{"id":148,"date":"2023-02-09T16:51:24","date_gmt":"2023-02-09T15:51:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=148"},"modified":"2023-02-09T16:52:56","modified_gmt":"2023-02-09T15:52:56","slug":"judas-wbl","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/judas-wbl\/","title":{"rendered":"<strong>Judas (wbl.), 1943\/4 Die Opfer Goerdeler und Kreiten<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Helga Schubert, \u201eJudasfrauen\u201c, 2021, dtv, M\u00fcnchen, 176 Seiten, 11.00 Euro.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Helga Schubert, Jahrgang 1940, ist Psychotherapeutin und Schriftstellerin aus der DDR. Sie wollte die \u201eDenunziation\u201c in autorit\u00e4ren Regimen, wie sie sie in der DDR beobachtete, zum Thema machen. Direkt war das als Publikation aussichtslos, also hat sie daf\u00fcr einen indirekten Zugang gew\u00e4hlt: Sie hat das Thema in die NS-Zeit verlegt; damit hatte sie zudem den Vorteil, vollen Zugang zu Akten des (Freislerschen) Volksgerichtshofs zu erhalten \u2013 Empirie satt. Sogar im Westen, in der Berliner Staatsbibliothek, konnte sie recherchieren. Ausgew\u00e4hlt hat sie den Verrat von Frauen, \u201eJudasfrauen\u201c in zehn Geschichten bev\u00f6lkern ihr Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Recherchiert hat sie zu DDR-Zeiten, mit enormem Aufwand. Als das Manuskript 1989 fertig war, erhielt sie dort nicht die Erlaubnis zu publizieren \u2013 in etlichen Vortr\u00e4gen in Evangelischen Gemeinden war es aber schon Gespr\u00e4chsthema. Die Erstauflage hat im Jahre 1990 das Licht der Welt erblickt, und zwar im Westen. Ich stelle es hier vor auf Basis der Taschenbuch-Auflage von 2021, mit neuem Vorwort. Das ist f\u00fcr das hier Ausgew\u00e4hlte entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Buch, aus dem man vortr\u00e4gt, erzeugt auch Resonanz; und historische Geschichten sind nie ausrecherchiert, es gibt immer offene Enden. Helga Schubert hatte das Gl\u00fcck, dass ihr nach einer Lesung zu einer zentralen Protagonistin eine \u201eFortsetzung\u201c berichtet wurde, die nicht in den Akten steht. Bei dem Ansatz des Buches ist die Erg\u00e4nzung, die ihr zuteil wurde, schon eine zentrale.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Modell Judas<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Modell schildert Schubert in gr\u00f6\u00dfter Kondensation so:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Judas ist der Mensch, den ich beim Schreiben vor Augen hatte:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>der sein Opfer liebt,<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>der es verr\u00e4t,<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>der einen Lohn daf\u00fcr erh\u00e4lt,<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>der sich erh\u00e4ngt, als er Christus sterben sieht.<\/em>\u201c<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>So sei es den Frauen in diesem Buch auch gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Ich glaube, dass auch sie Opfer der Diktatur waren. In demokratischen Verh\u00e4ltnissen h\u00e4tten sie f\u00fcr andere Menschen nicht todbringend werden k\u00f6nnen. Sie konnten der Versuchung zum Verrat nicht widerstehen.<\/em> <em>&#8230; heute, &#8230; ungef\u00e4hr achtzig Jahre, nachdem diese Geschichten spielen, sollten wir uns von ihnen emotional angreifen lassen. Weil die Diktatur eine furchtbare, eine Grauen erregende, verf\u00fchrerische, eine Leben zerst\u00f6rende T\u00e4terin ist,<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe, entt\u00e4uschte Liebe, auch Selbstliebe, meist infantil gebliebener Frauen, spielt eine entscheidende Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Durchf\u00fchrung im Buch \u2013 die Denunziation des steckbrieflich gesuchten Carl