Keine Provinzposse

Sauerländer Klüngel, schwärzer als sternlose Nacht
nach einer wahren Begebenheit, für Nela
von Rudolf Tillig
Schützenhalle, schwarz grundiert

Im Sauerland, wo der Tau morgens die Kuppen der Wälder küsst und die Vereinsnadeln heller glänzen als Messing, steht eine Schützenhalle. Davor: Beton. Darauf: Worte. Worte wie Pflock und Dorn, frisch gesprüht, gegen einen, der am nächsten Sonntag kommen soll, der große Sohn, den die Plakate mit Faltenwürde tragen. Die Halle trägt noch den Duft von Erbsensuppe, Bockwurst, alten Festen. Die Worte tragen Lösungsmittel, Vorwurf, jugendliche Lust am großen Nein.
In diesem Landstrich, schwarz durchtränkt bis tief unters Nagelbett — Kirchturmuhr, Karnevalsorden, Konrad-Adenauer-Poster im Hinterzimmer — ist Ordnung ein Hut mit grüner Kordel. Man grüßt mit zwei Fingern, man kennt einander beim Taufnamen und beim Amt. Und weil hier alles miteinander filzt wie Filz, fängt eine Geschichte an, die von Papier handelt.

Papier, das zu viel weiß

Papier Nummer eins: ein Zettel, zwei Namen, anonym gelegen wie ein Fisch ohne Gräten. Papier Nummer zwei: eine Anzeige, korrektes Formular, ordentliches Datum, Gänsefüßchen an der richtigen Stelle. Papier Nummer drei: ein Protokoll, befragt von einem, der viele Mützen hat — Stadtrat, Vereinschronist, Kommissar, Stellvertreter von etwas — doch niemals zur selben Zeit, versteht sich, denn hier wird peinlich auf Trennung geachtet, mit Doppellinie.
Papier Nummer vier: ein Beschluss. Der hat Ränder und einen Stempel, der wie eine Hostie auf die Seite gedrückt wird. Und eine Unterschrift, die jung wirkt, so jung wie die Probezeit der Hand, die sie setzte. Man sagt, diese Hand sei unabhängig; das Papier nickt, es nickt immer, solange die Ränder sauber sind.
Im Text des Beschlusses steht ein Satz, in dem Zugehörigkeit als Schatten auf eine Person fällt. Parteijugend links der Mitte — sagt das Papier — und Nähe zum Ort des Geschehens — sagt das Papier — und eine Zeugin, die zwei sah, aber niemanden erkannte — sagt das Papier — und der Wahlkampf, der immer alles schwerer macht — sagt das Papier. Worte rollen übereinander wie Kegelkugeln an einem Sonntag, wenn die Kirchenglocke vibriert.

Ein Haus in der Nähe des Abiturs
Das Haus ist kein Schloss. Es riecht nach Staub von Lernkarten und Kaffeetassen mit Filzstift-Malkunst. Es hat Keller, Nebentüren, eine Auffahrt, die schon lange mal gefegt gehört. Als die fünf, die zu sechst wirken, morgens kommen, ist es ein Apriltag.
Man sagt, Durchsuchungen seien nüchtern, stichpunktartig, Inventar in Bewegung. Laptop, Telefon, Notizen — das Alphabet der Gegenwart — wandern in Beutel, Beweismittel nennen sie das. Im Zimmer steht ein Kalender: Abi bald, fast zum Greifen nah. Das Datum seufzt. Papier raschelt.
Die Beamten sind höflich und gründlich, so höflich und gründlich, dass die Zeit in Zwischenräumen klappert. „Nur Routine“, sagt einer, was im Sauerland klingt wie: „Wir geben Acht auf euch.“

