Ein ernstliches Nachdenken sowohl über ein Ende des Kriegs in der Ukraine, vor allem aber auch über die Zeit danach, ist durch Tabus blockiert.
Ein zu konkretes öffentliches Nachdenken über ein Ende des Ukraine-Kriegs ist taktisch noch verständlich. Auch haben Historiker sich bemüht, in der großen historischen Linie zu zeigen, wie Kriege beendet werden. Zu dem Buch von Jörn Leonhard „Über Kriege und wie man sie beendet.“ ist neuerdings das von Rolf Steininger „Wie Kriege endeten“ hinzugekommen.
Die Diagnose „Nachdenkblockade durch Tabuisierung“ gilt deswegen im Schwerpunkt für die Zeit und Herausforderungen nach einem Verhandlungsergebnis zur Beendigung der Kampfhandlungen.
Dazu hat sich nun der ehemalige Vizepräsident des BND Ole Diehl zu Wort gemeldet, der heute Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) ist. Der Titel seines Beitrags lautet „Endlich Frieden in der Ukraine?“ Wichtig ist dabei das Fragezeichen. Ob das, was dann stattfindet, auch nur annähernd mit „Frieden“ bezeichnet werden kann, ist nämlich sehr fraglich.
Diehl geht von drei unbestreitbaren Tatsachen aus, die weiterhin die Realität prägen werden:
- Es wird auf beiden Seiten einen Überschuss an kampferfahrenen Männern geben, die nicht in stehende Heere integriert werden können, die aber von dem, was sie gelernt haben, nicht ablassen werden, es weiterhin zum Broterwerb zu betreiben.
- Es wird zudem einen Überschuss an Waffenbeständen geben, weit mehr als nach Ende des Jugoslawien-Krieges – und die haben nur auf dem Schauplatz Ukraine ihren Wert verloren, nicht auf den Waffen-Schwarzmärkten dieser Welt.
- Ein Einfrieren der Kampfhandlungen in der Ukraine wird nicht dazu führen, dass Präsident Putin seine Ziele gegenüber den Staaten der EU aufgeben wird, er wird sie weiter und verstärkt mit hybriden Methoden verfolgen. Die Fixierung der Europäer beziehungsweise insbesondere Deutschlands auf drohende kinetische Kampfformen macht sie blind für das, was kommt, wenn die kinetische Kampfform zur Ruhe kommt.

Hans-Jochen Luhmann, Mitglied der Studiengruppe „Frieden und Europäische Sicherheit“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW).