
Ein Essay von Thomas Bettinger
Noch immer hat der Papst keine Divisionen. Er hat wohl nie welche gehabt. Auch ohne Militärmaschine zwangen die Päpste im Ringen um die weltliche Macht die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in die Knie (Heinrich IV. / Canossa, 1077 n.Chr.). Spirituelle, geistliche Macht hat durchaus politische Sprengkraft und Wirkung. Voraussetzung dafür ist Unabhängigkeit und Freiheit, unabhängig von politischen Kräften, die geistliche Macht für ihre Zwecke manipulieren wollen (siehe Russland).
Papst Leo XIV. ist unabhängig und frei im Wort. Und er wird gehört. Alljährlich wird weltweit zweimal im Jahr der Segen „Urbi et Orbi“ übertragen. Hunderttausende pilgern nach Rom – zumal im Heiligen Jahr 2025 –, um den Papst in seinen Audienzen zu hören oder beim Angelusgebet mit ihm zu beten. Der Tod von Papst Franziskus, sein Requiem und die Wahl von Papst Leo XIV. im vergangenen Jahr waren ein Weltereignis. Millionen nahmen live daran teil.
Und nun Leos Friedensbotschaft von Ostern. Donald Trump ist das zuwider. Doch der Papst braucht ihn nicht zu fürchten, Donald kann den Papst nicht fassen. Eine erste Ohnmachtserfahrung für den Narzissten im Weißen Haus? Trump droht mit „Avignon“, der „babylonischen Gefangenschaft der Päpste“ (14. Jahrhundert bis Anfang 15. Jahrhundert), und präsentiert sich als neuer Christus, ja als Heiland. Das kam aber nicht gut an. Auch sei Leo, der Amerikaner, nur weil er, Donald, im Weißen Haus sitze, zum Papst gewählt worden. Weil dieser Amerikaner sei, könne er besser mit ihm, Trump, umgehen. Donald der Papstmacher. Satiriker werden arbeitslos, die Realität macht die Satire selbst. Und J.D. Vance „mahnt“ den Papst, sich auf den binnenkirchlichen Raum zu konzentrieren, nach dem Motto: Störe unsere politischen Kreise nicht. Dieser zum Katholizismus konvertierte Karrierist hat nichts vom Evangelium verstanden.
Ja, die Päpste hatten in der Geschichte Macht und offenbar haben sie sie noch. Welche – politische! – Macht den Päpsten durch die europäischen Mächte im Ausgang des Mittelalters zugestanden wurde, zeigt sich im Vertrag von Tordesillas, wo der Papst den Erdkreis unter Spanien und Portugal aufteilte (7. Juni 1494). Die Päpste als Herren der Welt? Ausdruck dieses Anspruchs ist die Tiara, die dreifache Krone: Der Papst als Herr über alle Reiche und Herrscher der Welt und als „Stellvertreter Christi“. Ein Titel, der genau genommen nur noch Unterwerfung zulässt. Innozenz III. (gestorben 1216) sah sich sogar als Stellvertreter Gottes.
Nicht immer waren die Nachfolger des Petrus Heilige, es waren skrupellose Machtmenschen unter ihnen, die vor Mord nicht zurückschreckten (Alexander VI.). Und das Amt der Einheit war in der Reformation Anlass und Grund einer Spaltung, nicht nur der Kirche, sondern auch des europäischen Kontinents, die schließlich in die Katastrophe des 30-jährigen Krieges führte.
Mit dem Verlust der weltlichen Macht ging im 19. Jahrhundert eine spirituelle, theologische Überhöhung des Papsttums im binnenkirchlichen Raum einher, mit dem man politischen Einfluss in den europäischen Gesellschaften zurückgewinnen wollte: Die Definition des Unfehlbarkeitsdogmas von 1870 des I. Vatikanischen Konzils. In Fragen des Glaubens und der Sitten konnte der Papst nun Unfehlbarkeit beanspruchen, wenn er in seinem Amt (ex cathedra) als „Lehrer aller Christen“ eine Glaubens- oder Sittenfrage als endgültig entschieden verkündet. Dies geschah bisher nur einmal durch Papst Pius XII.: 1950 mit dem Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel.
