Fossile Vermögenswerte von Banken könnten zu neuen “Subprimes” werden

 

Eine Recherche der Organisationen Rousseau Institute, Friends of the Earth France und Reclaim Finance zeigt, dass elf führende europäische Banken 532 Milliarden Euro in fossilen Vermögenswerten angehäuft haben – dies entspricht 95 Prozent ihres Eigenkapitals. Sollten fossile Vermögensanteile im Falle einer schnellen Energiewende erheblich an Wert verlieren, besäßen einige der untersuchten Banken laut der Studie nicht genug Eigenkapital, um ihre Verluste abzudecken, während das Eigenkapital anderer sogar beinahe ausgeschöpft würde. Jeglicher deutliche Wertverlust würde die Finanzkraft der elf untersuchten Banken enorm schwächen, so dass sie keine Kapazität mehr hätten, die Energiewende zu finanzieren.



 

(Berlin/ Paris, 10. Juni 2021) Eine Recherche der Organisationen Rousseau Institute, Friends of the Earth France und Reclaim Finance zeigt, dass führende europäische Banken 532 Milliarden Euro in fossilen Vermögenswerten angehäuft haben. Dies entspricht 95 Prozent ihres Eigenkapitals. Plötzliche Wertverluste der fossilen Anlagen können für die Banken ernsthafte Probleme verursachen, so die Studie, die von der deutschen Umweltorganisation urgewald mitgezeichnet wurde.

Die Situation verhindere den Umbau hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft und könne eine Finanzkrise mit drastischen wirtschaftlichen und sozialen Folgen auslösen, warnen die VerfasserInnen. Es seien staatliche, Finanzaufsicht- und Zentralbank-Interventionen nötig, um dieses Problem anzugehen. Die Organisationen schlagen Regulierungsmaßnahmen vor und sprechen sich für die Gründung einer europäischen „fossilen Bank“ aus, um konsequent den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu steuern.

Die Studie beleuchtet die Bilanzen der elf größten Banken in der Eurozone. Die Bilanzen aller Banken wurden auf “Group-Level” untersucht, mit Ausnahme von Crédit Agricole SA, deren Finanzdaten von 2019 von besserer Qualität sind, als die der Crédit Agricole Group. Das Ergebnis: Die Banken haben insgesamt 532 Milliarden Euro Vermögenswerte in Kohle, Öl und Gas angehäuft. Dieser Bestand entspricht im Durchschnitt 95 Prozent des gesamten Eigenkapitals der Banken, die Spanne reicht von 68 Prozent bei Santander bis 131 Prozent bei Crédit Agricole.

Fossile Vermögenswerte wurden definiert als alle Finanzströme, die über Kredite oder Investitionen mit der Exploration, dem Abbau oder Vertrieb von Kohle-, Öl-, oder Gas-Ressourcen dienen, sowie der Stromgewinnung daraus. Werte, die indirekt mit fossilen Energieträgern verbunden sind, wie zum Beispiel der Verkehrssektor, wurden nicht mit einbezogen.

Paul Schreiber, Campaigner bei Reclaim Finance und Mitverfasser der Studie, sagt: “Wenn wir die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, müssen 84 Prozent der fossilen Reserven im Boden bleiben“ und zitiert damit eine Analyse der Carbon Tracker Initiative basierend auf Arbeit des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Weiter erinnert Schreiber: „Nichtsdestotrotz unterstützen europäische Banken Firmen, die neue Kohleminen, fossile Kraftwerke und Bohrvorhaben entwickeln, obwohl daraus gestrandete Vermögenswerte werden. Damit ignorieren sie sowohl die eskalierende Klimakatastrophe, als auch das drohende Finanzchaos. Sie verstecken sich hinter der Entwicklung sogenannter ‚nachhaltiger‘ Finanzprodukte, die leicht dem Greenwashing dienen können. Damit senken sie weder die Emissionen, noch das finanzielle Risiko aus fossilen Energien. Stringente finanzielle Regulierung ist ein Muss – sowohl um die Energiewende herbeizuführen, als auch um Klimarisiken zu kontrollieren.“

Sollten fossile Vermögensanteile im Falle einer schnellen Energiewende ‑ ähnlich wie 2008 bei den „Subprimes“ – 80 Prozent ihres Wertes verlieren, besäßen Crédit Agricole und Société Générale laut der Studie nicht genug Eigenkapital, um ihre Verluste abzudecken, während das Eigenkapital der Deutschen Bank und der Commerzbank beinahe ausgeschöpft würde. Jeglicher deutliche Wertverlust würde die Finanzkraft der elf untersuchten Banken enorm schwächen, so dass sie keine Kapazität mehr hätten, die Energiewende zu finanzieren. Dass fossile Vermögenswerte nur die Spitze des Eisbergs bei Klimarisiken darstellen, macht die Lage noch ernster.

