1. Thematischer Anlass und Personal
Am 1. Oktober 2026 hatte die Redaktion zu einem Gespräch vier Gäste eingeladen. Angesprochene Inhalte waren
- die Verleihung des Internationale Preises des Westfälischen Friedens, kurz des „Westfälischen Friedenspreises“, für 2026 an die NATO;
- die „Laudatio“ des Bundeskanzlers aus diesem Anlass, die den Charakter einer Durchhalte-Rede hatte;
- das „drohende“ Non-Paper Russlands an die NATO in Brüssel von Ende September aus Anlass des Zuschnitts jüngster NATO-Manöver rund um Kaliningrad;
- der Strategiewechsel Russlands, welches vor dem Hintergrund des Stillstands im kinetischen Krieg im Donbass in der Ukraine nun seitwärts eskaliert, gegen die Unterstützer der Ukraine, vor allem gegen Deutschland als finanziell potenten Hauptunterstützer.
Im Zentrum des Gesprächs stand der Punkt d) und damit der vielbeschworene „hybride Krieg“. Die Vokabel ist so schwierig, weil es da gerade nicht um „Krieg“ im völkerrechtlichen Sinne geht, also um etwas, wofür das Militär mit seiner Rüstung nicht zuständig ist und auch keine Sicherheit bieten kann. Schwierig ist die Vokabel auch deswegen, weil inhaltlich soviel und so Diverses darunter fallen kann: Es reicht von kinetischen Angriffen auf Infrastrukturen bis zu hin rein psychischen Prozessen wie kalkulierten Desinformationsstrategien.
Eingeladen waren wie erwähnt vier Gäste. Ich führe sie hier dominant in ihrer Funktion und Kompetenz ein, erst anschließend mit ihren Namen.
- Die gebürtige Russin und Jungjournalistin, erst seit 2026 Redakteurin im Politikressort der ZEIT, Anastasia Tikhomirova.
- Der studierte Psychologe, Politologe und Brigadegeneral a.D. und ehemalige stellvertretende Abteilungsleiter der Stabsabteilung Militärpolitik im BMVG und militärpolitischer Berater der deutschen Botschafter bei der NATO und den Vereinten Nationen, Helmut Ganser.
- Der politische Beamter und Diplomat, ab 2005 außen- und sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und von 2017 bis 2021 Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen, Christoph Heusgen.
- Der Leitende Redakteur in der Parlamentsredaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) mit Zuständigkeit für Kanzleramt und Auswärtiges Amt, mit vorherigen Stationen in Washington, Moskau und Brüssel (auch NATO dort), Daniel Brössler.
Ich schildere den Kern des Gesprächs über das (meistensteils) erwartbare Rollenverhalten der Teilnehmer. Dabei hat sich eine bemerkenswerte Pointe ergeben.
2. Durchführung der Experimentalanordnung
Die Jungjournalistin hatte in dem Gespräch schon alsbald das Pulver ihrer schmalen Sach-Kompetenz verschossen. Sie führte die hybride Kriegsführung Russlands ein, verengte die aber umgehend auf die Kampfform, die ihr als Journalistin nahelag, den Kampf um die „Köpfe“, das Bewusstsein des Souveräns in einer Demokratie. Also warb sie für Aufrüstung im Bereich der psychologischen Manipulation der heimischen Bevölkerung, „psychische Resilienz“ genannt. Spätere Versuche, ihr Redezeit zu gewähren, führten nur dazu, dass sie sich nicht in den Sinn des Gesprächs einfügte, sondern erzählte, was sie sich vorher vorgenommen hatte zu erzählen.
Blieben die drei wirklich erfahrenen Männer, ein Militär, zwei Nicht-Militärs. Auf die Frage, was zu befürchten sei von Russland, brachte der SZ-Journalist die bekannte These, dass Russland die NATO militärisch zu „testen“ verführt sei, und das umso wahrscheinlicher, je schwächer sich die NATO zeige. Konkretes Szenario war ein Zugriff auf Estland, die dortige Region (Narwa) mit russisch-stämmiger Bevölkerung.
