{"id":878,"date":"2021-03-15T17:15:56","date_gmt":"2021-03-15T16:15:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=878"},"modified":"2021-03-15T17:37:44","modified_gmt":"2021-03-15T16:37:44","slug":"das-versagen-des-gas-und-stromsystems-in-texas-im-februar-2021-ein-lehrstueck-fuer-die-kosten-der-leugnung-des-klimawandels","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-versagen-des-gas-und-stromsystems-in-texas-im-februar-2021-ein-lehrstueck-fuer-die-kosten-der-leugnung-des-klimawandels\/","title":{"rendered":"Das Versagen des Gas- und Stromsystems in Texas im Februar 2021 \u2013 Ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr die Kosten der Leugnung des Klimawandels"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In Texas gibt es eine herrschende Klasse: wei\u00df, konservativ, aus fossilen Energien finanziert, deren Mitglieder den menschgemachten Klimawandel f\u00fcr eine b\u00f6sartige Erfindung linker Kreise halten, um das wirtschaftsliberale Modell in den USA zu torpedieren. Ab dem 15. Februar 2021 war es aufgrund von Klimaver\u00e4nderungen in Texas zeitweise k\u00e4lter als in der Arktis; die Energienachfrage, auf die man sich seitens des Stromversorger-Verbunds in Notfallpl\u00e4nen eingerichtet hatte, wurde \u00fcberschritten, sodass man zur Ma\u00dfnahme einer &#8222;rollierenden Abschaltung&#8220; griff. &#8222;Nur&#8220; gut 50 Todesopfer waren die Folge, der Schaden bei Stromkunden geht in einen zweistelligen Milliarden-Betrag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2021\/03\/NU-210315-HJL-quer.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Die Ausgangslage<\/h1>\n\n\n\n<p>Der menschgemachte Klimawandel f\u00fchrt zu vielf\u00e4ltigen Ver\u00e4nderungen der Umweltbedingungen, denen menschgemachte Infrastrukturen ausgesetzt sind. Diese Infrastrukturen, darunter auch das Energiesystem, sollen in einer solchen Weise ausgelegt werden, dass sie von Extremereignissen in der Natur nicht lahmgelegt werden, dass sie ein hinreichendes Schutzniveau aufweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Klimawandel zeigt in diesem Kontext eine \u00e4u\u00dferst unangenehme Eigenheit: Extremereignisse in der umgebenden Natur treten immer extremer immer auf. Ein einmal konzipiertes Schutzniveau f\u00fcr unsere Infrastrukturen wird also gleichsam \u201eaufgefressen\u201c mit der Zunahme des Klimawandels. Die gro\u00dfen Fragen sind:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wissen und ber\u00fccksichtigen dies die Zust\u00e4ndigen?<\/li><li>Wer kontrolliert diejenigen, die f\u00fcr die Schutzauslegung zust\u00e4ndig sind?<\/li><li>Wie kann man wissen, ob und wie sie die zus\u00e4tzliche Gef\u00e4hrdung durch den bereits realisierten Klimawandel ber\u00fccksichtigen?<\/li><li>Welche Transparenz herrscht da beziehungsweise ist da zu erreichen?<\/li><li>Oder ist gleichsam angelegt, dass es immer erst schiefgehen muss, bis auf die Sitten bei der Schutzgew\u00e4hrung geschaut wird?<\/li><li>Ist politisch programmiert, dass nicht antizipativ sondern nur aus eingetretenen Katastrophen gelernt wird? Wird wenigstens aus Katastrophen gelernt, die bei Dritten eingetreten sind?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der Klimawandel hei\u00dft zwar auch \u201e<em>Global Warming<\/em>\u201c, seine Effekte aber sind differenziert, auch die hinsichtlich der Temperatur. So haben wir inzwischen begriffen, dass auf der Nordhalbkugel der Erde zunehmend im Winter eine Wetterkonstellation auftritt, die neuartig ist: Gelegentliche Einbr\u00fcche extremer K\u00e4lte von erheblicher Dauer, von ein bis zwei Wochen. Vorherzusagen ist das auch recht genau, weil man den Mechanismus des Entstehens ganz gut verstanden hat. <a aria-label=\"Weil es in der Arktis \u00fcberproportional w\u00e4rmer wird, hat der Jetstream an St\u00e4rke verloren, schlingert gelegentlich mehr (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/scilogs.spektrum.de\/klimalounge\/polarluft-auf-abwegen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Weil es in der Arktis \u00fcberproportional w\u00e4rmer wird, hat der Jetstream an St\u00e4rke verloren, schlingert gelegentlich mehr<\/a>; und so kommt es zu gelegentlichen Einbr\u00fcchen polarer K\u00e4lte ungew\u00f6hnlich weit in den S\u00fcden. <a href=\"https:\/\/public.wmo.int\/en\/media\/news\/extreme-weather-hits-usa-europe\" target=\"_blank\" aria-label=\"Eine solche Wetterkonstellation haben wir in der zweiten und dritten Februarwoche zun\u00e4chst in Europa (beginnend 8. Februar 2021) und nachfolgend in den USA (beginnend 14. Februar 2021, H\u00f6hepunkt 16. Februar 2021) erlebt (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Eine solche Wetterkonstellation haben wir in der zweiten und dritten Februarwoche zun\u00e4chst in Europa (beginnend 8. Februar 2021) und nachfolgend in den USA (beginnend 14. Februar 2021, H\u00f6hepunkt 16. Februar 2021) erlebt<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Was ist geschehen?<\/h1>\n\n\n\n<p>Texas, im S\u00fcden der USA gelegen, ist ein besonderer Staat im Staate. Die Fl\u00e4che Texas\u2019 ist doppelt so gro\u00df wie die Deutschlands, Texas besitzt drei Klimazonen und verf\u00fcgt \u00fcber sowohl s\u00e4mtliche fossile Vorkommen (Kohle, \u00d6l und Gas) als auch \u00fcber beste Bedingungen f\u00fcr Erneuerbaren-Anlagen. Mit den Gro\u00dfagglomerationen Houston, San Antonio und Dallas sowie etlichen weiteren Gro\u00dfst\u00e4dten gibt es auch eine hohe Nachfrage nach Energie vom Land. Die Bev\u00f6lkerung liegt bei knapp 30 Millionen, also bei einem guten Drittel der Bev\u00f6lkerung in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Texas geh\u00f6rte urspr\u00fcnglich, im 19. Jahrhundert, zu Mexiko und ist in einer modellhaften Weise zu den USA gekommen. Zun\u00e4chst gab es einen hohen Siedlungsdruck aus den USA in dieser n\u00f6rdlichen Provinz Mexikos. Dann kam es zur Abspaltung und Unabh\u00e4ngigkeit, mit Unterst\u00fctzung des n\u00f6rdlichen Nachbarn. 1845 wurde Texas von den USA annektiert \u2013 es kam dar\u00fcber zum Mexikanisch-Amerikanischen Krieg. Differenzen in der Sklavenfrage f\u00fchrten 15 Jahre sp\u00e4ter zur Abspaltung im Rahmen der Konf\u00f6derierten Staaten. Mit dem Sieg der n\u00f6rdlichen Staaten im US-amerikanischen B\u00fcrgerkrieg, 1865, wurde Texas wiederum annektiert \u2013 seit 1870 ist Texas vollg\u00fcltiger Mitgliedstaat der USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese besondere Geschichte von Texas in Konflikt mit sowie in Distanz zu den USA spiegelt sich in vielem, auch in der Verfasstheit seines Stromsystems. Die herrschenden Kreise in den USA verfolgen eine extremistisch liberale Ideologie f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis Staat\/Wirtschaft. F\u00fcr das Stromsystem in den USA gilt wie auch anderswo die Devise: Je weitr\u00e4umiger im Verbund vernetzt, umso g\u00fcnstiger ist die Sicherheit im Falle einer Krise zu gew\u00e4hrleisten. In Europa zum Beispiel ist das Verbundnetz nicht auf den kontinentaleurop\u00e4ischen Verbund (ehemals UCTE) beschr\u00e4nkt, daneben existieren in Europa vielmehr noch das Verbundnetz der nordeurop\u00e4ischen Staaten NORDEL, in Gro\u00dfbritannien das UKTSOA sowie das russische Verbundsystem IPS\/UPS, welches sich von Estland, Lettland und der Ukraine bis in den asiatischen Raum erstreckt. Diese Netze sind mittels Hochspannungs-Gleichstrom-\u00dcbertragung (HG\u00dc) miteinander verbunden. Integriert im europ\u00e4ischen Verbundsystem sind zudem die T\u00fcrkei und in Nordafrika die L\u00e4nder Marokko, Algerien, Tunesien und Westsahara.<\/p>\n\n\n\n<p>Derselben Maxime gem\u00e4\u00df existieren in den USA zwei Gro\u00dfverbundnetze, die Rocky Mountains sind deren Grenzlinie. Texas hatte sich in der Folge seines ideologisch motivierten Widerstands gegen den <em>Federal Power Act<\/em> von 1935 entschieden, die Stromleitungen der Stromversorger in Texas zu den anderen Bundesstaaten zu kappen, um so der Bundesgesetzgebung auf diesem Gebiet, der Aufsicht aus Washington, zu entgehen. Im Zweiten Weltkrieg gr\u00fcndete man den <em>Texas Interconnection<\/em>, das Texas-weite Verbundnetz; 1970 wurde entschieden, diese Insel-L\u00f6sung beizubehalten und unter die Leitung des <em>Electric Reliability Council of Texas<\/em> (ERCOT) zu stellen \u2013 das entspricht unseren \u00dcbertragungsnetzbetreibern wie Tennet, Amprion, 50Hertz.<\/p>\n\n\n\n<p>In der aktuellen k\u00e4ltebedingten Krise konnte ERCOT nicht auf Reserven au\u00dferhalb seines Versorgungsgebietes zur\u00fcckgreifen. Illustriert wurde der durch die Entscheidung zur Insellage selbstverschuldete Mangel durch die v\u00f6llig andere Situation in den Krisentagen in El Paso, welches am S\u00fcdwestrand von Texas liegt, aber nicht zum ERCOT-Versorgungsgebiet rechnet. El Paso wurde problemlos \u00fcber seine Anbindung an das mexikanische Netz versorgt. \u00c4hnlich war es in etlichen <em>Counties<\/em> am Ostrand Texas\u2019 beziehungsweise im Nordwesten des Bundesstaates. Der <em>Polar Vortex<\/em> bedingte winterliche Extremk\u00e4lte-Einbruch betraf die ganze Mitte der USA, bis hinunter zum Golf von Mexiko \u2013 und so auch <em>ganz<\/em> Texas. Die Regionen im Westen und Osten der USA waren unbetroffen, aus ihnen war also problemlos Einspeisung m\u00f6glich. Es war eine lehrbuchgerechte Situation, an der sp\u00e4ter die Vorteile der Risikovorsorge im regionalen Gro\u00dfverbund illustriert werden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spitzenlastsituation, auf welche das ERCOT-Netz eingerichtet ist, ist die, die f\u00fcr s\u00fcdlich gelegene Regionen typisch ist. Entscheidend ist das Wetter. Der Mensch baut sich seine Behausungen, um sich von den unwirtlichen Bedingungen in Spitzensituationen drau\u00dfen unabh\u00e4ngig zu machen. Im S\u00fcden ist das traditionell die unwirtliche Hitze. Die Spitzennachfrage zur Raumklimatisierung entsteht in solch s\u00fcdlichen Lagen deswegen in der Regel nicht im Winter, zum Heizen, sondern im Sommer, zur K\u00fchlung. Das geschieht heute (noch?) nicht direkt solar dezentral, sondern \u00fcber K\u00fchlger\u00e4te mit Kondensatoren, die also einen Strombedarf aus dem Netz haben. Auf diese Spitzenlastnachfrage ist das Stromsystem einigerma\u00dfen gut eingestellt. Hilfreich ist, dass die PV-Leistung koinzident ist, sowie dass die Gaskraftwerke, f\u00fcr einen winterlichen Bedarf konzipiert, dann unterausgelastet sind und in der Regel bereit stehen \u2013 sofern sie nicht bereits in der Wartung sind. Die Sommerperiode mit seiner Knappheit ist die Zeit, in der Gaskraftwerke einen Gro\u00dfteil ihrer Erl\u00f6se einfahren \u2013 deswegen stehen sie im Winter von alleine, aus der Logik des Strommarktes heraus, nicht priorit\u00e4r bereit. Zudem gilt: Der Strombedarf zum K\u00fchlen in solch s\u00fcdlichen Regionen ist in einer Extremsituation x mal geringer als der zum Heizen eines Geb\u00e4udes\u2013 einfach weil die Differenz zwischen extremer Au\u00dfentemperatur und Wohlf\u00fchltemperatur (innen) bei einem K\u00e4lteeinbruch viel h\u00f6her ist als bei einer Hitzewelle. Und bessere Hausd\u00e4mmung ist bei der Seltenheit dieses winterlichen Extremereignis keine angemessene Maxime. Die Reservekapazit\u00e4t muss \u00fcber das Stromsystem bereitstehen. Das ist unausweichlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Winterspitzenlastsituation ist zur sommerlichen spiegelverkehrt. Das Gas wird dann priorit\u00e4r zum direkten Heizen von Geb\u00e4uden ben\u00f6tigt. \u00dcblich ist es zudem, die seltene extrem-winterliche Situation in den kaum gegen K\u00e4lte ausgelegten Geb\u00e4uden mit Elektroheizungen \u00fcberstehen zu wollen \u2013 so wollen es viele, auch wenn die bereitgestellten elektrischen Ger\u00e4te vielleicht besser nicht bekannt gegeben werden. Jedenfalls bringt ein winterlicher Extremk\u00e4lte-Einbruch eine Knappheitssituation deutlich anderen Ausma\u00dfes als die Sommer-Spitzenlastsituation, auf die man vorbereitet ist. Zu \u00fcberstehen ist eine solche Situation eigentlich nur dann in einem Stromsystem, wenn das regionale Ausma\u00df des Extremk\u00e4lte-Ereignisses relativ zur regionalen Erstreckung des Verbundsystems klein ist. Diese Eigenart hatte g\u00fccklicherweise der winterliche Extremk\u00e4lte-Einbruch, der Texas im Winter 2011 getroffen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab dem 15. Februar 2021 aber war es ganz Texas, welches wirklich extremen Tiefsttemperaturen ausgesetzt war, insbesondere im S\u00fcden des Staates war das erstmalig so. Zeitweise war es in Texas k\u00e4lter als in der Arktis! Und relativ zu dieser regionalen Erstreckung des K\u00e4lteereignisses war die Erstreckung des inselartig versorgten Gebietes von ERCOT einfach zu klein. Allein die faktische Nachfrage, also die man messen konnte, weil sie bedient wurde, \u00fcberstieg die Nachfrage, auf die man sich seitens des Stromversorger-Verbunds in Notfallpl\u00e4nen eingerichtet hatte, bei 67 GW, um zehn Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland fluktuiert die Nachfrageleistung im Normalbetrieb typischerweise zwischen 50 (nachts) und 75 GW (tags). In solchen Situationen kommt aber immer hinzu, dass Anlagen ausfallen, weil sie nicht angemessen auf Extrem-K\u00e4lte eingerichtet sind, was aber au\u00dferhalb des Zust\u00e4ndigkeitsbereiches von ERCOT liegt. Das betraf insbesondere den Schutz von Gas-F\u00f6rderanlagen sowie von Gasleitungen und ihren Armaturen. Doch das Ausma\u00df des Ausfalls thermischer Kraftwerke war mit 32 GW schon extrem. Da liegt das Problem. Und dieses Problem muss etwas zu tun haben mit der laxen Regulierung, dem ideologisch bedingten Vertrauen auf den Markt. Auch einige Windkraftanlagen fielen zwar aus, quantitativ in unerheblicher Menge allerdings, weil sie nicht mit elektrischer Enteisung ausgestattet sind, was weiter im Norden v\u00f6llig \u00fcblich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer solchen Mangelsituation gibt es f\u00fcr einen Netzbetreiber wie ERCOT nur noch eine Ma\u00dfgabe: Den Mangel an Erzeugungskapazit\u00e4t verwalten, das hei\u00dft Nachfrage nicht bedienen, um nicht das Netz als ganzes abst\u00fcrzen zu lassen. Das konnte vermieden werden. Die sogenannte \u201erollierende Abschaltung\u201c aber ist ein grober Klotz \u2013 wer nicht \u00fcber dezentrale Notstromanlagen verf\u00fcgt, wird zeitweilig von jeglicher Belieferung abgeschnitten, auch die Gasheizungen in den H\u00e4usern funktionieren dann nicht mehr. Die rollierende Abschaltung wird nach vorgeplanten Schematismen vollzogen, und betrifft dann jeweils eine Klein-Region. Sie ist allerdings nach Spannungsebenen differenziert vornehmbar. In diesem Fall scheint es jedoch so gewesen zu sein, dass so hohe Spannungsebenen abgeworfen wurden, dass auch Kraftwerke betroffen wurden und wegen ausgefallener Stromversorgung abschalten mussten. Die Notbremse des \u201eLastabwurfs\u201c wurde also massiv gezogen \u2013 \u201enur\u201c gut 50 Todesopfer waren die Folge. Der Schaden bei Stromkunden geht in einen zweistelligen Milliarden-Betrag.