Das Zerbrechen des „amerikanischen Traums“ und der unwahrscheinliche Erfolg des Donald Trump

 

Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann

In den USA ist eine erschreckende Spaltung eingetreten. Dreißig Jahre nach Ende des Kalten Krieges, nach dem Erfolg im Kampf um die Hegemonie auf Erden, ist die amerikanische Gesellschaft tief gespalten. Und in der Konservativen Partei, der Grand Old Party, existiert ein starker radikalisierter Flügel, die sogenannte „Tea Party“. Diese Mitglieder sabotieren den bisher üblichen Washingtoner Eliten-Konsens, in Form von Kompromissen miteinander zu leben. Folge davon wiederum ist, dass die Partner der USA nicht mehr wissen, woran sie längerfristig sind, welchen Zusicherungen aus Washington noch zu vertrauen ist.

Der Abschied der USA sowohl vom Klima- wie vom Iran-Abkommen, die Zerstörung der Funktionsfähigkeit des Rechtswesens der Welthandelsorganisation, die Kaperung der NATO für andere, überwiegend rüstungswirtschaftliche Zwecke und die eigennützige Intervention in Europas Energiepolitik sind Indizien, die von Europa aus dem jetzigen Präsidenten zugerechnet werden. Doch ob es je an der Spitze der USA wieder anders werden wird; und wenn, ob die andere Spitze wieder zurückkehren kann zu einer Außenpolitik, welche den Partnern der USA Verlässlichkeit verspricht, das ist angesichts der internen Zerklüftungen doch eher so gut wie ausgeschlossen.

Der „amerikanische Traum“ ist zerbrochen

Dieser Spaltung, ihren Gründen und deren Entwicklung ist der US-Autor George Packer nachgegangen: Die Gründe sieht er in einem Zulassen der De-Industrialisierung, im Prozess der Globalisierung, in einer außerordentlich unbarmherzigen, gegenüber den Bewohnern der entsprechenden US-Standortregionen maximal treulosen Weise. In den USA gibt es Autoren, die sich nicht nach der Schnittstelle fiction / non-fiction zuordnen lassen. Wenn Packer seinen „Journalisten-Hut“ aufhat, schrteibt er für den „New Yorker“. Für sein Buch „The Unwinding“ (2013) (deutsch: „Die Abwicklung“ (2014)) hat er sich die Schreibtechnik des US-Romanciers John Dos Passos zum Vorbild genommen.

Die Idee ist, diesen Prozess der die Opfer völlig vernachlässigenden „Abwicklung“ über dreißig Jahre anhand von 14 Protagonisten und ihren Lebensschicksalen zu erzählen. Protagonisten gibt es in den Kategorien Täter (Top-Politiker) und Mittäter (Beamter in Washington), Gewinner (und in gewissem Sinne Betreiber) des Prozesses (Finanzindustrie, Silicon Valley (Peter Thiel), der Wal-Mart-Gründer Sam Walton) und schließlich eben Opfer. Diese Protagonisten werden in den ersten beiden Kategorien weitgehend durch prominente Real-Personen vertreten (Newt Gingrich; Robert Rubin; Colin Powell – der mit seinen heutigen Albträumen porträtiert wird, nach seiner schändlichen Rolle beim Auslösen des Irak-Kriegs II). Die Protagonisten in der reinen Opfer-Rolle beziehungsweise in der Durchwurstel-Rolle hingegen sind weitgehend fiktional.

Das ist ein hochpolitisches Buch, so gut zu lesen wie ein Roman. Und das sei nochmals gesagt und damit betont: Der Haupttitel ist zwar „Die Abwicklung“ – der Untertitel aber ist, zumindest ursprünglich, „An Inner History of the New America“. (Die Taschenbuch-Ausgabe, die ich gelesen habe, hat als Untertitel „Thirty Years of American Decline“; die deutsche Übersetzung trägt den ursprünglichen Untertitel.) Das zeigt den eigentlichen analytischen Anspruch des Buches. Seine Botschaft ist, in dieser Hinsicht: Mit der Finanzkrise 2007ff ist der „amerikanische Traum“ zerbrochen. Man glaubt, weit überwiegend, nicht mehr, dass man die Chance habe, sich durch eigene individuelle Anstrengung aus dem Sumpf zu ziehen, dass es zumindest der nächsten Generation gelingt. Der Bruch dieses Traums in den USA ist ein politisches Größtereignis. Das kann nicht anders, als revolutionäre Folgen im Bewusstsein, individuell wie kollektiv, haben.

