Das ist ein seltsames Buch. Einerseits eröffnet es Einblicke in die Gespräche zwischen Führungspersönlichkeiten im Raum der Politik hinter verschlossenen Türen, was da so üblich ist und wie die so ablaufen. Dass dieser Einblick gewährt wird, ist methodisch bedingt. Stoltenberg hatte sich vorgenommen, nach Ende seiner Zeit als NATO-Generalsekretär, über die im März 2014 formell entschieden worden war, ein Buch darüber zu veröffentlichen. Also hat er mit Amtsantritt täglich Aufzeichnungen in Form von Diktatnotizen gemacht, häufig auch mit engen Mitarbeitern zusammen. Diese Notizen bilden eine Basis der Erinnerungen, sie machen die Lektüre so lebendig.
Andererseits hat sich Stoltenberg entschieden, allein aus Vorgängen zu berichten, bei denen er anwesend war, bei denen er Augenzeuge war. Diese methodische Begrenzung wiederum hat zur Folge, dass in den politischen Entscheidungssträngen, die von zentralem öffentlichen Interesse sind, nur die Ausschnitte darstellt werden, an denen Stoltenberg beteiligt war. Die Essenz, die andernorts ohne seine Einbindung entschieden wurde, wird nur mitgeteilt.
Schwerpunkte seiner Amtszeit, die er darstellt, sind selbstverständlich:
- Sein Umgang mit US-Präsident Trump in dessen erster Amtszeit, insbesondere zum NATO-Austritt und zur finanziellen Verpflichtung der Alliierten.
- Das Ende des NATO-Einsatzes in Afghanistan.
- Kündigung des tragenden Pfeilers der Rüstungskontrollabkommen, des INF.
- Der Verlauf des Konflikts mit Russland mit dem Höhepunkt der russischen Verhandlungsangebote im Schatten eines Truppenaufbaus und schließlich der Kriegsbeginn in der Ukraine.
Seine eigentliche Leistung, der administrative Umbau der NATO-Organisation mit mehr als 12.000 Mitarbeitenden in Brüssel, weg von der Planung von Auslandseinsätzen hin zu der Territorialverteidigung wieder in Europa, ist zu technisch und deswegen nicht dargestellt.
Bei den Schwerpunkten erlebt man einen Stoltenberg, der Ghani, Putin und Selenskyj gegenüber nur wie eine Sprechpuppe funktioniert – er muss eben vertreten, was entschieden wurde. Wer zu Stoltenbergs Erinnerungen greift, um zum Ukraine-Krieg Aufschluss über die frühe Wahrnehmung und Abstimmung/Vorbereitung seitens der Alliierten etwas zu erfahren, erfährt so gut wie nichts Zusammenhängendes. Wenn er das anders gewollt hätte, wenn er ein ernstlich politisches Buch hätte schreiben wollen, dann hätte er auch aus zweiter Hand von dem berichten müssen, was ihm aus den Hauptstädten an Entscheidungen und Motiven zugetragen wurde.
So muss man Stoltenberg glauben, dass das INF-Abkommen zertrümmert wurde, weil Russland dagegen verstoßen hat, dass der kommende Krieg in der Ukraine vom Westen hingenommen wurde ohne Diskussionen über die globalstrategischen Implikationen. Ich persönlich bin eher nicht geneigt, das zu glauben, ein so geringes intellektuelles Niveau in Washington kann ich mir schwer vorstellen.
Leo Tolstoi hat in seinem Roman „Krieg und Frieden“ sich bekanntlich bemüht, der verbreiteten Theorie das Wasser abzugraben, nach der „große Männer“ Geschichte schreiben. Er stellt es als eine Illusion dar zu meinen, dass die Staatsoberhäupter die Ursache der geschichtlichen Ereignisse seien. Vielmehr sei es, gut demokratisch, die Masse der Menschen in ihrer schwarmartigen Natur, die die Kräfte der Geschichte antreibe. Ein König ist für Tolstoi lediglich „der Sklave der Geschichte“. So scheint es tatsächlich zu sein, zumindest wenn man NATO-Generalsekretär ist. Was die Person Stoltenberg angeht, so funktioniert sie in weltgeschichtlich bewegenden Dingen lediglich sklavenartig. Er berichtet, Präsident Putin habe ihm einmal auf den Kopf zugesagt, es sei eigentlich Zeitverschwendung mit ihm zu reden, er müsse eh tun, was seine Vorgesetzten entscheiden.
Am Ende gibt Stoltenberg zu erkennen, dass er das Buch in ungebrochener Loyalität zur NATO verfasst hat, „Auf meinem Posten ist eine Liebeserklärung an die NATO …“. So liest es sich auch.