{"id":211,"date":"2025-01-28T18:23:59","date_gmt":"2025-01-28T17:23:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=211"},"modified":"2025-02-13T17:34:15","modified_gmt":"2025-02-13T16:34:15","slug":"ein-inneres-gespraech-zwischen-glaube-und-zweifel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/ein-inneres-gespraech-zwischen-glaube-und-zweifel\/","title":{"rendered":"Ein inneres Gespr\u00e4ch zwischen &#8222;Glaube&#8220; und &#8222;Zweifel&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn meiner bisherigen Gemeinde gab es viele junge akademisch gebildete Familien, welche selber oder deren Eltern in den alten Bundesl\u00e4ndern geboren und aufgewachsen waren. Kirche geh\u00f6rte da oft zum guten Ton. Aber seit ein paar Jahren erz\u00e4hlte man mir bei Taufgespr\u00e4chen oft von der verzweifelten Suche nach Paten. Die gl\u00fccklichen Eltern fanden selbst unter ihren alten Freunden kaum jemanden, die oder der Pate stehen konnte. Sie wurden im Gegenteil mit der v\u00f6llig verst\u00e4ndnislos ge\u00e4u\u00dferten Frage konfrontiert: \u00bbWas, ihr seid noch in der Kirche?\u00ab\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.pfarrerverband.de\/pfarrerblatt\/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&amp;tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&amp;tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=5936&amp;cHash=686311045bd3ace4958dc2bd372a1f07\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.pfarrerverband.de\/pfarrerblatt\/archiv?tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Baction%5D=show&amp;tx_pvpfarrerblatt_pi1%5Bcontroller%5D=Item&amp;tx_pvpfarrerblatt_pi1%5BitemId%5D=5936&amp;cHash=686311045bd3ace4958dc2bd372a1f07\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">So Eckehard M\u00f6ller, Vorsitzender des Verbands Evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e. V. vor der Mitgliederversammlung des Verbandes am 23. September 2024 in Kaiserslautern<\/a>. M\u00f6llers Beobachtung ist nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich, unz\u00e4hlige Pfarrer*innen berichten von gleichen Erlebnissen. Mangelnde \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz von Kirche kann nicht Ursache sein, dass ihr die Menschen scharenweise davonlaufen: Regelm\u00e4\u00dfig finden gottesdienstliche Veranstaltungen statt, per Internet, Fernsehen oder Rundfunk auch \u00fcbertragen, zu hohen christlichen Feiertagen wird kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger*innen Raum gegeben, sich dem Anlass entsprechend in den Medien zu \u00e4u\u00dfern; au\u00dferdem genie\u00dfen die gro\u00dfen christlichen Kirchen das Privileg, in \u00f6ffentlichen Schulen Religionsunterricht anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mangelt es den Kirchen und ihren Angeboten schlicht an \u00e4u\u00dferlicher Attraktivit\u00e4t? Kommen sie einfach nur ein wenig zu \u201everstaubt\u201c daher, liegt das Problem also eher an der mehr oder weniger zeitgem\u00e4\u00df aufpolierten Oberfl\u00e4che? Oder wurzelt es tiefer? \u00dcberwiegt bei vielen Menschen vielleicht gar schlichtweg der Zweifel am christlichen Glauben dem Glauben oder irgendwelchen seiner Reste selbst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen kleinen Schritt, diesen Graben auszuloten, k\u00f6nnte auf den ersten Blick m\u00f6glicherweise das anfangs Dezember 2024 erschienene Buch \u201eJa, aber!\u201c bieten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wilfried H\u00e4rle: Ja, aber! Ein Streitgespr\u00e4ch zwischen Glauben und Zweifel, Berlin\/Boston, Walter de Gruyter GmbH, 2025, 186 Seiten, 29,95 Euro.