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Ursachensuche wurde bereits begonnen. Es geh\u00f6rt zu den (guten) Sitten der Branche, dass solche Abschaltereignisse hinterher immer pr\u00e4zise aufgerbeitet werden \u2013 doch das dauert nat\u00fcrlich. Im Winter 2011 wurde Texas bereits einmal von einer \u00e4hnlichen <em>Polar Vortex<\/em>-Situation betroffen, sie war im Unterschied zu der im Februar 2021 nicht so weitr\u00e4umig \u2013 aus dieser Krise wurde einige Lehren gezogen. Aus der aktuellen Krise hat Europa einiges zu lernen, weil der Planungsmechanismus der Krisenvorsorge ziemlich gleich konzipiert ist: Der \u00dcbertragungsnetzbetreiber hat Szenarien f\u00fcr den schlimmsten Verlauf der Nachfrage vorzulegen und dann zu zeigen, dass er sich die entsprechenden Erzeugungs-Kapazit\u00e4ten gesichert hat, um mit der als m\u00f6glich erachteten extremen Situation ohne Abschaltungen umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Texas wurde solche Pl\u00e4ne vorgelegt \u2013 sie konnten aber nicht gehalten werden. Nimmt man die Entscheidung zur inselartigen Getrenntheit des Stromsystems in Texas als gegeben, so geh\u00f6ren zu den Ursachen offenkundig zwei M\u00e4ngel konzeptioneller Art.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Die Schwierigkeit f\u00fcr Klimawandelleugner, sich auf klimawandelbedingte Extremsituationen einzustellen<\/h1>\n\n\n\n<p>In Texas gibt es eine herrschende Klasse, wei\u00df, konservativ, aus fossilen Energien finanziert, deren Mitglieder den menschgemachten Klimawandel f\u00fcr eine b\u00f6sartige Erfindung linker Kreise halten, um das wirtschaftsliberale Erfolgsmodell in den USA, wof\u00fcr insbesondere Texas steht, zu torpedieren. Texas ist in seiner Bev\u00f6lkerung, seiner Entstehungsgeschichte gem\u00e4\u00df, verteilt auf halb wei\u00df und halb hispanisch. Die wei\u00dfe, fossil gest\u00fctzte Klasse aber, die der Landbesitzer, hat faktisch den Staat politisch gekapert. In den USA stehen Bodensch\u00e4tze, diametral anders als bei uns in Deutschland mit seiner preu\u00dfischen Tradition, nicht dem Staat zu sondern den Landbesitzern. Das erkl\u00e4rt den ganz anderen Nutzungsdruck dort. Die mentale Akzeptanz des Klimawandels mit seiner politischen Implikation, auf Netto-Null zu kommen, ist in Texas gleichbedeutend mit einer massiven Vernichtung von Verm\u00f6gen der f\u00fchrenden Kreise.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der Trumpschen Kampagne zur Verhinderung seiner Entmachtung poppten nicht umsonst auf Bundesebene sehr prominent zwei Vertreter aus Texas auf.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Einmal der \u00f6l- und gas-finanzierte Senator Ted Cruz, der in Deutschland durch seinen Brief an den B\u00fcrgermeister von Mukran zu Ber\u00fchmtheit kam \u2013 der war es, <a aria-label=\"der im Senat die wenigen Mitglieder aus der republikanischen Fraktion anf\u00fchrte, die die Ergebnisse des Electoral Colleges, der Volkswahl, ablehnen wollten (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/nachdem-das-capitols-gebaeude-wieder-geraeumt-war\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">der im Senat die wenigen Mitglieder aus der republikanischen Fraktion anf\u00fchrte, die die Ergebnisse des Electoral Colleges, der Volkswahl, ablehnen wollten<\/a> \u2013 und dann am Morgen des 7. Januar 2021, nach R\u00fcckeroberung des Capitols, auch im Sinne derjenigen abgelehnt haben, die ihnen kurz zuvor noch nach dem Leben getrachtet hatten.