\u00f6lker aufeinander schlagen\u201c (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\"><em>\u201e&#8230; hinten, weit in der T\u00fcrkei, die V\u00f6lker aufeinander schlagen<\/em>\u201c<\/a> \u2013 im Falle eines Fehlschlags kann man sich zur\u00fcckziehen, ohne nachbarschaftlich auf Dauer belastet zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte Hammargrens anonyme Quelle fasst die Analyse so zusammen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201ePlease also note that <strong>Turkey<\/strong> had <strong>no previous experience of a regime change policy<\/strong> in other countries. So we can say, Ankara engaged itself for a policy it had no experience of, and that <strong>without making any proper analysis<\/strong>.<\/em>\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erdo\u011fan: \u201eAuthoritarian at home and impulsive abroad\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man begann ein \u201eRealexperiment\u201c, ohne f\u00fcr Laborbedingungen zu sorgen \u2013 im Ergebnis vermochte man die Geister, die man gerufen hatte, nicht in der Flasche zu halten. Die Entscheidung der T\u00fcrkei war politisch uninformiert. Nach Frau Hammargren, die als langj\u00e4hrige Journalistin in Ankara einen Eindruck von der Psyche zentraler handelnder Figuren, insbesondere der Erdo\u011fans, aus pers\u00f6nlichem Erleben hat, ist das alles Ergebnis von Erdo\u011fans \u201espontanem Autoritarimus\u201c \u2013 der Titel ihres Beitrags, auf den ich mich hier abst\u00fctze, ist \u201e<em>Authoritarian at home and impulsive abroad<\/em>\u201c. Die institutionellen Vorausetzungen einer nach au\u00dfen, das ist in den arabischen Raum, erfolgreich ausgreifenden Au\u00dfenpolitik, waren und sind in der T\u00fcrkei nicht gegeben. Die Regierung der T\u00fcrkei verf\u00fcgte nicht \u00fcber eine substantielle Kenntnis der Bedingungen in Syrien, hinsichtlich der anderen arabischen Staaten ist es nicht besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcrkei versteht sich zwar als Erbin des fr\u00fcheren Osmanischen Reiches, welches die Levante \u00fcber Jahrhunderte als Kolonialmacht beherrscht hatte, dennoch verf\u00fcgt der Ausw\u00e4rtige Dienst der T\u00fcrkei heute kaum \u00fcber Arabisch sprechende Diplomaten. Die fachlich versierten Kreise sind sich einig in der Diagnose: Bereits der Blick der T\u00fcrkei auf die Arabische Welt sei von Arroganz statt von Kenntnis gepr\u00e4gt. Unter solchen Bedingungen Au\u00dfenpolitik zu betreiben, ist riskant \u2013 sie basiert dann empirisch meist weitgehend lediglich auf dem pers\u00f6nlichen Erfahrungsschatz des \u201eF\u00fchrers\u201c, hier Erdo\u011fans.<\/p>\n\n\n\n<p>Erdo\u011fan hatte zun\u00e4chst auf pers\u00f6nliche Beziehungen gesetzt. Seine Frau Emine und er hatten mit Bashar al-Assad und dessen Frau Asma gemeinsame Ferien verbracht \u2013 im Jahre 2008 war das. Erdo\u011fan hatte seine guten Beziehungen zu Pr\u00e4sident Bashar al-Assad eingebracht in seinen Versuch, im Jahre 2010, im Konflikt zwischen Israel und Syrien als Mediator zu fungieren. Doch dann kam der M\u00e4rz 2011, der sogenannte \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c. Die Herrschaft des al-Assad-Clans, der alawitischen Minderheit in Syrien, kam unter den Druck der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die AKP in der T\u00fcrkei sieht sich der Muslim-Br\u00fcderschaft \u2013 auch in Syrien \u2013 verbunden. Dort aber ist sie eine brutal verfolgte Opposition, bereits die Mitgliedschaft wird mit dem Tode geahndet \u2013 was das in den Kerker-Verlie\u00dfen des dortigen Geheimdienstes real bedeutet, wo \u201eMitgliedschaft\u201c sicher nicht in Vereinsakten gef\u00fchrt wird und ein dehnbarer Rechtsbegriff ist, kann man sich ausmalen. Erdo\u011fan versuchte zun\u00e4chst, Bashar al-Assad dazu zu bewegen, seine Herrschaft f\u00fcr eine Mitbeteiligung der Muslim-Br\u00fcder zu \u00f6ffnen. Als das nicht geschah, im August 2011, traf Erdo\u011fan spontan und ohne