
Ein Essay von Thomas Bettinger
Der Prophet des achten Jahrhunderts vor Christus hält uns den Spiegel vor: Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen. Es ist das Buch, das ich mehrfach im Original, also in Hebräisch, gelesen habe: Das Buch Amos. Mit ihm habe ich mein theologisches Examen im „Alten Testament“ bestanden bei einem Lehrer, den ich hoch verehrt habe, von dessen Theologie ich heute noch zehre. Auf den Vorwurf, Gott gehe es doch nicht primär um soziales Handeln, antwortete er: Um was denn sonst? Alfons Deissler, der bedeutende Freiburger Alttestamentler, hat uns Studenten und Studentinnen immer wieder eingeschärft: Gott geht es um das Menschsein des Menschen. Und dafür steht der Prophet Amos.
Bedrohung von Recht und Demokratie, von Menschenwürde und Menschenrechten
Und wir sollten ihn hören, heute, wo in vielen Ländern, auch bei uns, die Menschenjagd wieder eröffnet ist, Rassismus und Antisemitismus alltäglich geworden sind und der öffentliche Diskurs über die sozialen Medien von Lügen und Hass geprägt ist. Menschen werden mit Stigmata belegt und ausgegrenzt, Gewalt bis hin zum Mord gegen sie sind keine Ausnahmefälle mehr, Behörden verhalten sich respektlos und demütigend gegenüber Migranten, auch solchen, die legal nach Deutschland kommen, der Staat macht seine Grenzen immer dichter, die Europäische Union errichtet Mauern, und Menschen ertrinken auf der Flucht im Mittelmeer. Privatinitiativen versuchen, mit gecharterten Schiffen das Schlimmste zu verhindern und Menschen zu retten. Die Europäische Union mit ihrer Menschenrechtscharta versagt hier in Gänze.
Auch die politische Sprache verroht, verursacht durch rechtspopulistische und linksextreme Demagogen, die unsere Gesellschaft spalten und den demokratischen Rechtsstaat austesten wollen, wie weit sie gehen können. Wer sich das Parteiprogramm der AfD, ihre aktuellen Wahlprogramme für die Landtagswahlen im Herbst 2026 anschaut und die mündlichen Äußerungen einflussreicher Politiker der Rechten wahrnimmt, kann sich ausmalen, was geschehen könnte, wenn diese Leute an die Macht kommen. Menschenverachtung als Grundsatz der Politik! Schwarze Listen sind schon geschrieben, es fehlen noch die ausführenden Machtinstrumente.
Wenn wir nach USA schauen, können wir sehen, wie das geht: Vom Weißen Haus aus, mit Unterstützung der Techmilliardäre, der antidemokratischen Libertären und Transhumanisten, wird die Gewaltenteilung ausgehebelt, das Recht missachtet, die Geschichte umgeschrieben, white supremacy propagiert, Rassismus, Hass und Gewalt gegen Schwarze und andere nichtweiße Bürgerinnen und Bürger, Migranten und Indigene gefördert. Die weiße Rasse wird als überlegen über nichtweiße Menschen behauptet. Die Bürgerrechtsgesetzgebung von 1964, mit der die USA endgültig den Status eines Apartheidstaates hinter sich gelassen hat, wird ausgehebelt, auch mit Hilfe des Supreme Court. In den bewaffneten Truppen der ICE, der US Immigration and Customs Enforcement, hat sich das Weiße Haus eine Sturmtruppe geschaffen, die wie Rollkommandos Straßen und Wohnungen stürmt, um Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus festzunehmen und abzuschieben. Dies tut sie mit äußerster Brutalität. Dabei starben auch Menschen mit Bürgerrecht. Wir kennen das in Deutschland. Von den Amerikanern haben wir nach 1945 Demokratie und Menschenrechte gelernt.
Amos – ein „berufener Rufer“
Was können wir von dem Propheten Amos lernen? Er ist der erste Schriftprophet und einer der ersten historisch fassbaren Zeugen eines jüdischen Volkes im Land Kanaan. Er lebte in der Mitte des achten Jahrhunderts vor Christus (!), also vor fast 3000 Jahren. Das war die Zeit Homers, Rom wurde gerade gegründet. Und dieser Zeuge aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit hat uns was zu sagen? Ja! Er verkündet einen Gott, der radikal und kompromisslos, ohne Wenn und Aber, für die Würde, das Leben und die Rechte der Menschen eintritt, das heißt für das Menschsein des Menschen. Denn seine Ehre, sein Ruhm ist der „gelingende Mensch“ (Irenäus von Lyon, 2. Jh. n.Chr.).