Eine Institution, die 2.000 Jahre alt ist, in sich eine Hierarchie, die geleitet wird von einem männlichen Klerus, der (nur) im römischen Ritus (die katholische Kirche besteht aus 22 verschiedenen Teilkirchen, sogenannten Riten) zölibatär ist, in Europa unter großem Mitgliederschwund und Bedeutungsverlust leidet, diese Institution ist weltweit immer noch oder sogar wachsend eine religiöse geistliche Macht, deren politischer Einfluss enorm ist. Und das Oberhaupt dieser Kirche, der weltweit 1.400 Millionen Menschen angehören, wird nur von einer kleinen Gruppe, den derzeit etwa 120 Kardinälen, auf Lebenszeit gewählt. Die Herrscher der Welt fürchten das Christentum, fürchten die Kirche. Auch Xi Xinping!
Das Wort des Papstes wird gehört, nicht nur von den Katholiken, oftmals deutlicher und wirkungsvoller von Menschen, Gruppen, politischen Entscheidern außerhalb der Kirche (Papst Johannes Paul II. und seine Rolle beim Zusammenbruch des Kommunismus in Polen und den Folgen). Keine religiöse Führungsgestalt, sei es im Christentum, sei es im Judentum, im Islam oder im Buddhismus, wird ähnlich aufmerksam wahrgenommen wie der Papst in Rom. Und die Autorität, mit der der Papst spricht, beruht nicht nur auf dem Amt, sondern auf Persönlichkeit, Integrität und Glaubwürdigkeit. Ein solcher Papst braucht keine Legionen. Leo XIV., bürgerlich Robert Francis Prevost, ist Mönch, Augustinermönch (wie weiland Luther!), das heißt er lebt in Armut, ohne persönlichen Besitz. Er war Jahrzehnte in Peru als Seelsorger tätig unter den Armen. Er kennt die Not der Menschen, er hat sie mit ihnen geteilt. Als Bischof von Chiclayo/Peru war er auch politisch ein Kämpfer für die Rechte dieser Menschen, selbst gegenüber der Staatsführung.
Mit Johannes XXIII. und dem II. Vatikanischen Konzil veränderte sich die katholische Kirche: „aggiornamento“ – heutigwerden – ist das Schlagwort. Die Kirche wird dialogisch. Sie verzichtet auf den einzigartigen Heilsanspruch: „Extra ecclesiam nulla salus“ – Außerhalb der Kirche kein Heil, tritt mit den anderen Religionen in einen ständigen respektvollen Dialog ein, überwindet den kirchlichen Antijudaismus, eine Quelle des Antisemitismus, und nähert sich den liberalen Demokratien an. Katholiken sind jetzt gute Demokraten. Und: Mit der Enzyklika „Pacem in terris“ (1963) von Papst Johannes erkennt die katholische Kirche endlich die universalen Menschenrechte an und gibt ihnen eine eigenständige Formulierung und Begründung. Damit wurden die Fundamente für ein Gespräch „mit der Welt“, mit der Politik, mit den Strömungen und weltanschaulichen Gruppierungen / Parteien in den demokratischen Ländern gelegt.
Eine alte Institution ist heute ein einzigartiger global player. Die Kirche kennt keine Ausländer, nur Gläubige. Wer sonntags einmal in Kaiserslautern in die Messe geht, wird in allen drei Kirchen, (fast) die ganze Welt versammelt sehen: Menschen aller Hautfarben und Sprachen, unterschiedlicher sozialer Herkunft, verschiedener Überzeugungen. Alle aber sind sie Gläubige. Für die katholische Kirche ist dies normal. Die Aufgabe der Kirche ist nur eine: das Heil der Menschen zu suchen. Nicht (nur) jenseits, sondern im Hier und Heute. Und das nicht im Eigeninteresse, sondern völlig uneigennützig. Der Kirche – allen christlichen Kirchen – geht es um das „Menschsein des Menschen“ (Alfons Deissler).
