1. Mit welchen Waffen?
Angesichts der Bedrohung durch Russland müsse aufgerüstet werden, darüber besteht weitgehend Einigkeit. An ministerialen beziehungsweise journalistischen Formeln dafür, „wehrhaft“, „kriegstüchtig“, „si vis pacem, para bellum“ bis hin zu dem wundersamen „Schutz vor Gewalt (durch Gewalt)“ seitens ausgerechnet der Evangelischen Kirche besteht kein Mangel. Ein offenkundiger Mangel besteht aber an einer Konzeption zur Planung und Umsetzung des allgemeinen Konsenses.
Das ist die zentrale verteidigungspolitische Aufgabe des Politik-Establishments, eine unaufgebbare – die Verantwortlichen jedoch ducken sich weg. Rüstungsbeschaffung und Ziel-Personalbestand der Bundeswehr, auch die Qualifikation des benötigten Personals, sind, so scheint es, Tabuthemen – zumindest der öffentlichen Diskussion, auch der Sicherheitsforschung.
Dieser Mangel wird öffentlich nicht wahrgenommen. Rüstungsbeschaffungsvorgänge, wie sie dem Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages zulaufen, werden generell als positiv dargestellt, nach dem Motto: „Hauptsache das Geld wird ausgegeben, Hauptsache wir erfüllen das 3,5-Prozent-Ziel, welches wir der NATO zugesagt haben.“ August Pradetto zitiert aus einem Gespräch mit einem aktiven Kommandeur der Bundeswehr – demnach sind die 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen der Ampel-Regierung für Beschaffungen ausgegeben worden, die nach dem Motto bestimmt wurden: „Die Ministerin / der Minister ließ Listen an die Teilstreitkräfte austeilen, mit der Frage: Was wünscht Ihr Euch dringend? Eine Strategie zur Bewältigung der Aufgabe „Landesverteidigung“ war dabei nicht leitend.“
Doch mit unnützen Ausgaben wird zwar das Ausgabeziel, nicht aber der sicherheitliche Sinn der 3,5-Prozent-Ziel-Formel erreicht. Man kann nicht irgendwie rüsten. Soll Rüstung der Sicherheit dienen, muss man wissen, worauf man hinaus will. Dazu hat ein Zielkonzept von Fähigkeiten der Streitkräfte leitend zu sein. Das darf zudem nicht willkürlich, nach dem Motto: ‚wünsch Dir was‘, gestrickt sein. Es hat vielmehr dem Kriegsbild beziehungsweise den Fähigkeiten des Gegners angemessen zu sein.
Das alles fehlte bislang. Es machte lange Zeit den Anschein, als ob Rüstungsbeschaffung und Personalplanung hirntot seien.
2. Die von Teilstreitkräften verfolgte Dimension der Aufrüstung für die Bundeswehr
Dann wurde mitgeteilt: Generalinspekteur Carsten Breuer habe den Auftrag, bis April 2026 einen Aufwuchsplan für die neue Gesamtstärke der Bundeswehr in Zukunft vorzulegen – offenbar mit Zielangaben für die Jahre 2029 und 2035 im Vergleich zum Bestand in 2025. Dafür wird er die „Bedarfsmeldungen“ der Teilstreitkräfte abgefragt haben. Erste Papiere haben die Öffentlichkeit erreicht. So kann man heute wissen, was das Heer sich an Aufwuchs in Zukunft wünscht. Insgesamt sollen bis zum Jahre 2035
- 1.300 gepanzerte Fahrzeuge und 800 mobile Artillerie-Systeme zulaufen.
- Die Zahl der Bataillone des Heeres soll von 65 auf 150 aufwachsen.
- Die Personalplanung des Heeres sieht eine Steigerung im selben Zeitraum von 61.000 auf 150.000 vor, das ist um gleichfalls den Faktor 2,3.
(Vgl. Abbildung, Quelle: Zeitschrift des Reservistenverbandes .loyal)
3. Die vermutlich obsolete Panzer-Großbestellung
Ende Juni 2024 hatte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages mehrere Großbestellungen aus dem Verteidigungsministerium abgesegnet, also auf Anforderung der damals noch amtierenden, an Geld äußerst knappen Ampel-Regierung. Darunter die Anschaffung von 105 neuen Kampfpanzern (Leopard 2A8), von denen 35 Fahrzeuge für die Brigade in Litauen vorgesehen sind.
