Dramatische Säkularisierung in den USA und bisherigen religiösen Hochburgen Europas

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack wertet in einer aktuellen Studie Datenmaterial für mehrere Kontinente aus und filtert dabei politische, nationale und soziale Einflussfaktoren auf Religion heraus. Er beobachtet etwa in den USA, Italien und Polen eine rasante Entkirchlichung und in vielen Regionen der Welt einen dramatischen Bedeutungsverlust von Religion. Angesichts der Allianz von evangelikalen Christen mit den Republikanern geben immer mehr Amerikaner, die bereits religiös distanziert sind, ihre religiöse Bindung nun ganz auf; in Westeuropa glauben mehr Menschen an eine undefinierte “höhere Macht” als an einen persönlichen Gott, eine beachtliche Minderheit von 20 bis 30 Prozent fühlt sich zudem etwa von Glücksbringern, Horoskopen oder Zukunftsdeutungen angezogen.


Essay von Jürgen Regul

Krieg und Kirche – Krieg in theologischer Beleuchtung

Die Kirche kann nicht anders, als ein unbedingtes Nein zum Krieg in jedweder Form zu sagen. Auch der Ausnahmefall des äußersten Notstandes eines Staates kann kein Grund für die Kirche sein, Krieg und die Anwendung militärischer Gewalt gut zu heißen. Die Kirche ist zugleich von ihrem Auftrag und ihrem Wesen her gehalten, zum Frieden zu rufen und alles zu unterstützen, was dem Frieden dient: dem Erhalt des Friedens sowohl als der (Wieder-)Herstellung von Frieden, da, wo gerade kein Friede ist.


Allianz von Kirche und Staat in Russland fördert die Akzeptanz von Putins Krieg

Die Russische orthodoxe Kirche kommt seit Jahren in den Genuss steuerlicher Privilegien und staatlicher Gelder und wird staatlicherseits gegenüber anderen Religionsgemeinschaften bevorzugt, immer wieder ist der Präsident neben dem Patriarchen zu sehen, der Putins Krieg gegen die Ukraine stützt, indem er “böse Mächte” dafür verantwortlich macht. Diese unübersehbare Allianz zwischen Kirche und Politik bestärkt eine religiöse Renaissance in Russland; laut dem Religionssoziologen Detlef Pollack treffen sich hier die Geisteshaltungen Putins und Kirills, denn nach orthodoxer Vorstellung sei Russland ein heiliges Land, das seit der Taufe der “Kiewer Rus” im Jahr 988 die Ukraine einschließe und durch “fremde Kulturen” nicht entweiht werden dürfe. Die Zahl derer, die sich in Russland mit der Orthodoxie identifizieren, stieg von 1990 bis 2020 von einem Drittel auf mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, die Zahl der Gläubigen gar von 44 auf 78 Prozent.

Rechte Christen instrumentalisieren Theologie für ihre Gesellschaftsordnung

Innerhalb der Neuen Rechten bewegen sich religiöse Gruppierungen, die ihre politische Meinung auch theologisch zu unterfüttern versuchen. Neurechte Christen inszenieren sich als Widerstand gegen eine moderne, plurale und individualistische Gesellschaft. Ihre Kritik an modernen Gesellschaften begründen sie etwa mit der Vorstellung von einer festen Schöpfungsordnung, dazu gehören neben dem klassischen Ehe- und Familienverständnis die ständische Gliederung der Gesellschaft und die Einteilung der Menschen in unterschiedliche Völker, fest verteilt über den Erdball; dies alles sei von Gott gefügt und damit unveränderlich.


Essay von Helmut Falkenstörfer

Aufgeklärte Remythologisierung: Versuch einer Minimaltheologie

Die Vernunft schützt die Religion vor Obskurantismus und die Religion die Vernunft davor, zum Instrument beliebiger Zwecke zu werden. Das Ästhetische leuchtet in Bildern und Geschichten. Es lebt in dem, was wir Mythos nennen und über das wir seit 80 Jahren in Rudolf Bultmanns Programm der Entmythologisierung hinauswollen. Man kann auch zum Mythos zurückkehren, ihn mit aufgeklärtem Blick neu gewinnen. Ihn so nehmen wie wir es bei den griechischen Mythen seit langem tun, sozusagen eine aufgeklärte Remythologisierung betreiben.