Die Stille zwischen Beschluss und Türe

Zwischen dem Stempel auf Papier und dem Klopfen an der Haustür liegt ein Monat. Er geht über den Marktplatz, am Bäcker vorbei, durch die Sakristei, wo Ministranten die Messgewänder sortieren, und durch das Vereinszimmer, wo eine Vitrine aufpoliert wird. Ein Monat, in dem nichts geschieht und alles geschieht; in dem der Zettel, die Anzeige, das Protokoll die Wärme der Schublade teilen.
Wer was wann wusste, ist ein Spiel der Gläser auf einem Tablett: klirr, klirr, und schon ist es ein anderer Klang. „Dienstaufsicht ja, Einzelfall nein“, sagen die Regeln, die auf noch älterem Papier gedruckt sind. „Unabhängigkeit“, sagt jemand, und der Raum nickt. Es nickt so viel in diesem Landstrich, manchmal wird man seekrank.
Beschwerde, §§ und Chor
Dann beschwert sich jemand. Beschwerden sind die Gicht in den Gelenken des Apparats; sie machen ihn schwerfällig, aber auch lebendig. § 304 hier, § 306 dort, und das Papier weiß wieder Bescheid: Erst zur unteren Schublade, dann, wenn sie geschlossen bleibt, zur oberen. Man nennt das Instanzenzug, im Schützenverein hieße es: erst der Zugführer, dann der Major.
Oben sitzt ein anderes Gericht. Es klappt den Beschluss auf wie eine Dose und findet darin: luftige Begründung, mageren Verdacht, ein anonymes Nichts, das wie kostbare Ware behandelt wurde. Und diesen Satz, der Parteijugend in Verdacht übersetzt. „So nicht“, sagt ein anderer Stempel, ruhiger, älter. Man könnte sagen: rechtsstaatliche Manieren. Man könnte auch sagen: Jemand hat vergessen, die Staatsanwaltschaft an den Tisch zu bitten. Papier, das „bedenklich“ haucht, wird in dieser Gegend selten gedruckt; wenn es geschieht, hält die Luft den Atem an.

Direktion, spät informiert
Die Direktion ist ein Büro mit Blick auf Akten. Man erzählt, die Direktorin habe erst spät erfahren, was in ihrem Haus früh begonnen hatte. Das mag sein, denn Häuser haben viele Räume, und Türen schließen leise. Hier ist nichts Theater, sagt man, und doch schwankt der Vorhang. Es gibt die Zeit vor der Kenntnis und die danach. Dazwischen: das Gerücht, Futter für Stammtische, die sich abends wie Mühlen drehen.

Der Chor der Dinge
Sprecht, Aktenklammern: Wir haben gehalten.
Sprecht, Stempel: Wir haben gesegnet.
Sprecht, Zeugenaugen: Wir haben gesehen, dass wir nichts sahen.
Sprecht, Vereinsschärpen: Wir hängen über allem, grün und schwer.
Sprecht, Weihrauchfässer: Wir ziehen Schleifen über Köpfe, die viel wissen und wenig sagen.
Sprecht, Telefone: Wir waren still, als man uns mitnahm.
Sprecht, Lernzettel: Wir waren fast fertig, fast.
Nachklang

Der Sommer kommt, das höhere Gericht hat gesprochen, die Worte an der Halle sind längst übertüncht, doch unter der frischen Farbe liegen Schichten, die nicht vergessen. In der Stadt wird wieder geschossen, aber nur auf Scheiben, zischende Pfeile, dumpfe Einschläge, die niemanden verletzen. Das ist die offizielle Version: Alles im Rahmen.
„Warum?“ fragt jemand am Rand des Platzes, eine Frage so alt wie die Eichen im Schatten. Warum Zettel, warum Eile und dann keine Eile, warum fünf für eine Schülerin, warum Parteijugend als Verdacht? Warum die Nähe, die Nähe, die Nähe — Parteibuch, Vereinslokal, Büroflur — und keiner stolpert?
Das Sauerland antwortet wie immer: mit Geschichten. Von Nachkrieg, von Aufstieg, von Treue zu Fahne, Glocke, Gartenzaun. Geschichten, in denen Ordnung ein Gewürz ist und kein Rezept. In denen man die Kinder beim Namen nennt, aber die Erwachsenen mit Titeln. In denen man sagt: „Das hat alles seine Richtigkeit“, und hofft, dass der Satz sich selbst erfüllt.

