Indischer Kleinstaat komplett auf biologische Landwirtschaft umgestiegen

 

(Verden, 18. April 2019) Weder das massive Insektensterben, noch der Aufschwung der Biobranche in Deutschland ändern etwas daran, dass die Menge der hier ausgebrachten Pestizidwirkstoffe seit Jahren bei rund 30.000 Tonnen pro Jahr liegt. Doch von weit her kommen auch andere Nachrichten: Der indische Kleinstaat Sikkim ‑ etwa doppelt so groß wie das Saarland ‑ wirtschaftet bereits heute komplett pestizidfrei. 2003 begann der Umbauprozess, seit 2014 ist der Import und der Verkauf aller chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel verboten. 2016 verkündete Sikkim, komplett auf biologische Landwirtschaft umgestiegen zu sein. 58.168 Hektar Land werden hier biologisch bewirtschaftet.

Nun soll Andhra Pradesh dem Beispiel folgen und dies stellt eine ganz andere Größenordnung dar: Mit 50 Millionen Einwohner*innen ist der im Süd-Osten gelegene Staat der achtgrößte Indiens (zum Vergleich: in Deutschland leben 82 Millionen Menschen). „Zero-Budget-Natural-Farming“ heißt die Methode, mit der die Regierung des Bundesstaates bis 2024 alle insgesamt sechs Millionen Bäuerinnen und Bauern erreichen und bis 2026 alle landwirtschaftlichen Flächen auf pestizidfrei umgestellt wissen möchte. Und auch andere Bundesstaaten ziehen nach: Die Regierung von Kerala setzt etwa auf Verbote besonders giftiger Pestizide.

Diese Entwicklung in Indien lässt sich allerdings nicht einfach auf Deutschland übertragen. Subsistenzwirtschaft spielt in beiden Ländern eine völlig unterschiedliche Rolle. Tatsächlich hat ein Bauernhof in Deutschland mit einer Durchschnittsgröße von 60 Hektar wenig gemein mit einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die in Andhra Pradesh im Durchschnitt einen Hektar bewirtschaftet. Landwirtschaft in Deutschland ist kapitalintensiv. Kostspielige Maschinen und Investitionen an Stall- und Lagergebäuden bringen hohe Fixkosten mit sich. So stellen auf den ersten Blick für einen Hof in Deutschland der Zukauf von Saatgut oder Pestiziden nicht die größten Ausgaben dar. Die Dienstleistung der Saatgut-Zucht ist ebenso etabliert wie Beratung und Angebot unterschiedlichster Pflanzenschutz-Methoden.

Da Wohl und Wehe der Höfe hierzulande aber eng verknüpft ist mit stark schwankenden Preisen für die erzeugten Produkte, ist es durchaus ein Thema, welche Kosten die Betriebsleitung überhaupt reduzieren kann.

In Deutschland steht hinter der Diskussion bisher vor allem eine breite Bewegung für Verbraucher*innenrechte und Umweltschutz. Aber es gibt zumindest auch ein Grundbewusstsein darüber, dass täglich Höfe sterben. Zwischen 2013 und 2016 verschwanden allein 9.600 Betriebe von der Bildfläche – das sind fast zehn pro Tag. Zu viele Bauern finden keine Nachfolge, weil die Arbeit nur wenigen attraktiv erscheint und der Preisdruck so extrem ist. Die finanzielle Lage zu vieler Betriebe ist prekär, und bei vielen vermeintlich stabilen größeren Betrieben, bestimmen längst externe Kapitalgeber mit. Das Problem der Abhängigkeit von externen Investor*innen wird zunehmend bekannter. Auch in Deutschland stehen Betriebe bei den Lieferant*innen von Saatgut, Düngemitteln und Pestiziden in der Schuld, auch hier verlieren sie ihre Gestaltungsspielräume. Die Chance, es anders anzupacken, verdient mehr Aufmerksamkeit.