Klöckners freiwilliges Tierwohl-Siegel ist eine Luftnummer

 

(Berlin, 4. September 2019) Mit dem heute von Landwirtschaftsministerin Klöckner ins Kabinett eingebrachten freiwilligen Tierwohl-Siegel für Schweinefleisch-Produkte bleibt nach Einschätzung von Germanwatch die Irreführung von Verbraucherinnen und Verbrauchern erlaubt. Mit Packungsaufschriften wie zum Beispiel „Bauernglück“ und Fachwerkhaus-Idylle auf Schweinefleisch, das in Wirklichkeit aus Tierfabriken stammt, dürfen Fleischkonzerne und Supermärkte weiterhin bäuerliche Haltung und mehr Tierschutz vorgaukeln, kritisiert die Umwelt- und Entwicklungsorganisation. Germanwatch-Agrarexpertin Reinhild Benning: „Das freiwillige Siegel von Landwirtschaftsministerin Klöckner ist eine Luftnummer. Eine Mehrzahl der Bauern und Bäuerinnen will die Pflichtkennzeichnung bei Fleisch, weil sie Tierschutz leisten will. Verbraucherinnen und Verbraucher beweisen täglich beim Eierkauf, dass sie bereit sind für mehr Tierschutz gut zu bezahlen. Nur eine Kennzeichnungspflicht nach dem Vorbild der Eierkennzeichnung gibt Bauern Planungssicherheit und Verbrauchern verlässlich Durchblick beim Tierschutz.“

Die Kennzeichnungspflicht hat am Markt für frische Eier neue Wertschöpfung für landwirtschaftliche Betriebe ermöglicht. Im Jahr 2017 zahlten Verbraucherinnen und Verbraucher für ein frisches Ei aus Biohaltung im Schnitt 32 Cent ‑ damit war es ihnen deutlich mehr als doppelt so viel wert wie ein Bodenhaltungsei, das rund 13 Cent kostete. Unterdessen konnten Bioeier ihren Marktanteil weiter ausbauen. Für Freilandeier bezahlten Konsumenten gut 19 Cent pro Ei, das sind 46 Prozent mehr als für Bodenhaltungseier. Käfigeier sind unter den frischen Eiern am billigsten, werden aber mehr und mehr gemieden. Derzeit liegt der weiter schrumpfende Marktanteil für Käfigware bei rund einem Prozent.

Reinhild Benning: „Solange Ministerin Klöckner zulässt, dass Fleisch aus Tierfabriken ohne einen verpflichtenden Haltungsstempel wie beim Ei und mit zum Teil irreführenden Verpackungen mit Bauernhof-Idylle verkauft wird, solange haben Bauern und Verbraucher keine Chance, sich gegenseitig zu finden. Jeder Tag ohne Haltungskennzeichnung hat zur Folge, dass die Landwirtschaftsministerin den Bauernhöfen mit besonders artgerechter Tierhaltung das verdiente Einkommen vorenthält. Viele Höfe benötigen dringend diese neuen Wertschöpfungsmöglichkeiten aus zuverlässig erkennbarem Tierschutz, weil sie nur so dem System „wachse oder weiche“ entgehen können. Hauptgrund für tausende Hofaufgaben ist nicht die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Verbraucher, sondern die Tatsache, dass die Bundesregierung der Bevölkerung kaum Möglichkeiten gibt, Tier- und Umweltschutz auf der Verpackung zu erkennen und gut zu bezahlen.“

Zum Beschluss des Bundeskabinetts, ein staatliches Tierwohllabel auf freiwilliger Basis einzuführen, erklärt Matthias Wolfschmidt, Tiermediziner und internationaler Kampagnendirektor bei der Verbraucherorganisation foodwatch: „Egal ob verpflichtend oder freiwillig: Ein Label, das nur kennzeichnet, ob die Tiere ein paar Zentimeter mehr Platz, Einstreu oder vielleicht Auslauf erhalten, ist staatlicher Tierschutzschwindel. Das Tierwohllabel wird nichts daran ändern, dass Nutztiere in Deutschland massenhaft krank gemacht werden. Anstatt einer Haltungskennzeichnung brauchen wir endlich gesetzliche Vorgaben für die Tiergesundheit – die in allen Haltungsformen gelten und in jedem einzelnen Betrieb konsequent durchgesetzt werden. Es ist ein Dauerskandal, dass in deutschen Supermärkten Fleisch, Milch oder Eier verkauft werden, die von krank gemachten Tieren stammen.“