Wachstum in der Klimawissenschaft: Ein blinder Fleck

 

(Berlin, 27.September 2018) Eine heute veröffentlichte Studie der Heinrich-Böll-Stiftung und des Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V. kritisiert die in den Berichten des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change ‑ IPCC) berücksichtigten Klimaschutzszenarien als unzureichend. Die von Kai Kuhnhenn vom Konzeptwerk erstellte Untersuchung bemängelt, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen weiterhin ausschließlich auf konventionellen Wachstumsmodellen basieren und zeitweise Überschreitungen der Erwärmungsgrenzen von 1,5°C oder 2°C zulassen. Die zu viel ausgestoßenen Emissionen sollen nachträglich mit riskanten Technologien zur CO2-Entnahme wieder eingefangen werden. Effektive politische Maßnahmen jenseits der Wachstumslogik, etwa weniger Produktion und Konsum in bestimmten Bereichen wie zum Beispiel der Schwerindustrie, fänden somit kaum Eingang in die klimapolitischen und gesellschaftlichen Diskussionen.

Kai Kuhnhenn zur Studie: „Grundsätzlich sind die IPCC-Berichte und ihre globalen Klimaschutzszenarien wichtige Instrumente, um mögliche Wege hin zu einer klimafreundlichen Welt zu entwickeln, denn sie bilden die zentrale Grundlage für politische und gesellschaftliche Aushandlungen zum Klimaschutz. Doch die derzeitigen globalen Klimaschutzszenarien gehen vor allem von weiterem Wirtschaftswachstum aus, auch im globalen Norden. Maßnahmen, die zu weniger Produktion und Konsum führen, kommen darin nicht vor. Damit wird ein Wandel hin zu einer Gesellschaft ohne Wirtschaftswachstum als Möglichkeit ausgeblendet.“

Linda Schneider, Referentin für Internationale Klimapolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung ergänzt die Kritik am Weltklimarat (IPCC): „Die Potentiale hocheffektiver, nicht-wachstumsbasierter Klimaschutzmaßnahmen werden vorneherein verschenkt, wenn sie in den Modellszenarien des IPCC nicht einmal erwähnt werden. Dabei können zum Beispiel eine nachhaltige und naturnahe Waldbewirtschaftung, Agrarökologie oder eine echte Zero-Waste-Kreislaufwirtschaft einen gewaltigen Beitrag zu Emissionsreduktionen leisten und nebenbei die Funktionen natürlicher Senken stärken. Das zeigen auch zahlreiche Erfahrungen von konkreten Projekten und sektoralen Studien aus der ganzen Welt, die die Heinrich-Böll-Stiftung erst jüngst vorgestellt hat.“

Lili Fuhr, Referentin für Internationale Umweltpolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung: „Für eine zukunftsfähige und handlungsrelevante Klimapolitik braucht es mehr radikalen Realismus. Damit alternative Zukünfte überhaupt vorstellbar werden, muss ein Kurswechsel bereits bei der wissenschaftlichen Modellierung und der Auswahl von Szenarien anfangen. Politik und die Zivilgesellschaft sollten dies in aller Deutlichkeit einfordern und durch spezifische Forschungsprogramme und Fördermittel unterstützen. Solange dies nicht passiert, muss klar kommuniziert werden, dass aktuelle klimaökonomische Modellergebnisse keine geeignete Grundlage für eine echte sozial-ökologische Transformation darstellen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sie zur Steilvorlage für die Erforschung und Erprobung riskanter Geoengineering-Technologien werden.“

Die heute vorgestellte Studie „Wachstum in der Klimawissenschaft: Ein blinder Fleck“ fordert eine stärkere Einbeziehung und gezielte Erforschung von Entwicklungspfaden jenseits von ausschließlich wachstumsbasierten Szenarien und eine konsequentere Berücksichtigung innovativer ökonomischer Denkmodelle.