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der seit 2006 emeritierte fr\u00fchere Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Ethik an der Ruprecht-Karls-Universit\u00e4t Heidelberg, Wilfried H\u00e4rle, und sein Verlag hoffen auf private Lekt\u00fcre oder \u201eBesch\u00e4ftigung mit diesem Buch in Gemeindegruppen oder im Religionsunterricht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00e4rle breitet in einer Art scholastischem Dialog ein inneres Gespr\u00e4ch zwischen \u201eGlaube\u201c und \u201eZweifel\u201c aus \u00fcber Fragen, die er als \u201estrittige Grundfragen des christlichen Glaubens, die viele Menschen besch\u00e4ftigen\u201c betrachtet: Gottes- und Sch\u00f6pfungsglauben, Leiden und Tod, Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft, Kreuz und Auferweckung Jesu. Er greift dabei zur\u00fcck auf eine zahlreiche Literatur auch aus seiner eigenen Feder und vor allem auf seine Heidelberger Dialog-Vorlesungen, die sich gezielt nicht allein an ein theologisch gebildetes Fachpublikum wendeten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vorwort von \u201eJa, aber!\u201c bekennt H\u00e4rle ganz offen: \u201eAm Ende meines Theologiestudiums war ich Atheist, und die Erfahrungen und Argumente, die mich damals dazu gebracht haben, habe ich bis heute nicht vergessen.\u201c Heute vertritt er \u201eein Gottesverst\u00e4ndnis, dem der G\u00f6ttinger Philosoph Karl Christian Friedrich Krause Anfang des 19. Jahrhunderts den Namen \u00bbPanentheismus\u00ab, auf Deutsch: \u00bbAll-in-Gott-Lehre\u00ab, gegeben hat.\u201c Panentheismus betrachtet die Welt als in Gott enthalten, wobei Gott selbst die Welt \u00fcbersteigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr das Unternehmen \u201eJa, aber!\u201c l\u00e4sst H\u00e4rle eine \u201ePosition A, die aus \u00dcberzeugung den christlichen Glauben evangelischer Konfession\u201c vertritt und eine \u201ePosition B, die den christlichen Glauben \u2011 ebenfalls aus \u00dcberzeugung \u2011 bezweifelt und an vielen Stellen in Frage stellt\u201c Dialoge f\u00fchren. Dabei versteht Position A \u201eGott\u201c (tats\u00e4chlich in Anf\u00fchrungszeichen) als die Macht der uns zur Liebe bef\u00e4higenden, sch\u00f6pferischen Liebe und erg\u00e4nzt: \u201eWobei ich hinzuf\u00fcgen m\u00f6chte: Das ist mein Bild bzw. mein Verst\u00e4ndnis von der Wirklichkeit Gottes. Ich kann und will nicht behaupten: So ist Gott, und wer Gott anders sieht, sieht ihn falsch.\u201c (auf Seite 97)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Position B fungiert \u00fcber weite Strecken als Stichwortgeber f\u00fcr Position A. Das Gespr\u00e4ch erscheint daher weniger als Auseinandersetzung zwischen Glaube und Zweifel, sondern eher als eine Selbstvergewisserung von Position A. Auch zeigt sich, dass die zweifelnde Position B theologisch versiert ist und sich bibelfest zeigt, etwa wenn sie formuliert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<strong>B:<\/strong> Ich habe nach wie vor insgesamt den Eindruck, da\u00df die Lehre von der Jungfrauengeburt sowohl von ihrer schwachen biblischen <em>Begr\u00fcndung<\/em> her als auch im Blick auf ihren biblischen <em>Kontext<\/em> in mehrfacher Hinsicht einen <em>Fremdk\u00f6rper<\/em> darstellt: Das beginnt ganz bescheiden mit dem Namen des in Jes 7,14 verhei\u00dfenen Sohnes, der \u201aImmanuel\u2018 und nicht \u201aJesus\u2019hei\u00dft [\u2026]\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das darf selbstverst\u00e4ndlich sein, schlie\u00dflich ist der Dialog zwischen den beiden Positionen ja lediglich fingiert. Und es ist angenehm, dass Position B sich nicht dumm stellt, sondern stets versucht, auf Augenh\u00f6he mit Position A zu agieren. So l\u00e4sst die zweifelnde Position B ihre Gegenspielerin A durchaus tiefer in ein Thema eindringen und auch von pers\u00f6nlichen Zweifeln reden (etwa auf Seite 146).