Donald Trumps Wahl zum Präsidenten

Vor allem die urbanen Zentren des Rust Belt, in den Staaten Pennsylvania, Ohio, Michigan und Wisconsin, galten der durch Industriearbeiter geprägten Bevölkerungsstruktur wegen als Hochburg der Demokratischen Partei – und damit als Teil des Gebiets jenseits der sogenannten „blauen Wand“. Blau ist die Farbe, welche die Fernsehanstalten der Demokratischen Partei verpasst hatten. Vor diesem Hintergrund galt in der Branche, die Wahlkampf-Management-Leistungen anbietet, als ausgemacht:

„… it was impossible for a Republican to breach the Democratic “blue wall” in the Rust Belt. Democrats had swept Michigan, Pennsylvania, and Wisconsin in each of the last six presidential elections, and thus it was inconceivable that Trump might take those states.“(p. 14)

Zu schaffen war das nur, wenn überhaupt, mit einer Agenda des Protektionismus, gegen „free trade“. Das aber war, wenn überhaupt, eher eine Demokraten-Agenda denn eine Grand Old Party-Agenda. Spezifikum des US-Politik-Systems ist zudem die Notwendigkeit, die Wahlkämpfe mit extrem hohen Beträgen aus den Schatullen Dritter zu finanzieren. Das gilt bereits für die Grand Old Party-interne Auseinandersetzung um die Kandidaten-Kür, nicht erst für den eigentlichen Wahlkampf um das Präsidenten-Amt. Trumps Ansatz war wider die üblichen Usancen als auch gegen den common sense der Experten und Geldgeber.

Politisch-inhaltlich war die Schlacht „Protektionismus“ vs. „free trade“ längst geschlagen. Zunächst die ökonomischen und nachfolgend auch die politischen Eliten in den USA hatten mit der Globalisierung längst ihr Auskommen gefunden und ihren Frieden gemacht. Die Demokraten versuchten lediglich, ihr diesbezügliches Image aufrechtzuerhalten. Faktisch zettelten sie zu diesem Zweck Konflikte nur um Details in handelspolitischen Fragen an – Protektion, insbesondere gegenüber China, war nicht ihre Politik. Den Rust Belt und seine deprivilegierten Bewohner hatten auch sie nicht als potentielle Wählerschicht auf dem Schirm. Die ihrerseits waren so desillusioniert oder deprimiert, dass aus ihren Reihen kaum jemand zu Wahlen ging.

Trump gelang es, in den Staaten des Rust Belt die von beiden großen Parteien „aufgegebenen“ Schichten potentieller Wähler zu aktivieren und mit deren Hilfe den Wechsel in den drei Staaten Michigan, Pennsylvania, and Wisconsin herbeizuführen. Das bedeutete in der Gesamtbilanz, in Worten der meisterhaften Untersuchung von Craig VanGrasstek, auf die ich mich hier abstütze:

This novice candidate did not know that the underclass does not vote, that protectionism was a loser of an issue, […] He paid no attention to that conventional wisdom, reiterated his trade message, and ultimately took all three. Combined with his winnings in 27 other states, a victory in any one of them would have put him over the necessary 270-vote threshold. By capturing all three states’ 46 electoral votes, he had 36 to spare in the Electoral College.

Donald Trumps Sieg mittels dieser Zugangsweise war ein Erdrutsch-Sieg. Zu dieser Zugangsweise „Strategie“ zu sagen, sträubt es einen jedoch.

Ihres Konzepts wegen war Trumps Kampagne eigentlich unfinanzierbar, denn ihre Erfolgsaussichten wurden professionellerseits kaum gesehen. Genauer muss man sagen: Das trifft für seine beiden Kampagnen zu (also schon auf seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei). Doch:

  • Trump war hinreichend vermögend, sodass er seine Kampagne um die Kandidatur innerhalb der Grand Old Party selbst finanzieren konnte. „Sparsamkeit“ war zwar schon angesagt, und dass Trump sich mit anderen Milliardären umgab, hatte auch den Grund, dass er die nicht aus der knappen Wahlkampfkasse bezahlen musste. Es gehörte zum Comment der Führungspersonen in seiner Kampagne, die sämtlich reich waren (oder sich so gaben (Manafort)), dass sie unentgeltlich arbeiteten – was vermutlich eine Erwartungshaltung für „danach“, für den „Erfolgsfall“, zeitigte. Es ist eben Sitte in Wirtschaftskreisen, dass man für die Akquisition aus eigener Tasche in Vorleistung geht …; was mit dem „Beifang“ aus den Mueller-Ermittlungen ans Licht kommt, die Refinanzierungs-Sitten von Manafort und Cohen, weist in diese Richtung.
  • Die sozialen Medien, auch einige Privatsender, unterstützten Trump, weil er deren Klientel mit seiner „Robin Hood“-Botschaft „zog“. Er war bereits redaktionell sein Geld wert, des Echokammer-Effekts seiner originellen Botschaft wegen. Trump ersparte es sich so einiges an Sendezeit, die er sonst zu Werbezwecken hätte einkaufen müssen – dafür geht bei traditionell konzipierten Kampagnen ein Gutteil des eingesammelten Geldes drauf.

Trump verstehen

Nach allem, was wir aus den mündlichen Berichten von Top-Politikern wissen, die Trump besucht haben, ist er rationalem, komplexen strategischen Denken im üblichen Sinne nicht zugänglich – man denke an die Schaubilder, die Frau Merkel für ihren Antrittsbesuch vorbereitet hatte, um Trump die arbeitsteilige Kompetenzstruktur in Europa zu veranschaulichen. Kürzlich wurde bekannt, welch enormen Aufwand sie bereits in 2016 getrieben hatte, um Trump als Menschen zu verstehen, zu begreifen, wie er tickt: Sie hatte sich Videos der Folgen der Apprentice Show sämtlich angesehen. Und trotz dieses persönlichen Unverstands gilt: Trump ist offenkundig mit seiner Art erfolgreich; es macht auch den Eindruck, als wenn er einer Strategie gefolgt sei und folge. Der Essay, dem ich hier folge, bringt dieses seltsam ambivalente Phänomen wie folgt auf den Begriff:

The simplest explanation is that Trump won precisely because he was so new to electoral politics that he did not know what could not be done — and so he did it anyway. Here one is put in mind of the 2014 film “Birdman,” the subtitle of which was “The Unexpected Virtue of Ignorance.” This novice candidate did not know that the underclass does not vote, that protectionism was a loser of an issue, […] He paid no attention to that conventional wisdom, reiterated his trade message, and ultimately <won>.

Eine solche „Strategie“ verliert zwangsläufig ihren Überraschungscharakter und hat zudem auf Sicht keine demographische Basis, sie ist nicht beliebig lange prolongierbar in die Zukunft, im Gegenteil. Trump als Person eh nicht, aber auch der Trumpismus kann nur ein sehr kurzfristiges Übergangsphänomen sein.

Wenn man Trump die Fähigkeit zur kühl kalkulierten Strategie – mit guten Gründen – abspricht, dann entfällt der Ausweg, ihm dieses Element seiner „Strategie“ des überraschenden Erfolgs als gute Tat aus Zynismus zu unterstellen. Bleibt nur anzuerkennen: Er hat das potentiell entscheidende Wählerpotential in den Staaten mit den schmerzreich abgewickelten traditionellen Industrien, deren Wertschöpfung faktisch nach China verlagert wurde, qua „Empathie“ angesprochen – und daraufhin ist es im Raum des Politischen, als Wählerschaft, aus den Katakomben herausgekommen. So war es mit diesem Erfolg.

 

 

Vgl. dazu die folgende Meldung vom 6.6.14 (Interfax Ukraine):
<<Interior Minister Arsen Avakov has said. „I have decided that a hundred percent of combat and patrol units of the Interior Ministry will take part in the antiterrorism operation. This is not only a necessity but also a test of their proficiency, spirit and patriotism. The tempering of units with real threats and challenges is a factor of the creation of a new police force which will be trusted by the public,“ … Avakov reported that 21 officers of the Chernihiv special-purpose patrol battalion comprising volunteers refused to go on a patrol mission in Luhansk region. „The battalion was assigned a patrolling mission in Luhansk region the day before yesterday. Eighty-six men departed to the designated sector to do a man’s job and to accomplish a combat mission in the regime of antiterrorism patrols. Twenty-one persons refused to go and submitted their resignations… They were dismissed immediately,„>>