NGOs veröffentlichen die “Global Oil & Gas Exit List” auf der COP 26 in Glasgow

 

Die Finanzindustrie verspricht öffentlich “Net Zero”, unterstützt aber weiterhin uneingeschränkt die Expansion der Öl- und Gasindustrie. Die derzeit geplanten Öl- und Gaspipelines würden für die halbe Strecke bis zum Mond reichen. Dies beispielsweise geht aus der “Global Oil & Gas Exit List” (GOGEL) hervor, der weltweit ersten öffentlichen, umfangreichen Datenbank zu Unternehmen aus der Öl- und Gasindustrie, vorgestellt von der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald und mehr als 20 internationalen Partner-NGOs im Rahmen des UN-Klimagipfels 2021 in Glasgow.



 

(Glasgow/Schottland, 4. November 2021) Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald und mehr als 20 internationale Partner-NGOs stellen heute im Rahmen des UN-Klimagipfels in Glasgow die „Global Oil & Gas Exit List“ (GOGEL) vor. Sie ist weltweit die erste öffentliche, umfangreiche Datenbank zu Unternehmen aus der Öl- und Gasindustrie. GOGEL umfasst derzeit 887 Unternehmen und bildet damit knapp 95 Prozent der weltweiten Öl- und Gasproduktion ab. Nutzer*innen der Datenbank, insbesondere aus der Finanzindustrie, können mit GOGEL die Öl- und Gasfirmen mit den größten Expansionsplänen sowie mit den umstrittensten Formen der Öl- und Gasförderung leicht identifizieren.

„In den letzten zwei Jahren haben wir eine Welle von Richtlinien zum Ausschluss von Kohle durch Finanzinstitute gesehen, aber fast keine, die sich mit Öl und Gas befassen. Mit Hilfe von GOGEL wollen wir sowohl öffentliche als auch private Finanzinstitute dazu bewegen, die Expansion der Öl- und Gasbranche nicht länger zu unterstützen. Die Finanzindustrie muss ihrer Verantwortung bei allen fossilen Energieträgern gerecht werden“, sagt Katrin Ganswindt, Senior Finanz-Campaignerin bei urgewald.

Rücksichtslose Expansionspläne

Laut dem UN-Umweltprogramm (UNEP) steigen die Treibhausgasemissionen, die auf die Öl- und Gasindustrie zurückzuführen sind, rapide an. Erdgas leistet demnach in einigen Regionen der Welt inzwischen den größten Beitrag zu den fossilen CO2eq-Emissionen (Kapitel 2, UN Emissions Gap Report 2020). „Unsere Zahlen belegen, dass die Branche sich insgesamt auf einem rücksichtslosen Expansionspfad befindet“, sagt Nils Bartsch, Leiter GOGEL-Research bei urgewald. Selbst wenn die Nutzung von Kohle über Nacht beendet würde, würden die Emissionen aus bereits erschlossenen Öl- und Gasvorkommen das gesamte weltweite CO2-Budget für 1,5 Grad Celsius ausschöpfen. GOGEL zeigt zudem auf, dass mehr als 95 Prozent der in der Datenbank gelisteten Öl- und Gasunternehmen im Upstream-Bereich weiterhin nach neuen Reserven suchen beziehungsweise die Förderung vorbereiten.

„Wir sollten uns nicht von den unrealistischen Net Zero-Versprechungen der Öl- und Gasunternehmen für 2050 täuschen lassen. Die Einhaltung unseres 1,5-Grad-Celsius-Budgets erfordert jedoch mindestens einen sofortigen Expansionsstopp“, sagt Bartsch. Ganswindt ergänzt: „Hinter jeder expandierenden Öl- und Gasfirma stehen Banken, Investoren und Versicherungen, die diese Pläne unterstützen. GOGEL wurde so konzipiert, dass insbesondere die Expansion auf Unternehmensebene sichtbar wird, sowohl für die Finanzindustrie als auch die allgemeine Öffentlichkeit.“

Welche Unternehmen geben am meisten für weitere Exploration aus?

Im Upstream-Subsektor beginnt Expansion mit der Exploration. GOGEL führt insgesamt 387 Unternehmen auf, deren durchschnittliche Investitionsausgaben (CapEx) für die Öl- und Gasexploration mehr als 10 Millionen US-Dollar pro Jahr betrugen.

