{"id":131,"date":"2022-12-01T17:06:57","date_gmt":"2022-12-01T16:06:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=131"},"modified":"2022-12-01T17:07:50","modified_gmt":"2022-12-01T16:07:50","slug":"die-haende-in-den-schoss-legen-und-andere-ungestoert-ihre-apokalyptische-arbeit-tun-lassen-im-gegenteil","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/die-haende-in-den-schoss-legen-und-andere-ungestoert-ihre-apokalyptische-arbeit-tun-lassen-im-gegenteil\/","title":{"rendered":"Die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und andere ungest\u00f6rt ihre apokalyptische Arbeit tun lassen? Im Gegenteil!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es begann mit der sinnlichen Wahrnehmung. Menschen beobachteten, wie die Sonne, wie der Mond, die Planeten und die Sterne regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den Himmel zogen. Und ein lebloser K\u00f6rper, der sich bewegte, musste von irgendetwas oder jemandem gezogen oder geschoben werden; oder er musste angeschoben worden sein, ein Himmelsk\u00f6rper genauso wie ein Felsblock oder ein Karren auf der Erde. Bis weit ins Mittelalter hinein fu\u00dften wissenschaftliche Begr\u00fcndungen in erster Linie solcherart auf qualitativen Argumenten, entsprechende Gegenargumente waren ebenfalls rein qualitativ. Die zugrundeligenden metaphysischen Annahmen dieser spekulativen Naturbeschreibung \u2011 sie beschr\u00e4nkte sich sich nicht allein auf die Beobachtung der Himmelsph\u00e4nomene, sondern umfasste die gesamte belebte wie unbelebte Natur \u2011 gingen davon aus, dass die materielle Welt geistig-g\u00f6ttlich durchwirkt oder zumindest grundiert sei. Entsprechend waren wissenschaftliche Erkl\u00e4rungen von theologischen Betrachtungen durchsetzt und geleitet. Ans\u00e4tze zu einer empirisch systematischen Forschung im neuzeitlichen Sinne fanden sich lediglich in der Alchemie und beim Brennen von Lik\u00f6ren, also wo materieller Gewinn durch gezielte technische Entwicklungen und Weiterentwicklungen aus der Naturwissenschaft heraus winkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An der Wende zum 17. Jahrhundert dann suchte Johannes Kepler (1571 bis 1630) quantitative und daher mathematisch fassbare Strukturen zu finden, die der Welt allgemein zugrunde liegen. Sein Zeitgenosse Galileo Galilei (1564 bis 1642) hat zu diesem Zweck systematisch beobachtet und experimentiert. Mit Galileis Arbeit sch\u00e4len sich neben direkt gewonnenen naturwissenschaftlichen Ergebnissen bereits wesentliche Punkte einer Theorie der Wissenschaften heraus. Etwa, dass eine Naturwissenschaft auf Empirie basiert. Daten werden systematisch gesammelt. Im Fall der Astronomie ergab sich das schon zu Galileis Zeiten in gewisser Weise von selbst, im Falle der Mechanik waren es zun\u00e4chst systematisch durchgef\u00fchrte Experimente, beispielsweise Galileis Versuche zum freien Fall beziehungsweise zur Bewegung auf einer schiefen Ebene. Des Weiteren haben Erkl\u00e4rungen durch Bezug auf etwas G\u00f6ttliches keinen naturwissenschaftlichen Erkl\u00e4rungswert; die Naturwissenschaft sucht nach Erkl\u00e4rungen eben aus der Natur. Das bedeutet keineswegs Ablehnung der Religion. Heute noch genauso, wie zu Galileo Galileis Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und hier sind wir im <em>Sammelband \u201eGottes Sch\u00f6pfung und menschliche Technik\u201c, herausgegeben von Andreas Losch und Frank Vogelsang<\/em>. Die beiden Autoren haben 17 Beitr\u00e4ge zusammengestellt f\u00fcr diesen dritten Band ihrer Reihe \u201eTheologie und Naturwissenschaft im Dialog\u201c; Essays von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Philosophen, Theologen unterschiedlicher Pr\u00e4gung sowie dem Journalisten Thomas Ramge und dem Religionswissenschaftler Michael Blume. Herausgekommen ist ein faszinierendes Kaleidoskop kompetenter und sehr authentischer Stimmen, die als h\u00f6chst informativer Gedankenaustausch zwischen Wissenschaft und Theologie gelesen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Astrophysiker Heino Falcke, mit dem Journalisten J\u00f6rg R\u00f6mer zusammen Autor von \u201eLicht im Dunkeln \u2011 Schwarze L\u00f6cher, das Universum und wir\u201c, beschreibt anschaulich und ganz knapp die Entwicklung des Universums aus dem Urknall heraus, die Entfaltung von Leben auf der Erde bis zu den S\u00e4ugetieren mit dem Menschen als \u201edominante Art in unserer Welt, die die Zukunft dieser Erde, die Zukunft ihres Biotops, die Zukunft ihres Klimas und ihr k\u00fcnftiges Aussehen bestimmt.\u201c Und Falcke sagt klar: \u201eIch sehe die Jugend, die f\u00fcr ihre Zukunft k\u00e4mpft, aber durch unser aller Tr\u00e4gheit ihren Glauben an das Morgen verliert. Und ich sehe Menschen, die Hass und Angst verbreiten, um ihre Macht zu vergr\u00f6\u00dfern, anstatt ein Netz der Liebe zu kn\u00fcpfen.