Die AutorInnen betonen, dass der Wertverlust vermutlich über mehrere Jahre verteilt zu beobachten wäre, jedoch der Kluft zwischen den derzeitigen fossilen Produktionsplänen und dem verbleibenden Kohlenstoffbudget entsprechen würde. Sektoren wie Luftfahrt, Autoindustrie und Petrochemie sind stark von fossilen Brennstoffen abhängig und werden ebenfalls schnell transformiert werden müssen.

Lorette Philippot, Campaignerin bei Friends of the Earth France und Co-Autorin der Studie, kommentiert die Situation wie folgt: “Auf dem Papier haben BNP Paribas, Société Générale, Crédit Agricole und BPCE mitunter die fortschrittlichsten Ausschlusskriterien für Fossile. Dennoch halten die vier Banken fossile Vermögensanteile im Wert von insgesamt 260 Milliarden Euro. Dies entspricht 106 Prozent ihres Eigenkapitals. Das zeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen bei weitem nicht genügen, um angemessen auf die sich zuspitzende Klimakrise zu reagieren. Es braucht verpflichtende Regulierung für den Finanzsektor, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten und eine potenzielle Finanzkrise mit dramatischen Folgen abzuwenden. Die französische Regierung kann sich nicht länger als Vorreiterin in Sachen ‚grüner Finanzierung‘ präsentieren, wenn sie sich nur auf den guten Willen der Banken verlässt.“

Die AutorInnen der Studie rufen Zentralbanken, Finanzregulatoren, Regierungen und Gesetzgeber dazu auf, strengere Maßnahmen zu ergreifen, um der Finanzierung fossiler Brennstoffe ein Ende zu bereiten und bestehende fossile Vermögenswerte nachhaltig zu verwalten. Als konkrete Maßnahmen schlagen die AutorInnen vor, monetäre Vorgänge an das Pariser Klimaabkommen zu knüpfen, die Finanzierung fossiler Brennstoffe auszuschließen und die Finanzregulierung anzupassen. Derzeit beziehen EZB-Kaufprogramme keine Klimarisiken mit ein, weshalb Unternehmen mit hohler Kohlenstoffintensität, inklusive fossiler Firmen, unterstützt werden.

Um mit den vorhandenen fossilen Vermögenswerten umzugehen, wird in der Studie die Gründung einer europäischen „fossilen Bank“ vorgeschlagen. Mit Unterstützung der Europäischen Zentralbank (EZB), würde diese neue Bank unter strikten Bedingungen – inklusive einer starken Wertminderung für fossile Wertanlagen – einen Großteil der fossilen Anlagen von den Banken zurückkaufen, um sie im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen abzuwickeln.

Kathrin Petz, Finanzcampaignerin bei urgewald, kommentiert: „Wenn aus Klimaschutzgründen Kohle- und Gaskraftwerke, Pipelines oder Ölfelder vor der Zeit stillgelegt werden, verlieren diese und die Unternehmen hinter ihnen massiv an Wert. Falls dieser Wertverlust 80 Prozent beträgt, wären die Reserven von sowohl Deutscher Bank als auch Commerzbank fast verbraucht. Das Verhältnis von fossilen Anlagen zu Eigenkapitalquote beträgt bei der Commerzbank 117 Prozent, sie hat also mehr fossile Anlagen als Eigenkapital. Das ist gefährlich und behindert die Transformation. Auf dieses Risiko müssen die Banken aber genauso die Finanzaufsicht dringend reagieren. Höchste Zeit die Bücher endlich von fossilen Anlagen zu bereinigen.“

Die französischen Organisationen Rousseau Institute (Institut Rousseau), Friends of the Earth France (Les Amis de la Terre France) und Reclaim Finance haben die Studie verfasst. Unterzeichnet wurde sie zudem von Re:Common (Italien), BankTrack (Niederlande), Veblen Institute (Frankreich), 350.org (Int), Oil Change International (USA), Notre Affaire A Tous (Frankreich), Positive Money (EU), Climate Safe Lending (USA), Leave It In the Ground – LINGO (Int), Agir Pour Le Climat (Frankreich), Rainforest Action Network (USA), urgewald (GER).

Kathrin Petz verantwortet Kohle-, Rüstungs- und Bankenkampagnen bei urgewald.
Die Studie “Fossil assets: the new subprimes?” steht über diesen Link zum Download als PDF bereit.
FAG zur Studie stehen über diesen Link zum Download als PDF bereit.