Die Kosten dafür betragen insgesamt knapp drei Milliarden Euro, also etwa 28 Millionen Euro pro Panzer. Von der insgesamt freigegebenen Summe wurden knapp 2,2 Milliarden Euro damals und bislang in den Etatplanungen qua Verpflichtungsermächtigungen nicht berücksichtig. Das war erst die erste Tranche der Bestellungen gepanzerter Fahrzeuge im Wert von 50 Milliarden Euro, deren Einsatz frontnah vorgesehen ist.
Im Juli 2025 wurde bekannt, dass das Verteidigungsministerium die Anschaffung von rund 1.000 Kampfpanzern Leopard und rund 2.500 Radpanzern vom Typ Boxer vorbereite, mit einem geplanten Zulauf in den nächsten zehn Jahren. Kosten 25 Milliarden Euro.
Warum aber werden seitens der Bundeswehr unbeirrt solche Fahrzeuge beschafft, die heute im Ukraine-Krieg an der Front keine Rolle mehr spielen? Wo doch der Ukraine-Krieg als fortschrittlichstes Muster moderner digitaler Kriegsführung gilt? Schafft man gleichsam Schlachtschiffe an, obwohl der U-Boot-Krieg bereits als kommend absehbar ist?
Auch früher waren Panzer aus der Luft bedrohbar, durch Flugzeuge beispielsweise. Doch bei Luft-Boden-Raketen braucht es eine extrem ausgefuchste und sehr entwicklungsintensive Steuerelektronik. Mit modifizierten Baumarktdrohnen geht heute alles viel einfacher, da die Drohnenpiloten, Menschen also, den Steuerungscomputer ersetzen. Der Panzer hat die geringste Panzerung oben, dort liegt seine Achilles-Ferse. Bereits bei Kleinst-Drohnen, ab etwa drei Kilogramm Nutzlast, ist auch ein Leopard 2 A8 nicht mehr sicher. Er kann sich auch getarnt nicht vor Infrarot-Sensoren verstecken, denn der Verbrennungsmotor produziert Hitze. Beim E-Panzer wäre das anders. Im Ukraine-Krieg werden Vorstöße nun von Soldaten auf E-Mopeds vorgetragen – die haben die leicht entdeckbaren Panzer ersetzt. Die Panzerverbände sind funktional Nachfolger der Kavallerie – beide trugen das mobile beziehungsweise offensive Moment der Landkriegsführung. Mit dem Ukraine-Krieg scheint belegt, dass sowohl das Offensiv-Moment auf dem Boden als auch die Idee der umfassenden Luftüberlegenheit an ihr jeweiliges Ende gekommen sind. Grund ist die Verlagerung der Mobilität in die Höhe, und das mit Billigwaffen, die Massenflotten und damit Übersättigung möglich machen.
Selbst in Zeiten unvollständigen Friedens, in Zeiten latenter Kriegsführung mit Mitteln, die nicht klar attributierbar sind, sind auch die wertvollen Fahrzeuge der Bundeswehr-Brigade in Litauen auszuschalten – es bedarf nur geringen Aufwand (Baumarktdrohnen) und gute Planung. Die aktuell kaum vorhandenen Drohnenabwehr-Mittel der Bundeswehr laden geradezu dazu ein, die höchst verletzlichen superteuren Fahrzeuge noch in Friedenszeiten schrottreif zu machen.
Wie erwähnt ist man im Ukraine-Krieg vom Einsatz gepanzerter Großfahrzeuge abgekommen – die Drohnen scheinen sie beidseits der Frontlinie in die Obsoleszenz getrieben zu haben.
4. Öffentliches Beschweigen und erste deutsche Militärstrategie
In einer Demokratie nach Lehrbuch würden solche Phänomene, die auf der Hand liegen, Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein. In Deutschland herrscht Schweigen dazu.
Meine Erwartung war, dieses Schweigen würde durch die Vorlage des Aufwuchsplans, zu dem Generalinspekteur Breuer verpflichtet worden war, beendet. Zum avisierten Zeitpunkt wurde denn auch ein Papier, die ‚Deutsche Militärstrategie‘ unter dem offiziellen Titel „Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte“, veröffentlicht. Doch was da auf wenigen Seiten an abstrakten Sätzen zusammengestoppelt wurde, gespickt mit historischen Unrichtigkeiten, so unter den Kapitelüberschriften „Bedrohungsumfeld“ und „Kriegsbild“, ist der Lektüre und einer Besprechung hier nicht wert. Die Hochglanzbroschüre, in der viele Seiten durch ganzseitige Photos belegt wurden, signalisiert kristallklar die Botschaft: „Wir wollen zu diesen Themen keine öffentliche Diskussion!“. Das Kapitel „Das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr: Plan für die Streitkräfte“ enthält schlicht kein Fähigkeitsprofil der Bundeswehr.
