{"id":247,"date":"2025-06-18T18:41:47","date_gmt":"2025-06-18T16:41:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=247"},"modified":"2025-06-19T00:10:03","modified_gmt":"2025-06-18T22:10:03","slug":"aufruestung-als-ethische-verantwortung-oder-verfehlung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/aufruestung-als-ethische-verantwortung-oder-verfehlung\/","title":{"rendered":"Aufr\u00fcstung als ethische Verantwortung oder Verfehlung?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Unter dem Titel: &#8222;Aufr\u00fcstung als ethische Verantwortung oder Verfehlung?&#8220; fand am 30. und 31. Januar 2025 in der Evangelischen Akademie Loccum ein Studientag der Konferenz f\u00fcr Friedensarbeit im Raum der EKD statt. Der Habilitand am Lehrstuhl f\u00fcr Systematische Theologie, Ethik und Fundamentaltheologie der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum, Dr. Maximilian Schell, und der Politikwissenschaftler Andreas Dieterich verfassten dazu <a href=\"https:\/\/www.loccum.de\/files\/2024\/10\/Bericht-Studientag.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">einen Bericht, der auch als \u201eTagungsbeobachtung\u201c auf der Website der Akademie zu lesen ist<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zuallererst muss hervorgehoben werden, dass es sich bei diesem Report um einen hervorhebenswerten Ost-Westbeitrag handelt. Seit vielen Jahren haben wir beklagt, dass dies in den letzten Jahrzehnten nur selten vorgekommen ist! Wertvoll ist das Papier auch, weil es sich unter sonst meist einseitigen und polemischen Beitr\u00e4gen durch Sachlichkeit und Wegweisung hervorhebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier soll zu wesentlichen Aussagen aus der Sicht eines Mediziners, eines Verfechters des konziliaren Prozesses f\u00fcr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung seit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag D\u00fcsseldorf 1985 mit dem Schwerpunkt \u201e\u00d6kumene der Weltreligionen\u201c und als fr\u00fcher Verantwortlicher der IPPNW Deutschland (Internationale \u00c4rzt*innen f\u00fcr die Verh\u00fctung des Atomkrieges, \u00c4rzt*innen in sozialer Verantwortung e. V.) Stellung genommen werden. Ich bin begeistert \u00fcber viele wertvolle Ausf\u00fchrungen zu einem \u201egerechten Frieden\u201c, f\u00fcr \u201eein Weltgemeinwohl \u2026[und eine] nachhaltige Entwicklung\u201c in diesem in Loccum erm\u00f6glichten \u201eau\u00dfergew\u00f6hnlichen Diskursraum zu einem hoch relevanten und brisanten Thema \u2026 direkte Begegnung von friedens- und kirchenpolitischen mit r\u00fcstungspolitischen und wirtschaftlichen Akteuren\u201c. Viele markante Aussagen kann ich als jahrzehntelanger Basisvertreter christlicher Friedensbewegung im Sinne einer konziliaren Friedensethik voll unterst\u00fctzen und m\u00f6chte ich punktuell erweitern und weiter fortschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns belastet \u201edie Gefahr entfesselter Militarisierung, Eskalations- und R\u00fcstungsspiralen oder gesteigerte wechselseitige Bedrohungswahrnehmungen der Konfliktparteien \u2026 die Gefahr des Militarismus, R\u00fcstung ja, aber wieviel, und wo bleibt die Frage der R\u00fcstungskontrolle und Abr\u00fcstung?\u201c \u201eAuch in akademischen Diskursr\u00e4umen ist dieser Wandel sp\u00fcrbar: beispielsweise durch die zunehmende Einschr\u00e4nkung von Zivilklauseln an Universit\u00e4ten\u201c. Aktuell wird zum Beispiel in einem offiziellen Artikel \u201eAOK Presse und Politik\u201c vom 25. Februar 2025 weit gestreut, ein problematisch legitimierter \u201eExpertenrat fordert kriegs- und krisenfestes Gesundheitssystem\u201c (10. Dezember 2024). \u201eDazu solle das geplante Gesundheitssicherstellungsgesetz \u201amit h\u00f6chster Priorit\u00e4t\u2018 abgeschlossen werden \u2026 das Gesundheitswesen [ist] besser auf milit\u00e4rische Konflikte vorzubereiten \u2026\u201a Resilienz und Gesundheitssicherheit\u2018 im Krisen- und B\u00fcndnisfall \u2026 [ben\u00f6tige eine] \u201adeutlich verbesserte, strukturierte zivil-milit\u00e4rische Zusammenarbeit\u2018 \u201c. \u201eMit Blick auf die Drehscheibenfunktion Deutschlands bei einem bewaffneten Konflikt sieht der Rat zudem Regelungsbedarf bei der Versorgung alliierter Kr\u00e4fte und Patienten. Auch die Bevorratung bestimmter Arzneimittel und Medizinprodukte sowie regelm\u00e4\u00dfige Ernstfall\u00fcbungen sollten nach Auffassung des Rates gesetzlich verankert werden.