Die biblische Botschaft – die Torah und die Propheten der Hebräischen Bibel und die Bücher des Neuen Testaments, die Evangelien und die Briefe des Paulus – ist die Grundlage für das kirchliche Engagement. Die Würde des Menschen, jedes einzelnen Menschen, gründet in seiner Gottebenbildlichkeit. Jesus sagt sogar: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Gott begegnet mir im anderen Menschen, vor allem im Armen, Kranken, Schwachen, Getretenen, Verlorenen. Durch sie blickt er mich an, blickt er in mein Herz und fordert mich auf zur – Barmherzigkeit.
Und überall auf unserem Planeten, wo die Not der Menschen am größten ist, sind es oftmals wirklich nur die Kirchen – nicht nur die katholische –, die sich um die Menschen kümmern, einfach weil sie Menschen sind. Sie tun es in der Nachfolge des Bauhandwerkers und Wanderpredigers Jesus aus Galiläa, der den Menschen den Frieden Gottes zugesprochen hat, der ihnen Wege zum Menschsein, die Hoffnung auf Befreiung zu einem Dasein in Würde als Hoffnung aufgezeigt hat. Weil das gefährliches, staatsgefährdendes Denken war, hat man ihn aufgehängt. Ein Mann, der nie eine Waffe trug, der keinen Besitz hatte noch wollte, nur eine Botschaft des Friedens, des Heils und einer guten Zukunft für die Menschen. Und er hat Menschen geheilt als die sichtbar erfahrene Zuwendung Gottes.
Die Päpste wurden wieder zum Sprachrohr der christlichen Botschaft in der Welt. Die Päpste der letzten Jahrzehnte verstehen sich heute zuerst als Bischöfe von Rom, sehen sich als Teil des Bischofskollegiums, als „primus inter pares“. Franziskus hat dies sehr betont. Das ist eine wichtige Akzentsetzung im Verständnis des Papstamtes heute. Von den vielen Titeln, die die Bischöfe von Rom tragen, sind zwei heute von großer Bedeutung: „pontifex maximus“ und „servus servorum Dei“.
Der „pontifex maximus“ ist der oberste Brückenbauer, er baut Brücken zwischen den Menschen, den Nationen, den Völkern, den Religionen. Ziel des Brückenbaus ist die Einheit aller Menschen – „ut omnes unum sint“ (Joh 17,21). Die Frohe Botschaft ist die Botschaft, „dass Frieden, Einheit und Versöhnung in einer zerrissenen Welt, zwischen verschiedenen Kulturen, sozialen Gegebenheiten und Völkern nicht nur möglich, sondern von dem einen Gott Israels und seinem Handeln in Jesus Christus gewollt sind. Alle zu Christus Gehörende sind damals wie heute aufgerufen, diesen Gegenentwurf zu Feindschaft und Ausgrenzung zu verstehen und im Leben zu verwirklichen.“ (Maria Neubrand MC †).
Der „Servus servorum Dei“ ist der Diener aller Diener Gottes, der für alle, die an Gott glauben, in Dienst Genommene, im Dienst an ihrem Glauben. Das Papstamt ist ein Dienstamt, im Dienst am Heil der Menschen, damit ihr Leben gelingt. „Gloria Dei homo vivens“ – Gottes Glorie ist der gelingende Mensch (Irinäus von Lyon, gestorben um 200).
Alle Päpste seit Johannes haben gleichermaßen die Botschaft von der Menschenwürde und den Menschenrechten verkündet und in ihren Sozialenzykliken, Rundschreiben und Predigten immer wieder individuelles und politischen Handeln gefordert, das das Heil und Wohl der Menschen, vor allem der Schwachen, an den Rand Gedrängten zum Ziel hat: „das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). Papst Franziskus sprach davon, dass die Kirche an die Ränder der Gesellschaft gehen müsse, wohin die Verdrängten, Ausgegrenzten, Nicht-Gewollten, Verachteten und Diffamierten abgeschoben worden sind.
