{"id":40,"date":"2019-05-06T18:21:35","date_gmt":"2019-05-06T16:21:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=40"},"modified":"2019-05-06T18:21:35","modified_gmt":"2019-05-06T16:21:35","slug":"die-erfindung-gottes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/die-erfindung-gottes\/","title":{"rendered":"Die Erfindung Gottes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von Jahwe, dem W\u00fcstengott zum EINEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der biblische\nMonotheismus hat eine lange Geschichte. Und die ist prim\u00e4r nicht die Geschichte\neiner Idee, sondern die Geschichte eines Gottes, der zun\u00e4chst einer von vielen\nwar und \u00fcber fast 1.000 Jahre zum einzigen wurde. Er brauchte dann keinen Namen\nmehr und konnte als Gott oder der Herr angebetet werden. Hebr\u00e4isch Adonai,\ngriechisch Kyrios islamisch Allah (was kein Name ist, sondern zusammengezogen\naus al ilah, der Gott). Diese Geschichte schildert Thomas R\u00f6mer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dieser Gott\nhei\u00dft Jahwe, gem\u00e4\u00df dem hebr\u00e4ischen Tetragramm auch konsonantisch Jhwh\ngeschrieben und missverstanden auch Jehova genannt. Er war zun\u00e4chst einer von Vielen.\nEin W\u00fcstengott im Gebiet zwischen Pal\u00e4stina und \u00c4gypten. Die \u00e4lteste schriftliche\nErw\u00e4hnung findet sich im heutigen Sudan auf einer Wand des \u00e4gyptischen Tempels\nvon Soleb am Westufer des Nil etwa 500 Kilometer s\u00fcdlich von Asswan, gebaut um\n1350 v. Chr. unter dem Pharao Amenophis III. Dort werden in einer Liste von\nV\u00f6lkern, die der Pharao unterworfen hat, auch die \u201eShasu Jahwes\u201c genannt. Shasu\nhei\u00dft einfach Beduinen. Es gibt auch m\u00f6gliche Ankl\u00e4nge an Jahwe in Namen von G\u00f6ttern\nund Personen in Ebla, Ugarit und Mari. Aber diese Verbindungen sind ungewiss\nund hypothetisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher ist: Israel\nwar sich bewusst, dass Jahwe von S\u00fcden her eingewandert war. Davon ist an\nmehreren Stellen im Alten Testament die Rede. Im Richterbuch (5,14) hei\u00dft es \u201eJhwh,\nals du aus Seir (eine Bergkette an der Grenze zum Sinai, H.F.) herauskamst, als\ndu vom Land Edom her n\u00e4herkamst. bebte die Erde, auch der Himmel triefte, die\nWolken trieften vor Wasser; die Berge flohen vor Jhwh \u2013 diesem Sinai, vor Jhwh,\ndem Gott Israels.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Jhwh war\nfreilich auch in Israel noch l\u00e4ngst nicht der eine des Monotheismus. Er war der\nWichtigste unter mehreren, er konkurrierte oder verschmolz schlie\u00dflich mit El.\nEr hatte aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch eine G\u00f6ttin neben sich. In den\nersten Jahrhunderten nach David und Salomo, das hei\u00dft von 1000 bis 800 v. Chr. herrschte\nein buntes religi\u00f6ses Leben in Jarusalem. Thomas R\u00f6mer h\u00e4lt zusammenfasend fest,\n\u201edass Jhwh im Verlauf des 9. und 8. Jh. v.u.Z. K\u00f6nigreich Juda zum Hauptgott wird,\nzum Gott der davidischen Dynastie und Nationalgott Judas. Er nimmt die Funktionen\ndes Sonnengottes in sich auf und vereint in sich die Funktionen zweier Arten\nvon G\u00f6ttern: El und Baal. Der Tempel von Jerusalem war das Zentrum von Jhwhs\nK\u00f6nigtum, obwohl es andere jahwistische Heiligt\u00fcmer gab, wobei, vor allem auf\ndem Land, die bamot (Kulth\u00f6hen, H.F.) Jhwh zeigte gegen Ende des 8. Jh. Seine\n\u00dcberlegenheit \u00fcber den Gott der Unterwelt. Bei milit\u00e4rische Krisen brachte man\nihm auch Menschenopfer dar.