Die produzierte „Bewusstseinsverschmutzung“

 

Die Kolumne von Hans-Jochen Luhmann

In meiner Januar-Kolumne hatte ich nebenläufig diagnostiziert, Medien produzierten „Bewusstseinsverschmutzung“. Ich wählte die Formulierung in Analogie zur Produktion von „Umweltverschmutzung“. Heute befindet sich die Medienindustrie in einer Situation, die jener der produzierenden Industrie in den 1960er Jahren entspricht. Das Medienverhalten in der Ukraine-Krise ist der jüngste Beleg dafür.

Erinnern wir uns: Weitgehend hemmungslose Umweltverschmutzung war bis in die 1960er Jahre hinein in allen Industriestaaten üblich. Sie wurde zugelassen und hingenommen. Doch dann entwickelte sich, von den USA ausgehend, ein „Umweltbewusstsein“, also das Bewusstsein dafür, dass schrankenlose „Umweltverschmutzung“ illegitim ist.

Auf Basis des schließlich geänderten Bewusstseins, was als legitim und was als illegitim betrachtet wird, konnte in den folgenden Jahrzehnten der Umweltschutz zunehmend erfolgreich durchgesetzt werden, auch in Deutschland: zunächst, in den 1970er Jahren, durch ein klares Mandat im Grundgesetz; und in der Folge dann in konkreten Gesetzen, welche die Freiheit der Verschmutzer einschränkten, sie dazu zwangen, ihre dreckschleudernden Anlagen beziehungsweise Produkte zu verschrotten und stattdessen Güter höherer (Umwelt-)Qualität zu nutzen und auf den Markt zu bringen.

Wie damals die produzierende Industrie pocht die Medienindustrie heute allein auf ihre „Freiheit“, stellt sich auf ihrem Qualitätsauge hingegen blind. Der Qualitätsmangel, der den Medien in ihrer Berichterstattung, vor allem in ihrer Kommentierung der Ukraine-Krise, vorgehalten werden kann, ist ihre Beteiligung an einer „Feindbildproduktion“. Wem diese Bezeichnung zu drastisch ist, für den sei sie übersetzt mit: „Herbeiführen von Gegensätzen in den Köpfen.“ Das ist die Formel, mit der Außenminister Steinmeier dasselbe den versammelten Chefs der Medien beim „Führungstreffen Wirtschaft“ der Süddeutschen Zeitung am 27. November 2014 in Berlin vorgehalten hat:

Diese ‚Hochkonjunktur der Gegensätze‘ geht leider viel weiter als die politischen Differenzen, die den Kern der Krisen bilden: Sie lässt die Gegensätze in den Köpfen wachsen!

„Die Köpfe“ sind der „Ort unseres kollektiven Bewusstseins“. Und statt von „produzieren“ spricht Steinmeier, übervorsichtig, lediglich subjektlos von „wachsen lassen“. Es ist offenkundig, dass er vom Selben spricht. Jedoch redet er davon so kompliziert, dass kaum mediengerecht zitierbar ist, dass er das gefährliche Phänomen „mediale Feindbildproduktion“ angesprochen hat. „Feindbildproduktion“ ist eine gefährliche Form der kollektiven Bewusstseinsverschmutzung. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat beim Staatsakt der deutsch-deutschen Einigung am 3. Oktober 1990 unzweideutig formuliert, um welche Gefahr es geht:

„Wir stehen vor der klaren Alternative, Europa zu einigen oder gemäß leidvollen historischen Beispielen wieder in nationalistische Gegensätze zurückzufallen.“

Feindbildproduktion befördert „nationalistische Gegensätze“. „Nationalistische Gegensätze“ sind historisch konnotiert mit Gewalt. Gewalt aber ist gefährlich.