gro\u00dfes Kalk\u00fcl im Hintergrund die Entscheidung, welche sich als die dramatischste Fehlentscheidung unter seiner Herrschaft herausstellen sollte \u2013 und wohl auch musste: Er brach mit dem syrischen Regime und \u00f6ffnete in der Folge die Grenzen f\u00fcr den Zufluss von Waffen und Milizion\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis dahin galt die Devise \u2018<em>zero problems with the neighbors<\/em>\u2019. Formuliert worden war sie so explizit von Ahmet Davuto\u011flu, der im Mai 2009 Au\u00dfenminister geworden war. Dann aber machte die AKP-Regierung eine abrupte Kehrtwende, weg von ihrer bisherigen au\u00dfenpolitischen Doktrin \u2013 am Ende hatte sie \u201eProbleme mit einer wachsenden Zahl von Nachbarn\u201c. Syrien wuchs sich zum schlimmsten Fall aus, ist aber nicht der einzige.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rolle der Milizen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Grenz\u00f6ffnung erm\u00f6glichte nicht allein den Zufluss von Waffen sondern auch den von K\u00e4mpfern. Es handelt sich da bekanntlich um einen globalen Markt, im Jemen hatten die VAR, als sie sich da noch beteiligten, unter anderen ehemalige FARC-K\u00e4mpfer rekrutiert. Diese Milizen mit dem Label \u201eRebellen\u201c oder \u201eAufst\u00e4ndische\u201c in den Nachrichten westlicher Medien zu versehen, ist eine Strategie der <em>disinformation<\/em>. Der Zufluss kam \u2013 organisatorisch und finanziell \u2013 aus Golfstaaten, sowohl aus Katar als auch aus Saudi-Arabien. Beide sind bekanntlich miteinander verfeindet und beide unterst\u00fctzten unterschiedliche islamistische Milizen. Saudi-Arabien finanzierte die Miliz <em>Jaish al-Islam<\/em>, die ihre Basis in l\u00e4ndlichen Vororten von Damaskus (Ost-Ghouta) hatte. Die T\u00fcrkei, die Katar die Stange h\u00e4lt gegen Saudi-Arabiens Abschn\u00fcrungsstrategie, begann damals, zusammen mit Katar, die Miliz <em>Ahrar al-Sham<\/em> zu unterst\u00fctzen, eine der gr\u00f6\u00dften unter den Milizen im Norden Syriens, also grenznah zum Sponsor T\u00fcrkei. Weshalb die T\u00fcrkei den IS-nahen Kr\u00e4ften, die von Saudi-Arabien gef\u00f6rdert wurden (welches damit dem Ziel des Anti-IS-Kampfes der multilateralen Koalition unter F\u00fchrung des NATO-Partners USA diametral entgegenwirkte), Zutritt gew\u00e4hrte, ist nicht wirklich gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft die T\u00fcrkei entschied sich, den Kampf irregul\u00e4rer Kr\u00e4fte um Syrien vor seiner Haust\u00fcr so richtig anzufachen. Und das ohne Kalk\u00fcl, insbesondere auch ohne Kalk\u00fcl dar\u00fcber, welche Milizen sich in dem nun auch beginnenden Kampf von Milizen in Syrien untereinander schlie\u00dflich durchsetzen werden. Das waren im Ergebnis nicht die Muslimbr\u00fcder, der nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete der T\u00fcrkei. Die Vorstellung, viel helfe viel, und es sei besser mehr Kr\u00e4fte nach Syrien zu lassen statt vielleicht den saudischen W\u00fcnschen eher einen Riegel vorzuschieben, erwies sich als Ausdruck taktischer Unterlegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine bekannte und bew\u00e4hrte Taktik in Konfliktsituationen besteht in der Option, Exilanten oder in eigenen Gef\u00e4ngnissen gehaltene Gefangene in dasjenige Gebiet zu bringen, mit dessen Herrschaft man milit\u00e4risch k\u00e4mpft. Die milit\u00e4rgeschichtlich popul\u00e4rsten Beispiele sind Lenin und Pilsudski; in beiden F\u00e4llen war man erfolgreich, gingen die Kalk\u00fcle auf \u2013 was f\u00fcr die Qualit\u00e4t des Urteils der deutschen Milit\u00e4rs \u00fcber Durchsetzungs-F\u00e4higkeiten der in beiden F\u00e4llen ausgesuchten Personen spricht. Diese Taktik ist erprobt. Ihrer bediente sich das Regime von Bashar al-Assad in der Situation des Fr\u00fchjahrs 2011. Und das mit Erfolg, wie die Geschichte erwies.