\u201c (S.156)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gro\u00dfe Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie verh\u00e4lt sich\ndas zuvor Gesagte zum Zug Israels von \u00c4gypten durch die W\u00fcste? Wie verh\u00e4lt es\nsich zum Berg Sinai, wo Mose die Tafeln des Gesetzes empf\u00e4ngt und dem widerspenstigen\nVolk den Monotheismus einbl\u00e4ut? Ganz einfach: Der Sinai und die W\u00fcstenwanderung\nsind eine iterarische Konstruktion, die hier und da historische Elemente spiegelt.\nLiteratur, und wie viele Teile der Bibel: gro\u00dfe Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Historisch-kritisch\narbeitende Wissenschaftler wie Thomas R\u00f6mer versuchen, aus einzelnen Elementen der\n\u00dcberlieferung ein Puzzle zusammen zu stellen, das mehr oder weniger die\nhistorischen Vorg\u00e4nge wiedergibt. Diese Diskrepanz gilt auch f\u00fcr die Gestalt\ndes Mose. \u00dcber den historischen Mose wei\u00df man fast nichts. Aber an ihn haben\nsich immer mehr Geschichten und \u00dcberlieferungen ankristallisiert. So wurde er\nzur gewaltigen literarischen Gestalt. Es ist ein wenig wie das Verh\u00e4ltnis\nzwischen dem Dr. Johannes Faustus aus Knittlingen (wenngleich es f\u00fcr ihn wenigstens\nein Museum gibt) und der von Goethe geschaffenen Gestalt. Solche\nhistorisch-kritische Theologie ist nicht unproblematisch. Sie entlastet zwar einerseits\nKirche und Theologie vom Geruch, finster Unglaubhaftes zu behaupten. Der\nTheologe will gemeinhin kein Dunkelmann sein. Sie nimmt aber dem Glauben sein\nliebstes Kind, das Wunder wie es im \u201eFaust\u201c hei\u00dft. Alles wird diesseitig. Jeder\nheilige Text zu Literatur. Das hat sich in der Theologe des aufgekl\u00e4rten Westens\nweithin durchgesetzt (mit gro\u00dfen Ausnahmen im konservativ-evangelikalen\nBereich). Anderswo aber kaum. \u201eIt\u2019s a luxury for the West\u201c, sagte mir ein Professor\nder Theologie in Addis Abeba.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ged\u00e4chtnisspuren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hierher geh\u00f6rt auch\nder nicht unprovozierende Titel des ganzen Buches: \u201eDie Erfindung Gottes\u201c (\u201eL\u2019invention\nde Dieu\u201c im fanz\u00f6sischen Original). In der Einleitung spricht R\u00f6mer von einer\nArt \u201ekollektiver Erfindung\u201c, \u201edie best\u00e4ndig auf bestimmte historische und\nsoziale Zusammenh\u00e4nge reagiert hat\u201c. Dabei seien auch \u201eGed\u00e4chtnisspuren\u201c\n\u00e4lterer \u00dcberlieferungen und Ereignisse\u201c bewahrt worden. Vielleicht auch eine\nGed\u00e4chtnisspur zum Monotheismus Echnatons im 13. Jahrhundert v. Chr. Das Konzept\nsolcher Spuren gibt auch Sigmund Freuds Schrift \u201eDer Mann Moses und die Monotheistische\nReligion\u201c einen Resthauch von Plausibilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Past\u00f6rlich gesprochen:\nUns liegt nur Sprache vor. Man kann sich in diesem Raum bewegen, leben und wenn\nman will auch glauben. Entweder das Ganze ist ein Wunder oder gar nichts. Nur\nso ist aufgekl\u00e4rte Religion m\u00f6glich. Praktisch gesagt: Wer sich den unmittelbar\nvor Augen liegenden Aufgaben stellt \u2013 der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit,\ndem Verst\u00e4ndnis, dem Verzeihen, dem Segen, dem Ritus und der Musik \u2013, hat es\nnicht n\u00f6tig, sich dauernd mit der Frage nach dem gro\u00dfen, fernen und verborgenen\nGott zu besch\u00e4ftigen. Er kann da viel auf sich beruhen lassen. Er braucht keine\nEreignisse, die gleichsam aus anderen Welten durch die Wand fallen, keine\nZeichen und Wunder. F\u00fcr den, der (oder die) dazu begabt und willens ist, bleibt\nreichlich Raum f\u00fcr mystische Erfahrung in anderen Bereichen von Bewusstsein und\nUnterbewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Bibel gibt\nes weder ein Wort f\u00fcr Polytheismus noch f\u00fcr Monotheismus. Polytheismus kommt zum\nersten Mal bei Philo von Alexandria im 