Bundesregierung höhlt feministische Entwicklungs- und Außenpolitik aus

(Berlin, 14. September 2026) Die Kürzungen der Bundesregierung in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe reißen eine große Lücke in die Finanzierung von Geschlechtergerechtigkeit. Das zeigt eine neue Analyse des Beratungsunternehmens SEEK Development im Auftrag von Oxfam Deutschland. Demnach könnten zwischen 2023 und 2027 insgesamt bis zu 1,8 Milliarden Euro wegfallen. Oxfam fordert die Bundesregierung auf, die Kürzungen zu stoppen und in Geschlechtergerechtigkeit zu investieren.

Die Analyse zeigt:

  • Aufgrund der drastischen Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe könnten zwischen 2023 und 2027 bis zu 1,8 Milliarden Euro für Geschlechtergerechtigkeit wegfallen.
  • Die Mittel für Vorhaben mit Bezug zu Geschlechtergerechtigkeit könnten beim Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) um bis zu 1,4 Milliarden Euro zurückgehen. Damit lägen sie unter dem Niveau von 2019. Beim Auswärtigen Amt könnten die Mittel um rund 430 Millionen Euro sinken.
  • Auch die deutschen Beiträge an zentrale internationale Organisationen sollen deutlich kleiner werden: Für 2027 sieht der Haushaltsentwurf gegenüber 2023 eine Kürzung des Beitrags an den United Nations Population Fund (UNFPA) um 45 Prozent auf 26,2 Millionen Euro und an UN Women um rund 30 Prozent auf 18,2 Millionen Euro vor.
  • Die deutschen Zusagen für Frauenrechtsorganisationen und feministische Bewegungen sanken von durchschnittlich 16 Millionen Euro jährlich im Zeitraum 2021 bis 2022 auf rund zehn Millionen Euro jährlich zwischen 2023 und 2024. Dies entspricht einem Rückgang von rund 38 Prozent.
  • Beim Anteil von Mitteln für Projekte mit Geschlechtergerechtigkeit als Hauptziel, dem zentralen Indikator für den Stellenwert von Geschlechtergerechtigkeit in der Entwicklungsfinanzierung, lag Deutschland 2024 im internationalen Vergleich mit lediglich vier Prozent auf Rang 22. Die drei oberen Ränge belegten die Niederlande, Spanien und Island.

„Mit ihren Kürzungen höhlt die Bundesregierung die feministische Entwicklungs- und Außenpolitik aus“, sagt Pia Schwertner, Referentin für Geschlechtergerechtigkeit bei Oxfam Deutschland. „Während sie Entwicklungszusammenarbeit immer stärker an wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen ausrichtet, stellt sie die Rechte von Frauen und Mädchen zurück und gefährdet wichtige Fortschritte. Die Folgen von Kürzungen sind verheerend: Gesundheitsstationen schließen, Mädchen verlieren ihren Schulplatz, Frauen finden keinen Schutz vor Gewalt. Angesichts multipler Krisen und weltweiter Rückschritte bei der Geschlechtergerechtigkeit darf die Bundesregierung Frauen und Mädchen weltweit nicht im Stich lassen.“

Geschlechtergerechtigkeit verliert an Sichtbarkeit

Der Bedeutungsverlust von Geschlechtergerechtigkeit unter der aktuellen Regierung zeigt sich nicht nur bei der Finanzierung, sondern auch in den Strategien und Strukturen der zuständigen Ministerien. In zentralen Dokumenten der Bundesregierung fehlen ausdrückliche Bezüge zur feministischen Außenpolitik. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit löste zum Beispiel das eigenständige Referat „Feministische Entwicklungspolitik“ auf und ordnete das Thema einem breiter gefassten Referat zu. Damit verliert Geschlechtergerechtigkeit an institutioneller Eigenständigkeit und Sichtbarkeit. Die Umsetzung und Finanzierung der politischen Ziele lässt sich so schwerer nachvollziehen und überprüfen.

Oxfam fordert den Bundestag auf, im Haushaltsverfahren 2027 nachzusteuern und nicht weiter bei Geschlechtergerechtigkeit in Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe zu kürzen. Für die kommenden Haushaltsjahre muss die Bundesregierung konkrete und überprüfbare Finanzierungsziele setzen, Geschlechtergerechtigkeit fest in allen regionalen und thematischen Prioritäten verankern und die Finanzierung lokaler Frauenrechtsorganisationen sowie feministischer Bewegungen langfristig absichern.

Die Analyse „Was die Kürzungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit für Geschlechtergerechtigkeit bedeuten“ steht über diesen Link als PDF-Datei bereit.