Protestantische Parlamentarier nicht mehrheitlich linksorientiert

Für den Protestantismus ist es ein langer Weg zur Akzeptanz von Demokratie und Pluralismus gewesen. Das Klischee, Demokratieskepsis heute eher mit der katholischen Kirche als der evangelischen zu assoziieren, ist über Bord zu werfen. Aktuell sind Mandatsträger mit theologischem Hintergrund in einigen Länderparlamenten auch in der AfD vertreten.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Corona-Pandemie: Religion spielt eine ambivalente Rolle

Wer seine eigene Religion als einzig akzeptable erachtet, vertraut Mitmenschen und öffentlichen Institutionen in der Corona-Zeit weniger als andere, zeigt weniger Solidarität, hält sich weniger an Gesetze und engagiert sich weniger politisch. Die Überzeugung, die eigene Religion sei dann noch im Recht, wenn sie im Widerspruch zur Wissenschaft steht, ist hinderlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Menschen ohne exklusivistisch-abgrenzendes Glaubensverständnis hingegen, die häufiger an Gottesdiensten teilnehmen, vertrauen ihren Mitmenschen stärker als andere, verhalten sich im Alltag solidarischer und engagieren sich stärker sozial.

Jan Assmann: Nationalismen und Religion verschmelzen in autoritären Regimen

Der Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann stellt fest, es sei ein Irrglaube, dass die Moderne die Religion hinter sich gelassen habe. Mit der Säkularisierung verschwinde das Heilige nicht aus der Welt. Der Nationalismus sei keine Ersatzreligion, die sich an die Stelle der Religion setze, vielmehr suche er sich mit der Religion zu verbünden, ja zu verschmelzen, wie ein Blick auf Putins Russland, Erdogans Türkei, Modis Indien, Netanyahus Israel, Dudas Polen, Orbans Ungarn, sogar Trumps USA zeige.

Aufruf von Kairos Europa zu breiter zivilgesellschaftlicher Zusammenarbeit

Auch die Kirchen müssen endlich mit einer fundamentalen Kapitalismuskritik und einer breiten zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit gegen die wachstums- und profitorientierte Konsumgesellschaft und weitgehend wirtschaftsabhängige Politik ein wirksames Zeichen setzen. Ein Versuch, “Die Zeichen der Zeit nicht [zu] verkennen” und nachhaltig aktiv zu werden, stellt aktuell und konkret ein Offener Brief an die weltweite Ökumene von Kairos Europa dar. Auch Organisationen können sich solidarisieren.

Ökumenischer Kirchentag distanziert sich von rassistischen, antisemitischen, fremdenfeindlichen und antidemokratischen Kräften

Personen, die für rassistische oder antisemitische Überzeugungen eintreten oder für Positionen werben, die von einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder von einer ideologischen Distanz zur freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung geprägt sind, werden nicht als aktiv Mitwirkende auf den Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 eingeladen. Darunter fallen unter anderem auch Mitglieder der Partei Alternative für Deutschland (AfD). Das hat das Gemeinsame Präsidium des 3. Ökumenischen Kirchentages im Juni 2020 beschlossen.

Corona-Virus: Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ) setzt das Freitagsgebet in seinen Moscheen aus

Aufgrund der jüngsten Entwicklungen und der schnellen Verbreitung des Corona-Virus hat sich der Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ) entschlossen, als Vorsichtsmaßnahme das Freitagsgebet in seinen Moscheen und den Unterricht an Wochenenden auszusetzen. Der Schutz des Lebens, des Körpers und der Gesundheit gehöre zu den Grundpfeilern des Islams, so Erol Pürlü, Dialogbeauftragter und Referent für Öffentlichkeitsarbeit des VIKZ. Die Moscheegemeinden sind angehalten, im engen Kontakt mit den Behörden zu stehen und deren Veröffentlichungen und Anordnungen zu beachten.