Inventarliste (für später)
– ein Zettel mit zwei Namen, ohne Absender.
– ein Protokoll, vernommen von einem, der viele Ämter hat.
– ein Beschluss mit junger Unterschrift.
– eine Tür, an der früh geklopft wurde.
– fünf Paar Schuhe im Flur.
– ein Sommer, der entscheidet, dass alles zurückgerollt gehört.
– ein Büro, das spät erfährt, was früh begann.
– ein Mädchen kurz vor dem Abitur, dem man den Arbeitstisch abräumt.
– ein Landstrich, der immer sagt, es sei nichts Persönliches, nur Pflicht.
– und darunter, kaum hörbar: der Satz „So nicht.“
Coda: Feldandacht
Sonntag. Die Schützen stehen in Linie; der Pastor segnet, die Fahne neigt sich, die Kapelle probt das „Großer Gott“. Die Halle glänzt, frisch gestrichen, die Worte darunter schlafen. Im Wind hängt ein anderer Satz, einer, der sich nicht ins Protokoll frisst, nur ins Ohr:
Rechtsstaat ist kein Vereinsfest. Er ist die Kunst, das Papier nicht größer zu machen als den Menschen, der darunter atmet.


Und irgendwo, hinter dem Wald, probt die Zukunft. Sie trommelt leise — nicht im Takt der Parade, sondern im Takt eines Herzens, das lernen will, wie man widerspricht, ohne zu schreien; wie man ordnet, ohne zu verdrehen; wie man Namen sagt, ohne sie zu benutzen. Im Sauerland, schwarz grundiert, wird das dauern. Aber auch lange Geschichten enden manchmal damit, dass jemand die Fenster aufreißt.
Nachschlag – aus aktuellem Anlass
Man nennt es hier nicht Filz. Man nennt es Verlässlichkeit. Ein Telefon, das gleich am ersten Klingeln abgenommen wird. Ein Tisch im Hinterzimmer, auf dem die Tischdecke nie Flecken hat. Ein Kalender, der Termine kennt, bevor sie jemanden finden. Filz ist nur das Wort derer, die draußen stehen und ans Fenster tippen. Drinnen sagt man: „Man kennt sich.“ Der Satz fällt weich und legt sich über Dinge, bis sie nicht mehr scharf sind.
Die Akten kennen andere Worte. Sie knistern, wenn man sie zu schnell schließt. Sie merken sich Finger, auch wenn keine Tinte dran ist. Manchmal, spät, hört man sie atmen: ein flaches Pfeifen, als läge Staub auf den Lungen. Und wenn jemand sagt, das sei nur Papier, antwortet etwas aus dem Regal: Papier ist ein Gedächtnis, das nicht widerspricht — außer man liest es laut.
Die Schützenhalle riecht derweil nach Lack und altem Lied. Der Pfarrer übt den Segen, der Stadtrat den Blick, der jede Richtung offenlässt. Jemand poliert den Orden mit einem Tuch, das einmal weiß war. Es ist eine Kunst, gleichzeitig zu dienen und zu sitzen, zu mahnen und doch zu nicken. Hier beherrschen sie diese Kunst wie andere das Schnitzen.
Und wenn wieder ein Beschluss kommt, jung unterschrieben, alt bekräftigt, wandert er durch die Flure wie ein Pilger mit dickem Mantel. Jeder hält kurz die Tür auf. Niemand fragt, wohin die Reise geht. Nur das Geländer weiß, wie oft es gegriffen wurde, damit man nicht ins Fragen fällt.
„Filz“, sagt jemand am Rand des Platzes, leise genug, dass es die Lauten nicht hören. Und die Stadt antwortet mit Geräuschen, die sie gut kann: Glocke, Zapfhahn, Vereinschor. Der Ton legt sich auf den Satz wie Moos auf eine Schwelle. Man kann darüber laufen, ohne nass zu werden. Oder man bleibt stehen und drückt die Zehe tiefer hinein, bis es kalt wird.
Es wird weiterermittelt, sagen sie. Natürlich. Auch das ist eine Kunst: auf der Stelle gehen, bis die Spur aussieht wie ein Weg. Vielleicht findet man am Ende etwas, das passt — zur Hand, zum Hut, zur Halle. Vielleicht findet man nur das eigene Muster.
Doch manchmal, nachts, wenn der Wald nicht trommelt, sondern zuhört, rutscht ein Stück Stoff vom Tisch. Man sieht, dass darunter Holz ist, schlicht und mit Kerben. Ein Tisch bleibt ein Tisch, auch ohne Decke. Dann zieht jemand das Fenster auf, es klappert, und die Luft kommt herein wie ein Widerspruch, der niemanden anschreit. Sie sagt nur: Ordnet neu. Und diesmal ohne Teppich.
Haltet Maß — nicht Menschen fest.
Vielstimmige Andacht
Vater (die Tür, 6:41 Uhr)
Einmal tief durchatmen. Öffnen. Kühle Klinke, Ausweise auf Brusthöhe, die Höflichkeit der Pflichterfüllung. „Guten Morgen“, sage ich, als hätte ich das geübt. Habe ich nicht. Links die Küche, rechts das Zimmer mit den Lernkarten. „Kommen Sie rein.“ Meine Stimme ist ein Geländer, an dem ich mich festhalte.