  • In den letzten drei Jahren wurden insgesamt 168 Milliarden US-Dollar für Öl- und Gasexploration ausgegeben. Mehr als die Hälfte dieses Betrags ist jedoch auf nur 16 Unternehmen zurückzuführen.
  • Im Zeitraum 2019-2021 waren die fünf Unternehmen mit den größten jährlichen Investitionsausgaben für die Öl- und Gasexploration PetroChina (6 Milliarden USD), China National Offshore Oil Corporation (2,8 Milliarden USD), Shell (2,4 Milliarden USD), Sinopec (2,3 Milliarden USD) und Pemex aus Mexiko (1,9 Milliarden USD). (Um jährliche Schwankungen auszugleichen stellt GOGEL einen 3-Jahres-Durchschnitt der Investitionen in Öl- und Gasexploration (Exploration CapEx) der einzelnen Unternehmen zur Verfügung. Die Originaldaten stammen von Rystad Energy.)

 „Selbst die Internationale Energieagentur warnt mittlerweile vor weiterer Öl- und Gasexploration. Aber keine der großen globalen Banken ist bisher bereit, eine rote Linie für Kund*innen zu ziehen, die Milliarden von Dollar für die Öl- und Gasexploration ausgeben. Mitglieder der ‚Glasgow Financial Alliance for Net Zero‘ sind davon nicht ausgenommen“, kritisiert Ganswindt.

Welche Upstream-Öl- und Gasproduzenten sind die größten Expansionisten?

Viele Öl- und Gasunternehmen sind notorisch intransparent hinsichtlich ihrer Expansionspläne. GOGEL verwendet daher die renommierte Datenbank von Rystad Energy aus Norwegen, um zu ermitteln, welche neuen Öl- und Gasreserven in naher Zukunft in Produktion gebracht werden sollen. Bei der Berechnung der kurzfristigen Expansionspläne von Unternehmen berücksichtigt GOGEL Projekte, die sich in der Field-Evaluation-Phase befinden (Front-End-Engineering & Design abgeschlossen) und solche, die sich in unmittelbarer Entwicklung befinden (Investitionsentscheidung liegt vor). Dies sind die beiden Entwicklungsphasen von Öl- und Gasvorkommen, die der Produktionsphase unmittelbar vorausgehen. Die Analyse zeigt:

506 Upstream-Öl- und Gasproduzenten planen, ihr Produktionsportfolio innerhalb der nächsten 1 bis 7 Jahre um 190 Milliarden Barrel Öläquivalent (bboe) zu erweitern. (Der genaue Zeitrahmen hängt von der Art der Förderung ab. Bohrtürme auf hoher See haben in der Regel längere Entwicklungszeiträume als zum Beispiel Fracking-Bohrtürme.)

14 Unternehmen sind für mehr als die Hälfte dieser enormen Expansion verantwortlich. Die Top 5 sind: Qatar Energy (20 bboe), Gazprom (17 bboe), Saudi Aramco (15 bboe), ExxonMobil (7 bboe) und Petrobras aus Brasilien (7 bboe).

Neue Öl- und Gas-Infrastrukturprojekte

Infrastruktur für die Öl- und Gasindustrie wie Pipelines, LNG-Terminals oder Gaskraftwerke sind teuer im Bau und ihre geplante Betriebsdauer erstreckt sich über Jahrzehnte. Die 1.230 Kilometer lange Nord Stream 2-Pipeline von Gazprom kostete beispielsweise 9,5 Milliarden Euro und hat eine voraussichtliche Lebensdauer von 50 Jahren. Das Projekt Arctic LNG 2 von Novatek und Total wird über 21 Milliarden USD kosten und auf der Grundlage von Gasabnahmeverträgen über 20 Jahre finanziert.

„Neue Infrastrukturprojekte für die Öl- und Gasindustrie gefährden die Ziele von Paris, da sie uns für die nächsten Jahrzehnte auf einen hohen Emissionspfad festlegen. GOGEL führt aktuell 273 Midstream-Unternehmen auf, die neue Öl- und Gaspipelines oder Flüssiggas-Terminals (LNG) bauen. Dies ist ein todsicheres Rezept für den Klimakollaps. müssen solche Firmen als erstes ausschließen“, sagt Ganswindt.

