{"id":70,"date":"2021-11-04T18:42:16","date_gmt":"2021-11-04T17:42:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=70"},"modified":"2025-03-19T17:12:05","modified_gmt":"2025-03-19T16:12:05","slug":"werner-thiede-sein-wie-gott","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/werner-thiede-sein-wie-gott\/","title":{"rendered":"Werner Thiede: Sein wie Gott?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr manche oder sogar f\u00fcr viele Menschen w\u00e4re es die gro\u00dfe Botschaft zu wissen, dass man nach den M\u00fchen des Lebens einschlafen darf, ohne je wieder erwachen zu m\u00fcssen. F\u00fcr andere und f\u00fcr die meisten Religionen geht es nach dem Tod irgendwie weiter. Beides hat auch im religi\u00f6sen Raum seinen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti \u00fcberschrieb eine Sammlung von Gedichten und Aphorismen \u201eHeilige Verg\u00e4nglichkeit\u201c. Er erl\u00e4utert das so: <em>\u201eErw\u00fcnscht w\u00e4re im Alter wahrscheinlich: Heilige Resignation. Noch besser ist allerdings wom\u00f6glich dankbare Bejahung unserer Verg\u00e4nglichkeit. Sie ist vom Sch\u00f6pfer gewollt und deshalb \u201aHeilige Verg\u00e4nglichkeit\u2018.\u201c<\/em> Das ist realistisch und zugleich mythologisch, indem es poetisch ist. Es entmythologisiert sich sozusagen selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine sich durchaus evangelisch f\u00fchlende Dame schrieb mir zum Thema: \u201eDer Gedanke eines ewigen Weiterlebens, in welcher Form auch immer, ist schon be\u00e4ngstigend. Ich sage in Trauerbriefen gerne: \u201aWir sollten ihm\/ihr das Eingehen in den Frieden Gottes g\u00f6nnen\u2018. Dass das Irdische, Beschwerliche aufh\u00f6rt, ist ein tr\u00f6stlicher Gedanke. Das Spekulieren \u00fcber das Danach verbietet sich f\u00fcr mich. Wir kommen nicht ohne Mythen aus, das ist sicher, kontrolliert durch die Vernunft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Formen im Weltall sind verg\u00e4nglich. Angefangen von den Galaxien \u00fcber die Himmelsk\u00f6rper bis zu den Landschaftsformen und Gebirgen und weiter zu den Lebewesen, den gro\u00dfen wie den kleinen und auch den Menschen. Der Gedanke, der Mensch sei davon ausgenommen, kann seinem Wesen nach nur mythologisch sein. Im Raum der Natur gibt es Vergleiche nicht. Man kann die ewige Existenz zum Glaubensangebot machen, man kann den Gedanken aber auch als den Anspruch sehen, zu sein wie Gott. Also Frevel. Auch das ist freilich schon wieder eine mythologische Aussage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade ist ein Buch erschienen das die mythologische Seite des Problems darstellt und auslegt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Werner Thiede, Unsterblichkeit der Seele? \u2013 Interdisziplin\u00e4re Ann\u00e4herungen an eine Menschheitsfrage, LIT-Verlag, Berlin, 2021,265 Seiten, 24,90 Euro.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Thiede gibt es das Fragezeichen hinter dem Titel nicht. Er bekennt sich hoffnungsvoll zur Ewigkeit und legt diese Vorstellung in vielen Facetten und Aporien aus. Er geht ein auf die Literatur zu den Nahtoderfahrungen, schildert dann ausf\u00fchrlich Martin Luthers Haltung zum ewigen Leben. Dazu geh\u00f6rt die Vorstellung vom Seelenschlaf, mit dem der Tote die Zeit zwischen individuellem Tod und Auferstehung in einer neuen Welt \u00fcberbr\u00fcckt. Er geht dann auf die im 20. Jahrhundert aufgekommene Ganztodtheologie ein. Hintergrund dieser Theologie ist das Problem der kontinuierlichen Identit\u00e4t des Einzelnen. Da man in der Neuzeit schlecht davon ausgehen kann, dass die Identit\u00e4t durch die Knochen gewahrt wird, die zu gegebener Zeit wieder zusammengesetzt werden, bleibt nur die unsterbliche Seele. Dies ist aber ebenfalls f\u00fcr die christliche Theologie problematisch. Eine vom ganzen Menschen unabh\u00e4ngige Seele ist eine Vorstellung des Griechentums und vieler anderer Religionen, ist aber der Bibel fremd. Also kam man auf den Gedanken des Ganztodes. Das hei\u00dft, der Mensch ist wirklich ganz und gar tot und verschwunden. Er existiert nur weiter im Ged\u00e4chtnis Gottes und wird aus diesem Ged\u00e4chtnis in der Ewigkeit neu erschaffen. In der Ganztodtheologie gibt es einen sozusagen linken Fl\u00fcgel, der es beim Tod bewenden l\u00e4sst und auf die Neuerschaffung in einer