Das »Wort«, das heilt

 

Die Apophthegmata der Wüstenmönche

von Heiderose Gärtner-Schultz

Waren die ersten drei Jahrhunderte nach Jesu Erscheinen auf der Erde für seine Anhänger durch Verfolgung und oft auch den Märtyrertod geprägt, standen die Christen später vor anderen Herausforderungen. Die Radikalität ihrer Entscheidung, sich zu Christus zu bekennen, hatte ihre Schärfe, nämlich den drohenden Verlust des Lebens, verloren. Die offizielle Anerkennung des Christentums durch den römischen Kaiser Konstantin war gleichzeitig der Beginn einer Staatskirche, ja einer Staatsreligion.

Eine Verbrüderung mit der Macht hatte stattgefunden, und damit ging zunehmend eine Verweltlichung des Christentums einher. Enttäuschung bei jenen war vorprogrammiert, denen es um Glaubensinhalte und nicht um ihr Ansehen ging. Vielen, vor allem in Ägypten, erschien das Leben verbunden mit der Entwicklung einer feinsinnigen Spätkultur der Antike und das Leben in den Städten verdächtig und nicht fromm genug. Diese Entwicklung rief eine Gegenbewegung derer hervor, die ihre radikale Glaubenseinstellung in der Einsamkeit, der Wüste oder in Gemeinschaften verwirklichen wollten. Sie waren „Anachoreten“, sozusagen eine Art „Aussteiger“ in einer Zeit, in der sich Herrschaftsfamilien der Kirchenorganisation bemächtigten.

Gerade die Einsiedler, die ihre Kraft aus Wortkargheit und Gebet bezogen, waren gesuchte Seelsorger. Und das aus gutem Grund: Sie halfen vielen Menschen in Not und Leid, und sie hatten wirklichen Trost für sie. Das, was heute in Seelsorgeausbildungen unter den Begriffen Einfühlungsvermögen, Empathie oder Zurückhaltung gelehrt wird, war vielen der Wüstenmönche eigen und wurde durch Seelenführer, heute sprechen wir von geistlichen Begleitern, trainiert.

Herzens- und Seelenbildung als Vorbereitung zur Seelsorge

Es war die Zeit, in der das Mönchtum seinen Siegeszug begann. Hier konnte die Radikalität des Glaubens und die Hingabe an Christus gelebt werden. Viele zog es zur intensiven Glaubensausübung in die Abgeschiedenheit und Einsamkeit des Eremitentums. Die sich nun bildenden klösterlichen Gemeinschaften übernahmen die Funktion der früheren christlichen Gemeinden, weil diese viel von ihrer geistlichen Tiefe verloren hatten. Das Modell der christlichen Urgemeinde wurde im Klosterleben umgesetzt, hier wurden tätige Liebe und „brüderliche Ermahnung“ praktiziert. Gottesdienst und Handarbeit sowie das Schweigen spielten eine große Rolle im Leben der Mönche.

Fasten und Askese sollten Platz machen für den Heiligen Geist. Die Zelle im Kloster entsprach der Einsamkeit in der Wüste, hier übten die Mönche Beten, Schweigen und Betrachten. Ihr Rückzug aus der Welt symbolisierte ihre Hinwendung zu Gott. Wie viele der uns bekannten ersten Mönche zu Seelsorgern geworden sind, zeigt eine Sammlung von weisen Lebensanregungen aus dem fünften Jahrhundert ( Bonifaz Miller, „Weisungen der Väter“, Freiburg 1965). Sie haben sich in ihrem Glaubensleben viel abverlangt. Die Erwartungen an das, was ein Bruder zu tun hat, waren deutlich: Das Leben in der Zelle ist, äußerlich betrachtet, Handarbeit, einmal Essen am Tag, Schweigen und Betrachten, die Gebetszeiten einhalten und das Verborgene nicht übersehen, Gemeinschaft mit Gutem gewinnen, sich von Bösem fern halten.

Das Glaubensleben dieser Mönche ist mit unserem heutigen nicht automatisch zu vergleichen. Und doch gibt es für mich Gesichtspunkte damaliger Glaubenspraktiken oder Lehren, die uns auch heute Wege weisen können. Unter „Betrachten“ und der Anweisung, das Verborgene nicht zu übersehen, sehe ich Ähnlichkeiten mit der Methode der Achtsamkeitstherapie. Leben kann gelingen, wenn es einen Ausstieg aus der Hektik des Alltags gibt. Dieser kann auch heute im Betrachten und in der Achtsamkeit gefunden werden. Es geht darum, in jedem Augenblick bewusst zu handeln und nicht in Automatismen zu verfallen. Achtsames Essen beispielsweise bedeutet, jeden Bissen auf der Zunge zergehen zu lassen und zu schmecken, nicht nur kurz zu kauen und runterzuschlucken. Achtsam zu leben, hat heilsame Wirkungen auf den Alltag, diese Lebensart entschleunigt und lenkt den Blick auf das, was im Augenblick wichtig ist.