<\/li><li>Und der Justizminister von Texas, <a href=\"https:\/\/www.blog-der-republik.de\/die-bestimmung-des-naechsten-us-praesidenten-ein-kampf-mit-harten-bandagen\/\" target=\"_blank\" aria-label=\"der mit seiner Klage beim Obersten Gericht vom 8. Dezember 2020 die Ausz\u00e4hlungsergebnisse anderer US-Bundesstaaten f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4ren lassen wollte (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">der mit seiner Klage beim Obersten Gericht vom 8. Dezember 2020 die Ausz\u00e4hlungsergebnisse anderer US-Bundesstaaten f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4ren lassen wollte<\/a> \u2013 und das bei der extrem auf Unabh\u00e4ngigkeit bedachten Geschichte seines Bundesstaates.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Worum es geht, wenn man denn bereit ist, den Klimawandel zu akzeptieren, wird in etlichen Analysen angedeutet. <a href=\"https:\/\/www.lawfareblog.com\/lessons-texas-grid-disaster-planning-and-investing-different-future\" target=\"_blank\" aria-label=\"Eine gelungene Formel, aus der Feder von Alexandra B. Klass (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Eine gelungene Formel, aus der Feder von Alexandra B. Klass<\/a>, Professorin an der University of Minnesota Law School, ist<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong><em>Climate change means the past is no longer an accurate guide for the future<\/em><\/strong><em> or even for the present. The <strong>sustained cold<\/strong> throughout Texas and the sustained heat waves and fires in California in 2020 are unfortunately <strong>the new normal<\/strong>,<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und dabei erkl\u00e4rt sie das nicht zu ihrer eigenen Einsicht, sondern verweist auf einen <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2021\/02\/20\/climate\/united-states-infrastructure-storms.html?action=click&amp;module=Spotlight&amp;pgtype=Homepage\" target=\"_blank\" aria-label=\"Artikel in der New York Times, in der sie diese zentrale Einsicht gefunden habe (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Artikel in der New York Times, in der sie diese zentrale Einsicht gefunden habe<\/a>. Dort liest sich das deutlich klarer:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Much of this <strong>infrastructure<\/strong> was <strong>built <\/strong>decades ago, <strong>under the expectation that the environment around it would remain stable, or at least fluctuate within predictable bounds<\/strong>. Now <strong>climate change<\/strong> is <strong>upending that assumption<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte <a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2021\/03\/Sonder-UMK-Forum-3.pdf\" target=\"_blank\" aria-label=\"seit einem Vortrag bei einer Sondersitzung der Umweltministerkonferenz im Jahre 2007 (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">seit einem Vortrag bei einer Sondersitzung der Umweltministerkonferenz im Jahre 2007<\/a> danach Ausschau, dass dieser Gedanke in Deutschland aufgenommen wird \u2013 bislang ist das nach meinem \u00dcberblick nicht der Fall.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Die Regulierungs-Grenze zwischen Strom- und Gassystem<\/h1>\n\n\n\n<p>Die Labilit\u00e4t des Stromsystems ist bestens bekannt, die \u00dcbertragungsnetzbetreiber und deren Aufsicht bem\u00fchen sich gem\u00e4\u00df angemessenen Verfahren, dieses Risiko im Blick zu behalten. An diesem Setting ist nichts auszusetzen. Das Problem ist, dass bei der planerischen Gew\u00e4hrleistung der Sicherheit in Extremsituationen unterstellt werden muss, dass das von Externen Zugesagte in der Extrem-Situation auch wirklich im Stromsystem zur Verf\u00fcgung steht. Im konkreten Fall konnten sich die Gaskraftwerksbetreiber, also Akteure unter der Regulierung des Stromsystems, nicht wirklich auf die Zusagen der Gasunternehmen verlassen \u2013 so erkl\u00e4rt sich die massive Nicht-Verf\u00fcgbarkeit einer ja bestehenden thermischen Kraftwerkskapazit\u00e4t in H\u00f6he