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der ganze Tenor des Textes ist allerdings so gehalten, dass man als Leser*in von der Autorit\u00e4t der Theologie und ihrer zitierten Verteter \u00fcberzeugt sein muss. H\u00e4ufig l\u00e4uft es nach dem Schema: Stichwort \u2013 theologische Ausf\u00fchrung \u2013 Nachfrage \u2013 theologische Pr\u00e4zisierung. Stets unter Zuhilfenahme theologischer \u00dcberlegungen und Autorit\u00e4ten, deren Urteil die Leser*innen letztlich vertrauen m\u00fcssen, oder Verweisen auf die Bibel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Beispiel sei eine Passage von Seite156 zitiert. Da weist Position A auf eine \u201e\u00dcberzeugung\u201c hin,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201edie <em>kein<\/em> Alleinstellungsmerkmal des Christentums ist, aber im Lauf der Geschichte \u2013 vor allem im Zusammenhang mit der \u00dcberwindung der nationalsozialistischen Verbrechen \u2013 weitestgehende grunds\u00e4tzliche Anerkennung gefunden hat: Das ist die \u00dcberzeugung von der <em>unantastbaren W\u00fcrde<\/em> aller von Menschen abstammenden Wesen, also von der <em>Menschenw\u00fcrde<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Position B wendet daraufhin ein: \u201eAber das ist doch kein spezifisch <em>christliches<\/em> Gew\u00e4chs, sondern vor allem eine Frucht der Aufkl\u00e4rung, die dem Christentum eher kritisch gegen\u00fcber stand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und anschlie\u00dfend Position A: \u201eDiese Behauptung gibt einen weitverbreiteten Irrtum wieder. Die Idee der Menschenw\u00fcrde und der Begriff \u201aMenschenw\u00fcrde\u2018 sind viel \u00e4lteren Ursprungs. Die Idee von der gleichen W\u00fcrde aller Menschen als M\u00e4nner und Frauen hat ihre Wurzel in der j\u00fcngeren biblischen Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung [\u2026]\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAufkl\u00e4rung war urspr\u00fcnglich vor allem der Versuch, <em>Grausamkeit<\/em> einzud\u00e4mmen, ja sie vielleicht irgendwann ganz zum Verschwinden zu bringen.\u201c So der Z\u00fcrcher Philosoph Michael Hampe. Dabei ist die Grausamkeit, von der Hampe spricht, jene Grausamkeit, die von den christlichen Kirchen biblisch legitimiert war! So viel zum \u201eweitverbreiteten Irrtum\u201c, von dem H\u00e4rle spricht. Wie war das denn mit \u201eder gleichen W\u00fcrde aller Menschen als M\u00e4nner und Frauen\u201c (H\u00e4rle) bei der (ablehnenden) Haltung der evangelischen Kirchen, als das Frauenwahlrecht in Deutschland im Jahr 1919 eingef\u00fchrt wurde? Oder als der Protest und Widerstand der evangelischen Kirchen ausblieb gegen nationalsozialistische Verbrechen in Gestalt von Diffamierung, Entrechtung, Verfolgung, Deportation oder Vernichtung von Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Richtig wild ist es im Kapitel \u201eEvolutionstheorie und\/oder Sch\u00f6pfungsglaube\u201c. H\u00e4rle setzt sich hier mit der biologischen Evolution und der physikalischen Kosmologie auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst muss festgestellt werden: Das englische Verb \u201eto fit\u201c steht f\u00fcr das deutsche Verb \u201epassen\u201c. In Darwins Evolutionstheorie beschreibt folglich der Ausdruck \u201eSurvival of the Fittest\u201c das \u00dcberleben der am besten an ihren Lebensraum angepassten Individuen. Dann: Was H\u00e4rle mit Stichworten wie \u201eWirkursache\u201c, \u201eZielursache\u201c, \u201eimmateriellen Realit\u00e4ten\u201c oder \u201epanpsychistische Metaphysik\u201c nach dem \u201eWoher\u201c von Evolution schreibt, bleibt bei Licht betrachtet zum gr\u00f6\u00dften Teil einfach Spekulation, die man glauben kann, jedoch nicht muss, und die kein Wissen \u00fcber den betrachteten Gegenstand erzeugt, das au\u00dferhalb theologischer Kreise tragf\u00e4hige G\u00fcltigkeit zu beanspruchen in der Lage ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.rheinpfalz.de\/politik_artikel,-spiritualit%C3%A4t-ist-das-gegenteil-von-religion-_arid,5728008.