Tief ist der Brunnen der Vergangenheit

 

Zum historischen Hintergrund des äthiopischen Bürgrkrierkiegs

von Helmut Falkenstörfer, November 2020

In Äthiopien ist wieder Krieg. Nach 20 Jahren. Diesmal zwischen dem nördlichsten Bundesland Tigray und der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed. Spannungen gab es schon länger. Dann erklärte im September 2020 Tigray die Zentralregierung für illegitim, da ihre Amtsperiode abgelaufen sei. Das stimmte. Abiy Ahmed hatte die ursprünglich für Mai angesetzten Wahlen verschoben. Aus Coronagründen, wie er sagte. Aber die Verschiebung kam ihm auch politisch gelegen.

Tigray wählte eine neue Regionalregierung. Aby Ahmed seinerseits erklärte nun diese Regierung für illegitim. Das kam nicht gut an. Truppen der „Tigray People‘s Liberation Front“ (TPLF) ‑ die alte Guerillaarmee, die sozusagen als Landesmiliz Tigrays weiter besteht und zugleich die Regierungspartei ‑ griffen einen Posten der Äthiopischen Armee in Tigray an (Tigray bestreitet das, nichts Gewisses weiß man nicht). Jedenfalls nahm Äthiopien das zum Anlass von Kriegshandlungen in Tigray, einschließlich Luftangriffen auf Stellungen der TPLF. Die Tigre ihrerseits können aus dem Reservoir von alten Kämpferinnen und Kämpfern aus dem Bürgerkrieg gegen Mengistu eine beträchtliche Armee aufbauen. Aufwärts von 500 Toten in Tigray und 26.000 Flüchtlingen im Sudan steigt täglich deren Zahl. In Tigray gibt es 600.000 Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind und nicht mehr erreicht werden können. Immerhin verhandeln die Hilfsorganisationen über einen Zugangskorridor. Und jetzt drei Raketen aus Tigray auf Asmara in Eritrea. Noch ist nichts von einer Reaktion Eritreas bekannt. Es kann sein, dass die Raketen als Warnung an Eritrea gedacht waren, sich nicht zu Gusten Äthiopiens einzumischen. Dass es damit sein Bewenden haben wird, ist freilich eher unwahrscheinlich, Auf Beruhigung deutet auch nicht hin, dass Äthiopien den benachbarten Südsudan um eine Hilfstruppe von 4.000 Kämpfern gebeten hat.


HF 201119 Krieg
 

Hat man sich mit der Geschichte Äthiopiens befasst, fällt einem Thomas Manns Bild vom tiefen Brunnen der Vergangenheit aus den Josefsbrüdern ein. Der Boden des Brunnens liegt in der Zeit um Christi Geburt in Aksum im heutigen Tigray. Damals entstand das aksumitische Reich, von dem heute noch die Stelen von Aksum zeugen. Es war eines der bedeutenden Reiche der Antike, das im vierten Jahrhundert begann christlich zu werden. Unter dem Druck der Expansion des Islam minderte sich die Macht des Reiches bis Aksum Mitte des zehnten Jahrhunderts durch die Invasion der aus dem Süden kommenden Königin Gudit zerstört wurde. Aksum war kein Ort der Macht mehr, wurde aber wieder Zentrum von Religion und Kultur und blieb es bis heute.

Auf einer dreisprachigen Inschrift in Aksum aus der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts findet sich zum ersten Mal der Name Äthiopier in dem Gebiet, das wir heute Äthiopien nennen. In der griechischen Fassung wird der König Ezana „basileus toon aithiopoon“, König der Äthiopier, genannt. Das bezieht sich wahrscheinlich darauf, dass Ezana das Reich von Meroe, die Hauptstadt des Nubischen Reiches im Nordsudan, erobert hatte. Das Land wurde damals in der Welt des Mittelmeers Äthiopien genannt.

Die heutigen Tigre leben im Gebiet des alten aksumitischen Reiches, und ihre Sprache Tigrinya ist die Weiterentwicklung des damals gesprochenen Ge’ez. Klare Zeugnisse der großen Vergangenheit sind die Stelen von Aksum, in der Neuzeit ergänzt durch eine Vielzahl eindrucksvoller archäologisch erschlossener Stätten. In Aksum wird die angebliche Bundeslade des Alten Testaments aufbewahrt. Es gibt zwei große Marienkirchen, eine aus den 17., eine aus dem 20. Jahrhundert. Aksum gilt als heilige Stadt und war zeitweise Krönungsstadt der äthopischen Kaiser. Anders als das sehr junge Addis Abeba atmet Aksum den Geist alter lebendiger Geschichte.

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand mit der Zagwe-Dynastie in Lalibela ein neues Machtzentrum. 1270 ging die äthiopische Herrscherwürde nicht ohne Konflikte von Lalibela an den Amharen Yekuno Amlak, den Begründer der sogenannten salomonischen Dynastie. Er erhob den Anspruch, von Salomo und der Königin von Saba abzustammen, von deren Besuch in Jerusalem um 1000 v. Chr. das Alte Testament im 10. Kapitel des 2. Buchs der Könige erzählt. Von da an mussten alle Kaiser bis hin zu Haile Selassie von der gemeinsamen Nacht in Jerusalem abstammen.