<\/p>\n\n\n\n<p>Die syrische Regierung kannte die jihadistischen K\u00e4mpfer mit ihrem hohen Rekrutierungspotential unter (habituell gewaltbereiten) jungen M\u00e4nnern bereits aus der Zeit der Invasion der USA und UKs im Irak, nach 2003. Also sehr genau. Im asymmetrischen Kampf nach au\u00dfen sind die gerne gesehen \u2013 wenn aber das Kampfgeschehen sich beruhigt und die K\u00e4mpfer mit ihrem erworbenen Potential im Kriegshandwerk zur\u00fcckkehren, sind sie \u201ezu Hause\u201c gef\u00e4hrlich. Das gilt auch f\u00fcr Syrien. Also sperrte Syrien sie zu Hunderten ins Gef\u00e4ngnis. Mit dem beginnenden B\u00fcrgerkrieg sah die syrische Regierung in ihnen ein Potential. Sie lie\u00df sie laufen, in der Erwartung, dass sie sich auf der Rebellenseite durchsetzen werden \u2013 das geschah dann auch, die Golfstaaten und die T\u00fcrkei leisteten Beihilfe, indem sie diese Milizion\u00e4re bestens mit Waffen ausstatteten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die westliche Akteure, insbesondere die USA, war damit ein Dilemma geschaffen. Die Rebellen waren nun zweigeteilt, jihadistisch und \u201egem\u00e4\u00dfigt\u201c, letztere unter dem sch\u00f6nen Namen \u201eFree Syrian Army\u201c im Westen \u201averkauft\u2019. F\u00fcr den Westen war das ein Dilemma, denn mit den Jihadisten konnten sie keine Allianz bilden, das ginge zu Hause nicht durch. Der Westen und die T\u00fcrkei zogen somit, obwohl sie NATO-Partner waren, in Syrien an unterschiedlichen Str\u00e4ngen, an Str\u00e4ngen unterschiedlicher Allianzen.<\/p>\n\n\n\n\n\n<p><strong>Strategischer Truppenr\u00fcckzug<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die syrische Regierung machte einen weiteren klugen Schachzug, der die T\u00fcrkei kalt erwischte, den sie auch nicht durchschaute. Sie zog ihre Truppen aus dem Norden zur\u00fcck, pr\u00e4sentierte den Kurden damit das Grenzgebiet zur T\u00fcrkei als den Raum ihrer, milit\u00e4risch von den USA unterst\u00fctzten, Herrschaft. Sofern die T\u00fcrkei dabei blieb, die Kurden als terroristische Bedrohung anzusehen, sofern sie auf einer nicht-inklusiven Haltung den Kurden gegen\u00fcber bestand, schaffte dieser Schachzug des Assad-Regimes eine immense Herausforderung f\u00fcr die T\u00fcrkei \u2013 welche, konnte man in den letzten Jahren besichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcrkei bekam die Kurve nicht, eine Politik der innenpolitischen Vers\u00f6hnung mit dem kurdischen Teil der Bev\u00f6lkerung durchzuhalten \u2013 im Jahre 2015 schaltete das Erdo\u011fan-Regime innenpolitisch wieder auf Ausgrenzung der Kurden um. Also konnte es die quasi-territorialstaatliche und hochbewaffnete Etablierung der Kurden an der S\u00fcdgrenze der T\u00fcrkei nur als Bedrohung wahrnehmen \u2013 und entsprechend milit\u00e4risch eingreifen, was zum Konflikt mit den USA (und mit Russland) f\u00fchren musste.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das heute absehbare Ergebnis: Ein al-Qaida-Territorialstaat in West-Idlib<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 2017 haben sich Russland, die T\u00fcrkei und Iran im Rahmen der Astana-Gespr\u00e4che auf die Einrichtung sogenannter \u201eDeeskalationszonen\u201c geeinigt. Ziel war, dort weitere Gefechte zwischen den sunnitisch-muslimischen Rebellen und Assads Truppen sowie den mit ihnen verb\u00fcndeten Milizen zu unterbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist von den urspr\u00fcnglich vier Deeskalationszonen nur Idlib noch nicht von Assads Truppen erobert. In den drei anderen Zonen herrscht das syrische Regime, nur nicht in Idlib, wohin viele Einwohner und K\u00e4mpfer dieser Zonen flohen. Damit wurde die Provinz Idlib zum letzten R\u00fcckzugsgebiet der sunnitisch-muslimischen Milizen, die mittlerweile klar von Salafisten und Dschihadisten dominiert ist. Die gr\u00f6\u00dfte Gruppe unter ihnen ist die Hai\u2019at Tahrir asch- Scham (HTS), eine Abspaltung von al-Qaida, die \u00fcberall, auch in der T\u00fcrkei, auf der Terrorliste steht. Daneben gibt es kleinere, aber \u00e4hnlich gef\u00e4hrliche Organisationen wie Huras al-Din, die noch immer zu al-Qaida h\u00e4lt, und die Islamic Party Turkestan, die von chinesischen Uiguren dominiert wird. Es geht um mehr als 30.000 K\u00e4mpfer, erfahren und bestens mit Waffen ausger\u00fcstet. Und auch erfahren in Herrschaft qua Terror.