Massenhafter Einsatz von Reserveantibiotika in der Massentierhaltung

 

(Berlin, 31. Juli 2019) Zwei von fünf Reserveantibiotika, die für Menschen bei Resistenzen lebensrettend sein können, sind im vergangenen Jahr massenhaft in Tierfabriken eingesetzt worden. Colistin ist mit 74 Tonnen mittlerweile eines der meistgenutzten Antibiotika in der Massentierhaltung, Makrolide sind mit 59 Tonnen im Vergleich zum Vorjahr sogar in steigenden Mengen verabreicht worden. Dies geht aus dem neuen Bericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervor. Reserveantibiotika werden in der Humanmedizin benötigt, wenn andere Antibiotika bei Infektionen nicht mehr wirken. Sie sind also eigentlich für Notfälle gedacht.

Germanwatch-Agrarexpertin Reinhild Benning warnt, dass in Folge des massenhaften Einsatzes das Risiko von Resistenzbildungen zunehme, durch die die Notfall-Antibiotika für den Menschen unbrauchbar werden können. „Konzerne haben die Hähnchen- und Putenfleischerzeugung mit Blick auf Zucht, Haltung und Fütterung im Vergleich zu anderen Tierarten weitergehend industrialisiert. Sie benötigen in diesem krankmachenden System Antibiotika in konstant hohen Mengen. Andernfalls würden zu viele Tiere aus diesen Tierfabriken den Schlachthof nicht lebend erreichen. Während Schweine in Deutschland überwiegend auf eigenständigen Bauernhöfen gehalten werden und immerhin rund 40 Prozent weniger Antibiotika als noch im Jahr 2014 benötigten, ist bei Hähnchen und Puten der Antibiotikaverbrauch kaum gesunken.“ Bei Puten und Hühnern werden zu über 40 Prozent Reserveantibiotika eingesetzt. Insgesamt ist der Antibiotikaverbrauch bei Nutztieren im Jahr 2018 gerade einmal um den Anteil zurückgegangen, um den auch die Fleischproduktion sank, nämlich um 1,5 Prozent.

Kleinere Tierhaltungen und ökologische Betriebe setzen nach Behördenangaben weniger häufig Antibiotika ein und das Fleisch weist erheblich geringere Belastungen mit Antibiotikaresistenzen auf. Benning: „Die Bundesregierung ist auch wegen der mangelhaften gesetzlichen Regeln im Tierschutz mitverantwortlich für systembedingte Massenerkrankungen und den hohen und gefährlichen Verbrauch an Reserveantibiotika. Es ist offensichtlich, dass die Geflügelindustrie die Risiken der industriellen Tierhaltung überhaupt nicht im Griff hat – und dennoch lässt Landwirtschaftsministerin Klöckner sie ohne wirksame Tierschutzregeln und ohne Auflagen für besonders wichtige Reserveantibiotika wie Colistin und Makrolide gewähren.“

Lässt die Wirkung von Standard-Antibiotika möglicherweise schon nach?

Nach Ansicht von Germanwatch muss unverzüglich untersucht werden, ob der hohe Verbrauch an Colistin und anderen Reserveantibiotika wie Makroliden möglicherweise darauf hinweist, dass andere Antibiotika in Tierfabriken schon nicht mehr zuverlässig wirken. „Die andauernde körperliche Überforderung der Tiere darf nicht länger mit Antibiotikaeinsatz übertüncht werden“, fordert Reinhild Benning. Germanwatch setzt sich ein für ein Verbot der für die Menschen so wichtigen Reserveantibiotika in Tierfabriken, eine gesetzliche Verdoppelung des Platzangebots je Tier in Mastbetrieben und die Beendigung der Hochleistungszucht. Zudem müsse es hohe Festpreise für Antibiotika in der Tierhaltung geben, damit sich eine tierfreundlichere Haltung finanziell eher lohnt als der massenhafte Einsatz von Antibiotika. Darüber hinaus sollte die Bundesregierung endlich eine Kennzeichnungspflicht einführen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher bessere Tierhaltungen auch erkennen und durch Nachfrage belohnen können.

Zur Datenerfassung

Seit dem Jahr 2011 muss die pharmazeutische Industrie erfassen, welche Mengen an Tierarzneimitteln, insbesondere Antibiotika, sie jährlich an Tierärzte abgeben, und diese Daten an ein zentrales Register melden. Grundlage dafür ist die DIMDI-Arzneimittelverordnung (DIMDI-AMV) vom 24. Februar 2010 Das Register wird beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI, ein Institut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit) in Köln geführt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Berlin nimmt die jährliche Auswertung der Daten vor.