{"id":114,"date":"2022-07-13T17:00:00","date_gmt":"2022-07-13T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=114"},"modified":"2022-07-13T17:00:01","modified_gmt":"2022-07-13T15:00:01","slug":"an-den-grenzen-denken-ansaetze-einer-brueckentheologie-zwischen-buddhismus-und-christentum","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/an-den-grenzen-denken-ansaetze-einer-brueckentheologie-zwischen-buddhismus-und-christentum\/","title":{"rendered":"An den Grenzen denken: Ans\u00e4tze einer Br\u00fcckentheologie zwischen Buddhismus und Christentum"},"content":{"rendered":"\n<p>In Grenzgebieten mancher Religionen gibt es heute Versuche, theologische Br\u00fccken zu schlagen und nicht nur sich abzugrenzen. Zu diesen geh\u00f6rt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Perry Schmidt-Leukel, Das himmlische Geflecht, Buddhismus und Christentum \u2013 ein anderer Vergleich, G\u00fctersloher Verlagshaus 2022, 415 Seiten, Euro 26,-.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor geht davon aus, dass sich in beiden Religionen neben gegens\u00e4tzlichen auch gemeinsame Z\u00fcge finden. Vor allem geht er davon aus, dass sich in Buddhismus und Christentum \u00e4hnliche Spannungen und Widerspr\u00fcche finden und nimmt dies auch f\u00fcr andere Religionen an. Er spricht von fraktalen Strukturen, die sich durch alle Religionen ziehen. Das hei\u00dft Einheiten, die oft untereinander in Spannung stehen und diese Spannungen in kleineren Einheiten fortf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt-Leukel bekennt sich zu einer interreligi\u00f6sen Theologie, welche die eigene Religion nicht als die einzig wahre oder beste versteht. Religionen bilden vielmehr ein Geflecht von internen Unterschieden, Spannungen und Gemeinsamkeiten. Diese Vielfalt lebt nicht nur zwischen den Religionen, sondern auch innerhalb jeder Religion. Die gleiche Struktur findet sich auch in jedem einzelnen Menschen. Auch seine Religiosit\u00e4t lebt in einem Prozess interner Fragen und Widerspr\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der indischen Mythologie entlehnt der Autor das Bild vom Geflecht oder Netz, das die Welt darstellt. In den Knotenpunkten des Netzes h\u00e4ngen Juwelen und all diese Juwelen spiegeln einander bis ins Unendliche und geben so die Vielfalt der ganzen Wirklichkeit wider.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verbindende Widerspr\u00fcche<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor exemplifiziert diese Vielfalt an etlichen Beispielen. Eines ist das Gegen\u00fcber von Weltzugewandtheit und Weltflucht. Dieses Gegen\u00fcber gibt es im Buddhismus wie im Christentum. In beiden gibt es Eremiten und N\u00e4he zur Macht, kl\u00f6sterliches Leben und Bew\u00e4hrung im Alltag von Haus oder Staat; Distanz zur Macht und Teilhabe an der Macht mit dem Ziel der Weltgestaltung. In je eigenen Kapiteln widmet sich Schmidt-Leukel weiteren Beispielen komplement\u00e4rer Strukturen. Einige Gesichtspunkte daraus und dazu:<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um das ganze Spannungsfeld von S\u00fcnde, Verblendung, Strafe, Reue, Vergebung. All das geh\u00f6rt zusammen und kann in unterschiedlicher Weise in Beziehung zu einander gesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gegensatz zwischen dem Lehrer Gautama Buddha und dem Gottessohn Jesus Christus ist auf den ersten Blick grunds\u00e4tzlich und un\u00fcberbr\u00fcckbar. Das \u00e4ndert sich, wenn man genau hinschaut. Die Inkarnationslehre hat nur d\u00fcnne Wurzeln im Neuen Testament. Sie hat sich \u00fcber Jahrhunderte entwickelt, ist f\u00fcr viele Interpretationen offen und wird bei verschiedenen christlichen Konfessionen unterschiedlich gedeutet. Buddha ist einerseits ein Lehrer, aber bei allen Unterschieden gibt es doch ein gemeinsames Feld, in dem sich interpretieren l\u00e4sst. Beide sind gro\u00dfe Lehrer und beide beziehen ihre Lehre aus einer Verbindung zu ewiger Wahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Buddhismus und Christentum sind gleicherma\u00dfen Teil eines weltweiten Menschheitsph\u00e4nomens, welches seinen Ort in der Sprache und in Bildern hat. Das nennen wir Religion. Dieses ist, was es ist, und kann eigentlich nicht hinterfragt werden. Es ist aber in Ursache und Wirkung voller Beziehung zur Psyche. Es ist f\u00fcr vielerlei Interpretationen offen und in der Lage sich in zahlreichen Mythen zu artikulieren. Der Mythos ist die Sache selbst und bleibt in kritischem Dialog mit der Vernunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Existenz jenseits der vorhandenen kann ihrem Wesen nach nur in Bildern beschrieben werden. Da gibt es buddhistische Bilder wie das Sein ohne Willen und ohne Spannungen im Nirwana. Andererseits christliche Bilder wie das Auferstehen unverweslich bei Paulus oder die S\u00e4tze, dass man nicht tiefer fallen k\u00f6nne als in die Hand Gottes, dass man im Ged\u00e4chtnis Gottes bewahrt bleibe, dass man sein Leben in Gottes Hand zur\u00fcckgebe. All das sind nur tastende Versuche, das Unsagbare zu sagen und bleiben im Bereich des Fragens.