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der syrischen Provinz Idlib ist das von diesen Milizen gehaltene Gebiet seit September 2017 geschrumpft, bis zum Waffenstillstand vom 5. M\u00e4rz 2020 auf nur noch 3.000 Quadratkilometer. Die entscheidende Pointe der im Astana-Prozess getroffenen Waffenstillstands-Vereinbarungen ist die folgende doppelte Asymmetrie.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Die Dschihadisten der HTS wie auch die K\u00e4mpfer kaukasischer und zentralasiatischer Herkunft sind vom Waffenstillstand ausgenommen. Diese Klausel erlaubte der syrischen Seite ihren stetigen Vormarsch in abkommensgem\u00e4\u00dfer Form. Sie m\u00fcssen nur vermeiden, t\u00fcrkische Stellungen in Idlib anzugreifen, sie haben sich auf die Bek\u00e4mpfung der dschihadistischen Milizen zu beschr\u00e4nken.<\/li><li>Die T\u00fcrkei hat sich am 17. Oktober 2018 verpflichtet, die HTS und andere Ter- rorverb\u00e4nde in Idlib aufzul\u00f6sen und zu entwaffnen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Nachdem die Ergebnisse der j\u00fcngsten Verhandlungsrunde vom 5. M\u00e4rz 2020 in Moskau bekannt wurden, ist es unter den Rebellengruppen zur Revolte gegen ihren Sponsor, die T\u00fcrkei, gekommen. Die T\u00fcrkei hat seit dem 5. M\u00e4rz 2020 ihre Truppenpr\u00e4senz in Idlib massiv aufgestockt. Sie ist gewillt, f\u00fcr die Provinz Idlib zu den Verantwortlichkeiten zu stehen, die sie im Astana-Prozess \u00fcbernommen hat, das hei\u00dft Ankara muss den Waffenstillstand durchsetzen. Dazu m\u00fcsste sie die erfahrenen dschihadistischen Milizen, die nun ihre Feinde geworden sind, kontrollieren und entwaffnen \u2013 in einem zivilen Umfeld, in dem die sich wie Fische im Wasser bewegen. Zudem hat sie sich um die Binnen-Fl\u00fcchtlinge (IDP) zu k\u00fcmmern, die von Assads Truppen aus anderen Teilen Syriens nach Idlib gedr\u00e4ngt worden sind und nun als rechtlose Personen in einem engen Streifen zusammengepfercht, an der Westgrenze Idlibs zur T\u00fcrkei hin, in Zeltst\u00e4dten ausharren. Die Grenzregion beherbergt auf 1.000 Quadratkilometern fast zwei Millionen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die T\u00fcrkei eine letzte Entscheidungsschlacht gegen die islamistischen Milizen vermeiden will, wenn das nicht der Sinn ihres massiven Truppenaufmarschs in Idlib seit dem 5. M\u00e4rz 2020 ist, dann gibt es f\u00fcr sie nur eine alternative Option noch: Einen schmalen \u00fcberbev\u00f6lkerten Streifen Land entlang der t\u00fcrkischen Grenze stehen lassen, unter der Herrschaft einer radikal religi\u00f6sen Organisation, die nach innen mit harter Hand regiert und von au\u00dfen unterst\u00fctzungsbed\u00fcrftig ist. Eine Art neuer Gazastreifen, nun unter al-Qaida-Herrschaft. Der Kampf des Westens gegen den Territorialstaat IS, der gewonnen wurde, h\u00e4tte paradoxerweise zur Etablierung eines (zweiten) Territorialstaates der al-Qaida gef\u00fchrt \u2013 der erste ist im S\u00fcdjemen. V\u00f6lkerrechtlich zust\u00e4ndig daf\u00fcr ist die T\u00fcrkei, die im Nordwesten der Provinz nach der Vereinbarung mit Moskau den Status einer Besatzungsmacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollte sich das Coronavirus in West-Idlib ausbreiten, dann ist die T\u00fcrkei f\u00fcr die Versorgung der Kranken in Idlib zust\u00e4ndig\u2026<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei unter Erdog\u0306an lie\u00df sich in Syrien auf eine Politik des Regime Change ein, und das mit einem viel h\u00f6heren Risiko als die USA: Syrien liegt an der S\u00fcdgrenze der T\u00fcrkei, wenn der Versuch schiefgeht, liegt ein massives Problem mindestens direkt vor der Haust\u00fcr, wahrscheinlich auch auf eigenem Boden. 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