{"id":959,"date":"2021-10-13T15:46:01","date_gmt":"2021-10-13T13:46:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/?page_id=959"},"modified":"2021-10-13T15:49:36","modified_gmt":"2021-10-13T13:49:36","slug":"nochmals-das-texas-strom-desaster-seine-mechanik-beim-spiel-am-abgrund","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/nochmals-das-texas-strom-desaster-seine-mechanik-beim-spiel-am-abgrund\/","title":{"rendered":"Nochmals: Das Texas-Strom-Desaster \u2013 seine &#8222;Mechanik&#8220; beim Spiel am Abgrund"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der Kapitalismus hat den Texanern bei den St\u00f6rungen in der Energieversorgung im Februar 2021 seine Fratze gezeigt: Wegen v\u00f6llig dysfunktionalen Geizes, als &#8222;Effizienz&#8220; verbr\u00e4mt, haben Kapitalgesellschaften, denen man ein nat\u00fcrliches Monopol zur Bewirtschaftung in einer Art Wettbewerb einger\u00e4umt hatte, massive Werte real zerst\u00f6rt \u2013 ohne daf\u00fcr haften zu m\u00fcssen. Zugleich haben diese Gesellschaften es geschafft, dass Tausende von Texanern in die Finanzknechtschaft gehen, weil sie unvorsichtig Vertr\u00e4ge geschlossen hatten, welche den Finanzhaien nun, vermutlich zu ihrer eigenen \u00dcberraschung, ein leistungsloses Einkommen von 50 Milliarden US-Dollar in die B\u00fccher sp\u00fclt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-313\" title=\"Foto: Nata Uchava, Freiburg.\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2021\/10\/211013-HJL-3.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\">\n<hr>\n&nbsp;\n\n\n\n<p><em>Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnliche Winterst\u00fcrme, die im Februar 2021 die Mitte der USA heimsuchten, hatten in Texas besonders schwerwiegende Folgen. Es kam zu massiven St\u00f6rungen der Stromversorgung \u2013 und auch der Gasversorgung \u2013 \u00fcber eine Woche, beginnend am 13. Februar 2021, das dramatische Ereignis ist hier bereits zweimal Thema gewesen. Rund ein Drittel der Bev\u00f6lkerung in Texas war von Unterbrechungen der Stromversorgung betroffen; mindestens 250 Todesopfer hat es gegeben. Der wirtschaftliche Schaden, durch Zerst\u00f6rung und Produktionsausfall zusammen, wird auf mindestens 130 Milliarden US-Dollar gesch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-versagen-des-gas-und-stromsystems-in-texas-im-februar-2021-ein-lehrstueck-fuer-die-\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die erste Thematisierung galt dem Lehren-Ziehen innnerhalb des US-Bundesstaates Texas<\/a>. Das Ph\u00e4nomen ist ja das einer bemerkenswerten Verstocktheit oder Lernschw\u00e4che. Diese Krise war die dritte in Folge, zwei strukturell gleiche Krisen waren zuvor, in den Jahren 1989 und 2011, im selben Stromsystem, dem von Texas, eingetreten. Erl\u00e4utert wurde, weshalb die nicht daf\u00fcr ausgereicht haben, dass angemessene Lehren gezogen wurden. Die Antwort lautete: Sch\u00e4den alleine, also gleichsam \u201eschwarze P\u00e4dagogik\u201c, sind kein geeignetes p\u00e4dagogisches Konzept. Das Lernen wird behindert, wenn die \u00fcbergeordnete Ideologie sagt: Es darf nicht sein. \u201eEs\u201c war hier der menschgemachte Klimawandel und die Integration in das US-weite Stromausgleichssystem.