{"id":199,"date":"2024-05-21T18:19:08","date_gmt":"2024-05-21T16:19:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/?page_id=199"},"modified":"2024-05-21T18:19:09","modified_gmt":"2024-05-21T16:19:09","slug":"plattformnutzer-im-internet-sind-in-der-gleichen-oekonomischen-situation-wie-die-arbeiterschaft-des-19-jahrhunderts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/plattformnutzer-im-internet-sind-in-der-gleichen-oekonomischen-situation-wie-die-arbeiterschaft-des-19-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Plattformnutzer im Internet sind in der gleichen \u00f6konomischen Situation wie die Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr den kommunikationsaffinen Computer-User waren die in den 1990ern aufkommenden Plattformen wie Skype ein unerwarteter Segen: konnte man doch endlich ohne die lokal anfallenden Telefonrechnungen nun fast gratis und nahezu formlos rund um den Globus telefonieren und Nachrichten austauschen \u2011 zun\u00e4chst nur als SMS \u2011, nicht viel sp\u00e4ter gab es bereits Bild\u00fcbertragungen. Mit WhatsApp \u00e4nderte sich die Cyber-Welt ein weiteres Mal grundlegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Aufkommen der sogenannten sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Instagram hat letztlich die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, ein weiteres Mal grundlegend ver\u00e4ndert. Sie erlauben es, Texte wie Bilder und Videos einfach mit anderen zu teilen, zu bewerten und eigene Meinung zu transportieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter diesem Angebot trat allerdings der eigentliche Zweck all dieser Systeme in den Hintergrund: Das krakenartige Sammeln von Daten. Dies wurde von den Nutzern meist gar nicht wahrgenommen \u2013 und falls doch, hinsichtlich der Auswirkungen oft abgetan mit Worten wie: \u201eIch habe doch nichts zu verbergen.\u201c Es blieb \u2013 rein objektiv gesehen \u2013 auch nur eine Alternative: entweder die sogenannten \u201eDatenschutzbestimmungen\u201c zu akzeptieren oder sich aus der Teilhabe an der weltweiten Kommunikation zu verabschieden. Dieses Dilemma lebt in vielerlei Gestalt fort. Die weltweite digitale Kommunikation ist \u201ein H\u00e4nden\u201c weniger Tech-Giganten, die nahezu alles in den Griff bekamen, was irgendwie zu Geld zu machen ist: Das neue Gold sind die Daten der Milliarden user.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Detjen und Rudolf Tillig haben mit ihrem Aufsatz unter dem sperrigen Titel \u201eDie Monetarisierung von Daten: Warum individuelle Eigentumsrechte dringend erforderlich sind\u201c im Sammelband \u201eDigitalisierung und Digitalit\u00e4t\u201c den Finger in die Wunde gelegt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Michael Feiten (Hg.), Henning Stahlschmidt (Hg.): Digitalisierung und Digitalit\u00e4t. Interdisziplin\u00e4re Einblicke in technische M\u00f6glichkeiten und gesellschaftliche Ph\u00e4nomene, Berlin, Frank &amp; Timme, 2024, 450 Seiten, 49,80 Euro.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Denn Detjen und Tillig sehen die Parit\u00e4t, die allerdings in kapitalistischen Systemen selten gegeben ist, dadurch eklatant verletzt, dass die Datengeber f\u00fcr das nahezu l\u00fcckenlose Zurverf\u00fcgungstellen ihrer pers\u00f6nlichen Daten von den Anbietern mit den Peanuts des Kommunizierend\u00fcrfens (noch weitgehend zum Nulltarif) abgespeist werden. Sie vergleichen die aktuelle Situation mit derjenigen, in denen sich die aufkommende Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts gegen\u00fcber den Fabrikbesitzern befand. Die k\u00e4mpfte f\u00fcr das Recht auf \u00f6konomische Beteiligung. Arbeit bedeutete f\u00fcr sie nicht nur Unterhalt und Sicherung der eigenen Existenz, sondern Teilhabe, Partizipation als souver\u00e4ne Subjekte am \u00f6konomischen Prozess. Arbeit ist Teil personaler Selbstverwirklichung oder anders gesagt: unverzichtbares Instrument der Menschwerdung. Wer Menschen die Arbeit nimmt, sie wegrationalisiert oder neu wegalgorithmisiert, startet einen Angriff auf den Menschen und sein Menschsein selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Blick auf die Datensammelwut vor allem der \u201eBig Five\u201c \u2013 Alphabet (Google), Amazon, Meta (Facebook, WhatsApp, Instagram) Apple und Microsoft \u2013 fordern die Autoren angemessene monet\u00e4re L\u00f6sungen f\u00fcr den Verkauf pers\u00f6nlicher Daten an Dritte. Deren Form lassen die Autoren noch offen, deuten allerdings an, dass es aufgrund des Machtgef\u00e4lles zwischen Dateninhaber und Datennutzer kaum solche auf individueller Basis geben k\u00f6nne. Es bed\u00fcrfe einer \u201eArbeiterbewegung 2.0\u201c, diesmal also die Verhandlung nicht \u00fcber den Wert der k\u00f6rperlichen Arbeitskraft, sondern \u00fcber den Wert individueller Daten, die kollektive Regelungen als Ergebnis haben m\u00fcsste und damit eine neuartige Partizipation am \u00f6konomischen Prozess in Zeiten K\u00fcnstlicher Intelligenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema ist virulent wie nie, ebenso wie die Zahl der Orte, wo \u00fcberall dieser \u201eDatenklau\u201c stattfindet, inzwischen un\u00fcberschaubar geworden ist. Die Verletzung des Urheberrechtes, so Tillig und Detjen, findet global statt. Dies wirksam zu unterbinden, sind die Menschen wie die Politik aufgefordert. Sie m\u00fcssen schnell handeln, denn die Entwicklung von KI-Systemen galoppiert. Zu erwartende negative Folgen m\u00fcssen eingefangen, der Wert des Individuums neu bestimmt werden. Zu Recht weisen die Autoren auf die Gefahren unregulierter, von KI gesteuerter digitaler Kommunikationsmedien hin: Manipulation der Nutzer, Diskriminierung ganzer Menschengruppen, politische Indoktrination. Russland und China sind auf diesem Weg schon weit, wir haben im Westen die Erfahrung medialer Beeinflussung 2016 beim Brexitreferendum und der Wahl des US-Pr\u00e4sidenten. Der Aufsatz kommt zur rechten Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Thomas Bettinger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.frank-timme.de\/de\/programm\/produkt\/digitalisierung-und-digitalitat\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"722\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.sinn-schaffen.de\/medien\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2024\/05\/Digitalisierung-und-Digitalitaet-T-722x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-195\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.frank-timme.de\/de\/programm\/produkt\/digitalisierung-und-digitalitat\" target=\"_blank\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.frank-timme.de\/de\/programm\/produkt\/digitalisierung-und-digitalitat\" rel=\"noreferrer noopener\">Michael Feiten (Hg.), Henning Stahlschmidt (Hg.): Digitalisierung und Digitalit\u00e4t. 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