{"id":56,"date":"2021-05-25T16:40:04","date_gmt":"2021-05-25T14:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=56"},"modified":"2021-05-25T16:40:51","modified_gmt":"2021-05-25T14:40:51","slug":"klaus-wengst-wie-das-christentum-entstand","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/klaus-wengst-wie-das-christentum-entstand\/","title":{"rendered":"Klaus Wengst: Wie das Christentum entstand"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein historisches Werk. Es ist aber auch ein Manifest rheinischer Nach-Holocaust-Theologie:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Klaus Wengst, Wie das Christentum entstand \u2013 eine Geschichte mit Br\u00fcchen im ersten und zweiten Jahrhundert, 351 Seiten, G\u00fctersloh, 2021, EUR 22,\u2011.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenig \u00fcberraschend schildert Wengst, dass das Christentum aus dem Judentum entstanden ist. Jesus war Jude, die J\u00fcnger waren Juden, Paulus war Jude. Die Konflikte der Christen mit den j\u00fcdischen Gemeinden waren zun\u00e4chst innerj\u00fcdische Konflikte. Das alles schildert Wengst ausf\u00fchrlich. Es folgte dann der Bruch innerhalb des Judentums. Nach der Wanderung des Christentums in die nichtj\u00fcdische r\u00f6mische Welt folgte der Bruch mit dem Judentum. Man k\u00f6nnte das auch die Emanzipation des Christentums vom Judentum nennen. Das tut Wengst aber nicht. F\u00fcr ihn ist dies ein S\u00fcndenfall, ein Geburtsfehler, der sich bis heute durch die Geschichte der Kirche zieht. Wengsts Pointe dagegen ist, und damit folgt er der Theologie der Rheinischen Kirche seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, dass die Kirche nicht das Judentum als Volk Gottes ersetzt hat, sondern dass Judentum und Kirche nebeneinander bleibend Volk Gottes sind. Daraus ergibt sich nat\u00fcrlich auch ein neues Verh\u00e4ltnis beider zueinander in der Gegenwart. Um seine Theologie in die Praxis zu f\u00fchren l\u00e4sst Wengst seiner Darstellung ein Schlusskapitel mit dem Titel \u201eWas nun?\u201c folgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wengst f\u00fchrt aus, dass die Verhei\u00dfungen Gottes f\u00fcr sein Volk unabh\u00e4ngig von dessen Stellung zum Messias Jesus g\u00fcltig bleiben und rechnet dazu \u201evor allem die von Nachkommenschaft und Land und von sicherem Leben im Land\u201c. Damit bezieht er die Verhei\u00dfung des Alten Testaments ungeachtet ihrer Bildhaftigkeit und Symbolik unmittelbar auf die politische Realit\u00e4t des Staates Israel. Ohne R\u00fccksicht auf die Ambivalenz, die darin liegt, dass der Staat auf dem Lande des pal\u00e4stinensischen Volkes gegr\u00fcndet wurde und existiert. Diesen unmittelbaren \u00dcbergang von religi\u00f6sen Texten zur politischen Wirklichkeit w\u00fcrde man in anderen Zusammenh\u00e4ngen, zum Beispiel islamischen, Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken nennen. Der real existierende Staat Israel ist ein politisches Ph\u00e4nomen, kein theologisches oder religi\u00f6ses. Seine Beziehung zur Thora liegt in der Verantwortung f\u00fcr Fairness, Recht und Gerechtigkeit f\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rheinische Kirche hat sich auf dieser Linie bewegt, als ihre Synode 1980 eine Erkl\u00e4rung verabschiedete, in der die Gr\u00fcndung des Staates Israel ein \u201eZeichen der Treue Gottes\u201c genannt wurde. Das stand in der Einleitung zu einem Beschluss, der prim\u00e4r auf ein neues Verh\u00e4ltnis zum j\u00fcdischen Volk zielte, und war auch damals nicht unumstritten. Aber es stand eben auch da. An die Pal\u00e4stinenser habe man damals einfach nicht gedacht, sagt einer, der dabei war. Manche oder sogar viele haben das Problem mit der freundlichen Schutzbehauptung zugedeckt, die Israelis h\u00e4tten das Land ja gekauft. Zwar ist auch Land gekauft worden, aber das deckt kaum einen Zipfel des Problems der Gr\u00fcndung des Staates Israel ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man hat diese Verdr\u00e4ngung 2018 korrigiert, und damit Krach hervorgerufen. In einer Arbeitshilfe der Rheinischen Kirche zur Begehung des israelischen Gr\u00fcndungsjubil\u00e4ums im Jahre 2018 stand der Satz: \u201eWas f\u00fcr Juden ein Grund zum Feiern ist, ist f\u00fcr andere ein Grund zur Trauer. Den einen hat die Staatsgr\u00fcndung Schutz, Sicherheit, Gerechtigkeit und Freiheit gebracht, den anderen Vertreibung, Zerst\u00f6rung, Zwang und Unrecht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese an sich selbstverst\u00e4ndliche Verbeugung vor den Pal\u00e4stinensern rief bei einigen Ablehnung und Emp\u00f6rung hervor. Die j\u00fcdischen Gemeinden im Rheinland sagten die Reise einer gemeinsamen Delegation zum Jubil\u00e4um ab. Stimmen in der Rheinischen Kirche selbst forderten, dass die Kirche sich von diesen S\u00e4tzen distanziere, was diese aber nicht tat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Verweigerung ist erfreulich. Denn was man hinter dem Protest gegen die zitierten S\u00e4tze vermuten muss, ist eine aus Reue und Scham \u00fcber den Holocaust geborene ideologische Extremtheologie, der in Zusammenhang mit Israel und Pal\u00e4stina die allgemeinen Menschenrechte fremd sind. Man k\u00f6nnte sie eine Aktualisierung der schrecklichen, zum Gl\u00fcck aber wohl nicht historischen Landnahme-Geschichte in 5. Mose,7, nennen. Deutsche sollten auch akzeptieren, was mir ein christlicher Pal\u00e4stinenser in der Altstadt von Jerusalem sagte: \u201eWe are paying fort he crimes oft he Germans\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wengst schl\u00e4gt vor, dass Kirche und Synagoge sich \u00f6ffnen, sich auf dem Weg begegnen und dabei voneinander lernen. Auf dem Cover des Buches ist ein Bild von Kirche und Synagoge, die in Frauengestalt nebeneinander sitzen. Eine hat eine Thora- Rolle in der Hand, die andere eine Bibel. Beide Frauen schauen jeweils in den Text der anderen. Und noch eins: Das Christentum kommt aus dem Judentum, aus beiden zusammen kommt der Islam und insofern gilt das, was oben f\u00fcr die offene Begegnung gesagt ist auch f\u00fcr die Begegnung mit dem Islam. Nicht umsonst gibt es inzwischen Vorschl\u00e4ge, das in Deutschland etablierte j\u00fcdisch-christliche Gespr\u00e4ch zu erweitern zu einen j\u00fcdisch-christlich-muslimischen Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Helmut Falkenst\u00f6rfer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-subtle-light-gray-background-color has-background\"><tbody><tr><td width=\"25%\"><a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Wie-das-Christentum-entstand\/Klaus-Wengst\/Guetersloher-Verlagshaus\/e585996.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" title=\" \" width=\"180\" class=\"aligncenter wp-image-313\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2021\/05\/Cover-Klaus-Wengst-Wie-das-Christentum-entstand-450.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/td><td width=\"75%\"><a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Wie-das-Christentum-entstand\/Klaus-Wengst\/Guetersloher-Verlagshaus\/e585996.rhd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Klaus Wengst, Wie das Christentum entstand \u2013 eine Geschichte mit Br\u00fcchen im ersten und zweiten Jahrhundert, 351 Seiten, G\u00fctersloh, 2021, EUR 22,00.<\/a><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein historisches Werk. Es ist aber auch ein Manifest rheinischer Nach-Holocaust-Theologie: Klaus Wengst, Wie das Christentum entstand \u2013 eine Geschichte mit Br\u00fcchen im ersten und zweiten Jahrhundert, 351 Seiten, G\u00fctersloh, 2021, EUR 22,\u2011. Wenig \u00fcberraschend schildert Wengst, dass das Christentum aus dem Judentum entstanden ist. Jesus war Jude, die J\u00fcnger waren Juden, Paulus &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/klaus-wengst-wie-das-christentum-entstand\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKlaus Wengst: Wie das Christentum entstand\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":26,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-56","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/56","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/56\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":59,"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/56\/revisions\/59"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}