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/das-texas-strom-desaster-2-teil-die-rolle-von-erdgas-im-stromsystem\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die zweite Thematisierung nahm das Bed\u00fcrfnis auf, Lehren aus dem Desaster im fernen Texas auf Europa zu \u00fcbertragen<\/a> \u2013 die Chance zu ergreifen, aus dem Schaden Dritter rechtzeitig klug zu werden, ist bekanntlich die effizienteste Form zu lernen. Hier bei uns in Europa befindet sich das Stromsystem im Umbau (\u201eEnergiewende\u201c) hin auf eine tragende Abst\u00fctzung auf volatile Erneuerbaren-Quellen. Das triggert \u2013 zu Recht \u2013 Bef\u00fcrchtungen um die Sicherheit unseres Stromsystems. Also ist es potentiell fruchtbar zu eruieren, ob aus dem Drama in Texas beziehungsweise \u00fcberhaupt aus dem Umgang in den USA mit dem Stromsystem im \u00dcbergang zu einer Dominanz von Erneuerbaren-Quellen, in Europa beziehungsweise Deutschland Lehren gezogen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen beiden Thematisierungen war darauf hingewiesen worden, dass es sich um einen Ausfall im Stromsystem gehandelt hat, der nur durch ein Zusammenspiel mit Dysfunktionalit\u00e4ten im Erdgassystem zu erkl\u00e4ren ist. Wenn die Silo-Philosphie gilt, wenn das Stromsystem isoliert gesehen und so reguliert wird, dass ein Funktionieren ungest\u00f6rt von allem, was au\u00dferhalb des Stromsystems ist, nicht nur unterstellt wird sondern die Regulierer dies sogar trotz begr\u00fcndeter Zweifel beziehungsweise besseren Wissens zu unterstellen gezwungen sind, dann sei es kein Wunder, dass es schief geht, wenn ein Extremereignis eintritt, welches beide Systeme, Gas und Strom, gleichzeitig beeintr\u00e4chtigt. So war es gekommen mit dem massiven Einbruch arktischer K\u00e4lte tief in den S\u00fcden Texas\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier nun wird ein dritter Anlauf unternommen. Anlass ist, dass zwei erhellende Beitr\u00e4ge erschienen sind, die geeignet sind, das Narrativ zu pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/reader.elsevier.com\/reader\/sd\/pii\/S2214629621001997?token=F627453C2156C1C842B9D12017B001630DF3E2D4C0AA4EF1BE18573EAC109501763B39ED81D2E65A37638DC5E43163E4&amp;originRegion=eu-west-1&amp;originCreation=202110012\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">In dem einen wird gleichsam die \u201eMechanik\u201c des Zusammenbruchs genauer analysiert und verstanden<\/a> \u2013 es handelt sich um einen eskalierenden Vorgang des (negativen) Zusammenspiels von Ausf\u00e4llen im Stromsystem einerseits und im Gassystem andererseits. Das hei\u00dft die Gr\u00f6\u00dfe des Ausfalls, das Desastr\u00f6se, ist nicht proportional zum k\u00e4ltebedingten Ausfall von Stromerzeugungsanlagen, im wesentlichen auf Gasbasis; sie ist auch nicht proportional zum frostbedingten Ausfall von Gasf\u00f6rder- beziehungsweise -transportanlagen. Es hat vielmehr ein beidseitiges Aufschaukeln gegeben, indem die Knappheit an verf\u00fcgbarem Gas zu einer Knappheit an Stromerzeugungskapazit\u00e4t gef\u00fchrt hat; um einen Zusammenbruch des Stromsystems zu vermeiden, wurden \u00f6rtlich und zeitlich beschr\u00e4nkt Abschaltungen der Stromversorgung vorgenommen, die nicht vorher ge\u00fcbt waren und unintendiert die Funktionalit\u00e4t des verbleibenden frostresistenten Teil des Gassystems weiter eingeschr\u00e4nkt haben \u2013 was die Notwendigkeit von Abschaltungen im Stromsystem erh\u00f6hte und so weiter und so weiter.<\/li><li><a href=\"https:\/\/cadmus.eui.eu\/bitstream\/handle\/1814\/72460\/RSC%202021_71.pdf?sequence=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">In dem andereren Beitrag werden Lehren f\u00fcr den in Europa hei\u00df diskutierten sogenannten \u201eKapazit\u00e4ts-Mechanismus\u201c als Mittel der Wahl gegen die zunehmende Verletzlichkeit des Stromsystems abgeleitet<\/a>.