
Ein Essay von Rudolf Tillig.
Die Arktis wird zum neuen geopolitischen Schauplatz des 21. Jahrhunderts. Während die USA und China ihre Präsenz in der Region ausbauen, droht die Europäische Union ins Hintertreffen zu geraten. Dabei liegt direkt vor ihrer Haustür ein strategischer Schlüssel: Grönland, die größte Insel der Welt und autonomer Teil Dänemarks. Als direkter Nachbar Kanadas bietet Grönland der EU eine einzigartige Chance, ihre Position im Hohen Norden zu stärken – und gleichzeitig die Beziehungen zu einem ihrer wichtigsten Partner jenseits des Atlantiks zu vertiefen.
Grönland ist mehr als nur Eis und Schnee. Die Insel verfügt über riesige Vorkommen an Seltenen Erden, die für die europäische Industrie unverzichtbar sind, und liegt an den neuen Schifffahrtsrouten, die durch den Klimawandel immer wichtiger werden. Gleichzeitig ist Grönland Teil der EU, wenn auch mit Sonderregelungen, und damit ein natürlicher Brückenkopf für eine engere Kooperation mit Kanada. Beide Seiten hätten viel zu gewinnen.
Für die EU wäre eine stärkere Präsenz in der Arktis ein geopolitischer Gewinn. Sie könnte ihre Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen verringern und gleichzeitig ihre Klimaziele vorantreiben, indem sie mit Kanada an nachhaltigen Energieprojekten arbeitet. Kanada wiederum würde von einem besseren Zugang zum europäischen Markt profitieren, ohne die komplexen Hürden eines EU-Beitritts überwinden zu müssen. Die Zusammenarbeit könnte sich auf drei zentrale Bereiche konzentrieren: Rohstoffe, Infrastruktur und Sicherheit.
Im Bereich der Rohstoffe könnte die EU gemeinsam mit Kanada und Grönland eine Lieferkette für Seltene Erden aufbauen, die den hohen Umwelt- und Sozialstandards Europas entspricht. Grönland besitzt einige der größten Vorkommen der Welt, und Kanada ist bereits heute ein wichtiger Produzent. Ein gemeinsames Projekt würde nicht nur die Versorgungssicherheit Europas erhöhen, sondern auch zeigen, dass nachhaltige Rohstoffgewinnung möglich ist.
Bei der Infrastruktur geht es vor allem um die Anbindung Grönlands an den Rest der Welt. Der Ausbau von Häfen, Flugplätzen und digitalen Netzen würde nicht nur die Wirtschaft der Insel stärken, sondern auch die logistischen Verbindungen zwischen Europa und Nordamerika verbessern. Die EU könnte hier ihre Erfahrung in der Finanzierung großer Infrastrukturvorhaben einbringen, während Kanada sein technologisches Know-how beisteuert.
In der Sicherheitspolitik schließlich könnte eine engere Zusammenarbeit zwischen der EU, Kanada und Dänemark die Stabilität in der Arktis erhöhen. Die Region wird zunehmend zum Spielball globaler Mächte, und nur durch gemeinsame Anstrengungen lässt sich verhindern, dass Konflikte eskalieren. Such- und Rettungseinsätze, die Überwachung der Schifffahrtsrouten und der Schutz der empfindlichen Ökosysteme sind Aufgaben, die kein Land allein bewältigen kann.
Natürlich gibt es auch Skeptiker. Einige EU-Mitgliedstaaten könnten befürchten, dass eine stärkere Fokussierung auf die Arktis Ressourcen von anderen Prioritäten abzieht. Und in Brüssel gibt es immer Stimmen, die vor zu viel „geopolitischem Aktivismus“ warnen. Doch die Vorteile überwiegen bei Weitem. Die Arktis ist nicht nur eine Region von wachsender strategischer Bedeutung, sondern auch ein Testfall für die Fähigkeit der EU, als globaler Akteur aufzutreten.
Ein erster Schritt könnte die Einrichtung eines regelmäßigen Dialogs zwischen der EU, Kanada und Grönland sein, der sich mit den gemeinsamen Herausforderungen in der Arktis befasst. Ein solches Forum würde nicht nur die Zusammenarbeit vertiefen, sondern auch Signalwirkung haben: Die EU ist bereit, Verantwortung in einer Region zu übernehmen, die für die Zukunft Europas entscheidend sein wird.
Letztlich geht es um mehr als nur um Wirtschaft oder Sicherheit. Es geht darum, wer die Regeln in der Arktis mitgestaltet. Wenn die EU jetzt handelt, kann sie sicherstellen, dass diese Regeln auf ihren Werten basieren – Nachhaltigkeit, Kooperation und Rechtsstaatlichkeit. Grönland und Kanada sind die natürlichen Partner für dieses Unterfangen.
Es wäre ein Fehler, diese Chance ungenutzt zu lassen.