“Auf dem Weg zu einer pluralistischen Religionspädagogik”

Es gehört zum Bildungsauftrag von Schulen, junge Menschen zu einem respektvollen und konstruktiven Umgang mit weltanschaulicher Pluralität zu befähigen, und jede Religionsgemeinschaft will und soll ihren Glauben an die nächste Generation weitergeben. Heute kann und darf dabei nicht mehr die Auffassung vermittelt werden, nur die eigene Religion besitze die Wahrheit und sei anderen überlegen. Ein Religionsunterricht, der der gewachsenen Religionsvielfalt Rechnung trägt, muss zum interreligiösen Lernen und zum Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften beitragen.

Islamische und christliche Theologen sehen Potenziale gegen Antisemitismus in Christentum und Islam

Bei einem Podium über „Potenziale gegen Antisemitismus im Islam und Christentum“ in Münster waren sich islamische und christliche Theologen einig über Potenziale gegen Antisemitismus in ihren Religionen. Die Kirchen wurden dabei zur Reflexion ihrer eigenen Antisemitismus-Geschichte aufgefordert, der islamische Theologe Mouhanad Khorchide plädierte für mehr Bildungsarbeit für junge Muslime. Viele Flüchtlinge aus arabischen Ländern seien mit antisemitischen Narrativen aufgewachsen und brächten diese Vorstellungen mit nach Europa.

Als sich das Recht von Religion und Politik emanzipierte

Der Münsteraner Rechtshistoriker Nils Jansen legt die erste historische Gesamtschau zur Selbstbehauptung des Rechts gegenüber Religion, Politik und Wissenschaft vor. Er widmet sich besonders dem Naturrechtsdiskurs mit der Frage nach Inklusion des Rechts in das Lehrgebäude der Theologie: “Wäre das Naturrecht auf diese religiöse Logik umgestellt worden, hätte dies die Autonomie des Rechts wieder in Frage gestellt. Schließlich aber gingen Recht und Religion endgültig getrennte Wege.”

“Dem Islam einen fairen Platz in der Gesellschaft anbieten!”

Die bis heute geltenden Regelungen der Weimarer Verfassung von 1919 über das Verhältnis von Staat und Religion versetzen uns auch zukünftig in die Lage, flexibel mit der veränderten Situation umzugehen”, so der Münsteraner Rechtswissenschaftler Hinnerk Wißmann. Es handele sich um ein dezidiert modernes Modell: Danach habe der Staat zu allen Religions- und allen Weltanschauungsgemeinschaften denselben Abstand zu wahren, gleichzeitig erkenne er die Bedeutung von Religion an und fördere sie. Die Rechtspraxis sei gefordert, dem Islam, an den 1919 noch niemand gedacht habe, einen fairen Platz in der Gesellschaft anzubieten; nicht-religiöse Menschen sollten nicht “religiös überwältigt” werden.

Deutscher Evangelischer Kirchentag bekräftigt: AfD-Repräsentanten werden 2019 nicht eingeladen

Repräsentant*innen der Alternative für Deutschland (AfD) sind auf Podien und Diskussionsveranstaltungen des Kirchentages in Dortmund vom 19. bis 23. Juni 2019 nicht eingeladen. Gleichzeitig will der Kirchentag den Dialog mit all denjenigen führen, die sich gegenwärtig in den gesellschaftlichen und politischen Debatten nicht wiederfinden und lädt diese ausdrücklich nach Dortmund ein. Mit Blick auf die Gründungsidee des Kirchentages ist in der Frage der AfD Deutlichkeit geboten: Es gibt mittlerweile in der AfD einen fließenden Übergang zum Rechtsextremismus und Verbindungen zu verfassungsfeindlichen Netzwerken.

Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland: Gemeinsamer Einsatz für die Vielfalt der Schöpfung dringend nötig!

Klare Worte, klare Positionierung und klare Haltung (auch im Alltag) seitens unserer Kirchen in Deutschland und in Europa und zwar als Einheit sind mehr denn je gefragt, rief die orthodoxe Theologin Rossitza Dikova-Osthus beim Tag der Schöpfung 2018 der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland in Erinnerung. “Setzen Sie sich in dieser historischen Situation für Flüchtlingsschutz und Humanität ein: Weisen Sie alle politische Vorschläge zurück, denen nicht Liebe und Mitmenschlichkeit zugrunde liegen.”