600 Jahre später bestieg endlich wieder ein Tigre den Kaiserthron: Kasa Marca aus Tigray wurde 1881 unter dem Namen Yohannes IV. Negus Negest, König der Könige, Kaiser. Er regierte und gewann Ruhm durch zwei siegreiche Schlachten gegen eine ägyptische Invasionsarmee, fand aber im Jahre 1889 bei Metemma an der Grenze zum Sudan den Tod im Kampf gegen die Truppen des Mahdistaats.

Nachfolger wurde nicht sein Sohn und Erbe Mengesha. Die Macht usurpierte der König von Shoa und Gründer von Addis Abeba, Sahle Mariam, als Kaiser Menelik II, genannt nach dem sagenhaften Sohn von Salomo und der Königin von Saba. Er konnte zur Kaiserwürde greifen, weil er die größere Hausmacht besaß, unter anderem durch ein Bündnis mit Italien und die von dort gelieferten Waffen. Menelik vergrößerte durch koloniale Eroberungen Äthiopien auf annähernd das Doppelte. Die Macht blieb bei den Amharen und in Addis Abeba bis zum Sturz Haile Selassies 1974. In dieser Zeit war das Verhältnis von Tigray zum Kaiserreich nicht immer gut. Wahrend der italienischen Invasion von 1935 stel lten sich Teile von Tigray auf die Seite Italiens in der Hoffnung so eine bessere Position im Kolonialreich zu bekommen. Als Haile Selassie nach seiner Rückkehr aus dem Exil die zentralistischen Zügel anzog, kam es 1943 in Tigray zu dem woyene-Aufstand, der durch britische Bomben auf Mekelle, die Hauptstadt von Tigray, beendet wurde. Auch das trug zur Marginalisierung von Tigray bei.

Starker Mann nach der Revolution von 1974 wurde Mengistu Haile Mariam, etwas unklarer Herkunft, aber jedenfalls kein Tigre. Es gab Tigre, die an der Macht teilhatten. Es gab andere, die gründeten 1975 die Aufstandsbewegung TPLF. Die war marxistisch eingestellt, ebenso wie das Regime, gegen das sie antrat. Sie kämpfte, wuchs und kämpfte bis sie im Mai 1991 gemeinsam mit der eritreischen EPLF mit einer riesigen Eselkarawane kampflos in Addis Abeba einzog, nachdem Mengistu Haile Mariam von einer Dienstreise abgewichen und ins Exil nach Zimbabwe geflohen war. Das verstärkte dieMarginalisierung Tgrays.

Eritrea wurde unabhängig; die Tigre mit Meles Zenawi als Ministerpräsident übernahmen die Macht. Sie gründeten eine Bundesrepublik mit Anlehnung an die deutsche Verfassung. Die Tigre, die weit weniger als ein Zehntel der äthiopischen Bevölkerung stellen, übernahmen die zentralen Schlüssel der Macht. Die wichtigsten anderen Völker wurden in Form eines Systems von Blockparteien eingebunden.

Meles heißt: „Er hat zurückgegeben.“ Der Name wurde von manchen in dem Sinne gedeutet, dass nun Gott den Tigre die Macht zurückgegeben habe. Das ging gut bis 2012, als Meles Zenawi starb. Die Macht der Tigre fing an zu erodieren, und 2018 wurde Abiy Ahmed aus dem lange benachteiligten größten Volk Äthiopiens, den Oromo, Ministerpräsident. Wieder waren die Tigre out.

In dem Brunnen der Vergangenheit liegt ein zweiter Stein: der alte Rassismus der semitischen Völker den Afrikanern gegenüber. Ein Gefälle von semitischen zu afrikanischen Sprachen, von hellerer zu dunklerer Haut. Eine Tigre-Freundin redete über die Oromo ungefähr wie weiße Südafrikaner über schwarze Südafrikaner reden. So wie am Nil die Ägypter auf die Nordsudanesen herabblicken und die Nordsudanesen auf die Südsudanesen blicken die Tigre auf die Amharen herab und die Amharen auf die Oromo und erst recht auf die kleinen Völker weiter im Süden. Wie meist beim Rassismus ist das schwer zu fassen und auch nicht immer und überall so. Es gibt auch Mischehen unter den Volksgruppen. Aber auch die Distanz liegt in der Luft. Die Tigre schätzen die Einheit Äthiopiens solange sie oben sind. Es wird ihnen aber unbehaglich, wenn sie – eine kleine Minderheit ‑ von den Völkern des Südens regiert werden sollen.

HF2 KHelmut Falkenstörfer ist Mitglied im Redaktionsteam von proprium | sinn schaffen – horizonte öffnen.