Corona in Brasilien: Konzentration auf Wirtschaftsinteressen gefährdet indigene Völker und ihren Lebensraum

 

(Berlin, Juni 2020) Brot für die Welt und seine lokalen Partner befürchten verheerende Folgen der Corona-Pandemie für die indigenen Völker in den brasilianischen Amazonas-Gebieten. Die Indigenen leben in entlegenen Gebieten ohne ausreichende medizinische Infrastruktur, ihr Immunsystem ist zudem anfälliger für eingeschleppte Krankheiten. Die häufig weit entfernten Krankenhäuser in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, sind aufgrund der hohen Zahl an Intensiv-Patienten und weniger Intensivbetten vollkommen überlastet. „Die Corona-Pandemie könnte die indigenen Völker in ihrer Existenz bedrohen. Seit Präsident Bolsonaro zivilgesellschaftliches Engagement systematisch bekämpft, werden die in der Verfassung verbrieften Rechte der Indigenen kaum noch beachtet. Die Regierung übergeht ihre Anliegen ebenso systematisch wie den Klimaschutz, um den Amazonas maximal wirtschaftlich auszubeuten“, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt. „In Brasilien zeigt sich gerade, wie gefährlich eine rein auf wirtschaftliche Interessen ausgerichtete Politik für die schwächsten Teile der Bevölkerung und für globale Gemeininteressen wie den Klimaschutz ist.“

Nicht nur das Leben der Indigenen, auch ihr Lebensraum – der Amazonas – ist akut bedroht. So hat die Abholzung des Regenwaldes im Schatten der Pandemie den höchsten Stand seit elf Jahren erreicht. Indigene haben bislang als „Aufpasser“ agiert und illegale Abholzungen an die Behörden gemeldet. Da sie sich aus Angst vor einer Infektion weiter in den Wald zurückgezogen haben, können sie dieser Aufgabe nicht mehr nachgehen. Überdies hat auch die nationale Umweltschutzbehörde ihre Bemühungen zum Schutz des Regenwaldes spürbar zurückgefahren. „Seit dem Amtsantritt Präsident Bolsonaros hat sich vieles zum Schlechten entwickelt – etwa die Rechte der Indigenen, der Umweltschutz und die Freiheit der Zivilgesellschaft. Nun wittern Bolsonaro und seine Minister die Chance, Corona als Beschleuniger zu nutzen und unumkehrbare Fakten zu schaffen“, so Füllkrug-Weitzel. „Dadurch werden die Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung Brasiliens aktuell um Jahrzehnte zurückgeworfen.“

Brot für die Welt setzt sich seit vielen Jahren mit verschiedenen lokalen Partnerorganisationen für die Rechte indigener Völker und den Schutz des Amazonas-Regenwaldes ein. Cibele Kuss, Leiterin der Lutherischen Stiftung für Diakonie (Fundação Luterana de Diaconia – FLD), sagt: „Das Virus dringt immer weiter in bisher geschützte Gebiete des Amazonas vor. Dadurch steigt zum einen die Ansteckungsgefahr für Indigene, zum anderen drohen neue Konflikte um Land auszubrechen.“ Einen Grund für die Verharmlosung des Virus durch die Regierung sieht Kuss auch in der starken Rechten im Land: „Die Regierung ist mit der evangelikalen Rechten verbunden, misstraut deshalb der Wissenschaft und spielt die Gefährlichkeit und Todesrate im Zusammenhang mit Covid-19 herunter.“

Brasilien ist derzeit einer der Hotspots der Corona-Pandemie. Aktuell haben sich bereits mehr als 510.000 Menschen mit dem Virus infiziert, schon mehr als 29.000 sind an Covid-19 verstorben. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher liegt. Darüber hinaus sind die sozialen Konsequenzen der Pandemie gravierend. Die Armut in Brasilien steigt sprunghaft, sodass aktuell 25 Prozent der brasilianischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben (52 Millionen Menschen). Präsident Bolsonaro ist seit Beginn der Pandemie immer wieder damit aufgefallen, das Virus und seine Folgen zu verharmlosen. Er sprach sich wiederholt dafür aus, die brasilianische Wirtschaft nicht bremsen zu wollen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Der Blick über Brasilien hinaus

Cornelia Füllkrug-Weitzel erinnert daran, dass die Hotspots der Corona-Pandemie derzeit in Ländern Südamerikas liegen. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit darf den Unterstützungsbedarf für Länder und Menschen in Lateinamerika und Asien nicht vernachlässigen. Und vor allen Dingen braucht es unseren langen Atem und nachhaltige Hilfe, denn die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die die Pandemie auslöst, sind weder kurzfristig mit einer Einmal-Finanzspritze zu lösen, noch sind sie eben erst entstanden, sondern sie verstärken strukturelle Probleme, die auch strukturelle und längerfristige Antworten benötigen.

So begrüßenswert die zusätzlichen drei Milliarden Euro für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung sind, es werden noch größere und nicht nur finanzielle Anstrengungen nötig sein, um zu verhindern, dass die internationale Gemeinschaft im Kampf gegen extreme Armut und Hunger durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen um Jahrzehnte zurückgeworfen wird. Dazu müssen auch umfangreiche Entschuldungsinitiativen gehören, für die sich die Bundesregierung auf internationaler Ebene stark machen sollte.

Und alles, was jetzt zur Ankurbelung der Wirtschaft sowohl in den Industrienationen als auch in den Entwicklungsländern eingesetzt wird, sollte einen Nachhaltigkeitscheck durchlaufen, klimaverträglich sein und auf die Erreichung der 17 Ziele für eine globale nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Agenda 2030 einzahlen.

Diesen Kriterien werden nicht alle Punkte des Konjunkturpakets der Bundesregierung gerecht. Aber es ist stärker auf Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit ausgerichtet als Konjunkturprogramme vergangener Zeiten – und dass es nach langen Verhandlungen auch den globalen Süden berücksichtigt, ist beachtlich.“