
Ein Essay von Rudolf Tillig
Mythen und Realitäten
Wenn Europäer an Nordamerika denken, dominieren oft Klischees: die USA als unberechenbarer Hegemon, Kanada als freundlicher, aber irrelevanter Nachbar. Doch diese Bilder sind trügerisch. Beide Länder sind für Europa weit mehr als nur Partner oder Gegner – sie sind Spiegel, in denen sich unsere eigenen Widersprüche, Chancen und Versäumnisse brechen. Gerade für Italiener mit Verwandtschaft in den USA oder Deutsche mit historischen Bindungen zu Kanada lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn die Zukunft Europas wird auch davon abhängen, wie wir diese Beziehungen gestalten – jenseits von Nostalgie und Ressentiment.
1. Das ehrliche Verhältnis: Was Europa oft übergeht
Kanada: Der stille Verbündete mit europäischem Erbe
Kanada wird in Europa oft unterschätzt. Dabei ist es ein Land, das Europas Werte lebendiger verkörpert als die USA – ohne dabei in Arroganz zu verfallen.
- Historische Bindungen: Kanada ist nicht nur ein Produkt britischer und französischer Kolonialgeschichte, sondern auch ein Land, das sich bewusst von den USA abgrenzt. Die Zweisprachigkeit (Englisch/Französisch) und die Mitgliedschaft im Commonwealth sind keine Folklore, sondern Ausdruck einer multipolaren Identität, die Europa näher ist als der US-amerikanische Unilateralismus.
- Politische Kultur: Kanadas Multikulturalismus ist keine leere Phrase, sondern Staatsdoktrin. Das Land hat gelernt, Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Stärke zu begreifen – eine Lektion, die Europa dringend braucht.
- Wirtschaft und Innovation: Kanada ist ein Rohstoffriesen (Energie, Seltene Erden) und gleichzeitig ein Vorreiter in KI-Forschung (z. B. in Toronto). Für Europa, das zwischen China und den USA laviert, könnte Kanada ein dritter Weg sein: ein Partner, der weder autoritär noch hegemonial ist.
Warum das für Europa wichtig ist: Kanada zeigt, dass Moderne und Tradition kein Widerspruch sein müssen. Es ist ein Land, das seine europäische Prägung nicht leugnet, sondern produktiv nutzt – etwa in der Klimapolitik oder bei der Integration von Migranten.
Die USA: Der ambivalente Gigant
Die USA sind für Europa gleichzeitig unverzichtbar und unerträglich. Doch die transatlantische Beziehung leidet unter zwei Mythen:
- Der Mythos der „natürlichen Verbundenheit“: Ja, die USA haben Europa im 20. Jahrhundert gerettet – aber sie haben auch eigene Interessen (z. B. im Irak-Krieg oder bei der Digitalsteuer).
- Der Mythos der „unüberbrückbaren Unterschiede“: Die USA sind nicht einfach „anders“, sondern gespalten. Das Bildungsbürgertum an den Küsten denkt oft europäischer als der ländliche Midwest.
Was Europa übersehen sollte:
- Die USA sind kein Monolith: Für Italiener mit Verwandtschaft in New York oder Kalifornien ist das offensichtlich. Die kulturelle Vielfalt der USA bietet Ansatzpunkte für eine differenziertere Zusammenarbeit – etwa in Wissenschaft, Kunst oder Stadtpolitik.
- Gemeinsame Herausforderungen: Klimawandel, digitale Souveränität, China – hier sind die USA trotz aller Konflikte ein notwendiger Partner. Europa sollte strategisch kooperieren, ohne sich unterzuordnen.
2. Gemeinsame Chancen: Drei Felder für eine neue Partnerschaft
a) Klimapolitik: Kanada als Brücke
Kanada ist ein Energie-Exportland (Öl, Gas, Wasserstoff) und gleichzeitig ein Vorreiter in Erneuerbaren Energien. Für Europa, das nach der Ukraine-Krise seine Energieversorgung neu denken muss, könnte Kanada ein zentraler Partner werden – ohne die Abhängigkeiten, die mit den USA oder Russland verbunden sind.
Konkrete Idee: Ein europäisch-kanadisches Bündnis für grüne Technologien, das von Wasserstoff über KI-gestützte Smart Grids bis zu indigenen Landnutzungsmodellen reicht.
b) Migration und Integration: Vom Konflikt zur Chance
Sowohl Europa als auch Nordamerika stehen vor ähnlichen Herausforderungen:
- Alternde Gesellschaften, die auf Einwanderung angewiesen sind.
- Populistische Bewegungen, die Vielfalt als Bedrohung darstellen.
Kanada zeigt: Integration gelingt, wenn sie aktiv gestaltet wird – durch Sprachkurse, Anerkennung von Abschlüssen und symbolische Anerkennung (z. B. indigene Feiertage). Europa könnte hier viel lernen – etwa von Kanadas Punkte-System für Einwanderer, das Qualifikation über Herkunft stellt.
c) Digitale Souveränität: Gemeinsam gegen die Tech-Giganten
Die USA dominieren die digitale Welt – aber nicht alle Amerikaner stehen hinter diesem Modell. Städte wie San Francisco oder Boston suchen nach Alternativen zu Silicon Valley. Kanada wiederum hat eine starke KI-Forschungslandschaft (z. B. in Montreal oder Toronto), die weniger von Großkonzernen kontrolliert wird.
Chance für Europa: Ein transatlantisches Netzwerk von Städten und Regionen, das offene Standards und datenethische Modelle entwickelt – jenseits von Google, Facebook & Co.
3. Was den Europäern näher liegen sollte: Eine Agenda für die Zukunft
Europäer – besonders Italiener, Deutsche oder Franzosen mit familiären Bindungen nach Nordamerika – sollten drei Dinge tun:
- Die Mythen hinterfragen:
- Die USA sind nicht „das Böse“ – aber auch nicht „der große Retter“.
- Kanada ist nicht „das bessere Amerika“ – aber ein Modell für pragmatische Moderne.
- Die richtigen Partner wählen:
- In den USA: Städte, Universitäten und progressive Bundesstaaten (z. B. Kalifornien, Massachusetts) statt nur auf Washington zu schauen.
- In Kanada: Provinzen wie Québec oder British Columbia, die europäisch denken, aber nordamerikanisch handeln.
- Gemeinsame Projekte vorantreiben:
- Energie: Ein europäisch-kanadisches Wasserstoff-Abkommen.
- Migration: Austauschprogramme für Integrationsforschung.
- Digitalisierung: Städtepartnerschaften für smarte, demokratische Technologien.
Warum es sich lohnt, genauer hinzusehen
Europa steht an einem Scheideweg. Die USA bleiben ein unvermeidlicher Partner, aber kein automatischer Verbündeter. Kanada ist ein unterschätzter Allierter, der uns näher ist, als wir denken. Die Zukunft wird nicht davon abhängen, ob wir uns an Mythen klammern, sondern davon, ob wir realistische Chancen nutzen.
Für Italiener mit Verwandtschaft in den USA, für Deutsche mit historischen Bindungen zu Kanada, für alle Europäer gilt: Nordamerika ist kein fremder Kontinent, sondern ein Teil unserer erweiterten Geschichte. Es liegt an uns, diese Beziehungen ehrlich, kritisch und produktiv zu gestalten – zum Nutzen aller.