\u201c Wir werden erinnert an eine apokalyptische Vision bei atomarer Kriegsf\u00fchrung Ende der 1980er Jahre in einem Film aus Osteuropa \u201eDie Toten werden die Lebenden beneiden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Loccum wurde festgestellt: \u201eEin weiteres Merkmal der Militarisierung ist ihre enge Verkn\u00fcpfung mit Prozessen \u2026 [utopischer Sicherheitsdebatten] und der Konstruktion von Feindbildern.\u201c Stets solle bedacht werden: \u201eauch ein \u201aDanach\u2018\u201c. \u201e Momentan sei die Diskussion stark einseitig, w\u00e4hrend die Stimme des Friedens kaum Geh\u00f6r f\u00e4nde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZudem fehlt es derzeit an kritischen Stimmen aus der Kirche und der Zivilgesellschaft, die sich mit der zunehmenden Militarisierung und der R\u00fcckkehr zur Abschreckungspolitik auseinandersetzen.\u201c Dies trifft \u2013 Gott sei Dank \u2013 zum gro\u00dfen Teil nicht zu! Gerne erinnere ich an Margot K\u00e4smann oder den biblisch begr\u00fcndeten \u00fcberzeugenden \u201eChristlichen Friedensruf Hannover 2025\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die deutsche Friedensbewegung hat sich \u00fcberw\u00e4ltigend \u201egro\u00dfartig und mutig\u201c zu Wort gemeldet. Ich erinnere an die IPPNW-\u00c4rzte gegen \u201ezunehmende Militarisierung der Medizin\u201c, IALANA-Juristen: \u201eDas Grundgesetz braucht keine Schattenhaushalte f\u00fcrs Milit\u00e4r\u201c, NatWissenschaftler: \u201eKeine neue \u00c4ra der Aufr\u00fcstung!\u201c und die 2017 friedensnobelierte Organisation ICAN Deutschland: \u201eNukleare Abschreckung ist illegitim \u2026 eine existentielle Bedrohung f\u00fcr alle\u201c. \u201eGro\u00dfartig und mutig\u201c auch in einem friedensstiftenden \u201eAppell an die Abgeordneten des Bundestages\u201c von Pax Christi, DFG-VK, Netzwerk Friedenskooperative und AGDF: \u201eStoppen Sie die Aufr\u00fcstung! Stimmen Sie gegen die geplante Grundgesetz\u00e4nderung\u201c. Ihm haben sich bundesweit 36 Organisationen angeschlossen, auch Vertreter einer Evangelischen Landeskirche und einer Stadtkirchengemeinde. Schon 2024 f\u00fchlten sich Gewerkschaften durch Aufr\u00fcstung und Krieg bedroht: \u201eFriedensf\u00e4higkeit statt Kriegst\u00fcchtigkeit\u201c und haben den Ostermarsch-Aufruf \u00fcber 213.000 Menschen unterzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie pauschale Akzeptanz der \u201aZeitenwende\u2018 als unumst\u00f6\u00dfliches Narrativ muss hinterfragt werden. Es gilt, die Hoffnung auf Frieden zu bewahren und daran zu glauben, dass trotz aktueller Kriege eine gerechtere Weltordnung m\u00f6glich ist. Die Kirche kann hierbei eine konstruktive Gegenperspektive einbringen.\u201c So war sich Bischof Friedrich Kramer, Magdeburg, nicht zu schade, hier in Stuttgart beim Ostermarsch 2025 seine \u00fcberzeugende Stimme zu erheben \u2013 warum bislang in deutschen Landen nur ein Novum?! \u201eSicherheit kann nicht allein nur milit\u00e4risch gedacht werden.\u201c Deshalb kann sprachlich nur von \u201eVerteidigungsf\u00e4higkeit\u201c gesprochen [und nat\u00fcrlich danach gehandelt] werden, \u201evon der Notwendigkeit, konventionelle Abschreckung mit so viel wie n\u00f6tig, aber so wenig wie m\u00f6glich R\u00fcstung und Drohpotential zu gestalten\u201c und dass \u201eAufr\u00fcstung gerade in den \u00f6ffentlichen Diskurs geh\u00f6rten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wird in heutiger Zeit wieder ges\u00e4t, wenn etwa die Stuttgarter Zeitung in diesen Tagen als Haupt\u00fcberschrift des Regierungsprogramms tituliert, \u201eDeutschland soll st\u00e4rkste milit\u00e4rische Macht in Europa\u201c werden. In Loccum wurde bewertet, dass