“Wir brauchen eine digitale Brücke von der Schule zum Elternhaus”

 

Save the Children fordert mehr Unterstützung für Schüler im Lernalltag – Auch soziale Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen dürfen nicht vergessen werden

(Berlin, 15. Mai 2020) Die meisten Schulen in Deutschland sind wieder geöffnet, doch nicht alle der rund elf Millionen Schüler sind schon zum Unterricht zurückgekehrt. Viele Mädchen und Jungen haben bis zu den Sommerferien nur wenige Stunden Schule, das Homeschooling bleibt ein wesentlicher Bestandteil des Lernalltags. Von Chancengleichheit in der Bildung kann keine Rede sein. Und auch beim Umgang mit der Pandemie jenseits von Hygienevorschriften und Kontaktbeschränkungen werden Kinder und Jugendliche weitgehend allein gelassen.

Vor diesem Hintergrund fordert Save the Children mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche, eine Entlastung der Eltern und mehr Anstrengungen, damit kein Schüler abgehängt wird. „Bei uns bestimmt nach wie vor der Bildungshintergrund der Eltern die Bildungschancen eines Kindes. Dieses Phänomen dürfte sich durch die wochenlangen Schulschließungen noch verstärken. Beim Homeschooling bleiben viele Kinder auf der Strecke“, sagt Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children. „In den vergangenen Jahren hat die deutsche Bildungspolitik die Digitalisierung an Schulen versäumt. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Wir begrüßen, dass Bund und Länder sich nun auf ein Sofortprogramm für eine bessere Ausstattung mit digitalen Endgeräten verständigt haben. Das war überfällig. Die Umsetzung muss nun schnell und noch vor den Sommerferien erfolgen. Aber mit einem Gerät allein ist es noch nicht getan. Wir brauchen eine digitale Brücke von der Schule zum Elternhaus. Dazu bedarf es auch eines Sofortprogramms für Lehrer, damit sie für den Fernunterricht fit gemacht werden.“

Save the Children bedauert, dass die mentalen Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche in der öffentlichen Debatte bisher kaum eine Rolle gespielt haben. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Kinderrechtsorganisation ergab im April, dass

  • die Ungewissheit über die Dauer der Corona-Maßnahmen 60 Prozent der Kinder belastete.
  • 47 Prozent der Mädchen und Jungen störte, dass sie nicht zur Schule gehen konnten.
  • Mehr als ein Viertel der Kinder wussten nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten (29 Prozent)
  • oder fühlten sich „zu Hause eingesperrt“ (26 Prozent).
  • Jedes zehnte Kind fühlte sich allein oder unwohl, mit der Familie auf so engem Raum zu sein.

Seither hat sich die Situation für Kinder kaum geändert. „Anstatt über Kaufprämien für Autos diskutieren, müssen wir uns darüber Gedanken machen, was diese Pandemie den Kindern abverlangt“, sagt Susanna Krüger. „Sie waren wochenlang isoliert, durften keine Freunde treffen, ihre Großeltern nicht besuchen, sie können ihren Hobbies nicht nachgehen und sie wissen immer noch nicht, wann sie ihren normalen Alltag wiederhaben. Und auch die Schule, in die sie zurückkehren, ist nicht mehr dieselbe. Einbahnstraßen in Schulfluren, Teilung von Klassen, Mindestabstand: Das alles ist für Kinder verstörend. Und was bedeutet es für Teenager, keine sozialen Kontakte außerhalb des Elternhauses haben zu dürfen? Wir müssen Räume öffnen, in denen sich Kinder und Jugendliche – natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln – austauschen können, in denen sie sich bewegen können oder wo sie Hausaufgabenhilfe erhalten. Momentan müssen Schüler überall funktionieren: Zu Hause, in der Schule und sogar in der Freizeit. Das ist eine enorme Belastung für junge Menschen.“

Bildung ist ein Kinderrecht. Save the Children setzt sich weltweit dafür ein, dass Kinder auch unter den schwierigsten Lebensbedingungen – etwa auf der Flucht, in Kriegen oder nach Naturkatastrophen –Zugang zu Bildung haben. In der Corona-Pandemie unterstützt die Kinderrechtsorganisation in vielen Ländern Programme für digitales Lernen oder Lernprogramme im Radio, hilft bei der Beschaffung von Schulmaterial oder bei der Anschaffung technischer Geräte für digitales Lernen. In Deutschland steht Save the Children in einem engen Austausch mit Lehrkräften und berät sie bei der Anwendung digitaler Unterrichtsformate.

„Wir sehen, dass sich Lehrer und Schulleitungen sehr bemühen, trotz der Einschränkungen durch die Pandemie das Lernen zu ermöglichen. Aber dadurch, dass der Unterricht nur stundenweise stattfindet, sind die Schüler weiterhin auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Das ist auch für die Kinder eine Belastung. Sie spüren den Stress ihrer Eltern, die sich zwischen Kinderbetreuung und Home Office aufreiben. Die Folge sind Schuldgefühle, familiäre Konflikte und zum Teil erhebliche Lücken beim Lernstoff. Kinder und Eltern sollten nicht in einem Schüler-Lehrer-Verhältnis stehen, das schadet ihrer Beziehung. Abgesehen davon können Eltern nicht die Professionalität von Lehrern ersetzen.“

Über Save the Children

Im Nachkriegsjahr 1919 gründete die britische Sozialreformerin und Kinderrechtlerin Eglantyne Jebb Save the Children, um Kinder in Deutschland und Österreich vor dem Hungertod zu retten. Heute ist die inzwischen größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt in über 110 Ländern im Einsatz. Save the Children ist da für Kinder in Kriegen, Konflikten und Katastrophen – seit 100 Jahren und darüber hinaus. Diese Kinder zu schützen, zu stärken und zu fördern ist das zentrale Anliegen der Organisation. Die Schwerpunkte der Arbeit liegen in den Bereichen Schule und Bildung, Schutz vor Ausbeutung und Gewalt sowie Überleben und Gesundheit. Save the Children setzt sich ein für eine Welt, die die Rechte der Kinder achtet. Eine Welt, in der alle Kinder gesund und sicher leben und frei und selbstbestimmt aufwachsen können.