1. Jahrhundert n. Chr. vor, Monotheismus\nbei den europ\u00e4ischen Deisten im 18. Jahrhundert. Der Monotheismus entwickelt\nsich also nicht entlang eines Begriffs, sondern im Vollzug von Kultus und\nGebet. Und das war ein langer und regional unterschiedlicher Prozess voll\nSpannung und Polemik bis schlie\u00dflich der r\u00f6mische Feldherr Pompejus im Jahre 63\nvor Christus den Tempel in Jerusalem betrat und zu seinem Erstaunen feststellte,\ndass darin tats\u00e4chlich kein G\u00f6tterbild stand. R\u00f6mer schreibt zu diesem Weg: \u201eDie\nQuellen belegen, dass es noch bis zum Ende des 5. Jh. m\u00f6glich war, einen Opferkult\nau\u00dferhalb Jerusalems auszu\u00fcben und Jhwh zusammen mit anderen Gottheiten zu\nverehren.\u201c (S.251) Wie so oft ist die Wahrheit auch hier konkret. Du sollst keine\nanderen G\u00f6tter haben \u201eneben mir\u201c in 2. Mose 20,3 hei\u00dft hebr\u00e4isch: \u201eal panai\u201c \u2013 \u201emir\nins Angesicht\u201c. Die Vorstellung war urspr\u00fcnglich wohl die, dass man der Statue\nJhwhs im Tempel keine anderen G\u00f6tterbilder beigesellen solle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Religion ohne Staat<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher ist, dass\nsich der bildlose Monotheismus erst nach dem Ende der Staatlichkeit Israels\ndurchgesetzt hat, das Judentum also eine Religion ohne Staat ist wie andere\nReligionen auch. Das nimmt der Neugr\u00fcndung des Staates Israel im 20. Jahrhundert\njede theologische Begr\u00fcndung. Es gibt Gr\u00fcnde f\u00fcr den modernen Zionismus in\nVerfolgungen, in Nationalismus und im kolonialistischen Denken der Zeit, und\ndie faktische Gr\u00fcndung des Staates w\u00e4re ohne die Schubkraft des Entsetzens \u00fcber\nden Holocaust wahrscheinlich gar nicht m\u00f6glich gewesen. Das Judentum als\nReligion des Buchs und der Synagoge aber hat zwar Wurzeln in der\nNationalreligion des alten Israel der K\u00f6nige. Es ist aber mit ihr nicht\nidentisch und \u00fcberhaupt erst aus dem Verlust der Staatlichkeit durch die\nbabylonische Eroberung 587 v. Chr. entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">R\u00f6mer pointiert\ndas im Schlusswort seines Buches: \u201eEntscheidend f\u00fcr die Wandlung vom einen Gott\nJhwh zum einzigen Gott Jhwh war die Zerst\u00f6rung Jerusalems im Jahr 587 v.u.Z. und\ndie geographische Zerstreuung der Jud\u00e4er [\u2026]\u201c (S.271) Dies ist festgehalten in\nden f\u00fcnf B\u00fcchern Mose, dem Pentateuch, der unter Aufnahme vieler \u00e4lterer Texte\nin der Mitte der persischen Zeit, zwischen 400 und 350 v. Chr. ver\u00f6ffentlich\nwurde. R\u00f6mer: \u201eDer Pentateuch findet seine Koh\u00e4renz darin, dass in ihm alle\ng\u00f6ttlichen Gebote enthalten sind, die dem Volk \u00fcber Mose am Sinai \u00fcbermittelt\nwurden. Das bedeutet, man braucht weder ein K\u00f6nigtum noch ein eigenes Land (der\nPentateuch endet vor der Landnahme), um den Willen Jhwhs zu erkennen und ihm\ngem\u00e4\u00df zu leben.\u201c (S.272) Daraus folgt R\u00f6mers Fazit \u201eIn gewisser Weise erfindet\ndas entstehende Judentum so die Trennung zwischen politischer Macht und\nreligi\u00f6ser Praxis sowie einer religi\u00f6sen Praxis und einem bestimmten Territorium.\u201c\nWie Heinrich Heine sagt: Die Juden haben ein portables Vaterland.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Helmut Falkenst\u00f6rfer.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Jahwe, dem W\u00fcstengott zum EINEN Der biblische Monotheismus hat eine lange Geschichte. Und die ist prim\u00e4r nicht die Geschichte einer Idee, sondern die Geschichte eines Gottes, der zun\u00e4chst einer von vielen war und \u00fcber fast 1.000 Jahre zum einzigen wurde. 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