Einsatzleiterin (erster Kontakt)
Der Vater steht wie ein Wall, ruhig, kontrolliert. Ich erkläre Zweck, Beschluss, Umfang. „Wir arbeiten zügig, so schonend wie möglich.“ Er nickt, ruft nach seiner Tochter. In seinem Blick liegen drei Dinge gleichzeitig: Schutz, Zweifel, Pflicht.
Nela (hinter dem Vater)

Ich sehe Rücken, Ausweise, dann mich. Die Luft ist plötzlich zu genau. „Wir brauchen…“, sagt jemand, und mein Name steht mitten im Flur. Auf dem Schreibtisch liegt das Abi wie ein angehaltenes Lied. Als sie den Laptop einpacken, fühlt es sich an, als nähme jemand ein Wochenende aus meinem Kopf.
Mutter (Küche)
Ich halte Tassen, als könnte Keramik trösten. Zucker, Milch, Worte — alles steht bereit, keiner greift zu. Ohnmacht lässt sich in Untertassen gießen, habe ich gelernt. Es klappert, sehr leise, und doch viel zu laut.

Kriminalbeamter (Protokoll)

„Tür geöffnet durch den Vater.“ Sachlich stimmt oft. Vollständig selten. Ich hake ab, fotografiere, notiere. Die Plastiktüte raschelt wie ein Atem. Später werde ich sagen: „Korrekt gelaufen.“ Und es wird stimmen. Trotzdem bleibt da ein Ton, den ich nicht zuordnen kann.
Anonyme Zeugin
Zwei Schatten, Laternenlicht, eilige Schritte. Ich dachte, ich tue das Richtige. Seitdem ist die Nacht größer geworden. Man kann Recht haben und sich trotzdem nicht sicher fühlen. Das ist neu für mich.
Hausmeister der Schützenhalle
Ich streiche über frische Farbe. Worte bleiben darunter wie eingerollte Teppiche. Wir haben hier Feste gefeiert, Orden angesteckt, Kinder gelacht. Jetzt ist die Wand sauber. Ich frage mich, ob Schweigen wirklich neutral ist, oder nur bequem.

Schützenbruder (Zugführer)

Ordnung ist unser Alphabet. Schritt, Halt, Gruß. Ich respektiere Regeln, Menschen auch. Zwischen Vereinslied und Gewissen passt manchmal kein Blatt — nur ein Zittern. Ich tue, was sich gehört. Aber heute fragt etwas in mir: Gehört sich alles, was man tut?
Pfarrer
Ich kenne Beichten, die nicht anfangen, weil die Worte fehlen. Ich bete für Maß, Mitte, Mäßigung. Weihrauch legt sich auf alle Schultern gleich. Wäre schön, er fände auch die Wege in Akten, bevor sie sich verhärten.

Staatsanwältin
Die Akte war nicht leer, aber leicht. Fristen sind wie rollende Türen: Wer zögert, bleibt draußen. Ich habe beantragt, überzeugt von der Maschine der Legalität. Später, im Auto, denke ich: Hätte ich mehr Gewissheit gebraucht oder mehr Geduld? Beides passt selten in eine Spalte.
Richter auf Probe

Vor mir Sätze, hinter mir der Anspruch, einer zu sein. Unterschreiben ist ein kleines Wort mit großem Gewicht. Unabhängigkeit bedeutet auch: sich trauen. Später lese ich die Aufhebung. Ich lerne: Verantwortung zittert nicht in der Hand, sondern danach.
Geschäftsstellenbeamtin
Stempel tragen Meinungslosigkeit wie Uniform. Datum, Eingang, Ausgang. Ich sortiere, hefte, telefoniere. Manchmal wünsche ich mir eine Randleiste für Zweifel, so eine in Gelb, damit sie nicht verloren gehen.

