{"id":285,"date":"2026-07-03T18:15:29","date_gmt":"2026-07-03T16:15:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=285"},"modified":"2026-07-03T18:18:13","modified_gmt":"2026-07-03T16:18:13","slug":"kriegstuechtigkeit-bezeichnet-eine-paranoid-aggressive-form-der-weltbeziehung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/kriegstuechtigkeit-bezeichnet-eine-paranoid-aggressive-form-der-weltbeziehung\/","title":{"rendered":"&#8222;Kriegst\u00fcchtigkeit&#8220; bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung"},"content":{"rendered":"\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/kriegsuntuechtigkeit-als-chance\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hermann Theisen (Hg.): Kriegsunt\u00fcchtigkeit als Chance. Essays gegen den Krieg und f\u00fcr zivile Konfliktl\u00f6sung. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Hartmut Rosa. Heidelberg: Verlag Graswurzelrevolution 2026; 272 Seiten. \u20ac 28,00<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Herausgeber ist systemischer Berater, Jg. 1964. Unter den Autorinnen und Autoren, die zu seiner Sammlung von Kurzessays beigetragen haben, sind weit \u00fcberwiegend M\u00e4nner und er geh\u00f6rt gleichsam zur \u201ej\u00fcngeren Generation\u201c der Beitragenden. Er selbst hat, beruflich bedingt, Kriege und den Klimawandel im Blick. Als systemischer Berater setzt er gro\u00dfe Hoffnungen in einen \u201ePerspektivwechsel\u201c. Also hat er eine Leitfrage formuliert und an potentielle Autor:innen in seinem Bekanntenkreis gesandt. Die lautete:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201c<em>Wie k\u00f6nnen wir darauf hinwirken, uns <strong>von den sicherheitspolitischen und klimapolitischen Verh\u00e4ngnissen unserer Zeit zu befreien<\/strong>, und <strong>wie wertvoll<\/strong> k\u00f6nnte daf\u00fcr explizit <strong>kriegsunt\u00fcchtiges Denken und Handeln<\/strong> sein?<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inhalt solcherart Frage ist ein Ziel. Dasjenige, welches nach den Erfahrungen des II. Weltkrieges und der Einf\u00fchrung der nuklearen Waffen prototypisch in den <a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/heidelberger-thesen-1959-75680.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eHeidelberger Thesen\u201c<\/a> (These III) im Jahre 1959 formuliert wurde,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>Nicht die Ausschaltung der Atomwaffen aus dem Krieg, sondern <strong>die Ausschaltung des Krieges selbst <\/strong>mu\u00df<strong> unser Ziel<\/strong> sein.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">war explizit nicht das in der Theisenschen Frage implizierte Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1959 wurde diese weitreichende Konsequenz, die Zielsetzung \u201eAbschaffung des Krieges als politische Option\u201c, aufgrund der Existenz atomarer Waffen und der pr\u00e4zedenzlosen Dimension ihrer Zerst\u00f6rungskraft formuliert. Hintergrund war eine generellere Einsicht gewesen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>die <strong>Steigerung der technischen Mittel<\/strong>, die uns von der Angst vor so vielen Naturkr\u00e4ften befreit hat, hat <strong>die Angst vor dem Mitmenschen mit gutem Grund erh\u00f6ht<\/strong>. Gerade <strong>unser<\/strong> vom Verstand erhelltes <strong>Zeitalter<\/strong> <strong>leidet<\/strong> an dumpfer <strong>Angst vor seiner eigenen Unberechenbarkeit<\/strong>.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Helmut Rosa nimmt diesen Gedanken in seinem einf\u00fchrenden Geleitwort immerhin <em>in nuce<\/em> auf. Er verweist mit Bezug auf Bernhard Waldenfels und Olaf M\u00fcller darauf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>Pazifismus oder Kriegs<u>un<\/u>t\u00fcchtigkeit \u2026 bedeuten nicht \u2026, keine Lust darauf zu haben, sich und andere zu verteidigen. \u2026 <strong>Kriegst\u00fcchtigkeit bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung<\/strong>. Sie ist fundiert in der Wahrnehmung: Die Welt ist feindlich und gef\u00e4hrlich \u2026<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es fehlt bei Rosa nur die Einschr\u00e4nkung, dass nicht (mehr) die Welt sondern lediglich ein Teil, die Menschen in der Welt, gef\u00e4hrlich ist \u2013 und dass dies neu ist, dass diese ihre Selbstwahrnehmung seit der Neuzeit entstanden ist, als Folge des Prozesses zunehmender technischer Beherrschung derjenigen Gefahren, die vom anderen Teil der Welt, der Natur, einstmals ausgegangen und nun verschwunden sind. Seit der Mensch Weltherrscher geworden ist, so die Meinung in den 1950er Jahren, ist ihm nur noch er selbst zum F\u00fcrchten geblieben. Mit der Entdeckung des menschgemachten Klimawandels hat sich das ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herausbringen konnte Theisen eine Sammlung von 40 Essays. Das ist viel und divers. Da kann man nur eine Art \u201eLeseschneise\u201c durch das Buch anbieten. Hier die meine.<\/p>\n\n\n\n<ol style=\"list-style-type:lower-alpha\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Einen Bezug zu den Heidelberger Thesen mit ihrer radikalen Konsequenz, der <a href=\"https:\/\/vdw-ev.de\/hans-jochen-luhmann-forderung-abschaffung-des-krieges\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Forderung nach Ausschaltung des Kriegs als staatlicher Institution<\/a>, auf den sich (fast) alle Staaten vorbereiten, nimmt heute niemand mehr auf. Die Zeiten sind weit weniger radikal geworden. Lediglich die \u201eHumanisierung\u201c des Krieges und das Verbot einer speziellen Kriegsform, des Angriffskriegs, sind im Fokus.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Verklammerung von zwei \u201eVerh\u00e4ngnissen\u201c in der Leitfrage, von klima- und sicherheitspolitischen Dilemmata, mit einem Widerspruch gegen die Forderung nach \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c zusammen zu bringen, diesem Anspruch des Herausgebers wird kaum zu entsprechen versucht.<\/li>\n\n\n\n<li>Dominant ist die isoliert sicherheitliche Thematisierung, ausgehend von der Pistoriusschen Provokation, eine neue \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c in und f\u00fcr Deutschland zu fordern. Immerhin gibt es einen Beitrag, der der naheliegenden Frage nachgeht, ob die Pistoriussche Begriffswahl neu sei oder vielmehr Vorg\u00e4nger gehabt habe. Die Antwort lautet: Ja, G\u00f6bbels ist der beziehungsweise ein Ahnherr dieser Formel. Es ist frappierend, dass der einstmals generell verbreitete Reflex gegen die heutige Verwendung von politischen Begriffen, die <a href=\"https:\/\/www.isw-muenchen.de\/online-publikationen\/texte-artikel\/5370-kriegstuechtig\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">in der Nazi-Zeit entweder erfunden worden oder <em>en vogue<\/em> waren<\/a> und sich damit im \u201eW\u00f6rterbuch des Unmenschen\u201c finden sollten, im Falle von \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c nicht greift. Unwissenheit kann schwerlich der Grund sein. Der Grund muss vielmehr sein: \u201e<em>Nein, diese Frage nach der Herkunft stell\u2018 ich nicht!<\/em>\u201c.<\/li>\n\n\n\n<li>Ber\u00fchrend an dem Buch ist die F\u00fclle von Beispielen und Erfahrungen mit konkreter Friedensarbeit, meist weit entfernt vom epochalen zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Russland und dem Westen.<\/li>\n\n\n\n<li>Am provokantesten empfand ich in seiner argumentativen Transparenz und \u201aUngesch\u00fctztheit\u2018 den Beitrag von Ulrich Duchrow. Der steht unter dem Titel mit einer klaren Frage \u201e<em>Wer hat die Gewalt gesteigert, die angeblich Aufr\u00fcstung n\u00f6tig macht?<\/em>\u201c<br>Die Antwort f\u00fcr den Fall des russischen Angriffs auf die Ukraine lautet grundlegend: \u201e<em>Der kapitalistische Markt hat \u2026 Voraussetzungen<\/em>\u201c, und zu denen geh\u00f6re \u201e<em>staatliches Milit\u00e4r zur Eroberung des Zugangs zu Rohstoffen und M\u00e4rkten mit der Folge von Kriegen und R\u00fcstungswahnsinn.<\/em>\u201c Darauf wird Bezug genommen in den Passagen, in denen das US-seitige Motiv mit \u201e<em>Wer die Ukraine kontrolliert, kontrolliert den euro-asiatischen Markt.<\/em>\u201c formuliert ist. Ziel m\u00fcsse der gerechte Frieden sein. Den k\u00f6nnten die Sch\u00fcler:innen erk\u00e4mpfen, durch die Organisation von Schulstreiks gegen die neue Wehrpflicht. \u201e<em>Wenn sie sich mit den Friedenskr\u00e4ften in den Gewerkschaften verb\u00fcnden w\u00fcrden \u2026 und schlie\u00dflich unsere Kirchen noch \u2026 lernen w\u00fcrden, den &#8230; imperialen Kapitalismus mit einer Wirtschaft im Dienste des Lebens zu \u00fcberwinden, dann w\u00fcrden die Grundlagen eines <strong>gerechten Friedens umsetzbar<\/strong> sein.<\/em>\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>H\u00f6chst verst\u00f6rend und anr\u00fchrend ist das Titelbild. Es zeigt von Gottfried Helnwein dessen Bild \u201eDesaster of War 47\u201c. Das ist ein Bild eines \u201awissenden\u2018 Kindes, in Portrait-Form, in Uniform, mit Schulterklappen. Das sagt eigentlich alles \u00fcber den Krieg.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerne erinnere ich aus diesem Anlass an <a href=\"https:\/\/www.blog-der-republik.de\/habermas-zur-wehrpflicht-debatte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">eine der letzten Stellungnahmen aus der Feder von J\u00fcrgen Habermas<\/a>. Sie lautet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>In dieser Abschaffung der Wehrpflicht spiegelt sich ein weltgeschichtlicher Lernprozess, n\u00e4mlich die auf den Schlachtfeldern und in den Kellern des Zweiten Weltkrieges gewachsene <strong>Einsicht, dass diese m\u00f6rderische Form der Gewaltaus\u00fcbung menschenunw\u00fcrdig<\/strong> ist.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hans-Jochen Luhmann<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Herausgeber ist systemischer Berater, Jg. 1964. Unter den Autorinnen und Autoren, die zu seiner Sammlung von Kurzessays beigetragen haben, sind weit \u00fcberwiegend M\u00e4nner und er geh\u00f6rt gleichsam zur \u201ej\u00fcngeren Generation\u201c der Beitragenden. Er selbst hat, beruflich bedingt, Kriege und den Klimawandel im Blick. Als systemischer Berater setzt er gro\u00dfe Hoffnungen in einen \u201ePerspektivwechsel\u201c. Also &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/kriegstuechtigkeit-bezeichnet-eine-paranoid-aggressive-form-der-weltbeziehung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e&#8222;Kriegst\u00fcchtigkeit&#8220; bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-285","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":289,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/285\/revisions\/289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}