\u201c In diesem Zusammenhang schreibt er den Kirchen unmissverst\u00e4ndlich ins Stammbuch: \u201eEigentlich k\u00f6nnten die Kirchen die gro\u00dfen Verbinder sein, aber auch sie ziehen sich in ihre Milieus zur\u00fcck, k\u00e4mpfen mit ihren eigenen Problemen, stellen sich beleidigt in die Schmollecke, richten sich ein in ihrer Bedeutungslosigkeit, spielen eine Zuschauerrolle und keinen st\u00f6rt es mehr. In Gottes Namen: Rei\u00dft euch zusammen und arbeitet zusammen! Ist die Zersplitterung unserer Gesellschaft heutzutage, auf die alle als Zeichen der Freiheit und der Emanzipation so stolz sind, nicht auch eine Form von Eitelkeit und Egoismus? Sind mittlerweile die eigenen Empfindlichkeiten schwerwiegender als die gro\u00dfen Probleme im Land und in der Welt?\u201c Und schlie\u00dflich stellt er fest: \u201eGott hat uns an keiner Stelle dazu aufgefordert, selber die Apokalypse herbeizuf\u00fchren. Gott verlangt auch nicht von uns, dass wir unsere H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und andere ungest\u00f6rt ihre apokalyptische Arbeit tun lassen. Im Gegenteil: \u201aSuchet der Stadt Bestes [\u2026]\u2018\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die begeisterte Spiritualit\u00e4t, die sich in Heino Falckes Text widerspiegelt, findet sich ebenso greifbar in den Beitr\u00e4gen der anderen Naturwissenschaftler zu dem Sammelband; ob nun der Physiker und Mathematiker Wolfgang Schreiner die \u201eTheologie eines Naturwissenschaftlers\u201c entfaltet, Ernst Fischer in faszinierender Weise jeweils eine \u201eganz kurze Geschichte\u201c sowohl der Technik als auch der Medizin nachzeichnet oder der Geophysiker Robert S. White dar\u00fcber nachdenkt, ob Nachhaltigkeit ein christliches Gebot sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der im Juni 2022 verstorbene Hansj\u00f6rg Hemminger hat ebenfalls noch einen Beitrag zu dem Band geleistet. Hemminger hatte Biologie und Psychologie studiert, sich im Fach \u201eVerhaltensbiologie des Menschen habilitiert\u201c; er war wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen gewesen und sp\u00e4ter bei der Arbeitsstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in W\u00fcrttemberg. Er war Autor mehrerer B\u00fccher, eines davon tr\u00e4gt den sch\u00f6nen Titel: \u201eUnd Gott schuf Darwins Welt.\u201c Im vorliegenden Sammelband \u201eGottes Sch\u00f6pfung und menschliche Technik\u201c legt er in einer Einf\u00fchrung f\u00fcr Nichtbiolog*innen dar, warum das sogenannte intelligente Design (ID) keine Naturwissenschaft ist. Er erinnert: \u201eDie ID-Bewegung entstand nicht aus naturwissenschaftlichen Forschungen. Ihr Ziel war und ist die Durchsetzung eines protestantisch-fundamentalistischen Weltbilds.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unmittelbar vor Hemminmger kommt der Theologe Matthias Schleiff zu Wort. Auf der Tatsache aufbauend, dass Modellrechnungen zum stabilen Erhalt eines von Leben erf\u00fcllten Universums lediglich geringe Variationen bei den Zahlenwerten f\u00fcr die physikalischen Naturkonstanten zulassen, entwickelt er eine Argumention, die darauf hinausl\u00e4uft, dass ein Sch\u00f6pfer des Universums existiert. Dabei reiht Schleiff auf interessante Weise interessante Thesen aneinander, sollte sich an einigen Stellen allerdings deutlicher ausdr\u00fccken. Wenn er etwa schreibt: \u201eEin in der Naturwissenschaft gegenw\u00e4rtig oft beanspruchtes Argumentationsmuster wird als \u201aSchluss auf die beste Erkl\u00e4rung\u2018 bezeichnet.\u201c, sollte er das schon auch aus der Wissenschaftsgeschichte belegen und einige Beispiele anf\u00fchren. Und er sollte darlegen, was Naturwissenschaften unter \u201eHypothese\u201c verstehen und wie sie Hypothesen in einem komplexen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess einordnen, namentlich mit Blick auf die Rolle der Empirie seit Galileo Galilei. So, wie Schleiff jetzt argumentiert, wird er Naturwissenschaftler*innen kaum \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Aus rein physikalischen Sachverhalten heraus sucht er metaphysische Schl\u00fcsse zu ziehen. Vieles klingt dabei allzu sehr wie vorwissenschaftliche qualitative Argumentation, wenngleich Schleiff mit harten wissenschaftlichen Erkenntnissen hantiert. M\u00f6glicherweise bietet Schleiffs Text gerade daher einen guten Einstieg f\u00fcr konkrete Dialoge zwischen Wissenschaftler*innen und Theolog*innen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Michael Wildberger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/shop\/43073\/gottes-schoepfung-und-menschliche-technik\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2022\/12\/Gottes-Schoepfung-und-menschliche-Technik-T-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-130\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/shop\/43073\/gottes-schoepfung-und-menschliche-technik\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Losch, Andreas \/ Vogelsang, Frank (Hg.), Gottes Sch\u00f6pfung und menschliche Technik, 182 Seiten mit 93 farbigen und 6 schwarz\/wei\u00df-Abbildungen, wbg Academic, Darmstadt, 2022, 40 Euro (32 Euro f\u00fcr Mitglieder der wbg).<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es begann mit der sinnlichen Wahrnehmung. 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