Die Mönche meditierten das biblische Wort. Was wir unter Meditation verstehen, kann sehr unterschiedlich praktiziert werden. Die Meditation der Mönche war die Wiederholung biblischer Worte oder Texte. Das murmelnde „Wiederkäuen“ biblischer Begriffe mündete im Gebet. Daraus erwuchsen die seelsorglichen Hilfen.

Seelsorge durch Apophtegmata

Eine bedenkenswerte Antwort auf die Frage, was man tun soll, wenn man Gedanken hat, die einen beherrschen, die man nicht stoppen kann, ‑ das sogenannte Gedankenkarussell oder die Problemzentrierung ‑ gab ein altwürdiger Mönch: „Vater, ich habe vielerlei Gedanken und komme durch sie in Gefahr.“ Was kann ich dagegen tun, war die Frage. Der Mönch führte den Fragenden ins Freie und sagte: „Breite dein Obergewand aus und halte die Winde auf!“. Die Antwort lautete: “Das kann ich nicht.“ „Wenn du das nicht kannst, wie willst du deine Gedanken hindern, zu dir zu kommen? Aber es ist deine Aufgabe sie nicht festzuhalten, sondern gehen zu lassen oder ihnen zu widerstehen.“ (Miller, Bonifaz, „Weisungen der Väter“, Freiburg 1965, Apophthegmata 602).

Die Antwort besticht: Sie ist einfach und klar, sie leuchtet ein. Sie ist schlichtweg umwerfend. Dass auf diese Weise Lern- und Veränderungsprozesse im Menschen entstehen können, ist dem Erfahrungswissen der Mönche zuzurechnen. Es wurde schnell bekannt, dass es Männer und Frauen gibt, die durch ihr Leben in der Wüste oder in der Klosterzelle zu geistlich Erfahrenen und Vertrauenswürdigen geworden waren. Viele Menschen strömten zu ihnen, um sich Rat zu holen oder sich unter ihre Führung zu begeben. Der Mönch oder die Nonne wurden mit „Vater“ oder „Mutter“ angeredet, eine wichtige Frage vieler war: „Vater, sag‘ mir ein Wort! Was kann ich vor Gott richtig machen?“

Eine solche Frage thematisiert das eigene Glaubensleben und zielt damit nach der persönlichen Mensch- und Selbstwerdung, nach dem Sinn des eigenen Lebens. Die Mönche und Nonnen sprachen nur, wenn sie angeredet oder um Hilfe gebeten wurden. Ihnen ging es darum, Vorbild in der Glaubenshaltung, im Ernst der Ausrichtung auf Gott zu sein. Modern würden wir dieses Verhalten heute als Auftragsklärung verstehen: Die Seelsorger geben nur eine Antwort, wenn deutlich wird, dass der Fragende tatsächlich eine Hilfe für sein spezielles Problem will.

Angesprochen gehen die Seelsorger einfühlsam auf das Problem des Menschen ein und orientieren sich bei der Beratung an kurzen Weisungen. Diese Weisungen nämlich müssen leicht behalten, leicht auswendig gelernt und weitergegeben werden können. „Drei Dinge will Gott vom Gläubigen: Glauben von ganzer Seele, Wahrheit auf der Zunge, Keuschheit in den Dingen des Leibes“, gibt Vater Gregorius den Suchenden mit auf den Weg (Fairy von Lilienfeld, „Das Herz zum Verstand neigen. Altrussische Heilige des Beginns“, Freiburg 1989).

Wie die Fragenden es schaffen, diese Ziele in ihrem Leben umzusetzen, wird in Einzelgesprächen geklärt durch genaues Hinschauen auf die Situation, in der sich der andere befindet. Der Anfang wird im gemeinsamen Gespräch gemacht, leben muss es der Ratsuchende im Alltag. Die Entscheidung zum richtigen Weg und die Verantwortung, dem Rat die Tat folgen zu lassen, bleiben in der Hand des Fragenden. Die Mönche und Nonnen befahlen nicht, sie begleiteten auch keinen Menschen längerfristig, sie waren in dem Moment, in dem der andere präsent war, konzentriert und fokussiert auf diesen Menschen in seiner speziellen Angelegenheit. Man könnte sagen, dass durch ihre Form der Beratung ein „entscheidender Hinweis“ kam. Ob der andere ihn direkt im Augenblick verstand oder auch nicht, war nicht wesentlich.