Goerdeler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frau Schubert geht mit gro\u00dfer Diskretion vor. Nur in drei Geschichten spricht sie mit Klarnamen, in allen anderen F\u00e4llen sind die Protagonist:innen anonymisiert. Zu den drei Ausnahmen z\u00e4hlt der Verrat von Carl Goerdeler, der nach einem Erfolg des Offiziersputsches am 20. Juli 1944 das Amt des Reichskanzlers h\u00e4tte \u00fcbernehmen sollen \u2013 er wurde nahe Danzig von einer einfachen Frau (\u201eHelene\u201c war hier der Name f\u00fcr \u201eJudas\u201c) verraten, die ihn als achtzehnj\u00e4hrige Nachbarin in K\u00f6nigsberg 1920 auf der Stra\u00dfe \u00f6fters gesehen und gegr\u00fc\u00dft hatte, als Goerdeler dort das Amt des B\u00fcrgermeisters \u00fcbernommen hatte. Als Goerdeler seit dem 1. August 1944, mit breiter Plakatierung, steckbrieflich gesucht wurde, fragte sie sich, ob sie ihn, 24 Jahre sp\u00e4ter, wohl erkennen w\u00fcrde. In einer Gastwirtschaft in der N\u00e4he von Danzig, am 12. August, war es soweit: Die inzwischen 42-j\u00e4hrige unverheiratete Frau, die mit etwa 15 Kolleg:innen zum Essen war, erkannte ihn als Gast. Ihr Vorgesetzter, der Goerdeler aus Danzig ebenfalls pers\u00f6nlich kannte, wiegelte tuschelnd ab: \u201e<em>Nein, nur eine \u00c4hnlichkeit.<\/em>\u201c Als Goerdeler kurz danach aufstand und ging, gab es unter den 15 eine offene Debatte \u2013 das Motiv der 42-J\u00e4hrigen, auf ihr \u201e<em>Ich habe ihn erkannt<\/em>\u201c zu bestehen, w\u00e4hrend alle 14 anderen sagten, die Gesichtsz\u00fcge der Person entspr\u00e4chen nicht denen der im Steckbrief, war allein, dass sie das Bestreiten als Abwertung ihrer Person empfand. Dass der Stand 14 zu 1 andere Motive gehabt haben k\u00f6nnte, dass es in Wahrheit nicht um die Richtigkeit ihrer Aussage ging, das zu begreifen war ihr nicht m\u00f6glich. Doch dann, wenig sp\u00e4ter, dieser Schluss:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Helene sah, wie er &lt;Goerdeler&gt; in das Polizeiauto einsteigen musste. Da weinte sie bitterlich &#8230;<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Denunziation von Karlrobert Kreiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Karlrobert Kreiten war ein junger, begnadeter Pianist, Meistersch\u00fcler von Claudio Arrau \u2013 am Tage seiner Hinrichtung in Pl\u00f6tzensee, am 7. September 1943, war er 27 Jahre alt. Er kam aus einer bekannten, gut vernetzten D\u00fcsseldorfer Musiker-Familie, seine Mutter war die Mezzo-Sopranistin Emmy Kreiten, geb. Liebergesell (1894-1985), sein Vater der niederl\u00e4ndische Komponist und Konzertpianist Theo Kreiten (1887-1960). Ihre Hauskonzerte machten sie zum Mittelpunkt der musikalischen Gesellschaft D\u00fcsseldorfs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Karlrobert Kreiten gab sein Deb\u00fct als Elfj\u00e4hriger mit einem Mozart\/Schubert-Programm in der Tonhalle D\u00fcsseldorf. Von 1935 bis 1937 studierte er bei Hedwig Rosenthal-Kanner in Wien \u2013 sie gab ihm den Rat, ihr in die USA zu folgen, doch Kreiten wollte seine Karriere erst einmal in Europa ausbauen. Er f\u00fchlte sich unbedroht. Ende 1937, als 21-J\u00e4hriger, siedelte Kreiten stattdessen, auf Furtw\u00e4nglers Rat hin, nach Berlin \u00fcber. Seine Karriere verlief \u00fcberaus erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 1943 kam er in eine praktisch schwierige Situation. Seine Wohnung war schon l\u00e4nger zu klein f\u00fcr Kersten, mit Schwester und Gro\u00dfmutter; seine Suche nach einer gr\u00f6\u00dferen Wohnung im Tausch war erfolgreich \u2013 doch der Umzugstermin lag wenige Tage vor seinem gro\u00dfen Klavierabend am 23. M\u00e4rz 1943 in Berlin. Wo sollte er \u00fcben?