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Der Mechanismus der wechselseitigen Eskalation der mangelnden Verf\u00fcgbarkeit von Strom und Gas<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 2019 verbrauchte Texas etwa die H\u00e4lfte des Erdgases, welches es f\u00f6rdert, der Rest wurde exportiert. Umso verbl\u00fcffender ist, dass w\u00e4hrend des Wintersturms im Februar 2021 Texas nicht in der Lage war, seinen eigenen Bedarf an Gas zu decken. Erkl\u00e4rlich wird das vor folgendem Hintergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer wird in Texas fast alles Gas, welches im Sektor Haushalte und Kleinverbrauch verbraucht wird, indirekt konsumiert, \u00fcber Elektrizit\u00e4t, die zum Antrieb der Klimaanlagen dient. Im Winter dagegen wird Gas auch direkt genutzt, um Geb\u00e4ude zu heizen \u2013 zus\u00e4tzlich wird Gas an Kraftwerke geliefert, um indirekt Geb\u00e4ude mit Elektrizit\u00e4t zu heizen. Etwa 60 Prozent der Geb\u00e4ude in Texas wird mit Elektrizit\u00e4t geheizt, der Rest mit Pipeline-Gas (ein kleiner Teil mit Propan).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Krise von 2021 war etwa 40 Prozent der Gas-F\u00f6rderkapazit\u00e4t nicht verf\u00fcgbar. Die Systeme zur Versorgung mit Strom, Gas und Wasser in Texas sind miteinander gekoppelt \u2013 ein Versagen in einem von ihnen kann zu aufschaukelnden Effekten in den verbundenen Systemen f\u00fchren. Das Gassystem braucht Strom, das Stromsystem seinerseits braucht Gas. Gibt es nicht gen\u00fcgend Gas, so begrenzt das die F\u00e4higkeit, Strom zu produzieren, <em>et vice versa<\/em> \u2013 ein Teufelskreis. Stromausf\u00e4lle k\u00f6nnen zu einem Ausfall in der Wasserversorgung f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den scharfen Abfall der Stromproduktion aus Gas im H\u00f6hepunkt der Krise verantwortlich sind vier Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Einfrieren der Gasquellen,<\/li><li>Einfrieren von Gas-Sammel-Leitungen,<\/li><li>Ausfall der Stromversorgung von Kompressorstationen f\u00fcr den Abtransport des Gases,<\/li><li>Ausfall von Funktionen bei Kraftwerken, die f\u00fcr den Sommerbetrieb ausgelegt sind, deshalb meist nicht in einem Geb\u00e4ude untergebracht, also im Winter ohne diese sch\u00fctzende H\u00fclle sind.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt ein fast absurder Grund. Gas-F\u00f6rderer w\u00e4hlen meist unterbrechbare Stromvertr\u00e4ge, um ihren Strom g\u00fcnstig zu beziehen. Nun sind ihre Anlagen Teil der kritischen Infrastruktur. Deshalb sind die Unternehmen gehalten, ein Formular auszuf\u00fcllen, welches sie davor bewahren soll, im Ernstfall \u2013 vertragsgerecht \u2013 von der Versorgung mit Strom abgetrennt zu werden. Ein Lastabwurf in der Krise ist Ergebnis eines v\u00f6llig automatisierten Prozesses, der \u00fcber Datenbanken gesteuert wird. Fehler in den Datenbanken zeigen sich dann in der Krise. Hier war der Fehler, dass eine signifikante Anzahl von Gasf\u00f6rderunternehmen vers\u00e4umt hatte, ihre Formulare auszuf\u00fcllen, somit nicht veranlasst hatte, ihre Anlagen als Teil der kritischen Infrastruktur zu rubrizieren. Die Elektrizit\u00e4tsversorger haben folglich in der Krise, unwissend, einigen Gas-F\u00f6rder und -Weiterverarbeitungsanlagen den Strom abgedreht, was den Druck in den Gasleitungen weiter vermindet hat. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass weitere Kraftwerke abgeschaltet werden mussten, weil ihnen das Gas fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungef\u00e4hr 20 Prozent der gesamten Abschaltungen (mehr als 9 GW) resultierte daher, dass das eigentlich verf\u00fcgbare Gas die Kraftwerke nur in unzureichenden Mengen erreichte. Das war bei der Krise in 2011 auch schon so gewesen, in den Evaluationen danach war auf dieses Risiko auch immer warnend hingewiesen worden. Getan aber hat die Gas-Industrie wenig, um das Problem zu beheben \u2013 warum sollte sie auch. Newcomer, Unternehmen, die erst nach 2011 auf dem Markt kamen, wussten nichts davon, dass sie Formulare auszuf\u00fcllen hatten f\u00fcr dieserart Notfall. Mitten in der Krise im Februar 2021 erhielt zum Beispiel der Stromversorger Oncor panische Anrufe mit der Aufforderung, 150 Gas-F\u00f6rderanlagen im Permischen Bassin, denen es den Strom abgeschaltet hatte, wieder zu versorgen. Der Schiefergas-Boom im Permischen Bassin setzte meistenteils erst nach 2011 ein, und er steigerte die Verletzlichkeit: Die dortige Gas-F\u00f6rderung st\u00fctzt sich in besonders hoher Weise auf Elektrizit\u00e4t ab und ist reich an fl\u00fcssigen Beiprodukten, was sie besonders anf\u00e4llig macht f\u00fcr das Risiko eines Einfrierens unter winterlichen Extrembedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es h\u00e4tte aber noch viel schlimmer kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des arktischen K\u00e4lteeinbruchs, am Nachmittag des 14. Februar 2021, schoss gleichsam die Stromnachfrage pl\u00f6tzlich nach oben, auf 66 GW. Die maximale Nachfrage, die ERCOT in seinem Extrem-Winter-Szenario durchgespielt hatte, lag bei 67,2 GW. Alsbald erreichte die Erzeugung den Gipfel von 68,8 GW, f\u00fcr den 15. Februar wurde ein Anstieg der Nachfrage auf 76,8 GW vorausgesch\u00e4tzt. Als die Nachfrage erwartungsgem\u00e4\u00df stieg, das Angebot aber nicht nur nicht mitkam sondern dramatisch abfiel, rief ERCOT den <em>Energy Emergency Alert<\/em> (EEA) Stufe 3 aus \u2013 erstmals seit Februar 2011. F\u00fcr den fr\u00fchen Morgen des 15. Februar wurden Lastabw\u00fcrfe angeordnet. Die waren urspr\u00fcnglich als \u201erotierend\u201c gedacht, aber da der eskalierende Effekt sich bemerkbar machte, die Verf\u00fcgbarkeit von Erzeugungsanlagen immer mehr abnahm, wurden aus den erwarteten \u201e<em>rolling blackouts<\/em>\u201c f\u00fcr viele Kunden Mehr-Tages-Abschaltungen (als \u201e<em>controlled outage<\/em>\u201d bezeichnet). Die Strommengen, die f\u00fcr kritische Infrastrukturen vorzuhalten waren, lie\u00dfen keinen Platz mehr f\u00fcr eine Rotation, f\u00fcr ein zeitweises Wiedereinschalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Stromsystem ist extrem labil. Stabil ist es nur, sofern zu jedem Zeitpunkt im gesamten Netzgebiet Angebot gleich Nachfrage ist. Ist das nicht der Fall, dann verl\u00e4sst die Netzspannung den in den USA geltenden Regel-Wert von 60,00 Hertz \u2013 bei zwei Hundertstel Abweichung nach oben oder unten wird bereits ausgleichend eingegriffen, um einen Kollaps zu vermeiden. ERCOT gelang es, wenn auch nur sehr knapp, einen vollst\u00e4ndigen Zusammenbruch des Stromsystems zu vermeiden \u2013 das h\u00e4tte fast alle 26 Millionen Texaner ohne Strom gelassen; und das f\u00fcr eine geraume Zeit. Unter den Bedingungen des Wintersturms, in dieser einen Woche, w\u00e4re es kaum gelungen, den Prozess des schrittweisen Wiederanfahrens des Systems erfolgreich abzuschlie\u00dfen. Der h\u00e4tte Wochen wenn nicht Monate dauern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"550\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-content\/uploads\/sites\/12\/2021\/10\/211013-HJL-Kolumne-1024x550.