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Vergleiche gehen von einer Selbsterl\u00f6sung im Buddhismus und eine Fremderl\u00f6sung im Christentum aus. Aber auch das ist zu einfach. Der Buddha spielt eine Rolle als Former der Welt und als wirkm\u00e4chtige Gestalt. Im Christentum gibt es viele Varianten des Verh\u00e4ltnisses zwischen Fremderl\u00f6sung und Eigenbeteiligung. Eine radikale Fremderl\u00f6sung, die jede Mitwirkung des Menschen ausschlie\u00dft endet bei der absoluten Pr\u00e4destination.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Identit\u00e4t in Offenheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei allem geht es um die Frage, ob beiden Religionen die Tendenz innewohnt, die Gegens\u00e4tze auszugleichen und in positive und weiterf\u00fchrende Beziehung zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt-Leukel behandelt diese Gegens\u00e4tze mit seiner Methode der \u201efraktalen Interpretation\u201c. Das hei\u00dft eine Interpretation, die in jeder Religion und jedem Komplex eine innere Dynamik aufeinander bezogener Gegens\u00e4tze sieht. Danach endet man damit, dass man die innerchristliche \u00d6kumene zu einer interreligi\u00f6sen \u00d6kumene weiter entwickelt und es keinen prinzipiellen Gegensatz zwischen den Religionen gibt, sondern nur noch den Blick auf parallele Bez\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die christliche Offenbarungstheologie, auf der zum Beispiel Karl Barths (der \u00fcbrigens ausdr\u00fccklich genannt wird) ganze Dogmatik ruhte, wird hinf\u00e4llig. Das hei\u00dft, Religionen sind zu sehen als Einheiten eigener Identit\u00e4t, die nebeneinander ihr Recht haben. So wie Nationen eine eigene Identit\u00e4t haben, welche die Identit\u00e4t anderer nicht bestreitet oder wie jede einzelne Person eine Identit\u00e4t hat, ohne die Identit\u00e4t anderer Personen zu bestreiten. Das schlie\u00dft nicht aus, dass jeder im Rahmen seiner Religion lebt. Das f\u00fchrt im zweiten Schritt zu mehr Fruchtbarkeit von Begegnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt-Leukel geht die bisher gemachten Vergleiche durch und stellt fest, dass sie unzul\u00e4ssige Vereinfachungen enthalten, in der Absicht, damit Gegens\u00e4tze konstruieren zu k\u00f6nnen. Er blickt auf die innere Differenziertheit und kommt zu dem Ergebnis, dass es an vielen Stellen Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften gibt, die h\u00e4ufig nicht vermutet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles beinhaltet letztlich, dass keine Religion sich auf eine ihr speziell zukommende und allein g\u00fcltige Offenbarung berufen kann. Die Religionen sind ein menschheitliches Gesamtgeflecht mit Erscheinungen unterschiedlicher Art und Qualit\u00e4t, mit unterschiedlicher N\u00e4he zu Vernunft und Humanit\u00e4t. Das alles ist der Gespr\u00e4chsarbeit zwischen den Religionen wert. Es schlie\u00dft aber nicht aus, dass jede Religion zun\u00e4chst in ihrem eigenen Hause lebt und dieses als die ihr speziell zukommende Offenbarung betrachtet und sch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Helmut Falkenst\u00f6rfer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Das-himmlische-Geflecht\/Perry-Schmidt-Leukel\/Guetersloher-Verlagshaus\/e590014.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"676\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2022\/07\/Perry-Schmidt-Leukel-Das-himmlische-Geflecht-T-676x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-113\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Das-himmlische-Geflecht\/Perry-Schmidt-Leukel\/Guetersloher-Verlagshaus\/e590014.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Perry Schmidt-Leukel, Das himmlische Geflecht, Buddhismus und Christentum \u2013 ein anderer Vergleich, G\u00fctersloher Verlagshaus 2022, 415 Seiten, Euro 26,\u2013.<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Grenzgebieten mancher Religionen gibt es heute Versuche, theologische Br\u00fccken zu schlagen und nicht nur sich abzugrenzen. 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