{"id":356,"date":"2023-01-11T16:06:48","date_gmt":"2023-01-11T15:06:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/?page_id=356"},"modified":"2023-01-11T16:06:49","modified_gmt":"2023-01-11T15:06:49","slug":"kissinger-warnt-mit-analogien-zum-ersten-weltkrieg","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/kissinger-warnt-mit-analogien-zum-ersten-weltkrieg\/","title":{"rendered":"Kissinger warnt mit Analogien zum Ersten Weltkrieg"},"content":{"rendered":"\n<p>Henry Kissinger ist beinahe 100 Jahre alt. Er versammelt in einzigartiger Weise historisches Wissen aus Augenzeugenschaft und Studium. <a href=\"https:\/\/www.spectator.co.uk\/article\/the-push-for-peace\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Am 17. Dezember 2022 hat er sich in The Spectator ge\u00e4u\u00dfert<\/a>, in unnachahmlicher Pr\u00e4zision und Kondensation. Er nimmt den sogenannten \u201eErsten Weltkrieg\u201c als Folie, um uns Heutige zum Krieg in der Ukraine zu lehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der eben ge\u00e4u\u00dferte Vorbehalt zum \u201eErsten Weltkrieg\u201c \u2013 Kissinger benutzt im warnenden Titel seines Aufsatzes diese Benennung nicht \u2013 bezieht sich nicht darauf, dass der Krieg 1914\/18 etwa nicht der Erste Weltkrieg gewesen sei; das war er zweifellos. Der Vorbehalt bezieht sich darauf, ob man ihn trennen kann, ob man im historischen Narrativ nicht vielmehr sagen muss: Die drei Kriege 1870\/71, 1914-18 (eigentlich, nimmt man den polnisch-sowjetischen sowie den t\u00fcrkisch-griechischen Krieg hinzu, bis 1922) und 1939-1945 (beziehungsweise bis 1949) sind eigentlich einer, wenn auch mit Unterbrechungen. Die Fortsetzungen wurden n\u00e4mlich geboren aus dem Siegfriedens-Charakter der jeweiligen Kriegsbeendigung. Das war jeweils ein Oktroi, zelebriert aus innenpolitischen Zw\u00e4ngen der jeweiligen Siegerm\u00e4chte heraus, der dann absehbar elementare Revanchegel\u00fcste triggerte. Nach einer Regenerationspause, die auch zur Aufr\u00fcstung genutzt wurde, entluden sie sich erneut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entfalte hier drei von Kissingers impliziten Hinweisen ein wenig.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\" start=\"1\">\n<li><strong>Paar-Bildung und Paar-Konflikt<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Kissinger enth\u00e4lt sich jeglicher Wortwahl dazu, welcher Konfliktpartner den Krieg 1914 angefangen habe. Stattdessen hei\u00dft es bei ihm<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c<em>the <strong>first world war<\/strong> was a kind of <strong>cultural suicide<\/strong> that destroyed Europe\u2019s eminence. Europe\u2019s leaders sleepwalked \u2026 into a conflict which none of them would have entered had they foreseen the world at war\u2019s end in 1918. In the previous decades, they had expressed their rivalries by creating two sets of alliances whose strategies had become linked by their respective schedules for mobilisation. As a result, in 1914, the murder of the Austrian Crown Prince in Sarajevo \u2026 <strong>was allowed to escalate into a general war<\/strong>.<\/em>\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kissinger ist ein Krieg somit nichts von einer Seite Aufgezwungenes, es braucht zum sogenannten \u201eAusbruch\u201c vielmehr immer zwei, das ist die Zustimmung beider Seiten. Es ist nicht viel anders als bei jedem hundsgew\u00f6hnlichen Paar-Konflikt. Eines aber ist anders: Staaten gibt es schlie\u00dflich viele. Bei Staaten steht zun\u00e4chst die Schaffung von Dualit\u00e4t an, das nennt man \u201eBildung von Allianzen\u201c \u2013 dann erst hat man eine Paar-Konstellation. Die zu schaffen, ist nichts Selbstverst\u00e4ndliches, man erkennt es daran, wie viele Staaten in der Welt sich heute dem westlichen Druck der Paar-Bildung entziehen, wenn auch einzur\u00e4umen ist, dass der Westen von jener Rigorosit\u00e4t eines George Walker Bush Abstand h\u00e4lt, der 2001 zu der Formel griff \u201eWer nicht f\u00fcr uns ist, ist gegen uns.