{"id":426,"date":"2026-01-28T15:26:41","date_gmt":"2026-01-28T14:26:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/?page_id=426"},"modified":"2026-01-28T15:26:41","modified_gmt":"2026-01-28T14:26:41","slug":"jens-stoltenberg-auf-meinem-posten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/lesetipp\/jens-stoltenberg-auf-meinem-posten\/","title":{"rendered":"Jens Stoltenberg: Auf meinem Posten"},"content":{"rendered":"\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.penguin.de\/buecher\/jens-stoltenberg-auf-meinem-posten\/buch\/9783827501905\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.penguin.de\/buecher\/jens-stoltenberg-auf-meinem-posten\/buch\/9783827501905\" rel=\"noreferrer noopener\">Jens Stoltenberg: Auf meinem Posten. In Kriegszeiten an der Spitze der NATO. Erinnerungen. M\u00fcnchen: Siedler Verlag; 2025; 527 Seiten. 32,00 Euro.<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das ist ein seltsames Buch. Einerseits er\u00f6ffnet es Einblicke in die Gespr\u00e4che zwischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten im Raum der Politik hinter verschlossenen T\u00fcren, was da so \u00fcblich ist und wie die so ablaufen. Dass dieser Einblick gew\u00e4hrt wird, ist methodisch bedingt. Stoltenberg hatte sich vorgenommen, nach Ende seiner Zeit als NATO-Generalsekret\u00e4r, \u00fcber die im M\u00e4rz 2014 formell entschieden worden war, ein Buch dar\u00fcber zu ver\u00f6ffentlichen. Also hat er mit Amtsantritt t\u00e4glich Aufzeichnungen in Form von Diktatnotizen gemacht, h\u00e4ufig auch mit engen Mitarbeitern zusammen. Diese Notizen bilden eine Basis der Erinnerungen, sie machen die Lekt\u00fcre so lebendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits hat sich Stoltenberg entschieden, allein aus Vorg\u00e4ngen zu berichten, bei denen er anwesend war, bei denen er Augenzeuge war. Diese methodische Begrenzung wiederum hat zur Folge, dass in den politischen Entscheidungsstr\u00e4ngen, die von zentralem \u00f6ffentlichen Interesse sind, nur die Ausschnitte darstellt werden, an denen Stoltenberg beteiligt war. Die Essenz, die andernorts ohne seine Einbindung entschieden wurde, wird nur mitgeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwerpunkte seiner Amtszeit, die er darstellt, sind selbstverst\u00e4ndlich:<\/p>\n\n\n\n<ol style=\"list-style-type:lower-alpha\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Sein Umgang mit US-Pr\u00e4sident Trump in dessen erster Amtszeit, insbesondere zum NATO-Austritt und zur finanziellen Verpflichtung der Alliierten.<\/li>\n\n\n\n<li>Das Ende des NATO-Einsatzes in Afghanistan.<\/li>\n\n\n\n<li>K\u00fcndigung des tragenden Pfeilers der R\u00fcstungskontrollabkommen, des INF.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Verlauf des Konflikts mit Russland mit dem H\u00f6hepunkt der russischen Verhandlungsangebote im Schatten eines Truppenaufbaus und schlie\u00dflich der Kriegsbeginn in der Ukraine.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Seine eigentliche Leistung, der administrative Umbau der NATO-Organisation mit mehr als 12.000 Mitarbeitenden in Br\u00fcssel, weg von der Planung von Auslandseins\u00e4tzen hin zu der Territorialverteidigung wieder in Europa, ist zu technisch und deswegen nicht dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Schwerpunkten erlebt man einen Stoltenberg, der Ghani, Putin und Selenskyj gegen\u00fcber nur wie eine Sprechpuppe funktioniert \u2013 er muss eben vertreten, was entschieden wurde. Wer zu Stoltenbergs Erinnerungen greift, um zum Ukraine-Krieg Aufschluss \u00fcber die fr\u00fche Wahrnehmung und Abstimmung\/Vorbereitung seitens der Alliierten etwas zu erfahren, erf\u00e4hrt so gut wie nichts Zusammenh\u00e4ngendes. Wenn er das anders gewollt h\u00e4tte, wenn er ein ernstlich politisches Buch h\u00e4tte schreiben wollen, dann h\u00e4tte er auch aus zweiter Hand von dem berichten m\u00fcssen, was ihm aus den Hauptst\u00e4dten an Entscheidungen und Motiven zugetragen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>So muss man Stoltenberg glauben, dass das INF-Abkommen zertr\u00fcmmert wurde, weil Russland dagegen versto\u00dfen hat, dass der kommende Krieg in der Ukraine vom Westen hingenommen wurde ohne Diskussionen \u00fcber die globalstrategischen Implikationen. Ich pers\u00f6nlich bin eher nicht geneigt, das zu glauben, ein so geringes intellektuelles Niveau in Washington kann ich mir schwer vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leo Tolstoi hat in seinem Roman \u201eKrieg und Frieden\u201c sich bekanntlich bem\u00fcht, der verbreiteten Theorie das Wasser abzugraben, nach der \u201egro\u00dfe M\u00e4nner\u201c Geschichte schreiben. Er stellt es als eine Illusion dar zu meinen, dass die Staatsoberh\u00e4upter die Ursache der geschichtlichen Ereignisse seien. Vielmehr sei es, gut demokratisch, die Masse der Menschen in ihrer schwarmartigen Natur, die die Kr\u00e4fte der Geschichte antreibe. Ein K\u00f6nig ist f\u00fcr Tolstoi lediglich \u201eder Sklave der Geschichte\u201c. So scheint es tats\u00e4chlich zu sein, zumindest wenn man NATO-Generalsekret\u00e4r ist. Was die Person Stoltenberg angeht, so funktioniert sie in weltgeschichtlich bewegenden Dingen lediglich sklavenartig. Er berichtet, Pr\u00e4sident Putin habe ihm einmal auf den Kopf zugesagt, es sei eigentlich Zeitverschwendung mit ihm zu reden, er m\u00fcsse eh tun, was seine Vorgesetzten entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gibt Stoltenberg zu erkennen, dass er das Buch in ungebrochener Loyalit\u00e4t zur NATO verfasst hat, \u201e<em>Auf meinem Posten<\/em> ist eine Liebeserkl\u00e4rung an die NATO \u2026\u201c. So liest es sich auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein seltsames Buch. Einerseits er\u00f6ffnet es Einblicke in die Gespr\u00e4che zwischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten im Raum der Politik hinter verschlossenen T\u00fcren, was da so \u00fcblich ist und wie die so ablaufen. Dass dieser Einblick gew\u00e4hrt wird, ist methodisch bedingt. 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