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger hat es sch\u00f6n formuliert<\/a>: \u201eDa gibt es eine ganze akademische Disziplin an deutschen Universit\u00e4ten, die hei\u00dft Erkenntnistheorie, das ist eine Unterdisziplin der Philosophie. Da besch\u00e4ftigen sich Leute damit, was Wissen ist.\u201c Und bei ihrer kritischen Betrachtung von Wissensproduktion etwa in der Biologie oder der Physik tauchen diese Philosoph*innen ganz tief in die entsprechenden Wissenschaften ein und nehmen sie inhaltlich ernst, um etwa Fragestellungen zum Verh\u00e4ltnis von Modellen und Wirklichkeit, zur Determiniertheit von Vorg\u00e4ngen oder zur Validit\u00e4t oder Reliabilit\u00e4t von Ergebnissen empirischer Forschung bearbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man hat den Eindruck, dass H\u00e4rle hingegen nicht tiefer in die Materie eindringen will oder kann, wie es etwa Philosoph*innen gelingt. H\u00e4rle scheint \u201eRosinen pickend\u201c im Blick auf naturwissenschaftliche Ergebnisse mit seiner Scholastik vor allem teleologische Tendenzen in der Natur belegen zu wollen. Das riecht ein wenig nach Auseinandersetzungen zwischen mechanistischen und teleologischen Naturerkl\u00e4rungen aus dem 18. Jahrhundert. Da geht es dann im Grunde genommen letztlich um den Nachweis einer g\u00f6ttlichen Weltordnung \u2013 mit der jene <em>Grausamkeit<\/em> \u00fcbrigens begr\u00fcndet war, deren Eind\u00e4mmung sich die Aufkl\u00e4rung auf die Fahnen geschrieben hatte. Seit damals hat sich die Welt der Wissenschaften allerdings weitergedreht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch ist das ganze Unternehmen Wissenschaften metaphysisch verankert. Selbst der \u201ereine\u201c Naturalismus von Naturwissenschaften kommt ohne metaphysische Voraussetzungen nicht aus (er muss etwa zumindest die Existenz von Ph\u00e4nomenen au\u00dferhalb des menschlichen Bewusstseins voraussetzen oder die Tatsache, dass es in der Welt \u201emit rechten Dingen zugeht\u201c), wie die Forscher*innen selbst wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Forscher*innen haben Verfahren entwickelt, \u00fcber Beobachtung und gezieltes Experimentieren zu tragf\u00e4higen wissenschaftlichen Resultaten in ihren Disziplinen zu gelangen. F\u00fcr die Physik hat das Richard Feynman, einer der V\u00e4ter der Quantenelektrodynamik, sch\u00f6n formuliert, wie das funktioniert: \u201eIm Allgemeinen suchen wir nach einem neuen Gesetz mit Hilfe des folgenden Verfahrens: Zun\u00e4chst vermuten wir es. Dann berechnen wir die Folgen der Vermutung, um zu sehen, was das Gesetz, das wir vermutet haben, bedeuten w\u00fcrde, wenn es zutr\u00e4fe. Dann vergleichen wir das Ergebnis der Berechnung mit der Natur, durch Experiment oder Erfahrung, vergleichen es direkt mit der Beobachtung, um zu sehen, ob es stimmt. Wenn es nicht mit dem Experiment \u00fcbereinstimmt, ist es falsch. In dieser einfachen Aussage liegt der Schl\u00fcssel zur Wissenschaft. Es macht keinen Unterschied, wie klug Sie sind, wer die Vermutung angestellt hat oder wie sein Name ist \u2011 wenn es nicht mit dem Experiment \u00fcbereinstimmt, ist es falsch. Das ist alles.