Menschenhandel: Fallaufkommen in Fachberatungsstellen steigt weiter

(Berlin, 14. Oktober 2026) Zum Europäischen Tag gegen Menschenhandel am 18. Oktober veröffentlicht der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) seinen neuen Datenbericht. Die beteiligten spezialisierten Fachberatungsstellen dokumentierten 2025 insgesamt 999 Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung, 131 mehr als im Vorjahr. 80 Prozent der beratenen Betroffenen waren Frauen, 44 Prozent der Klient*innen kamen aus westafrikanischen Ländern.

Menschenhandel findet in unterschiedlichen Bereichen statt:

  • Am häufigsten wurde Ausbeutung im Bereich sexueller Dienstleistungen dokumentiert (58 Prozent).
  • Zwölf Prozent entfielen auf Haushalt, Reinigung und Au-pair.
  • Weitere Fälle betrafen unter anderem Bau, Landwirtschaft, Transport und Logistik, Bettelei und die Ausnutzung strafbarer Handlungen.
  • Erstmals wurden zudem drei Fälle von Organhandel erfasst.

Daten aus der Beratungspraxis zeigen Lücken beim Zugang zu Rechten

Der KOK-Datenbericht ergänzt das BKA-Lagebild um die Perspektive der spezialisierten Fachberatungsstellen und erfasst auch Betroffene, bei denen kein Ermittlungsverfahren geführt wird. Wie relevant diese Ergänzung ist, zeigen die aktuellen Zahlen: Von den 764 ausgewerteten Fällen wurde nur für 272 ein Ermittlungsverfahren dokumentiert.

„Die hohen Fallzahlen in den Fachberatungsstellen zeigen, wie groß der Bedarf an umfassender Unterstützung und Hilfe bei der Durchsetzung der Rechte Betroffener ist. Die überarbeitete EU-Richtlinie gegen Menschenhandel bietet die Chance, den Schutz der Betroffenen in Deutschland deutlich zu verbessern. Umso bedauerlicher ist es, dass Deutschland die Umsetzungsfrist verpasst und die Bundesregierung wichtige Vorgaben zu Schutz und Rechten Betroffener in ihrem bisherigen Gesetzentwurf ausgeklammert hat.“, erklärt Sophia Wirsching, Geschäftsführerin des Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK)

Wie dringend Verbesserungen beim Schutz Betroffener notwendig sind, zeigt sich etwa bei der Unterbringung. Schutzplätze sind begrenzt und für viele Betroffenengruppen stehen keine geeigneten Angebote zur Verfügung. Fachberatungsstellen müssen deshalb immer wieder individuelle Ad-hoc-Lösungen finden. 2025 vermittelten sie in 153 Fällen eine Unterbringung, 41 Betroffene konnten sie in eigenen Schutzwohnungen unterbringen.

Steigender Bedarf trifft auf knappe Ressourcen

Das gestiegene Fallaufkommen trifft auf Fachberatungsstellen, die vielerorts bereits an ihren Kapazitätsgrenzen arbeiten. Einige konnten zeitweise keine neuen Klient*innen aufnehmen oder mussten Betroffene an andere Angebote verweisen. Kürzungen auf Landes- und kommunaler Ebene verschärfen die Situation.

Die Unterstützung durch Fachberatungsstellen umfasst häufig auch die Klärung der aufenthaltsrechtlichen Situation. In 40 Prozent der Fälle begleiteten sie Betroffene im Asylverfahren, in 35 Prozent bei aufenthaltsrechtlichen Verfahren. Vor diesem Hintergrund sieht der KOK Verschärfungen in der Migrationspolitik mit Sorge: Sie können für Betroffene von Menschenhandel zusätzliche Hürden beim Zugang zu Schutz und Unterstützung schaffen.

„Die Zahlen spiegeln unseren Beratungsalltag wider: Die Fälle sind komplex und viele Betroffene benötigen über einen längeren Zeitraum Unterstützung. Die Begleitung umfasst etwa aufenthaltsrechtliche Fragen, Existenzsicherung, gesundheitliche Versorgung oder Strafverfahren. Dafür brauchen Fachberatungsstellen ausreichend Personal und eine Finanzierung, auf die sie sich verlassen können.“, erklärt Margarete Mureșan, Vorständin des KOK und Leiterin des Bereichs „Beratung Menschenhandel und Streetwork in Berlin und im Land Brandenburg“ bei IN VIA Berlin.

Zusammenarbeit mit der Berichterstattungsstelle Menschenhandel

Der Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) arbeitet eng mit der Berichterstattungsstelle Menschenhandel des Deutschen Instituts für Menschenrechte zusammen und liefert jährlich stichtagsgebundene Datensätze. Die Daten fließen in den „Monitor Menschenhandel in Deutschland“ ein und tragen dazu bei, das Bild über Menschenhandel und Ausbeutung in Deutschland zu vervollständigen. Der aktuelle Monitor erscheint ebenfalls zum Europäischen Tag gegen Menschenhandel 2026.

Sophia Wirsching ist Geschäftsführerin des Bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel e.V. (KOK)

Der Bericht des KOK 2026 „Datenerhebung zu Menschenhandel und Ausbeutung in Deutschland“ steht über diesen Link als PDF-Datei bereit.