Anders gesagt: Die deutsche Militärstrategie ist defensiv angelegt gegenüber dem Souverän in der Demokratie. Ob sie auch inhaltlich defensiv angelegt ist, wird unter dem Schleier der angeblich erforderlichen Geheimhaltung verborgen – wie dann der Gegner abgeschreckt werden soll, wird nicht erläutert. Wer eine Andeutung zu pikanten Inhalten des geheimen Teils erhalten will, muss sich um die Ecke informieren. Der strategische Kopf und Politik-Chef im US-Verteidigungsministerium, Elbridge Colby, ist eine geeignete Quelle. Er formulierte als zentrale Stichworte „transition to NATO 3.0“ und „one-theater approach“.
5. Der Colby Post
Hier Auszüge aus Colbys Post, bei dessen Lektüre einem klarwerden kann, was der „one-theater approach“ konkret bedeutet: Anforderungen an die NATO-Verbündeten zur allfälligen Beteiligung außerhalb des präzise abgegrenzten NATO-Gebietes. Die Anforderung zur Beteiligung im Persischen Golf ist für diese generelle Erwartung ein Indiz.
„Präsident Trump hat zu Recht dargelegt, dass Europa mehr Verantwortung übernehmen muss und die NATO nicht länger ein Papiertiger sein darf. Durch die historischen Haager Verpflichtungen hat Europa damit begonnen. … 1/
Deutschland übernimmt nun die Führungsrolle in dieser Angelegenheit. Nach Jahren der Abrüstung tritt Berlin verstärkt in Aktion. Der DOW arbeitet bereits eng mit europäischen Verbündeten zusammen, insbesondere mit Deutschland, um diesen Übergang zu NATO 3.0 zu beschleunigen. 2/
Berlins neue Militärstrategie zeigt einen klaren Weg nach vorn, und wir freuen uns darauf, eng mit der BRD zusammenzuarbeiten, um dies umzusetzen. Nachfolgend einige zentrale Auszüge: 3/
Generalmajor Carsten Breuer schrieb im Vorwort der Strategie: „Die Militärstrategie … stellt einen Paradigmenwechsel dar und untermauert unseren Anspruch, eine aktive und maßgebliche Rolle zu spielen.“ 4/
Die Strategie bekräftigt ebenfalls, dass „Deutschland…zusätzliche Belastungen übernehmen wird, …Die Bundeswehr wird dadurch zur stärksten konventionellen Armee Europas.“ 5/
„Deutschland übernimmt eine historisch beispiellose Verantwortung für Europa und wird auf dieser Basis weiter aufbauen. Die NATO muss europäischer werden, um transatlantisch zu bleiben.“ 6/
„Die Vereinigten Staaten sind für die NATO unerlässlich. Sowohl politisch als auch aufgrund ihrer militärischen Fähigkeiten. Allerdings hat sie angezeigt, dass sie ihren strategischen Fokus zunehmend auf ihre westliche Hemisphäre und den indopazifischen Raum verlagert.“ 7/
„Neben dieser Neuausrichtung auf den Indo-Pazifik fordert die Vereinigten Staaten in ihrer Nationalen Verteidigungsstrategie für 2026, dass ihre Verbündeten ihre Bemühungen zur Sicherung ihrer eigenen Sicherheit verstärken. Deutschland muss daher ein noch stärkerer militärischer Verbündeter der Vereinigten Staaten werden, während es gemeinsam mit anderen Verbündeten mehr Verantwortung für die gemeinsame euro-atlantische Sicherheit übernimmt.“ 8/
Darüber hinaus würde eine „nationale und europäische Projektionsfähigkeit die Abschreckung und kollektive Verteidigung stärken, die Last für die Vereinigten Staaten erleichtern und die Fähigkeit Europas zur eigenständigen Handlung verbessern.“ Mit anderen Worten: Ein stärkeres Europa wird in der Lage sein, mehr zum kritischen Einsatz in wichtigen Missionen beizutragen, wie der Präsident betont hat. 9/
Deutschlands Militärstrategie stellt einen klaren, glaubwürdigen Weg nach vorn zu NATO 3.0 dar: Eine NATO, in der Europa und Kanada ihre Verantwortlichkeiten innerhalb der Allianz übernehmen und sie von einem Papiertiger zu einem starken Abschreckungs- und Verteidigungsinstrument umwandeln.
