Höchste Zeit für eine zentrale Rolle von digitaler Industriepolitik in der EU

(Kiel, 15. Juni 2026) Die US-Regierung unter Präsident Trump ordnete am 12. Juni 2026 an, dass die fortschrittlichsten KI-Modelle von Anthropic – die Modelle „Fable 5“ und „Mythos 5“ – als exportkontrollierte Technologie behandelt werden. Ausländische Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen durften sie ohne spezielle Genehmigung nicht mehr nutzen. Prof. Dr. Katharina Erhardt, Leiterin des Industrial Policy Labs am Kiel Institut, kommentiert die Entscheidung der US-Regierung:

„Die USA haben demonstriert, dass sie bereit sind, selbst engen Verbündeten den Zugang zu modernsten KI-Technologien zu verwehren. Das ist ein Warnsignal, das Europa ernst nehmen muss. Noch immer scheint die verbreitete Hoffnung zu sein, Europa könne sich darauf beschränken, auf dem technologischen Fortschritt der USA aufzusatteln: Die Infrastruktur, die Rechenkapazität, die Basismodelle kommen aus Amerika, während Europa Anwendungen baut und so mittelbar vom KI-Fortschritt profitiert. Diese Arbeitsteilung mag ökonomisch kurzfristig rational erscheinen. Strategisch ist sie es nicht. Wer die Grundlagentechnologie baut, kontrolliert den Zugang. Eigene Anwendungen darauf zu setzen, schafft keine Souveränität, solange das Fundament in fremder Hand liegt.

Dabei denkt Europa kritische Abhängigkeiten noch immer zu kleinteilig. Die Debatte über strategische Abhängigkeiten konzentriert sich auf Chips und Seltene Erden. Dabei ist der Zugang zu modernsten digitalen Technologien, allen voran KI, mindestens ebenso kritisch. KI ist dreifach strategisch: Sie ist erstens ein zentraler Produktionsfaktor und wichtige Zukunftstechnologie, die Produktivität und Wertschöpfung in nahezu allen Wirtschaftsbereichen bestimmt. Sie schafft zweitens geoökonomische Abhängigkeiten. Wer bei einer Schlüsseltechnologie von außen abhängig ist, kann unter wirtschaftlichen und politischen Druck gesetzt werden. Und sie ist drittens sicherheitspolitisch relevant: militärische Handlungsfähigkeit wird zunehmend durch KI-Kapazitäten mitbestimmt.

Wer bei KI auf andere angewiesen ist, wird bald auch in anderen Bereichen nicht souverän sein. Daraus ergibt sich industriepolitischer Handlungsbedarf. KI ist ein Musterfall für Marktversagen: Hohe Fixkosten und sinkende Grenzkosten begünstigen globale Monopolisierung, massive positive Technologie-Spillover und Sicherheitsexternalitäten werden vom Markt nicht internalisiert. Dort, wo Märkte systematisch versagen, ist aktive Industriepolitik nicht nur vertretbar, sondern geboten. Deutschland und Europa müssen aktiv digitale Industriepolitik betreiben, um kritische Abhängigkeiten zu verhindern, bevor sie entstehen, und um Wertschöpfung im eigenen Wirtschaftsraum zu fördern.

Es ist höchste Zeit, dass digitale Industriepolitik eine zentrale Rolle in der EU spielt. Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Zukunftsmarkt, sondern wird zum zentralen Produktionsfaktor für nahezu alle anderen Wirtschaftsbereiche. Deshalb ist eine aktive Industriepolitik im KI-Bereich nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch geoökonomisch notwendig. Wer bei dieser Technologie allein auf andere angewiesen ist, macht sich langfristig in vielen anderen Bereichen abhängig.“