\u201c Bin\u00e4re Allianzbildung ist vielmehr eine erstaunliche Leistung, n\u00e4mlich die Verengung der h\u00f6chst unterschiedlichen Interessen einer eigentlich diversen Staatengemeinschaft in der Wahrnehmung. Zu gelingen hat, dass hinterher \u201edie\u201c gegen \u201euns\u201c stehen. Demokraten gegen Autorit\u00e4re sind heute die gegriffenen Namen f\u00fcr diese Polarit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wundersame an dem aktuellen Vorgang unter F\u00fchrung der Biden-Administration ist, dass heute die T\u00fcrkei, Ungarn, Polen und sogar Japan, aber auch die beiden Staaten mit dem traditionellen angels\u00e4chsischen \u201e<em>winner-takes-all<\/em>\u201c-Wahlsystem, USA und Gro\u00dfbritannien, welches der Europarat als unvertr\u00e4glich mit den Prinzipien eines Wahlsystems nach den Grunds\u00e4tzen derVenedig-Kommission bezeichnen w\u00fcrde, ohne n\u00e4here Pr\u00fcfung ihres jeweiligen Rechtssystems als Rechtsstaaten und Demokratien durchgehen.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\" start=\"2\">\n<li><strong>Eskalationsdynamiken<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Voraussetzung f\u00fcr <em>allow to escalate<\/em> sind auch langj\u00e4hrige milit\u00e4rische Vorbereitungen, die sich zun\u00e4chst einmal gegenseitig hochschaukeln \u2013 einmal angesto\u00dfen aber ribbeln sie sich auch beidseitig wieder auf wie bei einer Laufmasche. Zur Hochschaukel-Vorgeschichte heute, vor dem Knall, geh\u00f6ren<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"a\">\n<li>die milit\u00e4rischen Vorbereitungen der USA im Verbund mit Kanada und UK seit 2017, die Ukrainische Armee (UAF) in Stand zu setzen, die okkupierten Donbass-Gebiete und die Krim wieder zur\u00fcckzuerobern;<\/li>\n\n\n\n<li>das am 24. M\u00e4rz 2021 unterzeichnete Regierungsdekret Selenskis \u201e\u00fcber die De-Okkupation und R\u00fcckeroberung der Krim und der Donbass-Region\u201c, also daf\u00fcr entsprechende Vorbereitungen zu treffen;<\/li>\n\n\n\n<li>dass Russland daraufhin im April 2021 seinen schlie\u00dflich enormen Truppenaufmarsch an den Grenzen der Ukraine begann. Eine Unterbrechung des Truppenaufbaus gab es einmal, im Juni 2021 \u2013 da stoppten die USA eine Waffenlieferung an die Ukraine im Wert von 100 Millionen US-$, nachdem Russlands Pr\u00e4sident angek\u00fcndigt hatte, seine Truppen zur\u00fcckzuziehen. Offenbar hatte es zum Truppenaufmarsch quid-pro-quo-Verhandlungen zwischen den USA und Russland gegeben.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>All das war im Westen, in dessen \u00d6ffentlichkeiten, nicht zur Kenntnis genommen worden \u2013 und findet bis heute nur Desinteresse. Was die Regierungen in Europa sich von April bis Dezember 2021 gedacht haben, ist bis heute unthematisiert. In Deutschland wurde Frau Merkel das nicht gefragt, in s\u00e4mtlichen Interviews, die mit ihr gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und letztens: Europa ist heute, in diesem Bild, in der Rolle \u00d6sterreichs \u2013 eine Gro\u00dfmacht, mit bislang besten Aussichten f\u00fcr seine weitere Entwicklung; jedoch milit\u00e4risch unerfahren und zudem abh\u00e4ngig von seinem Allianzpartner USA. Wie \u00d6sterreich damals befeuert Europa heute seinen dominanten Allianzpartner kriegerisch immer weiter in die Eskalation \u2013 ohne zu bedenken, was sein Schicksal mit dem \u201eerfolgreichen\u201c Ausgang des Krieges sein wird. Sehr wahrscheinlich wird es ein ganz anderes sein als das des fernen Amerikas, welches durch einen Ozean getrennt ist von den hiesigen Nach-Wirren eines Ergebnisses, welches den Titel \u201eSieg der Ukraine, Niederlage Putins\u201c tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\" start=\"3\">\n<li><strong>Traumata<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Der Krieg in der Ukraine w\u00fctet nun schon ein dreiviertel Jahr. Auf jeder der beiden Seiten wird es bereits um die 100.000 Tote gegeben haben, die