
(Köln/Aachen/Berlin, 21. Juli 2026) Die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization, FAO) hat heute ihren Jahresbericht zur Welternährungslage veröffentlicht (State of Food Security and Nutrition in the World, SOFI). Demnach lag die Zahl chronisch hungernder Menschen im vergangenen Jahr bei 645 Millionen. Fast ein Drittel der Weltbevölkerung – 2,69 Milliarden Menschen – konnte sich keine gesunde Ernährung leisten. Für 2030, dem Zieljahr der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen, wird eine halbe Milliarde chronisch Hungernder prognostiziert.
Die Menschenrechtsorganisation FIAN (FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk Deutschland) prangert die anhaltend hohen Zahlen an. Philipp Mimkes, FIAN-Geschäftsführer: „Nicht hungern zu müssen ist ein Menschenrecht. In Zeiten guter Ernten und voller Getreidespeicher markiert jeder einzelne hungernde Mensch ein politisches Versagen und einen Bruch des Völkerrechts. Hunger ist das Ergebnis von Rechtlosigkeit, Enteignungen, Armut oder Gewalt – und nur in den seltensten Fällen die Folge eines Mangels an Lebensmitteln.“
FIAN kritisiert, dass sich die Agrarsysteme immer weiter von ihrer eigentlichen Aufgabe entfernen, die Menschen zu ernähren. So sind die Anbauflächen wichtiger Grundnahrungsmittel wie Hirse, Roggen oder Kartoffeln in 60 Jahren industrieller Agrarpolitik um 45 Millionen Hektar zurückgegangen. Hingegen sind die Anbauflächen für industrielle Agrarrohstoffe wie Palmöl, Zuckerrohr, Soja oder Raps um 300 Millionen Hektar angewachsen – etwa die dreifache Ackerfläche der EU.
Das diesjährige Schwerpunktthema des SOFI-Berichts sind die Kosten für eine gesunde Ernährung mit Lebensmitteln wie Obst und Gemüse. Die FAO stellt fest, dass diese Kosten in den vergangenen vier Jahren um ein Viertel gestiegen sind. Gleichzeitig entstünden 75 Prozent der Kosten für Nahrungsmittel erst nach der landwirtschaftlichen Produktion.
Bei der Vorstellung des Schwerpunktthemas in der vergangenen Woche in New York fehlte ein Verweis auf das Menschenrecht auf Nahrung. Stattdessen forderte der FAO-Chefökonom, die Energiepreise zu senken. Das sei viel zu kurz gedacht, findet Mimkes: „Im Kontext wiederkehrender Krisen und des Klimawandels benötigen wir eine Abkehr von energieintensiven Anbausystemen und krisenanfälligen Lieferketten, anstatt öffentliche Gelder für die Subventionierung von Energie zu verbrennen!“. Mimkes weiter: „Die Gretchenfrage – wer von den hohen Preisen profitiert – wird nicht gestellt. Wichtig wäre eine kritische Analyse der monopolartigen Stellung von Supermarktketten und Getreidehändlern sowie der Finanzspekulation an den Agrarbörsen.“
Das Ernährungsthema betrifft nicht allein den globalen Süden
Relevant sei das Thema nicht nur für den Globalen Süden, kommentiert Jan Dreier, FIAN-Referent für das Recht auf Nahrung in Deutschland: „Auch hierzulande müssen Millionen Menschen auf frische Lebensmittel verzichten. In jedem zweiten Haushalt, der Grundsicherung bezieht, werden nicht alle Menschen täglich satt“. Besonders stark betroffen sind Familien mit Kindern. Damit verstoße die Bundesregierung gegen das Recht auf eine gesunde und nachhaltig produzierte Ernährung, so Dreier.
FIAN fordert, dass das Recht auf Nahrung handlungsleitend für die Bekämpfung des Hungers wird – weltweit und in Deutschland. Stattdessen greife die FAO weitgehend auf veraltete Lösungserzählungen zurück. Damit wird erneut versäumt, die vorhandenen Ansätze für die dringend notwendige Transformation der Ernährungssysteme voranzubringen. Die FAO präsentiert damit weitgehend alten Wein in alten Schläuchen.
Fortschritt möglich trotz globaler Herausforderungen
Zu den Ergebnissen des Welternährungsberichts 2026 äußert sich auch Lutz Depenbusch, Misereor-Experte für Ernährung:
„Dass die Zahl der Hungernden das dritte Jahr in Folge leicht zurückgegangen ist, ist eine gute Nachricht. Angesichts der multiplen Krisen ist besonders die Entwicklung in Afrika positiv. Die Zahlen zeigen, dass trotz globaler Herausforderungen Fortschritt möglich ist. Und doch sind die nur schleppenden Verbesserungen Ausdruck verspielter Chancen. Noch ist das Ausmaß des Hungers größer als vor der COVID-Pandemie, und bei der jetzigen Geschwindigkeit werden auch im Jahr 2030 noch mehr als 500 Millionen Menschen Hunger leiden. Auch die Mangelernährung bei Kindern geht nur extrem langsam zurück. Wenn politischer Wille und gemeinsame Anstrengungen Hand in Hand gehen, sind deutlich schnellere Fortschritte möglich – das hat die Vergangenheit gezeigt. Doch stattdessen erleben wir eine zunehmend egoistische Weltpolitik, etwa durch den von den USA ausgehenden Handelsstreit und Kürzungen bei der Entwicklungshilfe. Diese politischen Dynamiken bremsen Fortschritte im Kampf gegen den Hunger aus. Nun drohen die Auswirkungen des andauernden Krieges am Persischen Golf mit einer ungewöhnlich starken Ausprägung des Wetterphänomens El Niño zusammenzufallen und die weltweite Ernährungslage zu verschlechtern. Dies ließe sich verhindern, wenn die Weltgemeinschaft und damit auch die deutsche Bundesregierung Hunger und Armut nicht mehr länger als Nischenthemen für politisch bessere Zeiten behandeln und das vermeidbare Sterben hinnehmen würden.“
Philipp Mimkes ist Geschäftsführer von FIAN.

Der Bericht „The State of Food Security and Nutrition in the World 2026“ steht über diesen Link als PDF-Datei bereit.