<\/p>\n\n\n\n<p>Da meldete sich Ellen Ott-Monecke, eine Jugendfreundin seiner Mutter \u2013 beide waren einst Gesangssch\u00fclerinnen am Saarbr\u00fccker Konservatorium. Die wird von dem Problem von der Mutter erfahren haben und bot deshalb ihr Musikzimmer zum \u00dcben an. In den \u00dcbepausen redete Kreiten mit seiner Gastgeberin, ohne Vorbehalt, unwissend, dass er bei einer \u00fcberzeugten Nationalsozialistin Unterschlupf gefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrer Entsetzheit tratschte Ellen Ott-Monecke weiter, was Kersten gesagt hatte, an ihre Nachbarin, Frau Ministerialrat Annemarie Windm\u00f6ller, die als Schulungsleiterin der NS-Frauenschaft t\u00e4tig war. Die wiederum besprach das mit der Sopranistin Tiny Deb\u00fcser, die fr\u00fcher im Reichspropaganda-Ministerium gearbeitet hatte und nun ebenfalls in der Frauenschaft aktiv war. Die kam aus D\u00fcsseldorf und kannte die Familie Kersten mit ihrem begnadeten Wunderkind \u2013 und beneidete sie wohl auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese beiden Frauen waren es, die Ellen Ott-Monecke die Pistole auf die Brust setzten und erfolgreich durchsetzten, dass die erste Denunziation, von allen Dreien unterzeichnet, Mitte M\u00e4rz bei der Reichskulturkammer eingereicht wurde. Kersten wusste von nichts, er \u00fcbte und sein Konzert am 23. M\u00e4rz war ein gro\u00dfer Erfolg \u2013 von dem in der Presse auff\u00e4lligerweise aber kaum Notiz genommen wurde. Den denunzierenden Damen, unter denen zumindest die Ministerialr\u00e4tin Profi war, wussten: Die Anzeige war in der Reichskulturkammer in den Rei\u00dfwolf gesteckt worden \u2013 es gab auch da Menschen mit klarem Blick auf die n\u00e4chsten Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende April war klar, dass die Sache im Sande verlaufen war. Die urspr\u00fcngliche Tratschtante wollte auch nicht mehr \u2013 die beiden ministerialerfahrenen Profis unter den drei Frauen aber wollten; und machten nun alles richtig. Sie zwangen Ellen Ott-Monecke, die Denunziation, die die beiden anderen verfassten, alleine zu unterschreiben. Und die Ex-Goebbels-Mitarbeiterin gab sie pers\u00f6nlich im Ministerium ab. Da wurde sie an die Gestapo weitergeleitet. Dann ging alles ganz schnell. Am 3. Mai wurde Kreiten in Heidelberg, kurz vor seinem Konzert dort, verhaftet. Nach 14 Tagen wurde er ins Gestapo-Gef\u00e4ngnis nach Berlin verbracht \u2013 und dort seiner Verr\u00e4terin gegen\u00fcbergestellt. Am 3. September wurde er zum Tode verurteilt, in der Nacht vom 7. auf 8. September hingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Helga Schubert abschlie\u00dfend zur Reaktion der Judasfrau:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Nach einer Lesung im Jahr 1990, also nicht in der \u00f6ffentlichen Diskussion in der Buchhandlung, nahm mich eine \u00e4ltere Dame zur Seite und vertraute mir an, dass die Verr\u00e4terin des jungen Pianisten Kreiten, die Freundin seiner Mutter, in ein brennendes Haus lief und dort verbrannte, als sie von seiner Hinrichtung erfahren hatte.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Hans-Jochen Luhmann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/judasfrauen-14821?gclid=CjwKCAiA0JKfBhBIEiwAPhZXD9WL1zF02tNg_Sjrkk_zWydd8q5n3Btzvob3hukbGNxvKwlr47WWbhoCEr8QAvD_BwE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"826\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2023\/02\/Helga-Schubert-Judasfrauen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-147\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/judasfrauen-14821?gclid=CjwKCAiA0JKfBhBIEiwAPhZXD9WL1zF02tNg_Sjrkk_zWydd8q5n3Btzvob3hukbGNxvKwlr47WWbhoCEr8QAvD_BwE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Helga Schubert, \u201eJudasfrauen\u201c, 2021, dtv, M\u00fcnchen, 176 Seiten, 11.00 Euro.<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helga Schubert, \u201eJudasfrauen\u201c, 2021, dtv, M\u00fcnchen, 176 Seiten, 11.00 Euro. 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