Und dieser Gott mit Namen Jahweh, der von sich selbst sagt: Ich bin der Gott, der für Dich da ist, gestern, heute und morgen (siehe Genesis 3,14), er ist der Gott, der sein Volk Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat. Er hat seinen Bund mit Israel geschlossen, seinem auserwählten Volk, und ihm „Wegweisungen“ mitgegeben: die Tora mit den Zehn „Geboten“. Sie sind Ausdruck und Lebensregel für ein Volk, das von seinem Gott befreit ist zu einem gelingenden Leben im „Land, in dem Milch und Honig fließen“ (Exodus 33,3): Du bist von mir befreit, lebe jetzt als ein Befreiter! Die Zehn Gebote sind mehr Indikative als Gebote. Sie beginnen mit „Du wirst“ / „Du wirst nicht“, nicht mit „Du sollst!“ / „Du sollst nicht.“ So lesen sich die Gebote für ein „befreites Dasein“ (n. Deuteronomium 5,6-11):
| Erstes Gebot: | Du wirst keine anderen Götter haben mir ins Angesicht! |
| Zweites Gebot: | Nicht wirst du machen ein Bild irgendwelcher Gestalt von dem, was im Himmel droben oder unten auf der Erde oder im Wasser unter der Erde ist. Du wirst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. … |
| Drittes Gebot: | Du wirst den Namen JAHWEHs, deines Gottes, nicht zu Frevlem erheben! |
| Viertes Gebot: | Halte (Du wirst halten) den Sabbattag, um ihn zu heiligen, wie JAHWEH, dein Gott, dir geboten hat. … |
| Fünftes Gebot: | Erweise (Du wirst erweisen)Ehre deinem Vater und deiner Mutter, wie JAHWEH, dein Gott, dir geboten hat, damit deine Tage dir lange währen und es dir wohlergehe … |
| Sechstes Gebot: | Du wirst nicht morden! |
| Siebtes Gebot: | Du wirst nicht die Ehe brechen! |
| Achtes Gebot: | Du wirst nicht stehlen! |
| Neuntes Gebot: | Du wirst nicht als falscher Zeuge aussagen gegen deinen Nächsten! |
| Zehntes Gebot: | Du wirst nicht trachten nach der Frau deines Nächsten und nicht begehren nach deines Nächsten Haus, Feld, Knecht, Magd, Rind, Esel oder sonst nach irgend etwas, was deinem Nächsten gehört. |
Israel wird diesem Anspruch nicht gerecht: „Dieses Volk aber hat ein störrisches, trotziges Herz. Sie wichen vom Weg ab und gingen davon“ (Jeremia 5,23). Die Botschaft der Propheten ist notwendig, weil das Volk Israel sich anderen Göttern zugewandt hat.
Das achte Jahrhundert v.Chr. ist Zeuge von zwei jüdischen Staaten, dem sogenannten Nordreich Israel mit dem Reichsheiligtum Bet-El, und dem Südreich Juda mit dem Tempel in Jerusalem. Amos stammt aus Tekoa, südöstlich von Betlehem, er ist kein Berufsprophet, wie es sie an den Heiligtümern gab, sondern ein Viehzüchter und ein Veredler von Maulbeerfeigenbäumen. Er wird ins Nordreich geschickt. Er ist ein „nabi“, ein von Jahweh „berufener Rufer“. Er verkündet nicht eigene Botschaft, sondern das Wort, das Jahweh ihm eingibt. Die Propheten des „alten“ Bundes wissen das genau zu unterscheiden. Und die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft wird selbst vom Hohenpriester Amazja am Tempel in Bet-El nicht bestritten. Weil sie gefährlich ist für Religion und Staat, schickt er Amos „nach Hause“ (Am 7,12).
Das Buch Amos hat eine lange Entstehungsgeschichte. Die überlieferten Prophetenworte wurden mit der Zeit ergänzt, seine Endredaktion ist wohl in der Zeit des Babylonischen Exils (587-538 v.Chr.) erfolgt. Im Text spiegeln sich die Erfahrungen der Zerstörung des Nordreichs durch die Assyrer (721 v.Chr.) und des Südreichs durch die Babylonier mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und der Deportation nach Babylon (587 v.Chr.) wider. Das Exil zwingt zur theologischen Reflexion und Neudeutung der Gotteserfahrung mit Jahweh. Die Botschaft des Amos und anderer Propheten (Hosea, Jesaja, Jeremia) werden nun als Prophezeiungen und Gerichtspredigt verstanden.