anderen Welt verzichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der schriftlichen Theologie ist dieser Gedanke eine Randerscheinung, im Glauben vieler Menschen und auch vieler Christen eher nicht. Die prominenteste Vertreterin dieser Theologie war die Theologin Dorothee S\u00f6lle. In einem Neuentwurf des Glaubensbekenntnisses schreibt sie \u00fcber Jesus, dass er in unser Leben hinein auferstanden sei. Eine durchaus plastische Vorstellung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thiede selbst spricht von der Unsterblichkeit der Seele und deutet sie sehr allgemein als Kontinuit\u00e4t \u00fcber die Diskontinuit\u00e4t des Todes. Auch die biblische Rede vom Gericht l\u00e4sst er nicht aus, sieht das Gericht aber \u00fcberstrahlt von der Botschaft der Gnade.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer auf der totalen Endlichkeit des Lebens besteht und trotzdem der christlichen Religion nah bleiben will, kann und muss deren Inhalt in der Aufgabe sehen, die Bilder von Gnade, G\u00fcte, und Gerechtigkeit immer wieder neu in der Welt zu verwirklichen. Anders als manchmal behauptet wird, bedarf die Ethik und das Gebot keines fernen Gottes, der dahinter steht. Sie steht in sich selbst. Die \u00dcberzeugungskraft der zehn Gebote h\u00e4ngt nicht davon ab, ob sie als Tafeln auf einem Berg \u00fcbergeben worden sind. Die Bergpredigt bekommt ihre Kraft nicht dadurch, dass man Jesus f\u00fcr einen mythologischen Sohn Gottes h\u00e4lt. Die Gleichnisse Jesu und die ethischen Mahnungen des Neuen Testaments stehen ebenfalls in sich selbst. Der Satz Dostojewskijs in den Br\u00fcdern Karamasow, ohne Gott sei alles erlaubt, greift zu kurz. Denn der Mensch selbst erlaubt sich nicht alles, sondern steht im steten Widerspruch von Erlaubnis zu allem und dem eingrenzendem Widerstand der Ethik. Sigmund Freud spricht davon in seinem Aufsatz \u201eDas Unbehagen in der Kultur\u201c. Das ist der Literatur wie dem gesunden Menschenverstand nicht fremd und gilt sowohl f\u00fcr das Gewebe der Psyche als auch f\u00fcr das Geflecht der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thiede schlie\u00dft sein Buch mit einem Epilog, indem er auf das manchmal beobachtete L\u00e4cheln auf dem Gesicht von Toten eingeht. Er deutet das vorsichtig als Zeichen eines Blicks in die Ewigkeit an der Grenze. Man kann es aber auch deuten als Erleichterung dar\u00fcber, endlich einschlafen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bleiben alle Fragen offen. Festzuhalten ist aber, dass die Zugeh\u00f6rigkeit zur christlichen Gemeinschaft keineswegs notwendig mit dem Glauben an eine bewusste Ewigkeit anstatt eines ewigen Schlafes verbunden ist. Der Mensch hat sich mit einem Horizont umgeben, in dem ihm Gott in Wort und manchmal auch im Bild erscheint. Welche Wirklichkeit dahinter steht, kann offen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In jedem Gebet, jeder Liturgie, jeder gelungenen Predigt und jeder Matth\u00e4us-Passion wird Gott hervorgebracht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies spricht klar von einer anderen Wirklichkeit als der nat\u00fcrlichen und geschichtlichen. Man kann das Mythos nennen, man kann auch sagen, es sei eine Wirklichkeit eigener ontologischer Art, die unserem Erkennen verschlossen ist. Offen bleibt, was jeder damit macht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Helmut Falkenst\u00f6rfer.<\/em> <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14878-0\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"347\" height=\"500\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2021\/11\/Werner-Thiede-Unsterblichkeit-der-Seele.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-69\" style=\"aspect-ratio:3\/4;object-fit:contain\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14878-0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Werner Thiede, \u201eUnsterblichkeit der Seele? \u2013 Interdisziplin\u00e4re Ann\u00e4herungen an eine Menschheitsfrage\u201c, LIT-Verlag, Berlin, 2021,265 Seiten, 24,90 Euro.<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr manche oder sogar f\u00fcr viele Menschen w\u00e4re es die gro\u00dfe Botschaft zu wissen, dass man nach den M\u00fchen des Lebens einschlafen darf, ohne je wieder erwachen zu m\u00fcssen. 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