Darauf reagierte der Ex-Militär in der Runde mit der Bemerkung, das befürchte er eher nicht. Da vertraue er der NATO, die das problemlos zurückschlagen werde, und dabei auch kaum gehindert würde, weil die Truppen Russlands weitgehend in der Ukraine gebunden seien. Was er für weit wahrscheinlicher halte, sei vielmehr ein hybrides Vorgehen Russlands gegen die Infrastrukturen in Deutschland. Und da könne die NATO, sprich das Militär, nicht viel helfen – das sei Sache der Polizei; außerdem fehle es eben an Selbstschutz allerorten.
Auf diese Steilvorlage des Militärs, dass die wahrscheinliche Bedrohung nicht militärisch abwehrbar sei, reagierte der Nicht-Militär und Diplomat paradox. Er bestand darauf, dass die militärische Bedrohung im Raum Narwa „nicht auszuschließen“ sei. Und elaborierte dann weiter über diese militärische Bedrohung. Seine Pointe war, dass er ein Szenario in den Raum stellte, in dem der militärische Oberbefehlshaber der NATO (SACEUR), immer ein US-General, in einer solchen Situation einen Anruf vom US-Präsidenten, insbesondere von J. D. Vance ab 2029, erhalte mit der Anweisung, sein SACEUR-Amt nicht auszuüben.
Als die Sendung sich dem Ende zuneigte, hatte er sich besonnen. Da stimmte er überraschend dem Militär in seiner Analyse der wahrscheinlichen Bedrohung doch noch zu.
Doch da war es zu spät. Das eigentlich spannende Thema zu besprechen, das war da nicht mehr möglich. Es ging also zu, wie in Talk-Runden im TV üblich. Es gibt gelegentlich einen Blitz eines fruchtbaren Gedankens. Doch die Moderator:innen sehen sich verpflichtet, ihren vorbereiteten Zettel abzuarbeiten, hören deswegen kaum zu und verfehlen dann die Chancen auf ein fruchtbares Gespräch.
3. Das paradoxe Narrativ
In diesem Fall ist das Paradoxe in einem Bilde festzumachen. Die Bezogenheit von Problemwahrnehmung und Problemlösungsoption ist in dem bekannten Bild von Hammer und Nagel veranschaulicht: Wer nur über einen Hammer verfügt, dem stellen sich die Aufgaben in der Welt zwangsläufig als einzuschlagende Nägel dar.
Hier, bei dem Phönix-Gespräch am 1. Oktober 2026, lief es bemerkenswerterweise exakt umgekehrt: Der Militärvertreter, der Spezialist für die Verwendung des Hammers, sagte den beiden Nicht-Militärs: Das aktuell relevante Problem ist mit einem Hammer nicht lösbar. Die beiden Nicht-Militärs, die eigentlich, von ihrer Profession her, keinen Grund haben, die Welt als nur mit einem Hammer traktierbar anzusehen, nahmen den Hinweis des Spezialisten aber nicht auf – beziehungsweise erst gegen Ende, als es für ein gemeinsames Bedenken der Konsequenzen aus dieser aufregenden Diagnose zu spät war.
Was sagt uns das? Dass die Nicht-Militärs an die Allmacht des Militärs glauben und dem Militär nicht abnehmen, wenn er auf die Grenzen der militärischen Optionen verweist?
Mit „Paradoxie“ ist dieser Zustand eines professionellen Geistes untertreibend nur bezeichnet.
Wer sich effizient informieren will, schaltet sich nicht Talk-Shows zu, sondern liest die wesentliche Quelle in 10 Minuten selbst. Hier der vorbereitende Text von Helmut Ganser in Gänze.

Hans-Jochen Luhmann, Mitglied der Studiengruppe „Frieden und Europäische Sicherheit“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW).