„Hambacher Thesen“: Journalismus in der Beschleunigungsgesellschaft

 

(Landau in der Pfalz, 16. August 2018) Verbindliche ethische Regeln für die digitale Kommunikation, öffentlich-rechtlich verantwortete Internetplattformen und digitale Lebenskompetenz statt Beschränkung auf rein technisch verstandene Medienkompetenz ‑ das waren Forderungen, die auf den Dritten Südwestdeutschen Medientagen 2018 in Landau in der Pfalz erhoben wurden. Die Ergebnisse sind gebündelt in den „Hambacher Thesen“:

Ambivalenzen der digitalen Medienwelt

  1. Tempo ist ein Wesensmerkmal des Journalismus. Guter Journalismus muss aktuell sein – auch unter den Bedingungen medialer Beschleunigung.
  2. Haupttreiber der Beschleunigung sind die Digitalisierung und die Konkurrenz durch die Kommunikation in den Sozialen Medien.
  3. Die beschleunigten Nachrichtenmärkte lassen sich nicht ausbremsen. Vor dem Hintergrund zunehmend mobiler Mediennutzung führt an schnellen, digitalen Angeboten kein Weg vorbei.
  4. Die Trennung zwischen einer analogen und einer digitalen Welt wird zunehmend obsolet. Dem entsprechen multimediale Angebote und die koordinierte Verbreitung über unterschiedliche Plattformen.

Herausforderungen für den Journalismus

  1. Unter den Bedingungen von Digitalisierung und Beschleunigung werden die traditionellen handwerklichen und ethischen Standards journalistischen Arbeitens nicht immer hinreichend ernst genommen. Umso mehr kommt es auf sorgfältige Recherche, kritische Distanz, die Bereitschaft zu Selbstkorrektur, die Wahrung von Persönlichkeitsrechten und Nichtdiskriminierung an.
  2. Wer nichts zu berichten hat, sollte nicht berichten.
  3. Zeitaufwändige, langsame journalistische Formate sind für eine aufgeklärte Öffentlichkeit unabdingbar. Dazu gehören Hintergrundberichte und ein langfristig recherchierender Investigativjournalismus. Die Absicherung entsprechender Formate gegen den medialen Beschleunigungsdruck ist eine unternehmerische, politische, pädagogische und kulturelle Aufgabe.
  4. Neben die journalistische Aufgabe des Gate Keeping tritt die des Gate Reporting (Hanne Detel). Journalisten müssen Recherchewege offenlegen, die Auswahl von Informationen erklären – und darstellen, was sie aus welchen Gründen nicht aufgreifen. Ohne diese Transparenz schwindet die Glaubwürdigkeit als kostbarste Währung des Journalismus und der Demokratie.
  5. Der Beruf der Journalistin und des Journalistin wird anspruchsvoller. Neben Information geht es um Einordnung und Orientierung. Die Persönlichkeit des Journalisten wird bedeutsamer. Zugleich gewinnt die Arbeit in redaktionellen Netzwerken an Gewicht. Gesellschaftliche und sozialtherapeutische Aufgabenzuschreibungen nehmen zu. Technische Anforderungen steigen. Vor allem aber ist von Journalistinnen und Journalisten zu erwarten, dass sie verstehen, wovon sie berichten.

Herausforderungen für Politik und Gesellschaft

  1. Um die Fähigkeit, Informationen aus dem Netz zu beurteilen, ist es gegenwärtig nicht gut bestellt. In den Sozialen Medien verbreiten sich unzuverlässige, halbrichtige, falsche und manipulative Nachrichten schneller als gut recherchierte. Der damit verbundene Vertrauensverlust in die Glaubwürdigkeit von Informationen gefährdet die Demokratie. Die Kompetenz der Informationsbewertung gewinnt zentrale Bedeutung.
  2. Die wichtigsten Plattformen der schnellen, digitalen Kommunikation befinden sich in der Hand von global operierenden Wirtschaftsunternehmen in Monopolstrukturen. Einzelpersonen, Organisationen, Medienhäuser und Verlage, die Facebook und Co. nutzen, treten die Entscheidung über Verwendung und Kontextualisierung ihrer Inhalte an diese Akteure ab. Hier besteht medienpolitischer Regulierungsbedarf.
  3. Prekäre Arbeitsverhältnisse und mediale Gratismentalität im Netz sind die größte Gefahr für den Qualitätsjournalismus. Aufzuklären ist darüber, dass die Nutzung vermeintlich kostenfreier Angebote mit der kommerziellen Weiterverwertung von Nutzerdaten bezahlt wird.
  4. Ethische Verantwortung tragen sowohl Medienmacher als auch Mediennutzer. Diese Verantwortung jeweils dem anderen zuzuschieben, ist illegitim.

Journalistische Berufsethik und Mediennutzerethik sind komplementär, nicht alternativ. Kriterien sind Wahrhaftigkeit, Meinungsfreiheit, Menschenwürde.

  1. Ungenügend ist es, der medialen Beschleunigung vorrangig mit Strategien zur Entwicklung technischer Medienkompetenz zu begegnen. Zu fördern ist in einem ganz umfassenden Sinn „digitale Lebenskompetenz“ (Caja Thimm).
  2. Der Umgang mit der medialen Beschleunigung ist eine individuelle, erzieherische, regulatorische und kulturelle Aufgabe. Die gesellschaftspolitische Verantwortung dafür tragen Individuen, Politik, Schulen, politische Bildung, Medienwissenschaften, Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Gruppen gemeinsam.

 

Dr. Christoph Picker (Evangelische Akademie der Pfalz), Prof. Dr. Ulrich Sarcinelli (Universität Koblenz-Landau), Thomas Bimesdörfer (Saarländischer Rundfunk), Karsten Evers (Südwestrundfunk), Dr. Timo Werner (Frank-Loeb-Institut an der Universität Koblenz-Landau), Prof. Dr. Clemens Zimmermann (Universität des Saarlandes).