„Kriegstüchtigkeit“ bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung

Der Herausgeber ist systemischer Berater, Jg. 1964. Unter den Autorinnen und Autoren, die zu seiner Sammlung von Kurzessays beigetragen haben, sind weit überwiegend Männer und er gehört gleichsam zur „jüngeren Generation“ der Beitragenden. Er selbst hat, beruflich bedingt, Kriege und den Klimawandel im Blick. Als systemischer Berater setzt er große Hoffnungen in einen „Perspektivwechsel“. Also hat er eine Leitfrage formuliert und an potentielle Autor:innen in seinem Bekanntenkreis gesandt. Die lautete:

Wie können wir darauf hinwirken, uns von den sicherheitspolitischen und klimapolitischen Verhängnissen unserer Zeit zu befreien, und wie wertvoll könnte dafür explizit kriegsuntüchtiges Denken und Handeln sein?

Inhalt solcherart Frage ist ein Ziel. Dasjenige, welches nach den Erfahrungen des II. Weltkrieges und der Einführung der nuklearen Waffen prototypisch in den „Heidelberger Thesen“ (These III) im Jahre 1959 formuliert wurde,

Nicht die Ausschaltung der Atomwaffen aus dem Krieg, sondern die Ausschaltung des Krieges selbst muß unser Ziel sein.

war explizit nicht das in der Theisenschen Frage implizierte Ziel.

1959 wurde diese weitreichende Konsequenz, die Zielsetzung „Abschaffung des Krieges als politische Option“, aufgrund der Existenz atomarer Waffen und der präzedenzlosen Dimension ihrer Zerstörungskraft formuliert. Hintergrund war eine generellere Einsicht gewesen:

die Steigerung der technischen Mittel, die uns von der Angst vor so vielen Naturkräften befreit hat, hat die Angst vor dem Mitmenschen mit gutem Grund erhöht. Gerade unser vom Verstand erhelltes Zeitalter leidet an dumpfer Angst vor seiner eigenen Unberechenbarkeit.

Helmut Rosa nimmt diesen Gedanken in seinem einführenden Geleitwort immerhin in nuce auf. Er verweist mit Bezug auf Bernhard Waldenfels und Olaf Müller darauf:

Pazifismus oder Kriegsuntüchtigkeit … bedeuten nicht …, keine Lust darauf zu haben, sich und andere zu verteidigen. … Kriegstüchtigkeit bezeichnet eine paranoid-aggressive Form der Weltbeziehung. Sie ist fundiert in der Wahrnehmung: Die Welt ist feindlich und gefährlich …

Es fehlt bei Rosa nur die Einschränkung, dass nicht (mehr) die Welt sondern lediglich ein Teil, die Menschen in der Welt, gefährlich ist – und dass dies neu ist, dass diese ihre Selbstwahrnehmung seit der Neuzeit entstanden ist, als Folge des Prozesses zunehmender technischer Beherrschung derjenigen Gefahren, die vom anderen Teil der Welt, der Natur, einstmals ausgegangen und nun verschwunden sind. Seit der Mensch Weltherrscher geworden ist, so die Meinung in den 1950er Jahren, ist ihm nur noch er selbst zum Fürchten geblieben. Mit der Entdeckung des menschgemachten Klimawandels hat sich das geändert.

Herausbringen konnte Theisen eine Sammlung von 40 Essays. Das ist viel und divers. Da kann man nur eine Art „Leseschneise“ durch das Buch anbieten. Hier die meine.

  1. Einen Bezug zu den Heidelberger Thesen mit ihrer radikalen Konsequenz, der Forderung nach Ausschaltung des Kriegs als staatlicher Institution, auf den sich (fast) alle Staaten vorbereiten, nimmt heute niemand mehr auf. Die Zeiten sind weit weniger radikal geworden. Lediglich die „Humanisierung“ des Krieges und das Verbot einer speziellen Kriegsform, des Angriffskriegs, sind im Fokus.
  2. Die Verklammerung von zwei „Verhängnissen“ in der Leitfrage, von klima- und sicherheitspolitischen Dilemmata, mit einem Widerspruch gegen die Forderung nach „Kriegstüchtigkeit“ zusammen zu bringen, diesem Anspruch des Herausgebers wird kaum zu entsprechen versucht.
  3. Dominant ist die isoliert sicherheitliche Thematisierung, ausgehend von der Pistoriusschen Provokation, eine neue „Kriegstüchtigkeit“ in und für Deutschland zu fordern. Immerhin gibt es einen Beitrag, der der naheliegenden Frage nachgeht, ob die Pistoriussche Begriffswahl neu sei oder vielmehr Vorgänger gehabt habe. Die Antwort lautet: Ja, Göbbels ist der beziehungsweise ein Ahnherr dieser Formel. Es ist frappierend, dass der einstmals generell verbreitete Reflex gegen die heutige Verwendung von politischen Begriffen, die in der Nazi-Zeit entweder erfunden worden oder en vogue waren und sich damit im „Wörterbuch des Unmenschen“ finden sollten, im Falle von „Kriegstüchtigkeit“ nicht greift. Unwissenheit kann schwerlich der Grund sein. Der Grund muss vielmehr sein: „Nein, diese Frage nach der Herkunft stell‘ ich nicht!“.
  4. Berührend an dem Buch ist die Fülle von Beispielen und Erfahrungen mit konkreter Friedensarbeit, meist weit entfernt vom epochalen zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Russland und dem Westen.
  5. Am provokantesten empfand ich in seiner argumentativen Transparenz und ‚Ungeschütztheit‘ den Beitrag von Ulrich Duchrow. Der steht unter dem Titel mit einer klaren Frage „Wer hat die Gewalt gesteigert, die angeblich Aufrüstung nötig macht?
    Die Antwort für den Fall des russischen Angriffs auf die Ukraine lautet grundlegend: „Der kapitalistische Markt hat … Voraussetzungen“, und zu denen gehöre „staatliches Militär zur Eroberung des Zugangs zu Rohstoffen und Märkten mit der Folge von Kriegen und Rüstungswahnsinn.“ Darauf wird Bezug genommen in den Passagen, in denen das US-seitige Motiv mit „Wer die Ukraine kontrolliert, kontrolliert den euro-asiatischen Markt.“ formuliert ist. Ziel müsse der gerechte Frieden sein. Den könnten die Schüler:innen erkämpfen, durch die Organisation von Schulstreiks gegen die neue Wehrpflicht. „Wenn sie sich mit den Friedenskräften in den Gewerkschaften verbünden würden … und schließlich unsere Kirchen noch … lernen würden, den … imperialen Kapitalismus mit einer Wirtschaft im Dienste des Lebens zu überwinden, dann würden die Grundlagen eines gerechten Friedens umsetzbar sein.
  6. Höchst verstörend und anrührend ist das Titelbild. Es zeigt von Gottfried Helnwein dessen Bild „Desaster of War 47“. Das ist ein Bild eines ‚wissenden‘ Kindes, in Portrait-Form, in Uniform, mit Schulterklappen. Das sagt eigentlich alles über den Krieg.

Gerne erinnere ich aus diesem Anlass an eine der letzten Stellungnahmen aus der Feder von Jürgen Habermas. Sie lautet:

In dieser Abschaffung der Wehrpflicht spiegelt sich ein weltgeschichtlicher Lernprozess, nämlich die auf den Schlachtfeldern und in den Kellern des Zweiten Weltkrieges gewachsene Einsicht, dass diese mörderische Form der Gewaltausübung menschenunwürdig ist.

Hans-Jochen Luhmann