auch die \u201eForderung nach immer h\u00f6heren Verteidigungsausgaben bei gleichzeitiger Ineffizienz in deren Nutzung \u2026 ein ethisches Problem\u201c darstellt. \u201eDar\u00fcber hinaus m\u00fcssen sicherheitspolitische Debatten grundlegend anders gef\u00fchrt werden. Eine st\u00e4rkere gesellschaftliche Beteiligung ist erforderlich, und die Zivilgesellschaft sowie die Kirche k\u00f6nnen eine wichtige Rolle spielen, indem sie sich sowohl auf nationaler als auch europ\u00e4ischer Ebene f\u00fcr eine differenzierte und verantwortungsbewusste Diskussion einsetzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine der prim\u00e4ren Aufgaben der Kirchen [ist], den Frieden mitten im Konflikt zu bezeugen und all die Initiativen zu st\u00e4rken, die bereits jetzt gewisserma\u00dfen eine utopische \u2013 theologisch gesprochen: eine eschatologische \u2013 Wirklichkeit verk\u00f6rpern.\u201c Hier ist an Projekte in Gemeinden zu denken, an \u201eVerst\u00e4ndigungsorte\u201c, an Vers\u00f6hnungsprojekte\u201c, \u201ean die Chancen der weltweiten \u00d6kumene und auch an die Chancen der weltweiten universit\u00e4ren Zusammenarbeit mitten im Krieg.\u201c \u201eAufgabe der Kirchen ist es, an der regulativen Idee des Gerechten Friedens festzuhalten und immer wieder zu fragen, wie er trotz aller R\u00fcckschritte prozesshaft zu implementieren ist \u2026 [etwa im Sinne] Wer den Frieden will, der bereite immer wieder und gegen allen Anschein den Frieden vor. Auch in Zeiten des Krieges und der Infragestellung von Demokratie und regelbasierter Ordnung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich kann begr\u00fc\u00dfen, \u201edass sich in den verschiedenen Gespr\u00e4chsg\u00e4ngen w\u00e4hrend der Tagung alle einig waren, dass Frieden nicht allein \u00fcber Sicherheit und Abwesenheit von Gewalt implementiert werden kann, sondern dass es gleichzeitige Bem\u00fchungen um Gerechtigkeit, um Freiheitsf\u00f6rderung, um Abbau von Not und um innerdemokratischen Zusammenhalt braucht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Offensichtlich wurde redaktionell hinzugef\u00fcgt, was auch ich voll unterst\u00fctzen w\u00fcrde: \u201eEs braucht entgegen der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Trends weiterhin Bem\u00fchungen um eine verst\u00e4rkte Verletzungssensibilit\u00e4t f\u00fcr strukturell benachteiligte Gruppen, es braucht den intersektionalen Blick auf strukturelle, sprachliche und direkte Diskriminierung, einen kritischen Blick auf Sexismus, Rassismus, Klassismus und Ableismus.\u201c Und ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde noch hinzuf\u00fcgen: Es braucht \u201estatt niedermetzeln besser zusammenleben, \u201aWertvolle Elemente\u2018 von Konvivialismus \u00fcberwinden neoliberalen Kapitalismus\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVor diesem Hintergrund ist zum Schluss auf die letzte gro\u00dfe Aufgabe der Kirchen zu verweisen: Das Gebet und die Friedensspiritualit\u00e4t &#8230; [die uns letztlich] in all unserem vermeintlichen Wissen und Besserwissen um den Krieg und den Frieden dem\u00fctig macht. Nicht \u00fcber-, sondern miteinander reden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ulrich B\u00f6rngen, Stuttgart, Mai 2025.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.loccum.de\/files\/2024\/10\/Bericht-Studientag.pdf\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"846\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2025\/06\/Bericht-Studientag-Loccum-T.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-245\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Bericht &#8222;Aufr\u00fcstung als ethische Verantwortung oder Verfehlung?&#8220; steht <a href=\"https:\/\/www.loccum.de\/files\/2024\/10\/Bericht-Studientag.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00fcber diesen Link zum Download als PDF-Datei<\/a> bereit.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel: &#8222;Aufr\u00fcstung als ethische Verantwortung oder Verfehlung?&#8220; fand am 30. und 31. 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