Präsident Trump hat die klare und einheitliche Botschaft vermittelt, die Europa und Kanada hören müssen. Wir bei DoW stehen bereit, um uns mit denen zu engagieren und sie zu unterstützen, die seiner Botschaft folgen und echte Maßnahmen mit der Geschwindigkeit der Relevanz ergreifen.“ 10/10
Vor diesem Hintergrund sollte die deutsche Öffentlichkeit schon davon in Kenntnis gesetzt sein, was die Bundeswehr an Fähigkeiten, insbesondere der Marine, anzuschaffen intendiert, die bei Bedarf zur Unterstützung der USA im pazifischen Raum geeignet sind. Worüber man verfügt, ist anforderbar. Das Kriterium einer Anschaffung von Fähigkeiten „zur Landesverteidigung“ sollte deshalb strikt restriktiv ausgelegt werden – möglichst in Abstimmung mit Kanada.
6. Schlaglicht auf die Debatte zum Personalbedarf der Bundeswehr
Strategie der NATO ist ein konventioneller High-Tech-Abwehr-Schlag: Schnell, präzise und massiv. Gestützt auf Abstandswaffen von Luftwaffe, Heer und Marine. Militärischer Vorteil soll nicht primär durch Masse, sondern durch Schnelligkeit entstehen – durch das Überholen gegnerischer Entscheidungsprozesse. Das Konzept ist ausdrücklich auf Schnelligkeit, frühe Wirkung und die Herstellung von Eskalationsdominanz ausgerichtet: Der Gegner soll handlungsunfähig gemacht werden, bevor er selbst wirksam reagieren kann. Im Bild gesprochen: Statt wie früher aufwändig einzelne Pfeile abzufangen, gilt es nun, den gegnerischen Bogenschützen, also dessen Logistik, seine Aufklärungs- und Befehlsstrukturen beziehungsweise seine Gefechtsstände, im Anbeginn auszuschalten.
Diese präemptive und spitzentechnologische Ansatz bringt einen entsprechenden Bedarf an ausgebildeten Soldaten als Spezialisten mit sich. Die Rolle Deutschlands als logistische Drehscheibe verlangt ebenfalls ein ganz anderes Personal als dem Bild eines Soldaten als jungem Kämpfer entspricht. Das müssen gerade keine im physischen Sinne „wehrfähigen“ Personen sein, deren Eignung qua „Musterung“ durch Mediziner einschätzbar ist. Da braucht es vielmehr ein Einsatzbild und Recruiting durch Personalberater.
Das intendierte Kriegskonzept aber kann misslingen, Russland hat es mit seinem Angriff auf Kiew im Februar 2022 vorgeführt. Nach der High-Tech-Phase kommt die „Ukraine-Phase“. Dann beginnt der Abnützungs-Krieg, als Krieg in seiner schmutzigsten Bedeutung. Erst für den und nur für den benötigt man junge Menschen in großer Zahl mit geeigneter physischer Verfassung als Kämpfer an der Front. Einzugestehen, dass man mit dem Wehrpflicht-Ansatz und der Rekrutierung von Menschen im fast noch jugendlichen Alter Vorsorge für Phase 2 trifft, steht an.
Dafür brauche man, so die offizielle Planung aus dem Bundesministerium für Verteidigung, eine „Feldreserve“ in der Größenordnung von 200.000 Mann – und man hat deren Waffen zu beschaffen und zu lagern. So die Planung des Kommandeurs Feldheer und Beauftragten für Reservistenangelegenheiten im Heer. Nur: (a) was sind „deren (geeignete) Waffen“? (b) Die Sicherheitsjournalistin Julia Weigelt hat dem quantitativen Bedarf mit Hinblick auf die erforderliche Qualifikation widersprochen. Sie hat darauf aufmerksam gemacht:
„Wir haben in Deutschland kein Reserveproblem. Wir haben bereits 900.000 Reservistinnen und Reservisten unter 65 Jahren, und ja, auch 55jährige können im Ernstfall in Stäben gut Verwaltungsarbeit machen. … Das Problem ist eher, dass die Bundeswehr deren Adressen nicht hat.“
Warum ist die Bundeswehr so versessen darauf, durch Wehrpflicht über Personen verfügen zu können, die in ihrer Urteilskraft noch wirklich Erwachsene im Vollsinne sind? Warum wird in der Wehrpflichtdebatte die Frage der geeigneten Jahrgänge nicht thematisiert? Ist das Auswahlkriterium vielleicht eigentlich die eigenständige Urteilskraft? Das Robben-Können durch’s Gelände, die sportlichen Fähigkeiten, sind es angesichts des erwartbaren Frontgeschehens eher nicht.
Hans-Jochen Luhmann, Mitglied der Studiengruppe „Frieden und Europäische Sicherheit“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW).