Der gerechte Gott
Amos verkündet keinen „lieben Gott“. Seine Botschaft ist radikal, kompromisslos und hart: Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen. Jahweh klagt Israel an. Er verfolgt – man kann es kaum aussprechen – erbarmungslos Unmenschlichkeit, Mitleidlosigkeit, Unanständigkeit. Er prangert Ausbeutung, betrügerische wirtschaftliche Praktiken, Lügen, die Gewalt gegen die Schwachen, Armen und Ohnmächtigen an, ganz besonders aber die Beugung des Rechts, die Verachtung des Rechts. Es ist das Gottesrecht, im Bund Gottes seinem Volk Israel „geschenkt“ als Leitlinien zum gelingenden Leben. Gottesrecht ist Menschenrecht! Jahweh ist der gerechte Gott! Und er fordert Recht und Gerechtigkeit ein (siehe Amos 5,24). Gott will, dass auch der Arme lebt – und das in Würde. Er tritt für die Lebensrechte der Habenichtse ein und verfolgt die Ausbeuter, die reichen Prasser ohne Gewissen, ohne Verantwortung für die anderen, die Nächsten. Im Skandal des überquellenden Reichtums weniger gegenüber der krassen Armut der vielen ergreift Jahweh Partei für die Schwachen und Ohnmächtigen, die Hungernden, Ausgebeuteten und Betrogenen, die Hoffnungslosen und Verlorenen. Er tritt für ihr Menschsein ein, für ihre Würde als Menschen und für ihre Rechte als Menschen.
Und er verfolgt die, die die Armen missachten, sie mit Füßen treten. Jahweh tritt gegen jede Form der Menschenverachtung auf. Mit Feuer – ja apokalyptischem Feuer! – geht er gegen die „herrschende Klasse“ vor, gegen die Reichen und Mächtigen, gegen die Ausbeuter, Betrüger, Räuber und Mörder, auch gegen die „Baschankühe auf dem Berg von Samaria“ (Amos 4,1-3), die Frauen der Oberklasse, die in Luxus und Ausschweifung leben. Sie alle verweigern Menschlichkeit und Solidarität, sie alle stellen sich gegen das Gottesprojekt, das ist der lebendige, gelingende Mensch in Freiheit vor dem Angesicht Gottes! Der Mensch, der ganz lebt aus der liebenden Zuwendung Gottes, in Nächstenliebe dem anderen Menschen zugewandt, „denn er ist wie Du!“ (Martin Buber). Die Konsequenz ist Vernichtung und Verbannung, eine geradezu apokalyptische, auch ökologische Katastrophe. Die Bilder, die der Prophet dafür hat, sind auf jeder Seite seines Buches zu finden (zum Beispiel Amos 4,4-12). Wer es liest, erahnt das Grauen. „Alle Sünder meines Volkes sollen durch das Schwert umkommen, alle die sagen, das Unheil erreicht uns nicht, es holt uns nicht ein“ (Amos 9,10). Mich erinnert dieser Satz an unser Verhalten gegenüber dem Klimawandel, der schon da ist und den wir nicht wahrhaben wollen. Der alte weiße Mann mit dem deutschen Namen im Weißen Haus hat einfach dekretiert: Klimawandel gibt es nicht! Das sind fake news der Kommunisten!
Amos nimmt sich die Täter vor. Ihre Untaten, aber auch ihren Gottesdienst: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,21-24). Beim Gottesdienst sind sie nicht mit dem Herzen dabei, ihre innere Haltung entspricht nicht ihrem Tun. „Recht und Gerechtigkeit will ich, nicht Opfer“ (Buch der Sprüche 21,3). Gottesdienst ist Menschendienst! Eine für die damalige Zeit ungeheure, heute noch aktuelle Aussage!
Ein Appell: Kehrt um!
Alle diese Drohungen wären sinnlos, wenn in ihnen nicht ein Appell zu vernehmen wäre: Der prophetische Appell: Kehrt um! Wendet Euch wieder Jahweh zu, der will, dass ihr lebt! Erkennt die Weisheit seines Rechts, strebt nach Erkenntnis und wahrer Gerechtigkeit! Liebt Jahweh im Gottesdienst mit Eurem ganzen Herzen und liebt den Nächsten, den Nachbar, den Fremden, den Mitmenschen, denn er ist euer Bruder, eure Schwester. Liebt den, der in Not ist, helft ihm auf, dass er ein aufrechter Mensch sei.
Und Jahweh zeigt selbst bei Amos Geduld und Mitleid (Amos 7,4-9). Und er zeigt Israel den Weg auf, den es gehen soll: „Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben und dann wird, wie ihr sagt, der HERR, der Gott der Heerscharen, bei euch sein. Hasst das Böse, liebt das Gute und bringt im Tor das Recht zur Geltung! Vielleicht ist der HERR, der Gott der Heerscharen, dem Rest Josefs dann gnädig“ (Amos 5,14f). Und das Buch endet mit dem Hoffnungsbild von Erneuerung und Fruchtbarkeit: „Seht, es kommen Tage – Spruch des HERRN -, da folgt der Pflüger dem Schnitter auf dem Fuß und der Keltertreter dem Sämann; da triefen die Berge von Wein und alle Hügel fließen über. Dann wende ich das Geschick meines Volkes Israel. Sie bauen die verwüsteten Städte wieder auf und wohnen darin; sie pflanzen Weinberge und trinken den Wein, sie legen Gärten an und essen die Früchte. Und ich pflanze sie ein in ihren Boden und nie mehr werden sie ausgerissen aus ihrem Boden, den ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott“ (Amos 9,13-15). Das ist das Ziel prophetischen Rufens: Nicht, dass das angekündigte Unheil eintrifft, sondern dass Umkehr geschieht, Umkehr zu Jahweh, dem Schöpfer und Freund allen Lebens, der neues Leben, furchtbares, lebendiges ja paradiesisches Wachstum schenkt.
Und der Aufruf zur Umkehr gilt – unverkürzt – auch uns heute. „Was damals im regionalen Maßstab geschah, lässt sich heute im globalen Zusammenhang beobachten: Gier wurde zum Motor der Wirtschaft; verlacht werden die, die die Behauptung in Frage stellen, Leben sei nur möglich, wenn Wachstum gesichert und Gewinne maximiert werden. Und immer mehr geraten in elende Abhängigkeiten. Erst recht aktuell klingt es, wenn Amos voraussagt, dass dieses System der Gier schließlich zur ökologischen Katastrophe führe. Und alles nimmt ein `bitteres Ende´“ (Benedict Schubert).
Man könnte jetzt sagen: Die Botschaft des Propheten richte sich nur an Israel, sogar nur an das Nordreich. Aber die Redaktion hat durch Ergänzungen auch Juda, das Südreich, eingeschlossen. Und der Gedanke des Universalismus, dass Gottes Botschaft für alle Menschen, alle Völker offen ist, und diese Völker zum Zion, zum Tempel wallfahren werden (Sacharja 8,22 u.a.), beginnt bereits bei dem Propheten Jesaja deutlich zu werden. Selbst wenn er erst nachexilisch ausformuliert sein sollte, hier ist bereits der Gedanke von der einen Menschheit, die aus Gott dem Schöpfer hervorgegangen ist, von der Gleichheit aller Menschen grundgelegt. Wo stehen wir heute, nach 2500 Jahren, wenn wir den Zustand unserer Welt betrachten? Hat sich der Mensch wirklich geändert? Sitzt er intellektuell nicht immer noch auf den Bäumen? Mit Knüppeln in der Hand? Anders gefragt: Was wären wir ohne die prophetische Botschaft heute? Ohne die Botschaft des Amos, ohne die Botschaft des Propheten und Wanderpredigers aus Nazareth? Wie würde die Welt aussehen ohne Judentum, ohne Christentum? Und unser Menschenbild? Wie sähen wir den Menschen? Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst?
Es bleibt: „Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben und dann wird, wie ihr sagt, der HERR, der Gott der Heerscharen, bei euch sein. Hasst das Böse, liebt das Gute und bringt im Tor das Recht zur Geltung! Vielleicht ist der HERR, der Gott der Heerscharen, dem Rest Josefs dann gnädig.“
Kaiserslautern, den 8. Juli 2026, Thomas Bettinger.
- Bibelzitate nach der katholischen Einheitsübersetzung von 2016
- Übersetzung der Zehn Gebote: Alfons Deissler