Direktorin des Amtsgerichts

Ein Haus hat viele Türen und leise Schlösser. Ich kenne die Grenzen der Dienstaufsicht wie Linien auf der Hand. Wenn ich später erfahre, was früher begann, bleibt Sorgfalt danach: prüfen, aufklären, schützen. Zwischen Amt und Gerücht liegt eine schmale Brücke; ich gehe sie Schritt für Schritt.
Nachbarin
Ich stelle den Müll raus, genau jetzt. Man nennt das Zufall. Ich nenne es Feigheit. Abends backe ich Kuchen und klingele nicht. Ich weiß nicht, wofür ich mich mehr schäme: fürs Schauen oder fürs Wegschauen.

Parteifreundin
Wir wollten groß sein: Ideen, Türen, Zukunft. Wenn Zugehörigkeit schon als Verdacht gelesen wird, wird Politik klein. Ich bringe Tee vorbei und zwei Sätze: „Du bist nicht allein“ und „Wir bleiben laut, ohne zu schreien.“
Journalistin

Zwischen Eile und Genauigkeit verläuft eine dünne Nadel. Ich tippe, rufe an, streiche, warte. Jeder Satz muss tragen, ohne zu zerren. Ich weiß, ein Funke kann reichen. Ich versuche, Licht zu machen.
Stadtrat (mehrere Hüte)
Ich habe viele Rollen; sie klirren aneinander wie Gläser. „Alles seinen Gang“, sage ich, bis es sich anfühlt wie ein Pflaster. Vielleicht bräuchten wir manchmal kein Gang, sondern ein Innehalten.

Landgericht (Chor)
Wir sprechen leise, damit die Gründe lauter bleiben. „So nicht“, sagen wir, nicht um zu strafen, sondern um zu halten. Rechtsstaat ist ein Geländer. Man merkt erst beim Stolpern, dass es fehlt.
Das Papier (Chor der Akten)
Wir tragen Stempel wie Narben. Wir erinnern, was gesagt wurde, und vergessen, wie es sich anfühlte. Man legt uns in Schubladen, als wären wir Häuser. Dabei sind wir nur Straßen — man kann sich auf uns verlaufen oder ankommen.
Die Stadt

Klein genug, dass man sich kennt. Groß genug, dass man sich aus dem Weg gehen kann. Meine Glocken läuten verlässlich, meine Fahnen sind gebügelt. Ein Flüstern wird hier schnell zur Wahrheit. Aber manchmal wächst Einsicht wie Gras durch Risse im Asphalt.
Nela (später)
Ich lerne wieder am Tisch, der eine Lücke hat. Ich schreibe an den Rand: „Ich bin größer als dein Verdacht.“ An manchen Tagen glaube ich mir sofort. An anderen brauche ich zwei Seiten.

Epilog (gemeinsam)