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-954\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Morgen des 15. Februar ging die Frequenz im Texanischen Stromnetz zur\u00fcck auf unter 59,4 Hz, und zwar f\u00fcr vier Minuten und 23 Sekunden \u2013 vergleiche die Abbildung (<a href=\"https:\/\/reader.elsevier.com\/reader\/sd\/pii\/S2214629621001997?token=F627453C2156C1C842B9D12017B001630DF3E2D4C0AA4EF1BE18573EAC109501763B39ED81D2E65A37638DC5E43163E4&amp;originRegion=eu-west-1&amp;originCreation=202110012\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Quelle<\/a>), die das H\u00e4ngen am Abgrund zeigt. W\u00e4re sie da f\u00fcr volle neun Minuten geblieben, so w\u00e4re das Netz, so ERCOT, kollabiert. Dann w\u00e4re der gesamte Staat nicht nur ins Dunkel abgest\u00fcrzt, dann w\u00e4re es zu einem Ausma\u00df der Katastrophe in Texas gekommen, welches in Emmerichs Film \u201eThe Day after Tomorrow\u201c angemessen erz\u00e4hlt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was h\u00e4tte ein Kapazit\u00e4tsmechanismus gebracht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u201eKapazit\u00e4tsmechanismus\u201c ist eine Regelung, meist eine Subvention, die einen finanziellen Anreiz bietet, auf dass Marktteilnehmer willk\u00fcrlich einsetzbare Stromerzeugungsanlagen errichten. Zur Legitimierung spielt im Hintergrund die begriffliche Vorstellung, dass es im Strommarkt eigentlich zwei G\u00fcter \u201egebe\u201c, die Kapazit\u00e4t einer Erzeugungsanlage und die erzeugte Kilowattstunde. Anders formuliert: Nachgefragt werde ein Dual aus Last und Menge. Der moderne, mit der Strommarktliberalisierung eingef\u00fchrte \u201e<em>Energy only Market<\/em>\u201c (EoM) sei defizient, weil er allein die erzeugte Kilowattstunde zur Bezahlung zul\u00e4sst, deren Wert sich an den Grenzkosten orientiert. Es besteht die Sorge, dass ein Stromsystem, welches (allein) dem Regime des EoM unterworfen ist, keine ausk\u00f6mmlichen Ertr\u00e4ge und somit Anreize bietet, dass hinreichend Kapazit\u00e4ten errichtet werden. Es besteht die Sorge, dass der EoM durch sein einseitiges beziehungsweise unvollst\u00e4ndiges Design das Stromsystem in die Krise und damit sich selbst in den Absturz man\u00f6vriere. Diese Sorgen steigern sich mit dem zunehmenden Erfolg der Erneuerbaren-Kraftwerke, der Erh\u00f6hung ihres Anteils an der Stromerzeugung. Die Grenzkosten von PV- und Wind-Kraftwerken n\u00e4mlich sind Null; und sie sind nicht willk\u00fcrlich einsetzbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei haben akademische Studien in den 1980er Jahren nahegelegt, dass ein liberalisierter und gut konzipierter Strommarkt, mit Spot Pricing f\u00fcr Electrizit\u00e4t auf einem <em>Energy-only<\/em>-Markt, ausk\u00f6mmlich sein kann f\u00fcr den Neubau von Kraftwerken, also ihn auch zu stimulieren in der Lage sein d\u00fcrfte. In Wirklichkeit aber war ein striktes Sich-Verlassen auf den EoM, um Investitionen in Kraftwerke zu stimulieren, in der EU nicht zu beobachten. Die gro\u00dfe Mehrheit der get\u00e4tigten Investitionen in neue Stromerzeugungsanlagen in der EU in den letzten Jahrzehnten hat mindestens eine Art Unterst\u00fctzung erhalten, zus\u00e4tzlich zu den Ertr\u00e4gen aus dem auf die kurze Frist orientierten Markt. Die beiden wichtigsten Zuwendungsarten sind Subventionen f\u00fcr Erneuerbaren-Kraftwerke und eben Kapazit\u00e4tsmechanismen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa haben inzwischen 13 Staaten eine Art Kapazit\u00e4tsmechanismus eingef\u00fchrt. Allerdings gleichsam aus dem Bauch heraus \u2013 eine Notwendigkeit daf\u00fcr konnte bei neun von ihnen nicht \u00fcberzeugend nachgewiesen werden. Diese neun Staaten sind Griechenland, Bulgarien, Polen, Finnland, Deutschland, Gro\u00dfbritanien, Irland (SEM), Spanien und Portugal. Das sind beinahe ausschlie\u00dflich Staaten in europ\u00e4ischer Randlage, mit Deutschland als r\u00e4tselhafter Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum methodischen Hintergrund: Unter der Regulierung in Europa (Art. 20 und 23 Regulation (EU) 2019\/943) sind die Netzbetreiber f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des Stromsystems verantwortlich. Vertreten werden sie durch das European Network for Transmission System Operators for Electricity (ENTSO-E), welches allj\u00e4hrlich ein sogenanntes European Resource Adequacy Assessment vorzulegen hat. Abgebildet wird da jedes Jahr einer Zehn-Jahres-Periode in Zukunft, die Daten werden bereitgestellt von den jeweiligen nationalen Netzbetreibern. <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/energy\/sites\/default\/files\/methodology_for_the_european_resource_adequacy_assessment.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die Methodologie zur Durchf\u00fchrung dieses Assessments<\/a> ist am 2. Oktober 2020 erst ver\u00f6ffentlicht worden. Das neue Sicherheitskonzept f\u00fcr den Strommmarkt, welches das bisherige (n-1)-Konzept gleichsam abgel\u00f6st hat, ist recht jung noch.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Einf\u00fchrung eines Kapazit\u00e4tsmechanismus gilt in Europa die Regel, dass er nur dann legitim ist, wenn es ein Kapazit\u00e4tsproblem, einen Mangel, auch (absehbar) gibt. Andernfalls liegt der Verdacht einer unzul\u00e4ssigen Beihilfe nahe. Die obige Feststellung eines fehlenden Problems in neun F\u00e4llen basiert auf dieserart Untersuchung seitens ENTSO-E, also von der europ\u00e4ischen Warte aus. Selbstverst\u00e4ndlich machen auch die nationalen Netzbetreiber, f\u00fcr deren Teil des Gesamtnetzes, solche Resource Adequacy Assessments. Das Problem bei den nationalen Assessments ist, dass sie die Ressourcen aus dem europaweiten Verbund systematisch ausblenden, weil sie die m\u00f6glichen Leistungen an den Grenzkuppelstellen \u201evorsichtshalber\u201c untersch\u00e4tzen. Der entscheidende Vorteil des europaweiten Ansatzes ist, dass dieser Mangel, die dadurch methodisch erzwungene nationale \u00dcbersch\u00e4tzung eines Bedarfs zuzubauender Kapazit\u00e4ten, behoben werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>All das wird in den USA selbstverst\u00e4ndlich ebenfalls erwogen. In einigen Regionen der USA ist ein Kapazit\u00e4tsmechanismus eingef\u00fchrt, in Texas, unter F\u00fchrung dessen Electric Reliability Council of Texas (ERCOT), war das nicht der Fall. Also gibt es dort nun eine Debatte, ob ein Kapazit\u00e4tsmechanismus das Mittel der Wahl gewesen w\u00e4re, um die diesmalige Wiederholung des Desasters zu vermeiden. In Texas haben sich zur Untersuchung des Versagens im Februar 2021 sechs ehemalige Mitglieder der Public Utility Commission of Texas (PUCT) zusammengetan \u2013 diese zivilgesellschaftliche Initiative ist Ausdruck eines Mi\u00dftrauens in die offizielle Aufarbeitung, die zweimal zuvor zu unzureichenden Konsequenzen gef\u00fchrt hatte. <a href=\"https:\/\/cgmf.org\/blog-entry\/435\/REPORT\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Das Ergebnis dieser Pr\u00fcfung ist, gefasst in Recommendation 5-3<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>The blackouts in February were not due to the lack of generation capacity within ERCOT, but rather to the failure of many generators to prepare their hardware and fuel supplies adequately for the Arctic weather; <strong>a capacity market would not have prevented this outcome<\/strong><\/em>\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist, dass und wie man denn doch, in der typisch texanischen Voreingenommenheit f\u00fcr \u201eM\u00e4rkte\u201c als Ausdruck von Freiheit, meinte vorgesorgt zu haben f\u00fcr