Pipelines im Bau würden halbe Strecke von der Erde bis zum Mond abdecken

GOGEL listet alle Unternehmen auf, die mindestens 100 Kilometer neue Öl- oder Gaspipelines bauen. Diese Informationen stammen aus dem „Fossil Infrastructure Tracker“ von Global Energy Monitor (GEM), wobei die ermittelten Zahlen für jedes Unternehmen anteilig anhand der tatsächlichen Eigentumsverhältnisse berechnet werden.

„Die Zahlen sind wirklich erschreckend“, sagt Bartsch. „Derzeit befinden sich 211.849 Kilometer an Öl- und Gaspipelines in der Entwicklung. Das ist quasi die halbe Strecke von der Erde bis zum Mond.“ Die fünf größten Entwickler von Öl- und Gaspipelines sind: Gazprom (14,4 Tausend km), PipeChina (13,4 Tausend km), Sinopec (12,4 Tausend km), die China National Petroleum Corporation (9,3 Tausend km) und GAIL aus Indien (8,5 Tausend km). Insgesamt sind 29 Unternehmen für mehr als 50 Prozent der im Bau befindlichen Pipelines verantwortlich (gemessen an der Länge).

Verdopplung der weltweiten LNG Terminal Kapazitäten

Die Produktion von Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) ist besonders energieintensiv und zusätzlich treten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg Methanlecks auf. Zur Herstellung von LNG wird Erdgas zur Verflüssigung zunächst auf -162 Grad Celsius abgekühlt, dann auf LNG-Tanker verladen und zu weit entfernten Häfen verschifft, wo es wieder regasifiziert werden muss, bevor es in einem Kraftwerk verbrannt werden kann. Fast die Hälfte der gesamten Treibhausgasemissionen von LNG entstehen also, bevor überhaupt Strom erzeugt wird. „Massive Investitionen in LNG und neue Gaskraftwerke blockieren in ganz Asien den Übergang zu erneuerbaren Energien“, warnt Gerry Arances vom philippinischen Centre for Energy, Ecology and Development (CEED).

GOGEL listet alle Unternehmen auf, die LNG-Terminals mit einer Gesamtkapazität von mindestens 1 Million Tonnen pro Jahr (Mtpa) entwickeln. Ab 2021 sind neue LNG-Terminals mit einer Gesamtkapazität von 1.349 Mtpa geplant oder in der Entwicklung. Diese Zahlen basieren auf dem Fossil Infrastructure Tracker von Global Energy Monitor und beinhalten sowohl Export- als auch Importkapazitäten von LNG Terminals.

Bei vollständiger Realisierung dieser Projekte würde sich die weltweite LNG-Terminalkapazität verdoppeln. Die fünf größten bei GOGEL gelisteten LNG-Terminalentwickler sind: das US-Unternehmen Venture Global LNG (76 Mtpa), Qatar Energy (59 Mtpa), Kuwait Petroleum Corporation (33 Mtpa), Sinopec (29 Mtpa) and die China National Petroleum Corporation (27 Mtpa).

Das Who-is-Who der dreckigsten Produzenten

Die Öl- und Gasförderung wird zunehmend extremer, da die Produzenten in empfindlichen Gebieten wie der Arktis bohren, umstrittene Fördermethoden wie Fracking anwenden oder Öl- und Gasvorkommen erschließen, die einen besonders großen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, wie zum Beispiel Teersande oder Kohleflözgas. Nach GOGEL-Daten beruhen 35 Prozent der derzeitigen Öl- und Gasproduktion und sogar 50 Prozent der Expansionsprojekte auf solchen unkonventionellen Quellen. „Es ist unverantwortlich, dass die Öl- und Gasindustrie ihre Produktion überhaupt steigert ‑ und dabei auch noch auf die schmutzigsten und schädlichsten Arten, die von den Gemeinschaften in betroffenen Gebieten seit langem abgelehnt werden”, sagt Alison Kirsch vom Rainforest Action Network in den USA.