Wir sind Betroffene, Pflichttuer, Zuschauerinnen, Nachbarn, Namen auf Papier. Wir tragen Entscheidungen, und sie tragen uns zurück. Vielleicht beginnt Gerechtigkeit dort, wo wir einander nicht nur erklären, sondern hören — bis wir einander die Angst abnehmen wie eine zu schwere Jacke am Ende eines langen Tages.
Vielstimmige Nahaufnahme — Kehrreim-Variationen
Vater (die Tür)
Ein Atem wie ein Geländer.
Öffnen.
Ausweise auf Brusthöhe, Worte mit Handschuhen.
„Kommen Sie rein.“
Die Stimme will tragen und trägt doch nur bis zur Küche.
Kehrreim: Klopf. Klinke. Klarheit.
Einsatzleiterin (erster Kontakt)
Textbausteine, gerade Sätze.
Ich rede leise, damit die Lage nicht kippt.
Der Blick des Vaters:
Schutz, Zweifel, Pflicht — drei Steine in einer Tasche.
Kehrreim: Klopf. Karte. Kompass.
Nela (hinter dem Vater)
Mein Name steht im Flur, bevor ich ihn sage.
Der Laptop verschwindet wie ein Wochenende.
Auf dem Schreibtisch:
„ABI“ — ein Wort mit weichen Knien.
Kehrreim: Klopf. Kopf. Kalender.
Mutter (Küche)
Keramik gegen Kälte. Zwei Tassen, die niemand nimmt.
Ohnmacht lässt sich in Untertassen gießen; sie kühlt schnell aus.
Kehrreim: Klopf. Kanne. Keramik.
Kriminalbeamter (Protokoll)
„Tür geöffnet durch den Vater“ — sachlich stimmt; vollständig selten.
Das Rascheln der Tüten klingt, als atmete jemand, den man nicht sieht.
Kehrreim: Klopf. Klemmbrett. Katalog.
Anonyme Zeugin
Zwei Schatten im Laternenweh.
Ich dachte, ich täte das Richtige;
die Nacht wurde größer als mein Mut.
Kehrreim: Klopf. Kante. Kulisse.
Hausmeister der Schützenhalle
Ich streiche über Wörter, die noch brummen.
Sauber ist leise, aber nicht unschuldig.
Kehrreim: Klopf. Kelle. Kalk.
Schützenbruder (Zugführer)
Ordnung ist unser Alphabet: Schritt, Halt, Gruß.
Heute stolpert ein Buchstabe.
Kehrreim: Klopf. Kordel. Kanon.
Pfarrer
Weihrauch weiß nichts von Paragrafen.
Ich bete, dass Maß und Mensch sich nicht verwechseln.
Kehrreim: Klopf. Kelch. Kerzen.
Staatsanwältin
Die Akte war nicht leer, aber leicht.
Die Frist war schwer.
Ich drückte auf „Beantragen“
und nahm die Frage mit nach Hause.
Kehrreim: Klopf. Klammer. Klausel.
Richter auf Probe
Unterschreiben ist ein kleines Verb mit großem Gewicht.
Später lernte ich:
Verantwortung zittert nicht in der Hand, sondern danach.
Kehrreim: Klopf. Kuli. Konsequenz.
Geschäftsstellenbeamtin
Stempel sind neutrale Monde.
Manchmal wünsche ich mir gelbe Ränder für Zweifel.
Kehrreim: Klopf. Kartei. Kordel.
Direktorin des Amtsgerichts
Ein Haus hat viele leise Schlösser.
Späte Kenntnis, frühe Verantwortung:
Ich gehe die schmale Brücke
zwischen Amt und Gerücht Schritt für Schritt.
Kehrreim: Klopf. Korridor. Kenntnis.
Nachbarin
Ich trage Müll hinunter und Scham wieder hinauf.
Abends backe ich Kuchen und klingele nicht.
Kehrreim: Klopf. Klingel. Küchenlicht.
Parteifreundin
Wir bleiben laut, ohne zu schreien.
Zugehörigkeit ist kein Abdruckfinger.
Kehrreim: Klopf. Kreis. Kampagne.
Journalistin
Zwischen Eile und Genauigkeit liegt eine Nadel.
Jeder Satz soll Licht machen, kein Feuer.
Kehrreim: Klopf. Kurzwahl. Korrektur.
Stadtrat (mehrere Hüte)
„Alles seinen Gang“ ist ein gutes Pflaster;
heute braucht es eine Naht.
Kehrreim: Klopf. Kragen. Komitee.
Landgericht (Chor)
„So nicht“, damit etwas hält.
Ein Geländer ist kein Zaun.
Kehrreim: Klopf. Kerbe. Korrektiv.
Das Papier (Chor der Akten)
Wir tragen Stempel wie Narben.
Man legt uns in Schubladen und erwartet Gerechtigkeit.
Wir sind Straßen, keine Häuser.
Kehrreim: Klopf. Klammer. Karteikante.
Die Stadt
Klein genug fürs Grüßen, groß genug fürs Wegsehen.
Unter Asphalt wächst Gras — langsam, zuverlässig.
Kehrreim: Klopf. Kirchgang. Kirmes.
Nela (später)
Ich schreibe an den Rand:
„Ich bin größer als dein Verdacht.“
Und übe die Gewohnheit, mir zu glauben.
Kehrreim: Klopf. Kopf hoch. Kein Knie.
Schlussrefrain (alle)
Atem rein, Atem raus.
Haltet Maß — nicht Menschen fest.
Kehrreim: Klopf. Kontrast. Konsens.