Es gibt wieder Rassismus, Antisemitismus, Hass auf Menschen, die anders sind, vor allem gegen sogenannte Migranten. Auch bei uns. Das Wort Deportation wird wieder hoffähig gemacht. Trump diffamiert in widerlichsten Worten Menschen, nimmt ihnen damit verbal ihre Würde. Seine ICE-Truppen sind Rollkommandos, die Gesetze und Menschenrechte missachten. Seine Drohung, mit dem Iran eine Zivilisation auszulöschen, hat Papst Leo als „inakzeptabel“ bezeichnet. Er setzt dagegen den Segenswunsch des Auferstandenen: „Der Friede sei mit Euch“ (Lk 24,36). Das Geschenk von Ostern ist Frieden. Der Kern der Weihnachtsbotschaft ist es ebenfalls: „Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,14) singen die Engel in Bethlehem.
Frieden ist das erste, was wir alle brauchen, um menschlich und menschwürdig zu leben. Es ist die erste Pflicht eines Staates, Frieden herzustellen. Voraussetzung dafür ist, dass wir alle, nicht nur die staatlichen Organe, im anderen immer zuerst den Menschen sehen, nicht nur den Feind, den Kriminellen, den Störenfried unserer Schildbürgerruhe. Wie begegnen wir Menschen? Wie gehen wir mit Menschen um? Mit welchem Recht zerstören wir das Leben, den Lebensraum, die Lebensträume von Menschen? „Liebe deinen Nächsten – er ist wie du!“, so übersetzt Martin Buber das biblische Liebesgebot (Levitikus 19,18). Und wie ist das mit der Feindesliebe? (Mt 5,44).
Aber es geht um das Leben auf diesem Planeten überhaupt. Das Leben ist bedroht. Auch das nichtmenschliche, tierische und pflanzliche Leben hat Lebensrecht. Wir Menschen sind Teil dieser Lebenswelt. Menschenwürde geht nicht ohne die Anerkenntnis allen biologischen Lebens auf der Erde. Und dieses Leben muss geschützt, bewahrt werden in seiner Existenz, seiner Schönheit, seinem Zeichencharakter als Hinweis auf Gott, den Schöpfer. Das Leben hat Geschenkcharakter. Es verlangt Achtung, sorgfältigen Umgang, damit das Leben weitergeht. Nicht untertan machen, nicht ausplündern, nicht Gewinnmaximierung ist das Überlebensprogramm der Menschheit, sondern „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, wie es der Ökumenische Prozess der Kirchen formuliert.
Die Päpste seit Johannes XXIII. haben sich mit großen Enzykliken dazu gemeldet. Wichtig sind sie alle. Hervorzuheben ist „Populorum progressio“ (1967) von Paul VI., der zum ersten Mal die globale Dimension der menschlichen Entwicklung und ihre Zusammenhänge in den Blick nimmt. Recht und Gerechtigkeit sind nur möglich, wenn wir die gesamte Welt, die gesamte Menschheit als ein einziges zusammengehöriges und nur so funktionierendes Lebenssystem ansehen. Von großer Bedeutung ist „Laudato si“ (2015) von Papst Franziskus, der unsere Verantwortung für alles Leben auf diesem Planenten betont, das Thema Klimawandel und nachhaltige Entwicklung aufgreift. Papst Leo XIV. geht in ihren Spuren. Sein Name verweist auf Leo XIII., der die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (1891) geschrieben hat.
Unmissverständlich und eindeutig wendet er sich gegen die menschenverachtende Unanständigkeit und Verworfenheit der politischen Sprachkultur in Amerika, aber auch bei uns. Indem er immer wieder demokratische Kultur und Menschenrechte verteidigt – dies auch in einer würdevollen, sprachlichen Form –, die Bedeutung des Friedens und die Pflicht, ihn zu bewahren oder herzustellen, als zentrale Aufgabe aller Menschen und der Politik formuliert, wird er zum – Hüter der Welt.