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wilfried H\u00e4rle verl\u00e4sst sich bei seiner Suche nach teleologischen Tendenzen in der Natur lieber auf das virtuose Jonglieren mit plakativen popul\u00e4rwissenschaftlichen Begrifflichkeiten, die sich zu diesem Zweck gut handhaben lassen. Seine Ausf\u00fchrungen beispielsweise von einem \u201eexplodierenden Atom\u201c etwa zu Beginn von Raum und Zeit sind in mehrfacher Hinsicht falsch und irref\u00fchrend. Das gesamte Universum war Sekundenbruchteile nach seiner Entstehung bereits komplett vorhanden \u2013 allerdings nicht in seiner gegenw\u00e4rtigen Gestalt mit der jetzt zu beobachtenden Verteilung von Materie und Energie. Mit dem Universum entstanden erst Raum und Zeit. Dass Physiker*innen nicht sagen k\u00f6nnen, was \u201evor\u201c dem \u201eUrknall\u201c war oder \u201ewoher\u201c er kam oder \u201ewarum\u201c er stattfand, wissen sie selbst; und sie tun \u2013 im Gegensatz zu Theolog*innen \u2013 auch nicht so, als w\u00e4re das anders. Es herrscht \u00fcbrigens eine rege und hochinteressante Debatte \u00fcber die philosophischen und auch religi\u00f6sen Implikationen des kosmologischen Standardmodells (sehr gut dargestellt etwa von Stefan Bauberger SJ, der Physiker und katholischer Priester ist und an der Hochschule f\u00fcr Philosophie M\u00fcnchen Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie lehrt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit \u201eJa, aber!\u201c erreicht Wilfried H\u00e4rle nicht einmal ansatzweise das Niveau dieser Diskussion. Seine Beitr\u00e4ge dazu bleiben eher oberfl\u00e4chlich, l\u00fcckenhaft und beliebig. Und das ist schade. So werden n\u00e4mlich seine \u201eJa, aber!\u201c-\u201eAnfragen\u201c durch die Naturwissenschaften an den Glauben \u2013 um die es ja schlie\u00dflich geht \u2013 letztlich nur solche Menschen teilen k\u00f6nnen, die den gleichen Missverst\u00e4ndnissen und Vorurteilen unterliegen wie H\u00e4rle auch. Andere hingegen bleiben allein gelassen mit ihren Anfragen. Der paternalistisch belehrende Ton, mit dem H\u00e4rle Resultate wissenschaftlicher Arbeit abmeiert, ist dar\u00fcber hinaus derart \u00e4rgerlich, dass es M\u00fche kostet, sich nach Lekt\u00fcre des Kapitels \u201eEvolutionstheorie und\/oder Sch\u00f6pfungsglaube\u201c noch weiter mit dem Buch zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIst christlicher Glaube heute \u00fcberhaupt noch ehrlich m\u00f6glich?\u201c, fragt Wilfried H\u00e4rle in der \u00dcberschrift zum letzten Kapitel. \u201eJa, sicher!\u201c, kann man da nur antworten. Gott hat uns schlie\u00dflich unseren Verstand gegeben, dass wir uns in der Welt zurechtfinden k\u00f6nnen. Ob wir allerdings in der Kirche Antworten erhalten auf Fragen, die sich uns dabei stellen, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht sollte die Theologie einfach mal versuchen, fragenden Menschen gegen\u00fcber ihre \u201eJa, aber!\u201c-Haltung aufzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Michael Wildberger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783111578897\/html?lang=de&amp;srsltid=AfmBOoppQXC1A12YDb2CzmCfJ-1Y1NPp6Jbb59SY1QE8zC9yhbqSj8s_\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"689\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2025\/01\/Wilfried-Haerle-Ja-aber-689x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-210\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783111578897\/html?lang=de&amp;srsltid=AfmBOoppQXC1A12YDb2CzmCfJ-1Y1NPp6Jbb59SY1QE8zC9yhbqSj8s_\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wilfried H\u00e4rle: Ja, aber! Ein Streitgespr\u00e4ch zwischen Glauben und Zweifel, Berlin\/Boston, Walter de Gruyter GmbH, 2025, 186 Seiten, 29,95 Euro.<\/a><\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ist christlicher Glaube heute \u00fcberhaupt noch ehrlich m\u00f6glich?&#8220;, fragt Wilfried H\u00e4rle in der \u00dcberschrift zum letzten Kapitel. &#8222;Ja, sicher!&#8220;, kann man nur antworten. Gott hat uns schlie\u00dflich unseren Verstand gegeben, dass wir uns in der Welt zurechtfinden k\u00f6nnen. 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