Weshalb sind wir hinsichtlich des gewaltträchtigen Phänomens „Bewusstseinsverschmutzung“ im Jahre 2015 noch lediglich dort, wo wir beim Phänomen „Umweltverschmutzung“ in den 1960er Jahren waren? Wieso gelingt es uns immer noch nicht, die Werte „Freiheit“ und „Qualität“ in eine vernünftige Balance zu bringen? Die Antwort möchte ich in Form von zwei Hinweisen geben.

Erstens. Das Analogon „Umweltverschmutzung“ lehrt uns: Es braucht zunächst ein Mandat und dann eine Instanz, der gegenüber angesichts des tumben Beharrens der Produzenten auf (absoluter) „Freiheit“ der Anspruch auf Qualität korrigierend geltend gemacht werden kann. Deutschlands Medienverfassung ist in dieser Hinsicht schon eine negative Besonderheit. Für gedruckte Medienprodukte existiert eine solche Instanz in Form des Deutschen Presserates mit seinem Pressekodex. Für Hörfunk und Fernsehen hingegen, also insbesondere für die Öffentlich-Rechtlichen Sender, existiert keine solche Instanz, die gültige Regeln für alle aufgestellt hätte.

Hier gilt noch die alt-preußische Maxime: „Der Staat hat immer recht!“ (die übrigens dazu geführt hat, dass der Preußische Meteorologische Dienst keine – öffentlichen ‑ Wetterprognosen abgeben durfte, weil zum Wesen einer solchen Prognose gehört, dass man sich irren kann). Dies macht verständlich, weshalb es zu der Notaktion des Programmbeirats der ARD im Jahr 2014 kam, in der er eine Stichprobe von einschlägigen Sendungen des Ersten Programms nach dem Kriterium „Voreingenommenheit“ bewertete und zu einem eindeutig negativen Urteil gelangte (siehe http://www.heise.de/tp/artikel/42/42784/1.html).

Zweitens. Als der langjährige Premierminister Tony Blair sich entschieden und verkündet hatte, dass er von seinem Spitzenamt zurücktreten werde, war er nicht mehr abhängig von den Medien seines Landes. Er nutzte die Einladung zu einer Rede vor einem passend gewählten Auditorium, um öffentlich auf Mängel und den Reformbedarf der Medienindustrie hinzuweisen – in der Erwartung, auch in diesem Fall mit einer offenherzigen und gut vorbereiteten Rede sowie dem Bonus des Amtsinhabers eine öffentliche Erörterung der Mängel anstoßen zu können. Er sah sich getäuscht, wie er später in seiner Zeugenaussage bei der Leveson Inquiry kund tat: Anders als bei sämtlichen anderen von ihm in diesem Sinne konzipierten Reden fand diese eine keine Medienresonanz.

Die „Bewusstseinsverschmutzung“ ist eben produziert. Der Bürger, der im Wortsinne „Bürger“ sein will, ist gezwungen, Kraft aufzuwenden, um sich dem Sog des medialen Scheins wenigstens ein wenig zu entziehen. Sonst entsteht ein kollektives Bewusstsein, das seiner regulativen Idee in der Staatsform „Demokratie“ nicht zu entsprechen vermag.

 

 

Vgl. dazu die folgende Meldung vom 6.6.14 (Interfax Ukraine):
<<Interior Minister Arsen Avakov has said. „I have decided that a hundred percent of combat and patrol units of the Interior Ministry will take part in the antiterrorism operation. This is not only a necessity but also a test of their proficiency, spirit and patriotism. The tempering of units with real threats and challenges is a factor of the creation of a new police force which will be trusted by the public,“ … Avakov reported that 21 officers of the Chernihiv special-purpose patrol battalion comprising volunteers refused to go on a patrol mission in Luhansk region. „The battalion was assigned a patrolling mission in Luhansk region the day before yesterday. Eighty-six men departed to the designated sector to do a man’s job and to accomplish a combat mission in the regime of antiterrorism patrols. Twenty-one persons refused to go and submitted their resignations… They were dismissed immediately,„>>