Verwundeten sind erfahrungsgem\u00e4\u00df um den Faktor zwei h\u00f6her. Hinzu kommen die kriegs\u00fcblichen Gewalttraumata. Die Literatur, die drei\u00dfig Jahre nach dem Krieg noch geschrieben werden wird, aus dem Erleben beider Seiten, kann ein in der Nachkriegsliteratur von 1914-18 und 1939-45 erfahrener Leser sich heute schon ausmalen. Insbesondere <a href=\"https:\/\/www.laender-analysen.de\/ukraine-analysen\/275\/filtration-system-ablauf-und-ziele\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">die \u201cFiltrationslager\u201c<\/a>, und zwar die beider Seiten, sind f\u00fcr die dort durchgeschleusten Personen ein Albtraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Kissinger bringt die Gewalterfahrungs-Falle, die man durch Laufen-Lassen des Krieges selber produziert und in die man dann fast zwangsl\u00e4ufig tappt, qua Analogie so auf den Punkt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong><em>In August 1916<\/em><\/strong><em>, after two years of war and millions in casualties, the <strong>principal combatants<\/strong> in the West (Britain, France and Germany) began to <strong>explore prospects for ending the carnage<\/strong>. In the East, rivals Austria and Russia had extended comparable feelers. Because <strong>no conceivable compromise could justify the sacrifices already incurred<\/strong> \u2026 the various leaders \u2026 sought American mediation &#8230; by Colonel Edward House, President Woodrow Wilson\u2019s personal emissary\u201d<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl beide Kriegsparteien sich in ihren Einlassungen an Edward House eigentlich schon geeinigt hatten, kam es nicht zu einem Stillstand des Waffengangs. Der Grund: Wilson wollte erst seine Wiederwahl in den USA abwarten, bis November aber waren in Europa noch die britische Somme-Offensive und die deutsche Verdun-Offensive geschlagen worden \u2013 mit weiteren zwei Millionen Opfern. Mit zunehmenden Opferzahlen aber wird die Schwelle, dass es zu einem vereinbarten Waffenstillstand kommen kann, immer h\u00f6her gelegt. Nichts-tun beziehungsweise den Krieg mit seiner akkumulierten Gewalt weiterlaufen lassen ist somit, selbst wenn milit\u00e4risch eine weitere Eskalation vermieden wird, im Hinblick auf die Chancen f\u00fcr einen Stillstand der Waffenanwendung nicht etwa neutral.<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf schlie\u00dflich nicht der Illusion unterliegen, Regierungen von kriegf\u00fchrenden Nationen, die nicht lediglich S\u00f6ldner (nur) einsetzen sondern junge M\u00e4nner aus dem eigenen Volk opfern, seien allm\u00e4chtig, sie k\u00f6nnten einen Waffenstillstand nach eigenem Gutd\u00fcnken verhandeln. Seit Erfindung des Nationalstaates besteht zwischen Demokratien und Autokratien da ein wesentlicher Unterschied. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine demokratische Regierung, die Zugest\u00e4ndnisse macht, die den bisherigen Blutzoll als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig erscheinen lassen, den R\u00fcckhalt in der eigenen Bev\u00f6lkerung verliert und gest\u00fcrzt wird, ist sehr hoch. Nicht ohne Grund werden ernstliche Verhandlungen als Geheimverhandlungen via Emiss\u00e4ren gef\u00fchrt \u2013 also in Form von Angeboten, die eine Regierung jederzeit dementieren kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.wupperinst.org\/c\/wi\/c\/s\/cd\/70\/\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" title=\" \" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/wp-content\/uploads\/sites\/19\/2020\/11\/Luhmann_Jochen_FG1_farb-1024x853-1.jpg\" alt=\"\" width=\"180\"><\/a><\/td><td width=\"75%\">Dr. Hans-Jochen Luhmann ist Senior Expert am <a href=\"https:\/\/www.wupperinst.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wuppertal Institut f\u00fcr Klima, Umwelt, Energie GmbH<\/a>.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henry Kissinger ist beinahe 100 Jahre alt. 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