von 30 GW. Die zum Stromsystem Externen hatten sich auf die Situation der Extremk\u00e4lte nicht so vorbereitet, wie die Elektrizit\u00e4zsplaner unterstellt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte gro\u00dfe Beinahe-Black-out in Deutschland war bezeichnenderweise ebenfalls einer mit Gas, also mit einem leitungsgebundenen, nicht in gro\u00dfen Mengen beim Kraftwerk gelagerten Brennstoff. In einer K\u00e4lteperiode kann an dem Standort eines Gaskraftwerks, welches f\u00fcr eine winterliche Spitzenlastsituation bereitgehalten wird, zeitgleich auch Gas knapp werden. Daran hatte niemand gedacht. Es fiel erst auf, als es beinahe schief ging \u2013 zum Gl\u00fcck nur beinahe. In Deutschland wird als Konsequenz erwogen, die Netzplanung f\u00fcr Strom und Gas nicht l\u00e4nger getrennt vorzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Bereitet sich Europa auf denselben Typ von Geschehen hinreichend vor?<\/h1>\n\n\n\n<p>Deutschland ist dank der Einbindung seines Stromsystems in einen \u00fcberregionalen Verbund deutlich besser dran als Texas. Allerdings ist es so, dass die oben genannten Netze in Europa nicht wirklich v\u00f6llig integriert sind, das gilt auch f\u00fcr das kontinentaleurop\u00e4ische intern. Engpass sind die sogenannten \u201eGrenzkupplungsstellen\u201c. Deren Kapazit\u00e4t wird ausgebaut, das hat seit 10 Jahren Priorit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><a aria-label=\"Der Chef der EU Agency for the Cooperation of Energy Regulators (ACER) hat sich bereits mit einer ersten Einsch\u00e4tzung zum Texas-Desaster zu Wort gemeldet (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.euractiv.com\/section\/electricity\/opinion\/texas-power-outage-lessons-from-the-eu-regulators-perspective\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" class=\"rank-math-link\">Der Chef der EU <em>Agency for the Cooperation of Energy Regulators<\/em> (ACER) hat sich bereits mit einer ersten Einsch\u00e4tzung zum Texas-Desaster zu Wort gemeldet<\/a>. Bemerkenswert daran ist aber nur, dass er die hei\u00dfen Punkte, die hier hervorgehoben, umschifft: Sowohl die Ver\u00e4nderung der Planungsgrundlage durch den Klimawandel als auch das Thema \u201egrenz\u00fcbergreifende Regulierung von Strom- und Gasystem\u201c fehlen in seinem Votum. Das kann man als Best\u00e4tigung der hier vorgelegten Analyse von \u201eJuckelpunkten\u201c lesen.<\/p>\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann In Texas gibt es eine herrschende Klasse: wei\u00df, konservativ, aus fossilen Energien finanziert, deren Mitglieder den menschgemachten Klimawandel f\u00fcr eine b\u00f6sartige Erfindung linker Kreise halten, um das wirtschaftsliberale Modell in den USA zu torpedieren. Ab dem 15. Februar 2021 war es aufgrund von Klimaver\u00e4nderungen in Texas zeitweise k\u00e4lter als in &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-versagen-des-gas-und-stromsystems-in-texas-im-februar-2021-ein-lehrstueck-fuer-die-kosten-der-leugnung-des-klimawandels\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDas Versagen des Gas- und Stromsystems in Texas im Februar 2021 \u2013 Ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr die Kosten der Leugnung des Klimawandels\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":49,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-878","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/878","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=878"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/878\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":880,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/878\/revisions\/880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=878"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}