Weniger Licht. Mehr Erleuchtung

 

Sowohl in Hamburg (“Hamburg Werbefrei”) wie in Berlin (“Volksentscheid Berlin Werbefrei”) gibt es Initiativen, die der Bevölkerung ein Verbot von Leuchtreklamen zum Entscheid vorlegen wollen. Neben einer substanziellen Energieeinsparung nimmt ein Verbot die Überkommerzialisierung im öffentlichen Raum zurück, vermindert die insekten- und vögelgefährdende Lichtverschmutzung und verbessert die Verkehrssicherheit. Die Initiativen rechnen vor, dass eine einzige beidseitig betriebene digitale Werbeanlage im CityLightPoster-Format (etwa zwei Quadratmeter Werbefläche) bei einem durchgängigen Betrieb einen jährlichen Energieverbrauch von gut 15.000 kWh hat – das entspräche etwa dem von 10 Einpersonenhaushalten oder 100 Kühlschränken, von Gerd Grözinger.



Nicht unerwartet, wackeln die Grünen jetzt auch beim Weiterbetrieb von Atomkraftwerken. In München trommeln sie schon dafür, dass ihr bayerisches AKW ruhig einige Monate mehr laufen könnte. Es „darf ein Streckbetrieb von Isar 2 kein Tabu sein“ heißt es etwa von der Zweiten Bürgermeisterin. Aber es war nie ein Tabu. Sondern der Ausstieg aus der Kernenergie war eine vernunftgeleitete Entscheidung, weil diese eine zu teure und zu gefährliche Technologie darstellt. Aber mit einem Denkverbot ist dafür etwas anderes belegt. So kommt in der öffentlichen Diskussion praktisch nicht vor, statt der Produktionssteigerung von Elektrizität durch stets waghalsige Nuklearanlagen lieber systematisch den Verbrauch zu senken. Man könnte vor allem damit anfangen Leuchtreklamen zu verbieten. Und folgte damit einem neuen Trend der Achtsamkeit für das Leben im urbanen Raum. Denn sowohl in Hamburg (‚Hamburg Werbefrei‘) wie in Berlin (‚Volksentscheid Berlin Werbefrei‘) gibt es bereits Initiativen, die das der Bevölkerung zum Entscheid vorlegen wollen.

Sie haben gute Argumente dafür. Neben einer substanziellen Energieeinsparung nimmt ein Verbot die Überkommerzialisierung im öffentlichen Raum zurück, vermindert die insekten- und vögelgefährdende Lichtverschmutzung und verbessert die Verkehrssicherheit. Ist denn die eingesparte Energie relevant? Oh ja. Die Initiativen rechnen vor, dass eine einzige beidseitig betriebene digitale Werbeanlage im CityLightPoster-Format (etwa zwei Quadratmeter Werbefläche) bei einem durchgängigen Betrieb einen jährlichen Energieverbrauch von gut 15.000 kWh hat. Das entspräche etwa dem von 10 Einpersonenhaushalten oder 100 Kühlschränken.

Es scheint keine direkte Untersuchung zum Stromverbrauch von Leuchtwerbung in Deutschland insgesamt zu geben. Aber man kann überschlägig den Energiebedarf nach Sektoren und Trägern vom Umweltbundesamt zur Abschätzung eines Einsparpotentials zurate ziehen. Unterschieden werden hier Haushalte, Verkehr, Industrie und Gewerbe/Handel Dienstleistungen. Letztere hatten 2020 mit 37 Prozent den relativ höchsten Anteil von Strom an allen Energieträgern. Absolut machte das 135 Terawattstunden. Isar 2 darf bis Ende 2022 noch ganze vier Terawattstunden Reststrommenge erzeugen. Oder anders ausgedrückt, schon wenn es gelänge nur drei Prozent des Elektrizitätsverbrauchs von Gewerbe/Handel/Dienstleistungen einzusparen, wäre die zugestandene Restleistung von Isar 2 vollständig kompensiert. Und man kann darauf wetten, dass der Anteil der Lichtwerbung in diesem Sektor sehr viel höher ist.

Die EU hat sich gerade darauf geeinigt, dass der Gasverbrauch in den nächsten Monaten um 15 Prozent sinken soll. Warum nicht etwa ähnliches für den Stromverbrauch vereinbaren? Und das Abschalten von Leichtreklamen wäre der einfachste Weg, dies sehr schnell praktisch als ersten Schritt umzusetzen. Oder will man lieber tatsächlich die Lehren von Tschernobyl und Fukushima verdrängen, nur um abends und nachts in den Innenstädten zu noch mehr Konsum angereizt zu werden? Es ist doch kein Zufall, dass die Betreiber ihre überalterten und seit Jahren nicht mehr sicherheitsgeprüften Anlagen über das Jahresende hinaus nur weiterlaufen lassen wollen, wenn der Staat die sowieso schon bescheidene Haftung bei Unfällen übernimmt.

Ein weitrechendes Werbeverbot hätte dazu noch eine Verbesserung der Lebensqualität in den Städten zur Folge. Eine Kommune hat das bereits vorgemacht, die Stadt Grenoble in Frankreich. Ein Bürgerbündnis aus Grünen, Linken und Zivilgesellschaft begann 2015 Werbung im öffentlichen Raum zurückzufahren und stattdessen Bäume zu pflanzen und Bänke aufzustellen. In Frankreich gibt es mittlerweile zahlreiche Gruppen mit dem schönen Namen Résistance à l’Agression Publicitaire, die Ähnliches propagieren. Auch in der benachbarten Schweiz hat das Vorbild Gefallen gefunden. Eine rot-grüne Mehrheit in Genf hat 2021 beschlossen, die Stadt ab 2025 werbefrei umzugestalten. Es gibt sie also noch, die grüne Politik, die auch als solche erkennbar ist.


Prof. Dr. Gerd Grözinger (i.R.), Sozial- und Bildungsökonomik, Europa-Universität Flensburg.