GOGEL deckt sechs Kategorien von unkonventioneller und besonders umstrittener Öl- und Gasförderung ab: Fracking, Teersande, Schwerstöl, Kohleflözgas, Öl und Gas aus der Arktis sowie aus Tiefstwasserbohrungen (1.500 Meter oder tiefer unter dem Meeresspiegel).

Die größten Produzenten (absolute Mengen) für jede Kategorie sind:

  1. Fracking: ExxonMobil, Occidental Petroleum und EOG Resources
  2. Teersande: Canadian Natural Resources, Suncor Energy und Cenovus Energy
  3. Schwerstöl: Pemex, Ecopetrol und Chevron
  4. Kohleflözgas: Shell, ConocoPhillips und Origin Energy
  5. Arktis: Gazprom, Novatek und Rosneft
  6. Tiefstwasser: Petrobras, Shell und BP.

Wann werden bei der Finanzindustrie den Worten endlich Taten folgen?

„Trotz einer Flut von Netto-Null-Allianzen und Erklärungen von CEOs zum Klimaschutz weigert sich die überwiegende Mehrheit der Finanzinstitute immer noch das Offensichtliche zu tun: Ihre Unterstützung für die Expansion von Öl und Gas zu beenden und Kunden auszuschließen, die keine Pläne haben, ihre Produktion im Einklang mit dem 1,5-Grad-Celsius-Ziel herunterzufahren“, sagt Lucie Pinson von der NGO Reclaim Finance.

Eine Bank, die beschlossen hat, diesen Weg zu gehen, ist La Banque Postale, die elftgrößte Bank in der Eurozone. Im Oktober 2021 kündigte sie an, ihre Finanzdienstleistungen für alle Unternehmen, die am Ausbau der Öl- und Gasindustrie beteiligt sind, einzustellen und sich bis 2030 aus der gesamten Branche zurückzuziehen. Skender Sahiti Manzoni von der Banque Postale sagt: „Wir begrüßen die Veröffentlichung der Global Oil and Gas Exit List von urgewald. Sie wird eine wichtige Ressource für die Umsetzung unserer Entscheidung sein.“

Über GOGEL

GOGEL soll die Entwicklung sinnvoller Öl- und Gas-Richtlinien im Finanzsektor beschleunigen. GOGEL deckt 94 Prozent des Upstream Öl- und Gassektors, 91 Prozent der geplanten LNG-Terminal-Kapazität und fast 75 Prozent der Entwicklung neuer Öl- und Gaspipelines ab. Zusätzlich hebt GOGEL auch die Beteiligung von Unternehmen an Projekten mit hohem Reputationsrisiko hervor. Dazu gehören Projekte, die gewaltsame Konflikte verschärfen, immense soziale oder ökologische Schäden verursachen oder durch Gerichtsverfahren und den Widerstand von Gemeinden angefochten werden. Dieser Teil der Datenbank wird im Laufe des Jahres auf der GOGEL-Webseite aktualisiert und ergänzt. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung stehen Analysen zu 20 Projekten zur Verfügung.

Die Hauptinformationsquellen von GOGEL sind Rystad Energy, der „Fossil Infrastructure Tracker“ von Global Energy Monitor und Unternehmensdatenquellen wie Jahresberichte, Börsenberichte und Investorenpräsentationen. GOGEL wird jedes Jahr im Herbst aktualisiert. Zudem sollen zukünftig weitere Teilbereiche der Öl- und Gasindustrie, wie zum Beispiel Gaskraftwerke und Projekte im Bereich Petrochemie abgebildet werden. Tom Kruse vom Rockefeller Brothers Fund sagt: „Dies ist die Datenbank, auf die wir alle gewartet haben. Sie ist öffentlich, sie ist akribisch recherchiert und sie ist ein wichtiges Instrument, um uns zu helfen, das Zeitalter der fossilen Brennstoffe zu beenden.“

GOGEL ist hier zu finden: www.gogel.org

Katrin Ganswindt ist verantwortlich für Kampagnen zum Kohleausstieg in der Energie- und Finanzindustrie bei urgewald.
Der UN “Emissions Gap Report 2020” steht über diesen Link zum Download als PDF bereit.
Der “Big Oil Reality Check” steht über diesen Link zum Download als PDF bereit.