Das »Wort«, das heilt

Charakteristisch für die Seelsorge der Nonnen und Mönche war, dass sie Glauben und Gewissheit ausstrahlten, in Gott geborgen zu sein, sowie innere Ruhe und Gelassenheit besaßen. Diese Haltung war Voraussetzung für die vorbehaltlose Annahme eines Menschen. Von Mönchsvätern erwartete man das »Wort«, das heilt und die wahre Gestalt des Lebens erkennen hilft. Dieses Wort kam nicht allein aus der Kenntnis der Heiligen Schrift oder Theologie, sondern zeigte sich in der Begegnung mit einem besonders vertrauten älteren Mönch, darin ereignete sich das Besondere.

Viele Wüstenväter übten sich in der Konzentration. Sie nahmen sich für eine lange Zeit, zum Beispiel ein Jahr, vor, keine Früchte zu essen oder niemanden zu besuchen. Die Schlichtheit und Einfachheit verblüfft, wie der Weg zum Kern, ins Innere gesucht wurde. Eine einzige Übung genügt, um zu sich und zu Gott zu finden. Entscheidend ist also nicht, dass man etwas tut, was Aufmerksamkeit erregt, sondern es geht um das eine, das einem Menschen die richtige Richtung weist. Der treue und beständige Vollzug einer Übung ist das Mittel, um sich Gott zu nähern. Das »Wort« ist keine eigene Regel oder ein Ratschlag, es ist ein hinweisender, auf Spiritualität hin durchscheinender Text, der aus der Begegnung zweier Menschen erwächst, deren Seelen ins Gespräch gekommen sind.

Der Vater wurde um ein Wort, um einen Satz gebeten, der einleuchtend, klar, hilfreich und gut zu merken war. Oft erschien das Wort, der Satz dann aber dem Ratsuchenden auch unverständlich, sperrig oder verwirrend und wirkte als Dezentrierung. Die Gedanken des Ratsuchenden wurden von seinem Problem weggelenkt. Die Sentenz löste also nicht mit einem Schlag alle Probleme, sondern zerstörte und veränderte zuerst eingefahrene Muster und Denkweisen und wurden dann in das Leben integriert und dort meditiert. Für den Einzelnen gilt es, diesen Spruch auf die eigene Art und Weise in das Leben zu integrieren, sozusagen: zu leben.

Jedem war überlassen, wie er oder sie mit dem Wortauftrag umgehen wollte. Der Vater gab nur die Worte. Er gab beziehungsweise redete aber nur, wenn er gefragt wurde. Auch bei den Apophthegmata der Wüstenväter war die Motivation, der Wille zum Wort, zur Hilfe und zur Heilung des Fragenden wesentlich. Jesus fragt den Heilungssuchenden: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5,6) Dass Wüstenmönche die richtigen Worte fanden, war bedingt durch ihren großen Erfahrungsschatz, den sie sich erarbeitet hatten und durch die Tiefe und Aufrichtigkeit ihres Glaubens.

In einer Geschichte, die von den Wüstenvätern überliefert ist, wird die Seele mit einem stehenden Wasser verglichen. Wenn die Oberfläche des Wassers zum Beispiel durch Wind aufgeraut wird, ist die Tiefe nicht zu erkennen. Auch ist es dann nicht möglich, sich im Wasser zu spiegeln. Auf die Seele übertragen, meint das: Wenn einfallende Gedanken und damit einhergehende emotionale Erregung einen Menschen beunruhigen, kann er sich in seinem Grund, in seiner Seele, nicht erkennen. Erst wenn das Wasser klar und ruhig ist, wird es möglich, sich darin zu spiegeln und gleichzeitig in die Tiefe zu schauen. Die mitleidlose Selbstbeobachtung in Abgeschiedenheit und Stille hat die Wüstenmönche davor bewahrt, ihre eigenen seelischen Verstimmungen durch Fokussierung zu problematisieren. Die aufmerksame Selbstbeobachtung hat sie gelehrt, die sich einstellenden Gedanken als Probleme wahrzunehmen und in ihnen die Ursachen ihrer Befindlichkeit zu sehen. Ein Wort zur rechten Zeit gesagt, wirkt weiter und entwickelt Hilfe für ein Leben.