Situationen extremer Knappheit. Prinzipiell ist ja schon richtig, dass der Ausgleich im Stromsystem nicht allein durch das Angebot, durch Kraftwerke, zu erbringen ist sondern auch durch die Nachfrage. Also hat man eine Vorkehrung, die es seit 2015 auch in Europa gibt, genutzt. Da wird f\u00fcr die Stromm\u00e4rkte in kurzer Frist ein H\u00f6chst- und ein Mindestpreis vorgesehen. In Texas nun konnten Normalverbraucher sogenannte. \u201e<em>real-time price<\/em>\u201c-Vertr\u00e4ge ordern, die Gro\u00dfhandelspreise so f\u00fcr sich wirksam machen. Als es zum Lastabwurf kam, hat ERCOT geschlossen: Der H\u00f6chstpreis habe zu gelten. Diese Normalkunden aber hatten keine Chance, auf den H\u00f6chstpreis in Dauerstellung zu reagieren. Die Rechnung, die ihnen dann gestellt wurde, trieb sie in den Konkurs, zerst\u00f6rte ihr Leben. Der finanzielle Effekt der wenigen Tage im Februar 2021 sind 50 Milliarden US-Dollar ausstehende Schulden von Stromkunden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lehren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Der Kapitalismus hat den Texanern seine Fratze gezeigt: Wegen v\u00f6llig dysfunktionalen Geizes, als \u201eEffizienz\u201c verbr\u00e4mt, haben Kapitalgesellschaften, denen man ein nat\u00fcrliches Monopol zur Bewirtschaftung in einer Art Wettbewerb einger\u00e4umt hatte, massive Werte real zerst\u00f6rt \u2013 ohne daf\u00fcr haften zu m\u00fcssen. Zugleich haben sie es geschafft, dass Tausende von Texanern in die Finanzknechtschaft gehen, weil sie unvorsichtig Vertr\u00e4ge geschlossen hatten, welche den Finanzhaien nun, vermutlich zu ihrer eigenen \u00dcberraschung, ein leistungsloses Einkommen von 50 Milliarden US-Dollar in die B\u00fccher sp\u00fclt \u2013 nun m\u00fcssen sie es nur noch an die ber\u00fcchtigten Inkasso-B\u00fcros zum Eintreiben geben.<br>Warum sollten sie lernen aus der Krise? Das ist von ihrem Standpunkt aus nicht wirklich einzusehen.<\/li><li>Angesichts des in der Katastrophe offenbarten Schutzniveaus kritischer Infrastrukturen in den USA fragt man sich: Weshalb sollte man b\u00f6se fremde M\u00e4chte f\u00fcrchten, dass sie die kritischen Infrastrukturen \u201ahacken\u2019? Es reicht doch offenkundig, sich selbst zu f\u00fcrchten.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kapitalismus hat den Texanern bei den St\u00f6rungen in der Energieversorgung im Februar 2021 seine Fratze gezeigt: Wegen v\u00f6llig dysfunktionalen Geizes, als &#8222;Effizienz&#8220; verbr\u00e4mt, haben Kapitalgesellschaften, denen man ein nat\u00fcrliches Monopol zur Bewirtschaftung in einer Art Wettbewerb einger\u00e4umt hatte, massive Werte real zerst\u00f6rt \u2013 ohne daf\u00fcr haften zu m\u00fcssen. Zugleich haben diese Gesellschaften es geschafft, &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/nochmals-das-texas-strom-desaster-seine-mechanik-beim-spiel-am-abgrund\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eNochmals: Das Texas-Strom-Desaster \u2013 seine &#8222;Mechanik&#8220; beim Spiel am Abgrund\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":42,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-959","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/959","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=959"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/959\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":963,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/959\/revisions\/963"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/hans-jochen-luhmann\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=959"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}