Die Ohnmacht gegenüber der Politik

 

(Nicht-)Wahrnehmen und (Nicht-)Handeln

Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann

Probleme, die man nur durch kollektives Handeln lösen kann, sehen wir in Hülle und Fülle. Dass nicht gehandelt wird, kann uns verzweifeln lassen. Für „kollektives Handeln“ sagen wir auch: „Politik“. Ausbleibendes Handeln rechnen wir dann „der Politik“ zu. Und zu dieser Politik nun meinen wir keinen Zugang mehr zu haben, insbesondere wenn es sich um Probleme handelt, die nur weit oben im politischen Mehrebenensystem (Kommune/Land/Bund/EU/UN) „geknackt“ werden können.

Statt uns an das politische System, so komplex es nun einmal ist, heranzuführen, zeichnen Medien eine holzschnittartige Parallelwelt, um die Realität deutlich einfacher erscheinen zu lassen. Der Schein, den die Medien auf diese Weise produzieren, ist ein Problem für das Funktionieren des politischen Systems. Es entsteht damit nämlich ein kollektives Bewusstsein, das seiner regulativen Idee in der Staatsform „Demokratie“ nicht zu entsprechen vermag. Die Medien produzieren „Bewusstseinsverschmutzung“.

Ein Politiker, der den Bundestag verließ, um einem ordentlichen Broterwerb nachzugehen, hat mir als einen seiner Gründe für diesen Schritt einmal eröffnet: „Wissen Sie, das ist wirklich schwer zu ertragen. Es ist wie in der griechischen Tragödie. Wir Politiker sehen – parteiübergreifend ‑ das Drama jeweils schon im ersten Akt kommen. Aber zur Lösung schreiten können wir, bei gegebener Verfasstheit der Öffentlichkeit, bei deren Wahrnehmungsmängeln, meist erst im dritten Akt, nachdem gleichsam Blut in großen Strömen geflossen ist.“

Also liegt es nahe, dass wir unsere Blickrichtung ändern und vom geforderten Handeln weg auf unseren Anteil an der kollektiven Wahrnehmung schauen. Wer eine Gefahr auf sich zukommen sieht, kann gar nicht anders, als ihr entgegenzutreten, also zu handeln. Wer aber das Visier vor einer Gefahr herunterklappt, sieht sie nicht oder nicht richtig und bleibt ihr deshalb ausgeliefert. Die inkorrekte Wahrnehmung von Herausforderungen, in dem Maße, als wir alle daran Anteil haben, stellt eine viel mächtigere Blockade für Lösungen dar als das Nichtstun (der politischen Instanzen).

Zu Bewusstsein gekommen ist mir dies erneut dieser Tage, nachdem eine Gruppe mich um einen Beitrag zu ihrer Tagung unter dem schönen Titel „Wir lieben Krisen!“ gebeten hatte. Da habe ich vorgetragen, wie es in der BSE-Krise gewesen ist, dass da in Deutschland doch eigentlich das Motto „Wir lieben Blindheit“ geherrscht habe. Erst als die institutionelle Blindheit des Überwachungssystems (der Bundesländer) durch einen dummen Zufall im Dezember 2000 ans Licht kam, wurde gehandelt – dann auch sehr entschieden. Und doch stilisieren wir im Rückbick das Geschehen nach dem Motto „Offenbar geworden und umgehend gehandelt“ – was ja stimmt, aber nur die halbe Wahrheit ist. Dass davor eine Periode von mindestens fünf Jahren aktiven Wegdrückens der korrekten Wahrnehmung lag, blenden wir aus.

Dabei könnten wir es besser wissen. Schließlich hat die EU-Kommission uns seinerzeit vorgerechnet, dass die „BSE-Freiheit“ Deutschlands nur eine vermeintliche sein könne, nur ein Artefakt aufgrund unprofessioneller Überwachung. Auf Journalistenanfragen aus Deutschland, wie sich die Kommission die hohe Differenz zwischen zu erwartenden und festgestellten BSE-Fällen in Deutschland erkläre, hat sie schließlich sogar ladipdar verlautbart: „Wer suchet, der findet.“

Wie es damals wirklich war, dies in einzigartiger Weise geschildert zu bekommen, ist einer Wissenschaftlerin im Nachhinein gelungen. Unter Zusage von Anonymität hat sie einen Parlamentrischen Staatssekretär aus einem fachlich einschlägigen Ministerium des Bundes (die Bundesebene war nicht verantwortlich!) vor das Mikrofon bekommen. Dessen Schilderung:

[…] wir sind uns sicher, dass wir BSE-frei sind, deshalb gucken wir nicht nach. […] das ist ein Verhalten, wie (in) Brechts Galileo Galilei […]. Die Bischöfe, die durchs Fernrohr gucken sollen, um das Sonnensystem zu erfassen, sagen: Nein, wir gucken nicht durch, denn es könnte sich herausstellen, dass Galileo recht hat und die Erde wirklich keine Scheibe, sondern eine Kugel ist.‘ So verrückt war das.“

Diese Schilderung sollte rückblickende Darstellungen prägen. Sie schafft es aber nicht. Denn wir lieben eben unser Selbstbild, nach dem wir in aller Unschuld „nichts gewusst“ haben, und unverzüglich die Konsequenzen gezogen haben, als es uns vor Augen gekommen ist – das bekannte Muster der Holocaust-Wahrnehmung. Dass wir mit unserer defizienten kollektiven Wahrnehmung ein wesentliches, wenn nicht „das“ blockierende Element gewesen sind, gestehen wir uns lieber nicht ein.

Korrekte Wahrnehmung ist etwas, was zu machen ist – gegen eine starke Zugkraft produzierten Scheins. Auch das blenden wir aus. Wir tun so, als sei gelingende Wahrnehmung ein Geschenk des Himmels und habe nicht Gegenstand zielgerichteten Handelns unsererseits zu sein. Damit unterstellen wir uns unsere Ohnmacht, keinen Einfluss auf kollektives Handeln zu haben.

 

 

Vgl. dazu die folgende Meldung vom 6.6.14 (Interfax Ukraine):
<<Interior Minister Arsen Avakov has said. „I have decided that a hundred percent of combat and patrol units of the Interior Ministry will take part in the antiterrorism operation. This is not only a necessity but also a test of their proficiency, spirit and patriotism. The tempering of units with real threats and challenges is a factor of the creation of a new police force which will be trusted by the public,“ … Avakov reported that 21 officers of the Chernihiv special-purpose patrol battalion comprising volunteers refused to go on a patrol mission in Luhansk region. „The battalion was assigned a patrolling mission in Luhansk region the day before yesterday. Eighty-six men departed to the designated sector to do a man’s job and to accomplish a combat mission in the regime of antiterrorism patrols. Twenty-one persons refused to go and submitted their resignations… They were dismissed immediately,„>>